Pekingexpress, Klischees und Betrug

Pekingexpress – so hieß eine 2005 produzierte Castingshow des RTL-Konzerns, natürlich basierend auf einem gleich gestrickten englischsprachigen Format. Durch Russland, die Mongolei und China mussten die Teilnehmer ohne (offensichtliche) Hilfe und Barschaft kommen, dem Sieger winkten 100.000 Euro. Der Südbayer Klaus Neu hat an ihr teilgenommen und schildert seine Erlebnisse in einem jetzt neu erschienenen Buch.

Ist es wirklich möglich, halb Russland per Anhalter zu durchreisen und danach noch immer dieselben fragwürdigen Klischees über das Land zu haben, wie davor? Es ist möglich und der Autor Klaus Neu macht es uns vor. So spricht er von dem Land als einem, wo die Menschen gezwungen sind, am Straßenrand um Essen zu betteln, obwohl ihm zwischen Moskau und Nowosibirsk kein einziger derartiger Bettler begegnet. Außer er hat die Leute, die den Überschuss ihrer Datscha-Produktion dort verkaufen, mit dergleichen verwechselt. Er spricht von „marodierenden Banden“, ohne solchen zu begegnen oder konkret zu hören, von russischer Planwirtschaft (2005!) und natürlich von „Putin und seinem korrupten Regime der Oligarchen“.

Es ist die Frage, wie fest Vorurteile sitzen müssen, dass sie auch von der gesehenen Realität nicht umgestoßen werden können. Vielleicht liegt es auch an der Tatsache, dass Neu sich bei „Pekingexpress“ zwar per Anhalter durch das Land bewegt, aber immer wieder in den Schoß der RTL-Produktion zurück kehrt, um dort Spielchen von Dschungelcamp-Niveau mitzumachen. Immerhin erfahren wir in diesen Teilen seines Buchs die Verlogenheit derartiger Formate, denn Neu dämmert mehr und mehr, dass die Gewinner der Siegesprämie, ein fotogenes junges Pärchen, schon vor dem Start feststanden und dementsprechend scheiden er und sein Partner auch in Nowosibirsk aus.

Bis dahin stolpern er und sein Begleiter Norbert etwas unbeholfen durch Russland. Ihre genaue Route ist mysteriös, denn von Moskau ostwärts kommen sie zuerst nach Jekaterinburg, durchqueren dann „das Land der Baschkiren und Tataren“, tangieren dann die kasachische Grenze, dann Richtung Omsk und plötzlich befinden sie sich wieder wesentlich weiter westlich zwischen Ufa und Tscheljabinsk. Entweder ist Neu hier acht Jahre nach den Ereignissen die zeitliche Reihenfolge etwas durcheinander geraten oder aber die Reiseroute war der Grund des Ausscheidens in Nowosibirsk als zu diesem Zeitpunkt letztplatzierte.

Es ist schade, dass dieser „Enthüllungsroman“ zu den Praktiken des Privatfernsehens so an den fest gefahrenen Vorurteilen seines Autors scheitert. Denn Russland-unerfahrene Leser können nicht unterscheiden, welche der geschilderten Eindrücke real und welche eine Produktion der vorgefertigten Meinung des Autors sind. So gibt es in Russland den geschilderten aberwitzig-leichtfertigen Umgang mit Maschinen, der Neu bei einem kostenlosen Hubschrauberflug nach einem kurzen Irrweg mit der russischen Armee schildert, es gibt die geschilderte riesige Gastfreundschaft ebenso wie vorkommende elendige Alkoholiker-Haushalte. Aber leider gibt es einige andere im Buch erwähnte Dinge real in Russland nicht oder schon seit dem Ende der „wilden 90er“ nicht mehr.

Manchmal drängt sich der Verdacht auf, dass der Autor Dinge auch gerne dramatisiert, um den eigenen Heldenmut, sich so nach Russland gewagt zu haben, zu unterstreichen. Man fühlt sich beim Lesen ein wenig wie am Lagerfeuer eines gealterten Helden, der seine früheren Abenteuer schildert, die einen realen Kern haben, aber dann doch zur Steigerung der Dramatik farbenfreudig ausgeschmückt werden. An der kasachischen Grenze wird den Helden ihre tatsächliche Unwissenheit denn auch fast zum Verhängnis, als sie offen Grenzanlagen finden und für eine Nacht in einem kasachischen Gefängnis landen, zum Glück „ohne gefoltert zu werden“.

Höhepunkte des Buchs sind denn auch nicht die Schilderungen Russlands, sondern eher die der RTL-Interna, wie den stummen Kameraleuten, die tagsüber unbeteiligt jeden Piep der Protagonisten aufzeichnen, nachts dann aber in bequeme Hotels verschwinden, um ja nicht zu viel Abenteuer bei ihrem Russland-Aufenthalt mitzunehmen.

Alles in allem ist „Pekingexpress“ ein Buch, das nur lesenswert ist für Leute, die sich für die Hintergründe von Castingshows interessieren. Für ernsthaft Interessierte an Abenteuerreisen durch Russland ist das Buch ungefähr so sehenswert wie das TV-Format, in dessem Rahmen es entstanden ist.

Daten zum Buch: Klaus K. Neu, Pekingexpress – Eine abenteuerliche Reise zu Fuß durch den wilden Osten, united PC Verlag 2013, ISBN 978-3854484656

Roland Bathon – russland.TV, Russland hören und sehenswert; Roland Bathon ist selbst Autor mehrerer Bücher zu individuellen Russlandreisen, Infos unter [Bücher Nach-Russland]