Osterfest in Russland-Die Russen entdecken das Fasten und das Feiern

ostern
image_pdfimage_print

Während in Deutschland die letzten Schokoladenosterhasen in den Supermärkten zu Schleuderpreisen verkauft werden, bereiten sich die Russen auf ihr Osterfest erst vor. In diesem Jahr ist der Ostersonntag am 12. April. Dieser Unterschied erklärt sich damit, dass das Datum des Festes in allen orthodoxen Kirchen nach dem Julianischen Kalender berechnet wird. Die Ausrechnung als solche ist dabei ziemlich kompliziert. Die Grundregel lautet: Ostern findet am ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond statt. Ist der Vollmond jedoch vor dem 21. März, also vor der Frühlings-Tagundnachtgleiche, so gilt erst der nächste Vollmond als Ostervollmond. Außerdem soll Ostern nach dem Beschluss des Konzils von Nicäa (325) unbedingt nach dem jüdischen, in Evangelium beschriebenen Pessach-Fest stattfinden.

Ostern ist der Höhepunkt des Jahres in der Orthodoxie und gibt dem kirchlichen Jahr „ihre Färbung“. Auf dieses Fest wartet man das ganze Jahr, wie auf Weihnachten in Westeuropa. In seiner Schönheit übertrifft das Osterfest alle anderen orthodoxen Feste.

Dem Osterfest geht die große Fastenzeit voran, die sehr streng ist und sieben Wochen dauert. Von Jahr zu Jahr entscheiden sich immer mehr Menschen in Russland zu fasten. Wenn 2008 nur 2% der Befragten aussagten, dass sie an die strengen Regeln des Fastens halten wollen, so wollten im diesem Jahr 20% der Russen zumindest teilweise fasten. Auf die langsame Rückkehr dieser Tradition reagiert auch die Gastronomie. Viele Restaurants führen sogenannte Fastenmenüs an, und sogar in der Kantine des russischen Parlaments werden Fastenspeisen angeboten.

Am Großen Samstag um halb zwölf Nachts versammeln sich die Gläubigen in den Kirchen zur Mitternachtsgottesdienst. Eine jede Liturgie ist ein ergreifendes Erlebnis, doch der Ostergottesdienst ist in seiner Schönheit einmalig. Die ganze Kirche und vor allem die Ikonenwand werden mit frischen Blumen geschmückt. Mit Ikonen und singend gehen der Klerus und die Gläubigen in einem „Kreuzgang“ um die Kirche herum. Dabei wird gesungen: „Deine Auferstehung, Christus, Erlöser, besingen die Engel im Himmel; würdige auch uns auf Erden, Dich mit reinem Herzen zu preisen“. Dann klopft der Pfarrer am Kirchentor und verkündet die frohe Botschaft: „Christus ist auferstanden!“ Und die Gemeinde antwortet einstimmig: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Anschließend findet eine feierliche Liturgie statt. Der Ostergottesdienst kann bis zu vier Stunden dauern.

Viele schöne Bräuche sind mit Ostern verbunden. Der Brauch, seinem Nächsten drei Osterküsse zu geben, hat im Russischen eine sehr interessante Bezeichnung похристосоваться, dass man als „sich im Christus vereinigen“ übersetzen kann.

Am Großen Donnerstag ist man mit Osterkuchen (Kulitsch) backen (der Osterkuchen erinnert von der Form an die italienische Panettone), Pascha (gesprochen Pas-cha) – eine nur zu Ostern gemachte Quarkspeise – zubereiten und Eierbemalen beschäftigt. Auch in der Zeit, in der Atheismus Staatsreligion war, ist die Tradition des Kulitchbackens nicht verloren gegangen. Und obwohl nur die wenigsten wussten, was Ostern überhaupt bedeutet, geschweige denn in die Kirche gingen, bemalte man die Eier und traf sich mit Verwandten zum Kulitsch Essen.

Was für ein Genuss es ist, nach langer Zeit des Verzichts, ein Stück Kulitsch zu verzerren! Traditionell dürfen an der Festtafel am Ostersonntag auf gar keinen Fall Kulitsch, Eier oder Pascha fehlen. Und natürlich endlich mal Fleisch, z.B. im Teig gebackener Schweinebraten. Zu Ostern beschenkt man sich gegenseitig in Russland zwar mit bemalten Eiern (in der letzten Zeit auch Schokoladeneiern) und kleinen Geschenken, doch der Osterhase ist den russischen Kindern absolut unbekannt.

Zu Sowjetzeiten hatten die Machtinhaber vor Ostern richtige Angst. Man unternahm alles Denkbare, um die Menschen daran zu hindern, Ostern zu feiern. Vor den Kirchen wurde Miliz postiert mit der Aufgabe, keine jungen Leute reinzulassen. Oder man ließ Provokateure in die Kirchen, um den Gottesdienst zu störten. Auch viel subtiler kämpfte man gegen Ostern. So liefen z.B. im Fernsehen im Spätabendprogramm immer sonst verbotene amerikanische Blockbuster. Diese Zeiten sind vorbei, und mit jedem Jahr feiern immer mehr Russen die Auferstehung Christi. Laut Angaben des führenden soziologischem Instituts Lewada-Zentrum, haben 2014 nur 9% der russischen Bürger ausgesagt, sie hätten Ostern gar nicht gefeiert.

Allerdings beschränken sich die meisten Menschen eher auf den kulinarischen Teil des Festes. So haben 73% Eier bemalt und 50% Kulichi gekauft.

 

Daria Boll-Palievskaya/russland.RU

Über den Autor

Dr. Daria Boll-Palievskaya
Selbstständige interkutlurelle Trainerin und Coach mit Schwerpunkt Russland. Berät deutsche Unternehmen bei ihrem Engagement in Russland. Freiberufliche Journalistin und Publizistin