Ostukraine: Wem gehört die Unterstützung der Bevölkerung?

Eine beliebte Spekulation in deutschen Mainstream-Medien der letzten Tage ist, wem wohl in der unruhigen Ostukraine die Sympathien der Bevölkerung gehören – den Aufständischen oder der Regierung in Kiew? Meistens kommt ein „weiß niemand“ oder ein „bestimmt nicht den Aufständischen“ heraus, ganz nach eigenem Belieben. Dabei gibt es zahlreiche Gradmesser wo welche Sympathien in welcher Region liegen.

Man muss nur einen genaueren Blick auf die Straßen werfen: Während in den Region Lugansk und Donezk große Mengen an Antimaidanern und praktisch überhaupt keine Euromaidaner aktiv sind, gibt es in den Regionen Odessa und Charkow an jedem Wochenende gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Anti- und Euromaidanern, bei denen erstere meist in der Überzahl (z.B. Charkow letztes Wochenende Antimaidan und Euromaidan), aber eben nicht alleine sind.  Tatsächlich dürften die Sympathien der Bevölkerung in den ersten beiden Regionen mehrheitlich weit auf Seiten des Antimaidan und in den letzten beiden geteilt sein. Eine gewagte These?

Antimaidan-Demos unter Euromaidan-Bevölkerungsmehrheit?

Was würde passieren, wenn in einer mehrheitlich Euromaidan-treuen Region einige Tausend Antimaidaner auf die Straße gehen? Würden die örtlichen Euromaidaner nicht reagieren? Sie würden und sie tun es, wo sie Leute auf die Straße bekommen, wie in Odessa oder Charkow. Sie übernehmen auch, notfalls gewaltsam, selbst die Herrschaft über die Straße, wo sie das können, wie in Dnepropetrowsk, wo sie regional wirklich in der Mehrheit sein dürften und wiederum die Antimaidaner nur ab und zu schüchtern in kleinen Grüppchen auf der Straße herum stehen. Dennoch sind in Donezk oder Lugansk praktisch gar keine Euromaidaner unterwegs.

Ein beliebter Beleg westlicher Medien dafür, dass die Ostukrainer nicht so hinter dem Antimaidan stehen, wie vor einigen Monaten die Kiewer hinter dem Euromaidan, sind die unterschiedlichen absoluten Demonstrantenzahlen. Denn auf dem Maidan in Kiew waren wesentlich mehr Menschen unterwegs als jetzt in Donezk. Hier wird aber einfach unterschlagen, dass es sich beim Maidan in der längsten Zeit seines Verlaufs um eine gut organisierte alleinige Großdemonstration der gesamten Euromaidan-Bewegung des Landes handelte. Hier waren nicht nur Kiewer „Freizeit-Demonstranten“ unterwegs, sondern viele zugereisten Vollzeit-Aktivisten – wie des Rechten Sektors – aus der gesamten westlichen Hälfte der Ukraine, die dann mit logistischer Unterstützung dauerhaft campierten. Währenddessen protestiert der Osten nun dezentral – in Charkow, Lugansk, Donezk, Mariupol, Odessa, Niklolajewsk, Kramatorsk, Slawjansk (jetzt sehr berühmt, aber eigentlich eher klein) und die Liste wird ständig länger.

Ostukrainische Freizeit-Demonstranten

Der Grund für diese dezentrale Form ist recht einfach: Es handelt sich in der Mehrheit der Demonstranten im Osten nicht um tägliche mobile Aktivisten, sondern um „Freizeitdemonstranten“, die in ihrer großen Mehrheit von vor Ort kommen und einer dortigen geregelten Arbeit nachgehen. Diese Aussage ist sehr einfach zu belegen – anhand der Tage der Eskalation. Regelmäßig gibt es Eskalationen der Lage von ostukrainischer Seite an den Wochenenden und da vor allem am Sonntag – wenn alle frei haben. Und da dann plötzlich überall gleichzeitig. Straßenschlachten in Charkow, Polizeibesetzung in Slawjansk, Flaggenwechsel in Kramatorsk – alles am Wochenende – wie am Wochenende davor Verwaltungsbesetzungen usw,. Am Montag und Dienstag beherrschen dann die Gegenmaßnahmen der Euromaidaner die Schlagzeilen – Bewaffnung der eigenen Leute Aktivierung der rechtsdominierten neuen Nationalgarde usw. Auch wird verkannt, dass Städte wie Slawjansk oder Mariupol nun einmal nicht Kiew sind, keine Millionenstädte, sondern nicht einmal ein Zehntel der Einwohnerzahl haben und damit kein Potential für Zehntausende auf den Straßen. Wer jetzt denkt, die bewaffneten Camouflageträger des Antimaidan, die am letzten Wochenende mit Kalaschnikows unterwegs waren, wären keine Freizeitkrieger gewesen, hat keine Vorstellung davon, wie viel Militärkleidung und illegale, auch automatische Waffen in Osteuropa „unterwegs“ sind (zu Videos militanter Ostukrainer schon vor Wochen siehe auch hier).  Wobei wir zur möglichen russischen Unterstützung weiter unten kommen – hier soll es darum geben, wer die Waffen herum trägt.

