Plötzlich ist mir der Sport nicht mehr egal

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[Von Eugen von Arb] – Um ehrlich zu sein, Sport ist mir so was von egal. Und ich gebe zu, dass ich es von Herzen geniesse, diesen Gedanken, einmal so direkt und öffentlich äussern zu können. Man möge es mir nachsehen! Es hängt grösstenteils damit zusammen, dass ich Sport in meiner Kindheit als eine besonders raffinierte Art von Folter erfahren habe.

Dazu kommt, dass ich als langsamer Mensch den Kontrast zu den Superschnellen der Welt, die sich dazu noch ständig beschleunigen als besonders schmerzhaft empfinde. Ich nehme den Sport als kommerzialisierte Massenpsychose, kombiniert mit einer krankhaften Geltungssucht wahr – und Doping als deren logischer Auswuchs. Das habe ich auch in Diskussionen um den Ausschluss russischer SportlerInnen von den olympischen Spielen in Rio zum Ausdruck gebracht, die mich aber meist langweilten.

Sport ist nicht – wie uns das stets eingeredet wird – frei von Nationalismus und Politik. Im Gegenteil scheinen diese Faktoren immer wichtiger zu werden. So wie die Winterolympiade in Sotschi Russland zu Ruhm und Stolz verhalfen, sind die Sommerspiele in Rio mit Gefühlen der Demütigung verbunden. Aber eigentlich ist das alles nicht mehr als ein Streit im weltpolitischen Kindergarten, wo man sich gegenseitig die Sandburgen kaputt haut. Schwamm drüber.

Ein ganz anderer Fall ist für mich die Paraolympiade, deren Sportlerinnen und Sportler mir allein deshalb näher stehen, weil ich mir selbst oft als „handicapiert“ vorkomme. Aber vor allem spürt man in diesem Bereich viel mehr echten Sportgeist und Solidarität und viel weniger Eitelkeit. Solche Ideale lassen sich Gott sei Dank schlecht verkaufen, dementsprechend klein ist das Interesse Sponsoren und Medien.

Wenn sich behinderte Menschen mit Sport beschäftigen, so tun sie es in erster Linie nicht, um damit Weltruhm zu erlangen. Sie wollen es sich selbst beweisen und geben vielen anderen Menschen den Willen als Aussenseiter das Beste aus ihrem Leben zu machen. Geld und Macht spielen hier keine Rolle.

Um so katastrophaler ist darum der Entscheid, die russische Delegation von der Paraolympiade in Rio auszuschliessen. Die traurigen Kommentare behinderter Kinder und Erwachsener aus Russland, die nicht mehr leben wollen, weil man ihre Vorbilder wegen des Dopings der anderen ausschliesst, machen mich betroffen. Plötzlich ist mir Sport nicht mehr egal. Die Schwächsten, die auch so auf der ständigen Schattenseite leben, haben im Gezänke der Starken völlig unverschuldet einen Hieb verpasst bekommen, den sie schwer verkraften.

Mit seinem Entscheid hat das olympische Komitee vollends bewiesen, dass sämtliche Ideale, die es sich irgendwann auf seine Ringe geschrieben hat – Gleichheit, Fairness und Unbestechlichkeit – zur Farce verkommen sind.

Eugen von Arbs Kommentar wurde zuerst im St. Petersburger Herold veröffentlicht.