Ostsee: Ringelpietz (noch) ohne Anfassen

Foto: Wikipedia/US Air Force by Sgt. Fernando Serna CC GemeinfreiFoto: Wikipedia/US Air Force by Sgt. Fernando Serna CC Gemeinfrei
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In der Ostsee spielen sich derzeit Szenarien ab, die den damaligen „Kalten Krieg“ der 80-er Jahre wirken lassen, wie ein buntes Eis am Stiel. Mittlerweile scheint das Eis allmählich aufzutauen und es steht kurz davor, den Teppich vollzukleckern. Eine Zusammenfassung der, bisherigen, Ereignisse.

Ein Blick auf den Globus verrät uns, dass die Vereinigten Staaten zwei Küsten haben. Eine am Atlantik und eine am Pazifik. Was aber macht nun ein, bis an die Zähne mit lenkbaren Waffen bestücktes, Kriegsschiff der amerikanischen Seestreitkräfte im kleinen Binnenmeer Ostsee, quasi einer Badewanne fernab der Heimat? Eine Bootspartie zum Wochenende wohl eher nicht. Und wie es der Zufall so will, ist diese Küstenlinie, wenn auch nur zum Teil, Russland zugehörig.

Und jetzt die Frage an unsere Leser: Was würden Sie tun, würde irgendjemand bewaffnet in Ihrem Fischteich dümpelt? Richtig, erst einmal nachschauen, was da überhaupt los ist. Vermutlich sogar daraufhin ansprechen. Das Nachschauen übernahmen vor kurzer Zeit in der Ostsee ein SU-24 Kampfjet und ein KA-27 Hubschrauber der russischen Luftwaffe. Amerika reagierte daraufhin äußerst brüskiert. Man sprach von „gefährlicher Nähe“, ja sogar von „Bedrohung“. Einem polnischen Hubschrauber, so heißt es, wurde der Start vom Deck der „USS Donald Cook“ vereitelt.

Ein US-Kriegsschiff auf Ausflugsfahrt

Zwar sei der Jagdbomber unbewaffnet gewesen, jedoch potentiell provokativ gewesen und es hätte leicht zu einer Kollision führen können. Die „USS Donald Cook“, also der Kreuzer, der gerade seinen Ostseeausflug unternimmt, ist sowieso schon ein gebranntes Kind. Im April 2014, während der heißen Phase der Krim-Streitigkeiten, hatte eine ebensolche SU-24 das komplette Bordsystem lahmgelegt. Das Pentagon zeigte sich zutiefst besorgt. Auch bei diesem neuerlichen Zwischenfall habe sich das Kriegsschiff wieder in einen nutzlosen Haufen Eisen verwandelt. Das Schiff sei während der Aktion schier blind und taub gewesen.

Später hieß es, die gesamte Besatzung habe sich von der russischen Su-24 gedemütigt gefühlt. Unbestätigten Meldungen zufolge sollen 27 Seeleute sogar ihre Entlassungsanträge eingereicht haben. Aber nicht nur zu Wasser, nein auch in der Luft, erdreistet sich Russland deutlich klarzustellen, wer der Herr im Haus ist. Kurz darauf habe nämlich „das diensthabende System über der Ostsee ein unbekanntes Luftziel lokalisiert, das mit hoher Geschwindigkeit in Richtung russische Grenze flog“, so der russische Militärsprecher Igor Konaschenkow. Tatsächlich identifizierte ein Jagdflugzeug des Typs Su-27 einen Aufklärer der US-Luftwaffe.

Nach visuellem Kontakt habe das US-Flugzeug zwar wieder abgedreht, aber das Pentagon war abermals nicht müßig, von „gefährlicher Nähe“ und „Bedrohung“ zu sprechen. Auch bei diesem Zwischenfall habe man sich düpiert gefühlt, da der russische Abfangjäger fröhliche „Fassrollen“ über dem US-Spionageflugzeug vollführte. Der Duma-Außenbeauftragte Alexej Puschkow twitterte daraufhin ironisch: „Während uns das US-Aufklärungsflugzeug sanft und unaggressiv über der Ostsee ausspionierte, hat eine russische Su-27 ‚gefährliche Handlungen‘ unternommen“. Ein unvorsichtiges Vorgehen der Piloten könne die Spannungen zwischen den Ländern eskalieren lassen, orakelte der Pentagon-Sprecher Mark Wright deshalb folgerichtig.

Gefährliche Handlungen und vermeintliche Bedrohungen

US-Außenminister John Kerry indes erklärte vollmundig, das US-Militär hätte den russischen Kampfjet durchaus auch abschießen können. Und wir fragen uns mittlerweile, wem derlei Eskapaden dienlich sein können. Russland zeigt deutlich, wo seine Grenzen sind. Das ist soweit auch legitim. Die USA hingegen scheinen bewusst mit dem Feuer zu spielen. Vor dem Hintergrund der bevorstehenden Präsidentschaftswahl ist solcherlei Gebaren nicht unüblich. Schließlich wolle man Russland ja auf immer und ewig in die Knie zwingen.

Dumm nur, dass Russland auch ein Wörtchen mitzureden hat und seinerseits nicht wirklich „amused“ über die verstärkten Truppenaktivitäten an der Ostgrenze der NATO sein kann. Und gerade die westlichen Anrainer an Russlands Grenze werden nicht müde, eifrig Öl ins Feuer zu schütten. Polens Außenminister Witold Waszczykowski rief die Nato auf, ihre Präsenz im östlichen Bündnisgebiet zu verstärken, um „Entschlossenheit“ gegenüber Moskau zu demonstrieren. Er sieht in Russland eine weitaus größere Gefahr als in der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS). Solidarischerweise sehen sich die baltischen Staaten gleich kollektiv mitbedroht.

Wo soll, wo kann, wo muss das alles enden? Wer glaubt, sich der wiedererstarkten Militärmacht Russlands widersetzen zu können, würde alsbald eines Besseren belehrt werden. Die russische Politik setzt derzeit mehr als deutlich auf Deeskalation. Das hat sie bereits mehrfach bewiesen.

Was also bezweckt die USA? Russland zu einer Überreaktion zu bewegen scheint ausgeschlossen. Selber das Fass zum überlaufen bringen, sich zurückzuziehen und den schmutzigen Teil der Angelegenheit seinen Bündnispartnern in Europa zu überlassen? US-Präsident Obama sieht jedenfalls keine Notwendigkeit, sich wegen dieser Vorfälle mit seinem russischen Amtskollegen auszusprechen. Ignoranz, Fahrlässigkeit oder einfach nur „nach mir die Sintflut“? Man darf gespannt sein.

[Mchael Barth/russland.ru]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.