Platzeck platzt der Kragen

Foto: TV-Screenshot
image_pdfimage_print

[Von Michael Barth] – Eigentlich sollte sich das Thema der Talkrunde von Maybrit Illner gestern Abend um den US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump drehen. Irgendwie driftete das telegene Zusammensein in Richtung Syrien und schon war Wladimir Putin auf ein Neues als Zankapfel festgemacht. Eine verbale Saalschlacht zur gewohnten Sendezeit.

Maybrit Illner, die bekannt dafür ist, ihren Talkgästen schon einmal die Antworten in den Mund zu legen, gelang es wieder einmal, die Bühne „ZDF“ in einen Pitbull zu verwandeln, in dem die Kampfhähne aufeinander losgelassen wurden. In der linken Ringecke SPD-Genosse Matthias Platzeck vom Deutsch-Russischen Forum, in der Rechten der Vorsitzende der „Bild“-Chefredaktionen, Julian Reichelt. Illner ließ die beiden gewähren und schon hatte sie das Format, nach dem der Zuschauer lechzt.

Eigentlich wünsche er sich nur, dass Trump und Putin einander näher kämen, so die fromme Hoffnung des ehemaligen Ministerpräsidenten Brandenburgs. Dann allerdings erwähnte Platzeck Putin und lobte ihn für die vermeintliche Stabilität, die dieser in den Wirren Syriens geschaffen habe. Wasser auf die Mühlen des „Chefanklägers“ Reichelt, Maybrit Illner lässt ihn gewähren und setzt innerlich bereits zum Triumphmarsch an. Ein Putin-Lob, das geht nun gar nicht. Donald Trump rückt ab ins zweite Glied. Die US-amerikanische Autorin Deborah Feldman ist ohnehin der Meinung, dass Trump nicht lange Präsident sei und rudert galant zurück.

Der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, mahnt noch an, es sei die gefährlichste Epoche seit dem Ende der Sowjetunion. Egal, auf ihn will eh keiner so richtig hören. Eine gute halbe Stunde hat es gedauert, Maybrit Illner spielt auf Platzecks DDR-Vergangenheit an, beschwört gefährliche Situationen herauf und hat das Gespräch dort, wo sie es haben wollte – Syrien und die Rolle des russischen Präsidenten. Schaum habe der SPD-Politiker vor dem Mund, wenn er Reichelt höre, wie er alles, bis auf Putin natürlich, herunterspiele. Der „Bildzeitungs“-Chef wirft ihm unverhohlen vor, von Moskau begünstigt zu sein. Nun schäumt Platzek wirklich.

Wie nahe stehen sich Trump und Putin?

Einen neuen, beunruhigenden Trend sehe Reichelt aus Russland kommen – alternative Fakten. Die gezielte Verunsicherung hätten sich die westlichen Medien aus Moskau abgeschaut, ist er der Meinung. Populismus wähle sich immer leicht, der nächste Seitenhieb auf Russland, wie eine links-rechts Kombination. Platzeck rollt nur noch mit den Augen. Die Illner weiß wie man den Kessel schürt, die Redaktion läutet mit einem Einspieler zur nächsten Runde: Das Verhältnis Trumps zu Wladimir Putin. Es folgen Auszüge aus dem „Killer-Interview“. Der gute Onkel Ischinger will den „Bruderkuss“ der beiden vorerst noch als Illusion sehen, da sei schon noch der US-Kongress vor.

Den „Bruderkuss“ werden sich Julian Reichelt und Mathias Platzeck an diesem Abend nicht mehr geben, soviel steht fest. Die Welt sei komplexer, als dies in Reichelts Zeitung steht. Wenn Platzeck anfängt, Russland in Schutz zu nehmen, kocht der „Chefredakteur der Chefredakteure“ über. „Das darf man einfach so nicht stehen lassen“, „Bild“ appelliert an die Moral. Reichelt spricht von einem Vernichtungskrieg Russlands. Gerade er (Mathias Platzeck) müsse doch als ehemaliger Bürger der DDR wissen, wir Russlands Stabilität aussehe. Reichelt spricht von Fassungslosigkeit. „Wenn dies, bezahlt oder unbezahlt, Ihre Meinung ist…“, weiter kommt er nicht.

„Das ist jetzt der Hammer“, entfährt es Platzeck. Ja wir finden auch, dass die Sendung mittlerweile auf einem „Hammer-Niveau“ angekommen ist. „Halten Sie sich mal ein bisschen zurück“, ja das wollen wir sehen, Danke Maybrit. Für Mathias Platzek ist es „Bildzeitungs“-Manier „der übelsten Weise“. Nein, da hat er recht, dass muss er sich nicht bieten lassen. Platzeck schwillt der Kamm. „Diese Art der Denunziation habe ich das letzte Mal in der DDR erlebt, das sage ich Ihnen jetzt mal ganz klar!“ – jetzt ist Pfeffer drin. Platzeck droht: „Wenn Sie noch einmal sagen, ich bekomme Geld…“ Ausreden lassen sich die Kontrahenten sowieso nicht mehr. Maybrit Illner ist es recht, sie gießt noch etwas Öl ins Feuer.

Wolfgang Ischinger indes will niemand mehr wirklich wahrnehmen, egal was er sagt. Das Scharmützel haben die beiden Kampfhähne fest für sich im Griff. Da wirkt es eher überflüssig, wenn Illner die USA plakativ als europäische Schutzmacht proklamiert. Dank Julian Reichelt wissen wir jetzt ja, wem wir zu vertrauen haben. The Show must go on.

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.