Olympiavorbereitung in Sotschi verursacht Rekordkosten

Für Fussball-WM 2018 kündigt sich Gleiches an / Ausbau der Infrastruktur geplant

image_pdfimage_print

 [Von Ullrich Umann/gtai]  Nach den Olympischen Winterspielen in Sotschi winken der deutschen Wirtschaft in Russland neue Aufträge im Sportstätten- und Infrastrukturbau. Diesmal geht es um die 2018 stattfindende Fußball-Weltmeisterschaft. Eine Reihe von Erfahrungen aus Sotschi könnten Unternehmen aus Deutschland dazu dienen, sich optimaler auf die kommenden Vorhaben zum Bau von Sportstätten und zur Modernisierung der Infrastruktur vorzubereiten.

Der wichtigste Unterschied bei der Vorbereitung der Olympiade und der Fussball-WM liegt in der Organisationsform. Koordinierte in Sotschi im Wesentlichen die Staatsholding Olimpstroj die vielen Einzelprojekte, so sind im Fall der Fussball-WM die Verwaltungen der insgesamt zehn Austragungsorte autonom für umfangreiche Baustellen verantwortlich.

Die Zentralregierung ging gegenüber der FIFA allerdings die Verpflichtung ein, die Flughäfen an den Austragungsorten auf internationalen Standard zu heben, sofern diese es nicht bereits sind, und gleiches für die Stadien zu garantieren. Dazu gehört die Einhaltung der Mindestzahl von Zuschauersitzen von 45.000 und das Vorhandensein geeigneter Trainingsplätze.

Um den Ausbau der Verkehrswege zu Lande, die Errichtung von Hotels und Unterkünften, Restaurants, Fanmeilen, Kultur- und Vergnügungseinrichtungen sowie um die Sicherheit aller Anreisenden und Touristen müssen sich die Regionen und Kommunen kümmern und auch die Kosten dafür schultern. Im Ergebnis ist die Anzahl der ausschreibenden Stellen und Projektträger größer als bei der Olympiade.

Hieraus ergeben sich auf der einen Seite wirtschaftliche Risiken, wenn zum Beispiel örtliche Eliten ihre Projekte zu ambitiös planen und die kommunalen Haushalte damit überdehnen. Zum anderen stecken darin aber auch Chancen, wenn sich mehr Befugnisse und Entscheidungen weg von der Zentralregierung hin zu den darunter liegenden Verwaltungsebenen verlagern. Es kann daraus eine Dynamik entstehen, die zu mehr wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung in den russischen Provinzen führen könnte.

Zwei wesentliche Erfahrungen aus Sotschi lassen jedoch eher Befürchtungen aufkommen. Zum einen wurde für die Olympiavorbereitung die vorgegebenen Termine der Zeitgraphik häufig überschritten und zum anderen sind die Kosten aus dem Ruder gelaufen. Bislang weist auch nichts darauf hin, dass es bei der Vorbereitung der Fussball-WM anders werden würde, insbesondere was den steigenden Finanzierungsbedarf anbelangt.

So sollten für die Winterolympiade die meisten Objekte bereits 2012 fertig gestellt werden, was aber nicht gehalten wurde. Die Lage spitzte sich sogar derart zu, dass Vizepremier Dmitri Kozak im Februar 2013 bei Olimpstroj und dem für Bauvorhaben zuständigen Ministerium für regionale Entwicklung die Reißleine ziehen musste, damit diese die Projektüberwachung neu ordnen. Kritisch stellte sich die Lage zum Beispiel beim Bau der Sprungschanze und des Medienzentrums in Krasnaja Poljana dar. Bei einem Testspringen zu Jahresbeginn 2013 existierte noch nicht einmal eine Zuschauertribüne.

