Politisch aktueller denn je – Mussorgskijs „Boris Godunow“

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Nürnberg – Am vergangenen Samstag feierte die Oper „Boris Godunow“ in der Inszenierung von Peter Konwitschny am Nürnberger Staatstheater Premiere. In einem sind sich die Kritiker einig: Diese Interpretation von Puschkins Institutionenkritik beleuchtet glorreich den schmalen, und tückisch glatten, Grat der Politik und die Gesellschaft, die sie macht.

Wäre es lediglich einer von vielen weiteren Aufgüssen des Puschkin-Klassikers in der Vertonung Modest Mussorgskijs – Schwamm drüber, es wäre kaum einer weiteren Erwähnung wert. Diesmal jedoch lehnt sich die Aufführung, übrigens hart an Puschkins Original angelehnt, derart weit aus dem Fenster, dass sich das Publikum zwangsläufig in seiner eigenen gesellschaftlichen Rolle wiederfindet. In der Rolle seiner hoffnungsvollen Apokalypse, in der, wenn es denn schon sein muss, die Welt doch bitteschön als gigantischer, glitzernder Mummenschanz untergehen möge.

Die Politik als Kasperltheater, intoniert von einem 80-köpfigen Chor um den bulgarischen Bass Nicolai Karnolsky und Marcus Bosch am Pult. Unterstützt von 15 weiteren Solisten gestalten sich die Drei ihre herbe Wohlstandskritik kraftvoll und leidenschaftlich, so dass das Dargebotene näher an Kurt Weils geniale Kapitalismus-Schelte vom „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ rückt, als es sich Mussorgskij jemals zu denken gewagt hätte. Man kann es getrost vorweg nehmen: Das Publikum war begeistert!

Je schneller alles den Bach runtergeht, desto besser“…

So lautet die apokalyptische Prophezeiung des 71-jährigen Peter Konwitschny, denn, „eine Gesellschaft, in der Rotwein aus Tetrapaks getrunken wird, hat ihre besten Tage ja beim besten Willen hinter sich.“ Allerdings, so der Lichtstrahl am Horizont des Regisseurs, sei die Erde noch nicht komplett verseucht und habe vielleicht die Chance, nach dem Untergang der jetzigen Menschheit eine neue, bessere Zivilisation hervorzubringen. „Die Grundlagen müssen erneuert werden. Natürlich wird das nicht passieren, und deshalb geht die Zivilisation zu Ende, wie es eben auch im Alten Ägypten nicht möglich war, etwas zu erneuern, damit die länger existiert hätten.“ sagte er kürzlich in einem Interview.

Anders als die meisten deutschen Regisseure baut Konwitschny sein Konstrukt um Boris Godunow, dem Usurpator der innenpolitisch vor den Problemen der wirtschaftlichen Zerrüttung seines Landes gegenüber stand, nicht auf immerwährende Russlandkritik und die Abrechnung mit dem Kremlregime und der Zarenherrlichkeit. Vielmehr sieht er keinen Unterschied zwischen Russland, Amerika und Asien, zwischen Kapitalismus und dem Sozialismus. Wie es bereits so schön sarkastisch im Originaltext Mussorgskij heißt: „Das Volk liebt die Lügner und Sieger“. Dies lässt sich problemlos auf Donald Trump, sowie auf jeden anderen populären Helden der modernen Mediengesellschaft übertragen.

Und so forciert Peter Konwitschny eine glamouröse Konsumwelt, in der alle reich und schön sind, volle Einkaufstüten schleppen und eine riesige Hüpfburg in Form eines Einkaufswagens anbeten. Als eitles und oberflächliches Gehabe zeigt er die Macht der Institutionen hinter der eine besinnungslose Spaßgesellschaft, ihrem Ende entgegen torkelt. Bei Konwitschny ist auch der Zar keine der gewohnten Bestien in Menschengestalt, die mit aller Strenge ihr Volk regieren. Ganz im Gegenteil, am Ende weigert sich der Herrscher einfach so, wie es das Original eigentlich vorsieht, zu sterben.

Stattdessen nimmt sich der Titelheld einfach auf dem Höhepunkt seiner bizarren Volksbespaßung, wie sie überall auf der Welt stattfinden könnte, eine Auszeit, schlüpft in sein Hawaiihemd und steigt frohgemut in den Orchestergraben. Der Untergang kann warten und das Publikum hat’s verstanden.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.