Plündern, Schänden, Metzeln – Memoiren eines Heiligen

Foto: TV-Screenshot
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[Von Michael Barth] – Blutrünstige, norwegisch sprechende Wikinger füllen derzeit die russischen Kinos. „Wiking“ hat sich seit seinem Start vor wenigen Wochen bereits zum größten Kassenschlager aller Zeiten gekürt. Jedoch, der Film ist mehr als nur ein actiongeladener Blockbuster. Es ist die Geschichte eines russischen Heiligen – es ist die Geschichte Russlands.

Vergewaltigung, Menschenopfer und endlos blutige Schlachten. Meist war das Leben eines Wikingers kein Zuckerschlecken. Allen voran in diesem Gemetzel der tapfere Anführer Waldemar, der später noch Geschichte schreiben sollte. Denn – und das ist jetzt das Rührselige bei dieser bombastischen Kinoangelegenheit, die stolze 19,3 Millionen US-Dollar Produktionskosten verschlungen hat – der Waldemar hat nicht nur alles kurz und klein geschlagen was sich außerhalb seines Drachenbootes bewegte, sondern gründete, quasi so nebenher, gleich einen neuen Staat und wurde später auch noch heilig gesprochen.

Es lohnt sich durchaus, einen Blick darauf zu werfen, wie sich dieser Wüterich Waldemar in Russland nun zum nationalen Thema auswächst. Ganz wie im Film, wo er sich in dieser Angelegenheit auf eine handvoll Pilze mit seinen Göttern trifft, läutert sich der Barbar schließlich zum braven Christen. Dass in Wirklichkeit der Einfluss Byzanz‘ maßgeblich dafür ausschlaggebend war, dass sich der Nachfahre Ruriks des Warägers, der die Dynastie der Rus gegründet hatte, im damaligen Chersonnes taufen ließ, tut im Film erst einmal nichts zur Sache.

Wenn der Heilige mal ordentlich hinlangt

Der tapfere und zugleich auch tief religiöse Wladimir I., wie der einstige Berserker Waldemar bei den Russen fürderhin genannt wurde, genießt heute einen mächtig großen Bonus als Vorzeigeheiliger. Man hat ihn, wohl auch um mit der Nestor-Chronik konform zu gehen, pro forma zum Staatsgründer der Kiewer Rus erklärt. Den Russen blieben in der Frage ihrer ursprünglichen Herkunft sowieso nur zwei Optionen zur Auswahl. Mit dem Gedanken, die Goldene Horde als Gründungsväter beerbt zu haben, konnten sich nur die Wenigsten anfreunden. Sind wir ehrlich, der Wind und Wetter trotzende Nordmann, der mit seinen Feinden nur mit der Streitaxt diskutiert, hat da schon das weitaus bessere Standing.

Eurasien war vom Tisch, das christianisierte Nordwest-Russland hingegen die Wurzel des russischen Reiches. Für den anderen Wladimir, der heute Präsident des Landes ist, sei die Einführung des orthodoxen Glaubens in der alten Rus ohnehin das wichtigste Ereignis in der Geschichte Russlands. Dies verkündete Wladimir Putin bei der feierlichen Enthüllung eines Denkmals zu Ehren des ersten Wladimirs im vergangenen November, unmittelbar vor dem Kreml. Macht zu Macht – Wladimir zu Wladimir. Dann sagte er noch etwas von einem moralischen Fundament und hatte auf einmal sämtliche Kritiker des Films auf der Matte stehen.

„Wiking“, vom russischen Staatssender Kanal 1 bis zum abwinken beworben, als Fenster zur Moral zu sehen, fällt irgendwie schwer. Generationen von Kinogängern, der Film ist ab 12 Jahren freigegeben, ist das aber auch herzlich wurscht. Die Action spricht ihre eigene Sprache und schon rutscht die Frömmigkeit ein gutes Stück nach hinten. Ein sich prügelnder Heiliger – sei’s drum, schließlich sind wir Russen. Wie allerdings russische 12-Jährige einen Kontext aus Mord, Sex und Vergewaltigung und der orthodoxen Kirche sowie der Geschichte des Landes konstruieren sollen, bleibt dahingestellt.

