Ostukraine: Prorussische Demos aber Unterschiede zur Krim

Demonstrationen in Charkow, Donezk und Mariupol - gute Analyse der Lage aus Odessa mit Hoffnung auf Deutschland

In Charkow und Donezk in der Ostukraine ist es gestern wieder zu prorussischen Demonstrationen gekommen. In Odessa erklärt uns ein regionaler Journalist, warum die Situation dort so anders ist, als auf der Krim.

In Charkow, wo 15.000 Leute für ein Referendum über eine Unabhängigkeit von der Ukraine auf die Straßen gingen, gab es dabei einen Zwischenfall mit bewaffneten westukrainischen Nationalisten mit mehreren Verletzten (russland.RU berichtete). In Donezk lief die ähnlich große prorussische Demonstration friedlich. In Mariupol gingen ebenfalls mehrere Tausend Leute bei einer prorussischen Demonstration auf die Straße. Sie skandierten auch den Namen des verhafteten prorussischen Oppositionsführers Gubarjow, der, wie erwartet, für die prorussischen Ostukrainer als „Governeur der Menschen“ einen Märtyrerstatus genießt.

In der russischsprachigen Süd- und Ostukraine gibt es also weiterhin eine große Anzahl von Unterstützer einer Unabhängigkeit vom westukrainischen Rumpfstaats. Warum es seiner Meinung nach dennoch nicht zu einer Abspaltung dieser Gebiete kommen wird, erklärt der Journalist Juri Tkatschow in einer Analyse der Onlinezeitung Tajmer in Odessa. Zwar herrscht zwar breite Unzufriedenheit mit der Euromaidan-Regierung, dennoch bezweifelt er, dass ein so großer Bevölkerungsanteil wie auf der Krim die Unabhängigkeit wünscht. Die Bevölkerung sei auf dem Festland heterogener, vor allem rund um Odessa, das nahe der Sprachgrenze zur mehrheitlich ukrainischsprachigen Westukraine liegt. So würde selbst eine mehrheitlich beschlossene Abspaltung einzelner Regionen die Möglichkeit eines innerukrainischen Bürgerkriegs eröffnen, der allgemein von der Bevölkerung nicht gewollt ist.

Auch seien die Befugnisse der Gebietsparlamente auf dem Festland kleiner als die des Parlaments auf der Krim, das sich schnell an die Spitze der Unabhängigkeitsbewegung gestellt hat. Denn die Krim sei innerhalb der Ukraine eine Autonome Republik – ein Status, den die übrigens russischsprachigen Gebiete nicht besäßen. Den schnellen Erfolg verdanke die Unabhängigkeitsbewegung auf der Krim weiter dem plötzlichen Auftauchen der „höflichen, bewaffneten Männer“, den mutmaßlich russischen Soldaten ohne Hoheitsabzeichen an allen strategischen Punkten. Mangels russischer Militärpräsenz und im Falle von Odessa weit weg von der russischen Grenze wäre ein solcher Auftritt nicht möglich. Nur dieser habe effektive Gegenmaßnahmen der Kiewer Zentralgewalt auf der Krim verhindert. Auf dem Festland reagiert die Euromaidan-Zentralregierung hart auf jede Abspaltungstendenz mit Verhaftungen und massiver Polizeipräsenz – hier habe man keine Skrupel nur wegen der eigenen Erfahrungen auf dem Maidan.

Weiter sei die Krim eine Halbinsel mit nur schmalen Zugängen über zwei enge Landzungen, die sofort abgeriegelt werden konnten, um Nachschub der Ukrainer zu blockieren – eine Möglichkeit, die den Süd- und Ostukrainern fehle. Es sei zweifelhaft, dass Russland dann zum Schutz eventuell unabhängiger Gebiete massiv eingreifen könne oder wolle. Als Alternative zur Unabhängigkeit schlägt Tkatschow den Kampf für eine weitere Föderalisierung der Rest-Ukraine vor. Hier hofft der Analyst interessanterweise auch auf Unterstützung aus Deutschland, um sich von der nach seiner Auffassung nach rechts driftenden Westukraine zumindest etwas lösen zu können.

Hoffen wir, dass derart besonnene Stimmen durch entsprechende Aktionen der deutschen Regierung Unterstützung erhalten. Denn die Atmosphäre ist aufgeladen und eine Radikalisierung beider Seiten droht auch durch die Militärverlegungen der Ukrainischen Armee nach Süden und Osten.