Womit wir schon beim nächsten Aspekt sind. Wenn gar nichts anderes mehr zielt, spricht man den Antimaidanern die Unterstützung der Bevölkerung im Osten gerne mit dem Vorwurf ab, hier seien viele russische Provokateure unterwegs. Zu diesem Thema hat sich russland.RU bereits beschäftigt. Wenn es konkret eine große Menge solcher Provokateure gäbe, hätte man jedoch garantiert Namen veröffentlicht. Wie in Charkow, wo 70 Antimaidaner bei der Rückeroberung der Gebietsverwaltung gefangenen genommen wurden. Wären da auch nur fünf aus Russland dabei gewesen, wäre die Tagesschau voll davon gewesen, wie von dem angeblichen russischen Oberst, der in der Region Odessa militärisch aktiv gewesen sein soll (1:14 min. Tagesschau-Meldung) und der leider nur ein Fake von Euromaidan-Aktivisten war. Von den 70 war jedoch nie mehr die Rede, außer in Charkow selbst, wo ihre Angehörigen aus Charkow (!) versuchten, sie wieder aus dem Gefängnis zu befreien. Interessanterweise widersprach heute erst der finnische Geheimdienst der Darstellung der Euromaidan-Regierung und der USA, in der Ostukraine sei eine nennenswerte Anzahl von Russen oder gar russiscne Soldaten unterwegs.

Die Umfrage zur Föderalisierung

Wem die Unterstützung der Ostukrainer gehört, versuchte man neulich von westlichen Seite mit einer Gallup-Umfrage herauszufinden, wie die Leute zu einer Föderalisierung der Ukraine stünden, einer Forderung der gemäßigten Antimaidan-Opposition. Heraus kam, dass in der Gesamtukraine eine Mehrheit und in der Ostukraine sogar eine 2/3-Mehrheit der Bevölkerung gegen eine Förderalisierung ist. Was will man damit belegen?  Denn jeder nachdenkende Euromaidaner begreift, dass eine Förderalisierung den Antimaidanern in ihren Hochburgen mehr Einfluss verschafft, als der gegenwärtige Zentralismus von Kiew herab. So sind radikalere Euromaidaner natürlich gegen eine Förderalisierung. Interessanterweise schaut es bei den Antimaidanern genauso aus. Wärend gemäßigte Antimaidaner die Föderalisierung mit guten Argumenten als als Möglichkeit zur Deeskalation sehen, haben radikale Antimaidaner mit der Ukraine schon längst abgeschlossen. Sonst würden sie wohl kaum jetzt an den Wochenende „unabhängige Republiken“ ausrufen und ukrainische Flaggen zu Fall bringen – die würden nämlich in einer föderalisierten Ukraine weiter wehen. Eine Umfrage unter aufgeputschten Antimaidan-Demonstranten vor Ort würde wohl noch eine höhere Ablehnung des Föderalisierungsplans ergeben – Separatisten wollen keine Förderalisierung. Somit belegt die Umfrage überhaupt nicht, wem die Sympathien gehört, sondern dass die Radikalen in der Bevölkerung momentan wohl auf beiden Seiten die Mehrheit haben.

Interessant ist weiter, dass Journalisten vor Ort, die nicht von westlichen Mainstream-Medien stammen, gar nicht in Frage stellen, wem die Sympathien der Bevölkerungsmehrheit dort gehören. Alles andere als eine Bevölkerungsmehrheit in der Ostukraine hinter dem Antimaidan wäre auch angesichts der Tatsache widersinning, dass die Euromaidan-Parteien bei allen Wahlen der letzten Jahre in dieser Gegend konsequent böse Misserfolge einfahren mussten. Und Janukowitsch wurde dort damals nicht wegen seines überragenden Charismas gewählt. Wo sollen angesichts der aktuellen Radikalisierung da neue Anhänger her kommen? Leider handelt es sich beim In-Frage-Stellen der Unterstützung der Mehrheit der „normalen“ Bevölkerung vor Ort für den Antimaidan nur um einen Teil des eigenen Propagandakriegs der deutschen Mainstream-Medien, der dem der russischen Medien in Russland in nichts nach steht.

Dabei soll nicht bestritten werden, dass es in der Tat russische Agenten unter den Antimaidaner geben könnte, dass sie Unterstützung in verschiedener Form aus Russland erhalten und vieles anderes mehr. Aber genau das macht der Westen mit dem Euromaidan ebenfalls (siehe aktueller CIA-Besuch in Kiew) und mit gegenseitigen Schuldzuweisungen wird dieser „Stellvertreterkonflikt“ genauso wenig gelöst, wie mit einseitiger Propaganda. Die Deutschen hätten den Schlüssel zur Deeskalation in der Hand wegen ihres hohen Ansehens auf beiden Seiten, aber nicht einmal die „aufgeklärte“ deutsche Presse nimmt diese Chance wahr und agiert lieber als deutsches Staatmedium und damit inhaltsgleiches Gegenstück zu den gerne kritisierten Medien in Russland.

Roland Bathon, russland.RU – Foto: (c) Wish Maker Charkow

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