Ostukraine: Wahlboykottaufrufe und prorussische Kundgebungen [mit Videos]

Demos in mindestens vier Städten angeküdigt - gestern in Charkow Auseinandersetzungen vor dem Russischen Konsulat - in Odessa Angst vor Zusammenbruch des Tourismus

Die Situation in der russischsprachigen Ostukraine kommt nicht mehr zur Ruhe. Örtliche Onlinemedien berichten von neu geplanten prorussischen Kundgebungen und unterschiedlichen Forderungen zur Präsidentenwahl im Mai.

Für heute und morgen sind prorussische Demonstrationen in Charkow, Lugansk, Donezk und Mariupol geplant. Neben die Forderung nach einer Volksabstimmung über den Verbleib der betreffenden Regionen bei der Ukraine ist mittlerweile eine weitere getreten nach Boykott der kommenden ukranischen Präsidentenwahl. Diese Forderung wird vom radikaleren Teil der prorussischen Opposition gestützt, während gemäßigte Oppositionelle wie der ehemalige Gouverneur der Region Charkow Dobkin für mehr Föderalisierung der Ukraine als ganzes streiten. Dass Dobkin für einen Verbleib seiner Region bei der Ukraine eintritt, hat nicht verhindert, dass er seit 10. März unter Hausarrest steht, während mehrere andere prorussische Oppositionelle wie Davidtschenko aus Odessa und Gubarjow aus Donezk in Kiew in Haft sitzen. Welche Seite in Landesosten die Oberhand gewinnt, wird nicht zuletzt von der kommenden Politik der ukrainischen Regierung abhängen. Die Zeichen stehen nicht gut für die gemäßigten Oppositionellen, da viele von Janukowitschs „Partei der Regionen“ stammen, die sich unter der örtlichen Bevölkerung weitgehend diskreditiert hat und aktuell zerstritten wirkt.

Auch andere Zeichen sprechen momentan nicht für eine innerukrainische Deeskalation. In Charkow gab es gestern vor dem russischen Generalkonsulat Auseinandersetzung zwischen einer Gruppe Euromaidananhänger und örtlichen prorussischen Demonstranten:

Die etwa 300 Prorussen wollten die etwa 15 Euromaidaner daran hindern, dem Konsul eine Petition gegen Russlands Politik zu überreichen und nutzten hierzu ihre zahlenmäßige Überlegenheit.  Zu Gewalttätigkeiten kam es nicht und die Konfrontation erschöpfte sich dieses Mal im gegenseitigen Vorsingen russischen und ukrainischen Liedguts:

Die anwenden Journalistenteams arbeiteten offenbar nicht für die Tagesschau, die zu den sehr zahlreichen derartigen Vorkommnissen beharrlich schweigt, da sie nicht in das verkaufte Bild der Stimmung in der Ukraine passen. Am Ende ziehen die Euromaidaner, nachdem sie ihre Petition unter Polizeischutz an den Mann gebracht haben, unter „Faschisten“-Rufen ab, woraufhin sich die Stimmung vor Ort sichtlich entspannt.

Sorgen macht man sich wegen der angespannten Situation aktuell vor allem in Odessa, wie die örtliche Onlinezeitung Tajmer berichtet. Dort sind viele Arbeitsplätze abhängig vom sommerlichen Tourismusgeschäft, das ohne Beruhigung der Lage in diesem Jahr weitgehend ausfallen dürfte. Während aus dem Westen kaum jemand in diesem Jahr in der Ukraine Urlaub machen dürfte, werden russische Touristen, die eine große Rolle spielen, wohl eher die Krim anstatt das ukrainisch gebliebene Festland ansteuern. Auch der Nahtourismus sei zusammen gebrochen. Während in früheren Jahren viele Südukrainer zum Kurzurlaub auf die Krim gefahren seien, fänden solche Trips nun kaum noch statt.