Erst zum September 2013 hin entspannte sich die Gesamtsituation und das Internationale Olympische Komitee konnte bescheinigen, dass Sotschi im Großen und Ganzen vorbereitet sei. Doch wurde die Aufholjagd teuer erkauft: die ursprünglich veranschlagten Kosten von 314 Mrd. Rubel (etwa 7 Mrd. Euro) schnellten auf 1,5 Billionen Rubel (etwa 34 Mrd. Euro) hoch. Davon entfielen auf den eigentlichen Sportstättenbau 214 Mrd. Rubel (etwa 4,8 Mrd. Euro). Der übergroße Rest wurde für die Sektoren Transport und Fremdenverkehr aufgewendet.

Russische Experten sehen für die Kostenexplosion drei Hauptursachen: die Größe der Vorhaben, die komplizierten geologischen Gegebenheiten im Gebiet Sotschi und Nachforderungen seitens des Internationalen Olympischen Komitees. Hinter vorgehaltener Hand wird noch ein vierter Grund genannt: Die Ministerialbeamten wollten sich in der Anfangsphase nicht den Vorgaben von Olimpstroj unterwerfen, weshalb es immer wieder zur Verzögerung von Entscheidungen kam. Erst durch Interventionen von Vizepremier Kozak konnten letztendlich Lösungen herbeigeführt werden, wenn auch fallweise spät.

Zudem haben sich, entgegen ursprünglichen Annahmen, private Investoren kaum engagiert und das auch fast nur im Hotelbau. Finanziell aushelfen musste zudem immer wieder die öffentliche Hand, gezwungenermaßen auch Staatskonzerne und die Außenhandelsbank VEB, die sich gleichfalls im staatlichen Besitz befindet.

Von anderen Großkonzernen wie Interros, Basel, Sberbank oder Itera kamen dagegen immer wieder Forderungen, die seitens der VEB gewährten Kredite neu zu strukturieren und einen Teil der Steuerschuld zu erlassen. Lediglich Gasprom hat von der Regierung keine Rabatte verlangt. Von den 20 Krediten im Gesamtvolumen von 240 Mrd. Rubel, die VEB ausgeteilt hat, erweisen sich neun Darlehen im Wert von 190 Mrd. Rubel inzwischen als notleidend, obwohl nicht einmal Zinsen anfallen, wie die Tageszeitung „Wedomosti“ berichtete. Prompt wurde im Dezember 2013 entschieden, dass mit der Rückzahlung auch bis 2016 gewartet werden kann.

Bis 2016 wird sich zudem herauskristallisieren, ob sich zumindest einige Bauprojekte mittel- bis langfristig rentieren. Verkauft werden sollen nach den Spielen unter anderem Wohnungen im Olympischen Dorf. Auch ist unbekannt, wie ausgelastet die neuen Hotels sein werden, nachdem die Sportler wieder abgereist sind. Um für einen anhaltenden Besucherstrom zu sorgen, wird im Sommer 2014 in Sotschi der G-8-Gipfel ausgetragen und im Herbst ein Formel-1-Rennen.

Alle Kapazitäten gleichmäßig über die Jahre hinweg auszulasten wird schwierig werden, denn die Bettenkapazität liegt in Sotschi mit derzeit 55.000 höher als in der 13-Mio.-Metropole Moskau, wo 41.300 Betten zur Verfügung stehen. Die örtliche Verwaltung hofft aber auf den Olympia-Bonus als Besuchermagnet für eine längere Zeit. Sotschi muss sich als attraktiver Kurort mit internationalem Flair etablieren. Gelingt das nicht, dürften die dadurch entstehenden Überkapazitäten ein schweres Erbe darstellen.

Überkapazitäten sind übrigens schon jetzt für einige Austragungsorte der Fussball-WM vorprogrammiert. So dürfte es nicht nur in Kaliningrad oder Saransk schwer werden, dauerhaft Stadien mit 45.000 Sitzplätzen zu füllen oder Flughäfen mit internationalen Standards wirtschaftlich nachhaltig zu betreiben. Rückbau oder Verkauf werden nach 2018 die neuen Diskussionsthemen sein.