Putin und die Orcas: Russlands Krieg als Naturgesetz

Russlands Präsident Wladimir Putin hat den Krieg gegen die Ukraine mit einer arktischen Nahrungskette erklärt. Dabei geriet seine Metapher allerdings auf bemerkenswert dünnes Eis.

Bei einem Treffen mit Lehrern, Lehramtsstudenten und Schülern pädagogischer Klassen berichtete ein Teilnehmer von einer Expedition zum Nordpol und der Begegnung mit zwei Eisbären. Putin ergänzte daraufhin eine kleine Lehrstunde über die vermeintlich rauen Sitten der arktischen Tierwelt.

In der Nähe lebten Orcas, sagte der Präsident. Sie äßen Eisbären „wie kleine Fische“, griffen im Rudel an und rissen sie in Stücke. Kindern müsse auch davon erzählt werden, „damit sie verstehen, in welcher Welt wir leben und warum wir die militärische Spezialoperation durchführen“.

Damit lieferte Putin eine der eigentümlichsten Rechtfertigungen des russischen Angriffs auf die Ukraine. Der Krieg erscheint nicht mehr als politische Entscheidung, sondern als Bestandteil einer natürlichen Ordnung: Die Welt ist gefährlich, die Starken fressen die Schwächeren – und Staaten müssen sich entsprechend verhalten.

Wer ist der Eisbär?

Ganz eindeutig erklärte Putin die Rollenverteilung seiner Tierfabel nicht. Aus der seit Jahren vorgetragenen Begründung des Kremls lässt sie sich jedoch erschließen: Russland soll der von einem Rudel bedrohte Eisbär sein, während die USA und ihre NATO-Verbündeten die gemeinsam jagenden Orcas darstellen. Der Krieg gegen die Ukraine erscheint dann als vorbeugende Verteidigung gegen eine vermeintlich unmittelbar bevorstehende Einkreisung.

Doch die Metapher kippt, sobald sie auf den realen Kriegsbeginn angewandt wird. Am 24. Februar 2022 überschritten russische Truppen von mehreren Seiten die ukrainische Grenze. Nicht Russland wurde überfallen, sondern Russland griff seinen Nachbarn mit einem militärischen Großverband an.

So kann ein kritischer Zuhörer im Orca-Rudel ebenso gut die russischen Streitkräfte erkennen und im angegriffenen Eisbären die Ukraine. Putins Bild enthält keine klare politische Argumentation, sondern nur die Botschaft, dass Überleben Gewalt erfordere. Wer Angreifer und wer Angegriffener ist, lässt sich daraus beliebig ableiten.

Vielleicht macht gerade diese Unschärfe die Metapher brauchbar. Sie ersetzt überprüfbare Ursachen durch ein Gefühl existenzieller Bedrohung. Wenn die Welt ohnehin eine Nahrungskette ist, muss nicht mehr gefragt werden, welche Entscheidungen zum Krieg führten, welche Alternativen bestanden und wer die Grenze überschritt.

Auch zoologisch auf Treibeis

Als naturkundliche Lektion ist Putins Erzählung ebenfalls zweifelhaft. Orcas sind hochentwickelte Rudeljäger und können selbst große Meeressäuger oder Haie erbeuten. Eine regelhafte Nahrungskette, in der Orcas Eisbären jagen, zerreißen und fressen, ist jedoch wissenschaftlich nicht belegt.

Die etablierten Darstellungen der arktischen Nahrungsbeziehungen nennen vor allem Robben als bevorzugte Beute der Eisbären. Orcas jagen unter anderem Fische, Robben, Belugas und andere Wale. Belastbare Beobachtungen einer regelmäßigen Jagd auf lebende Eisbären fehlen. Dass ein Orca theoretisch einen schwimmenden Bären angreifen könnte, macht den Eisbären noch nicht zu seiner üblichen Beute.

