Peskow nennt Russlands „Spezialoperation“ einen „Krieg“ — schuld sei der Westen

Kremlsprecher Dmitri Peskow hat die russische Militäraktion gegen die Ukraine als „echten Krieg“ bezeichnet. In einem Interview mit dem russischen Staatsfernsehen sagte Peskow, was als „spezielle Militäroperation“ begonnen habe, sei inzwischen zu einem Krieg geworden. Die Verantwortung dafür wies er jedoch nicht Russland zu, sondern westlichen Staaten, die die Ukraine unterstützen.

„Es läuft ein Krieg, das ist ein echter Krieg“, sagte Peskow nach Angaben russischer Medien. Begonnen habe alles als „spezielle Militäroperation“, fortgesetzt werde es aber als Krieg, „weil hinter Kiew Berlin, Paris, Den Haag, Oslo und, leider, Washington stehen“. Damit wiederholte der Kremlsprecher die seit Jahren zentrale russische Darstellung, Russland kämpfe nicht nur gegen die Ukraine, sondern gegen den Westen.

Peskow behauptete zudem, westliche Staaten unterstützten die Ukraine nicht nur mit Waffen, sondern auch mit Satellitenaufklärung und Zielinformationen. Dadurch würden ukrainische Angriffe auf russische Ziele ermöglicht. Nach seiner Darstellung sei die Lage deshalb nicht mehr mit dem Beginn der russischen Invasion vergleichbar.

Bemerkenswert ist an der Aussage weniger, dass Peskow von „Krieg“ spricht. Westliche Medien, die Ukraine und viele internationale Organisationen bezeichnen den russischen Angriff seit dem 24. Februar 2022 als Krieg. Bemerkenswert ist vielmehr, dass ein offizieller Vertreter des Kremls den Begriff nun selbst in dieser Deutlichkeit verwendet, nachdem die russischen Behörden im Inland jahrelang auf der Formel „spezielle Militäroperation“ bestanden hatten.

Für russische Bürger und Medien war diese Sprachregelung nie nur eine rhetorische Frage. Seit März 2022 können „Falschinformationen“ über die russische Armee in Russland mit hohen Haftstrafen geahndet werden. Reuters berichtete damals über ein Gesetz, das für angeblich falsche Berichte über die Streitkräfte bis zu 15 Jahre Haft vorsieht. Auch Menschenrechtsorganisationen kritisieren, dass die russischen Kriegszensurgesetze Begriffe wie „Fakes“ und „Diskreditierung“ nutzen, um Kritik am Krieg und an den Streitkräften strafrechtlich zu verfolgen.

Genau deshalb wirkt Peskows Formulierung doppeldeutig. Der Kreml bleibt bei seiner politischen Rechtfertigung: Russland habe eine begrenzte „Spezialoperation“ begonnen, der Westen habe daraus durch seine Unterstützung für Kiew einen „echten Krieg“ gemacht. Zugleich aber verschiebt sich die offizielle Sprache weiter in Richtung jener Realität, die in Russland selbst lange nur unter Risiko ausgesprochen werden konnte.

Peskows Aussage ist auch propagandistisch nützlich. Sie erlaubt es dem Kreml, die anhaltenden Belastungen des Krieges — hohe Militärausgaben, Drohnenangriffe, Einschränkungen im zivilen Leben, wachsende Repression und eine immer stärker militarisierte Wirtschaft — mit einer angeblich existenziellen Auseinandersetzung gegen den Westen zu erklären. Wenn es ein „echter Krieg“ ist, lassen sich auch härtere Maßnahmen leichter begründen.

Neu ist diese Logik nicht. Schon seit Beginn der Invasion versucht Moskau, die Ukraine als bloßen Stellvertreter westlicher Staaten darzustellen. Neu ist aber die auffällige Normalisierung des Wortes „Krieg“ durch den Kreml selbst. Peskow hat den Begriff nicht benutzt, um Russlands Angriff auf die Ukraine einzugestehen, sondern um die Verantwortung für die Eskalation nach außen zu verlagern.

Damit bleibt die Botschaft des Kremls widersprüchlich: Für die eigene Bevölkerung soll der Krieg weiterhin als aufgezwungene Verteidigung erscheinen. Zugleich muss die Führung erklären, warum eine angeblich begrenzte „Spezialoperation“ nach mehr als vier Jahren nicht beendet ist und immer größere politische, wirtschaftliche und militärische Folgen hat.

Peskows Satz ist deshalb mehr als eine sprachliche Entgleisung. Er zeigt, wie weit sich die offizielle russische Darstellung inzwischen von der ursprünglichen Formel der „Spezialoperation“ entfernt hat — ohne die Verantwortung für den Krieg zu übernehmen.

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