Soviel Wahrheitsgehalt wie beim Hobbit

In seinem Blog wettert der russische Autor Jewgeni Grisjkowets, dass dies keine Werbung für sein Land sei. Es ist Propaganda schreibt er in seinem Blog. Der Film sei nicht einfach nur schlecht, er sei eine Schande und habe so wenig historisches Recht wie „Hobbit“ oder „Star Wars“. Laut dem Internetportal „afish“ hat der Kinogänger eine einfache Wahl: Entweder ist er mit sofortigem Ekel erfüllt und geht nach Hause oder findet seine sadomasochistische Lust in den blutigen Winkeln des Possenspiels. Und natürlich, was zu erwarten war, will sich auch die russisch-orthodoxe Kirche nicht wirklich mit einem Fürst Wladimir, der so brutal, schmutzig, geil und mörderisch dargestellt wird, anfreunden.

Warnungen kommen auch von Kinderpsychologen, die den Film am liebsten verbieten lassen würden. „Wiking“ könne bei den Kleinen zum tiefen Trauma führen „wenn unsere Vorfahren wie wilde, tierische Menschen porträtiert werden, die nicht wissen, was Schönheit oder Ruhm sind“, wie die Kinderpsychologin Jana Golosjapova meint. Russische Nationalisten finden gar, dass der Film eine Beleidigung für die russische Hochkultur sei und selbstverständlich haben Historiker schon längst unzählige Fehler und historische Verfälschungen gefunden.

Wie dem auch sei, den Kulturkritikern gefällt das Epos um die umtriebigen Skandinavier. Für sie traf der Film den Kern aller nationalen Bestrebungen. „Wir kommen nicht aus der Wüste, Taiga, Steppe oder gar mongolischen Jurten“ – Denis Dragonskij spreizt sich in der „Gazeta.ru“ gegen alle Vorwürfe der Geschichtsverfälschung – „Wir sind keine Skythen oder Asiaten. Und wir waren auch noch nie dort gewesen“, schreibt der bekannte Autor, Politologe und Kommentator. „Der ganzen Welt“, so findet Dragonskij, „können wir erklären, dass wir ein europäisches Land sind.“ Am ehesten meinte er wohl den Russen selbst. Er selber glaubt, dass die Popularität des Films teilweise daher rühre, dass die meisten Russen in der Tat gerne eine Verbindung nach Skandinavien hätten.

Für Putin ein Kunstwerk

Ausserdem wird „Wiking“ in Kreisen des Genres wegen der beträchtlichen Ressourcen und der sieben Jahre langen Arbeit, die die Produktion des Films vereinnahmt hat, gewürdigt. Regisseur Andrei Kravtjsuk lobt man indes für die technische Umsetzung und die Details seiner Wikinger. Insbesondere bei der Kleidung, den Waffen, beim Schmuck, den Wikingern ansich und deren Langhäuser. Teuer genug war der ganze Aufwand ja. Gedreht hat man „Wiking“, bis auf die Winterszenen, auf der südrussischen Halbinsel Krim und dazu gleich das ganze Dorf errichtet. Sogar die ausgestorbene Sprache der nomadischen Steppenvölker, das Petschengische, hat man bei der Gelegenheit wieder „neu erfunden“.

Auch im Kreml ist man voll des Lobes, auch wenn man sich als Außenstehender fragt, wie diese Orgie an Gewalt von den Hütern der Moral ab dem 12. Lebensjahr freigegeben werden konnte. Die historische Rekonstruktion sei ein Meisterwerk, heißt es aus den höchsten Kreisen. Auch Wladimir der Neuzeitliche möchte diesen Film unbedingt noch einmal sehen. Für Putin sei „Wiking“ eben ein Kunstwerk und keine verfilmte Dokumentation.

Bleibt zum Schluss noch die Frage zur Refinanzierung der 19,3 Millionen Dollar teuren Produktion. Nach den ersten zehn Tagen im Kino konnten bereits 1,2 Milliarden Rubel, das entspräche, wenn man den offiziellen Zahlen Glauben schenken darf, rund 20 Millionen Dollar, eingespielt werden. Alleine in russischen Lichtspielhäusern wohlgemerkt. Wenn erst einmal der DVD-Verkauf angelaufen ist, werden sich diese Erfolgszahlen sicherlich noch um ein vielfaches weiter erhöhen. Zudem dient die Kulisse, die extra für „Wiking“ neben der Ortschaft Perewalnje unweit von Simferopol errichtet wurde, seit Abschluss der Dreharbeiten als Themenpark. Ein Besuch desselben ist seitens der Redaktion in Kürze vorgesehen, wir werden zu berichten wissen.

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.