Putins Beispiel verwechselt damit eine dramatisch vorstellbare Begegnung zweier Spitzenprädatoren mit einer bekannten Nahrungskette. Als Unterrichtsstoff wäre es gerade deshalb interessant – allerdings eher als Übung darin, die Aussagen politischer Autoritäten zu überprüfen.

Kriegspädagogik statt Friedenserziehung

Bedeutsamer als der zoologische Fehler ist der Ort, an dem Putin die Geschichte erzählte. Der Präsident sprach nicht vor Militärs, sondern mit Menschen, die Kinder unterrichten oder künftig unterrichten sollen. Seine Tierfabel enthält damit auch einen pädagogischen Auftrag.

Kindern soll offenbar ein Weltbild vermittelt werden, in dem internationale Politik vor allem aus Rudeln, Beute und Überlebenskampf besteht. Krieg erscheint darin nicht als vermeidbare Katastrophe, sondern als folgerichtige Antwort auf die Beschaffenheit der Welt.

Das entspricht einer breiteren Entwicklung im russischen Bildungswesen. Seit Beginn des Krieges wurden patriotische Unterrichtseinheiten ausgebaut, neue Geschichtsbücher eingeführt und militärische Themen stärker in den Schulalltag aufgenommen. Die staatliche Deutung des Ukrainekrieges soll nicht nur gelernt, sondern als Teil einer grundlegenden Welterklärung verinnerlicht werden.

Putins Orcas dienen dabei als politische Naturalisierung: Weil Raubtiere Beute machen, seien auch Staaten gezwungen, Gewalt anzuwenden. Aus einer menschlichen Entscheidung wird scheinbar ein Naturgesetz.

Lawrows sprachliches Revier

Fast gleichzeitig lieferte Außenminister Sergej Lawrow die geografische Ergänzung zu diesem Weltbild. Der Ausdruck „postsowjetischer Raum“ sei überholt, erklärte er in einem Interview. Stattdessen solle vom „nahen Ausland“ gesprochen werden – einem Begriff, der seit 2023 auch in der russischen außenpolitischen Konzeption verankert ist.

Lawrow bezeichnete diese Formulierung als neutral: Sie sei weder sowjetisch noch imperial noch demokratisch. Tatsächlich ist „nahes Ausland“ alles andere als geografisch unbefangen. Der Begriff ordnet souveräne Nachbarstaaten aus Moskauer Perspektive einer besonderen russischen Umgebung zu. Deutschland, Finnland oder China sind ebenfalls Ausland in Russlands Nähe, werden aber gewöhnlich nicht zu diesem politischen Raum gerechnet.

Der Ausdruck bezeichnet deshalb weniger eine Entfernung als ein beanspruchtes Verhältnis. Die ehemaligen Sowjetrepubliken erscheinen als natürliches russisches Vorfeld – politisch selbstständig, aber nicht einfach Ausland wie jedes andere.

Lawrows Sprachregelung und Putins Tiervergleich folgen damit derselben Bewegung. Historisch entstandene Machtansprüche werden zu vermeintlich natürlichen Tatsachen: Hier die Nahrungskette, dort das „nahe“ Ausland. Was politisch geschaffen wurde, erscheint plötzlich als unveränderliche Umwelt.

Der Orca im Spiegel

Putin wollte vermutlich erklären, weshalb Russland sich gegen ein überlegenes Rudel verteidigen müsse. Hervorgebracht hat er jedoch ein Bild, das sich nicht kontrollieren lässt. Ein Staat, der seinen kleineren Nachbarn überfällt und dessen Existenzrecht wiederholt infrage stellt, kann schwer überzeugend die Rolle des bedrohten Eisbären beanspruchen.

So bleibt von der arktischen Lehrstunde vor allem ein unfreiwilliges Selbstporträt. Putin beschreibt eine Welt, in der Rudel über Einzelne herfallen, Stärke Recht schafft und Gewalt keiner weiteren Begründung bedarf. Wer in diesem Bild der Orca ist, entscheidet nicht der Erzähler allein.

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