Olympia-Boykott ist Ignoranz

Kommentar über das Scheitern und die wahren Ziele deutscher Sotschi-Boykoteure

Deutsche Politiker und Prominente schmücken sich aktuell mit ihrem Nicht-Fahren zu den Olympischen Winterspielen in Sotschi. Sie zeigen damit aber nur ihre eigene Ignoranz gegenüber Russland als Ganzem. Ihre Art des „Protestes“ verpufft dort, wo sie ankommen soll – in Russland – in verständlicher Verständnislosigkeit.

Eine harte These? Beginnen wir zur Erläuterung ihres Wahrheitsgehalts mit dem in den deutschen Medien so beliebten Begriff „Putin´s Spiele“. Putins Spiele – damit wollen uns die betreffenden (deutschen) Journalisten ein Bild vermitteln. Eine Veranstaltung, von „oben“, der Spitze der Menschenrechtsfeindlichkeit (früher hätte man „Inkarnation des Bösen“ gesagt“) ihrer Bevölkerung zwangsweise verordnet, gegen alle Widerstände und Bedenken. Wären für die russische Bevölkerung die Spiele eine solche Veranstaltung, wie es dieser Begriff vermitteln will, so könnte man in der Tat den „Geknechteten“ normalen Russen damit ein Zeichen setzen, dem Event demonstrativ fern zu bleiben. Sie würden jubeln, dass ihrer verhassten Obrigkeit die aufgezwungenen Giganten-Spiele vermiest werden.

Doch das Bild der Spiele im eigenen Land ist in Russland ein völlig anderes. Unabhängig von ihrer politischen Gesinnung freuen sich Sport-Fans auf den Großevent im eigenen Land. Und zur Olympiazeit im eigenen Land werden fast alle Menschen zu Sport-Fans, vor allem Iim Land des Eishockeys, des Eiskunstlaufs und des Biathlons. Die zur Jahreszeit allgegenwärtigen Eis- und Schneeskulpturen erhalten derzeit von ihren Gestaltern allerorten olympische Motive, seien es Maskottchen oder überdimensionierte Sotschi-Logos. Die Spiele, Chancen der eigenen Athleten, der Event drum herum sind Tagesgespräch der Bevölkerung auf der Straße. Der Durchlauf der Fackel durch verschiedene Provinzen dieses Riesenreichs geriet allerorten zum Volksfest, weil man endlich auch der olympischen Idee nah sein konnte, dem oft so weit entfernten Ausland und der Welt. Internationale Großkonzerne nutzen naturgemäß die Olympiabegeisterung für entsprechende Werbespots für die verschiedensten Produkte im Sotschi-Design. Welcher kapitalistische Konzern würde das tun, wenn es sich um von der breiten Bevölkerung unbeliebte, aufgezwungene Spiele handeln würde? Wäre solch Werbung dann umsatzfördernd? Nein, aber sie ist es, denn die Russen denken bei Sotschi nicht an Putin, höchstens an Pljuschenko.

Es ist auch das natürlichste der Welt, dass bei solch einem sportlichen Großevent Begeisterung herrscht. In Russland werden nicht „Putins Spiele“, sondern internationale Spiele mit einem selbst als Gastgeber veranstaltet, „wir sind Olympia“. Haben die Deutschen ihr Sommermärchen bei der Fußball-WM im eigenen Land schon vergessen? Ganz Deutschland wurde zum Fußball-Fan. Auch in Russland freut man sich auf die internationalen Gäste, die ihre eigene Kultur und Flair mit ins Land bringen. Was hätten die Deutschen gesagt, wenn damals die Prominenz einiger Länder nicht angereist wäre, weil sie mit der Politik der damaligen Bundesregierung nicht einverstanden gewesen wäre? Hätte das jemand hier verstanden oder für gut befunden? Oder wäre nicht Unverständnis, wenn nicht ein gewisse Beleidigung die Folge gewesen?

Dennoch bleiben mitteleuropäische Prominente nun Olympia in Russland demonstrativ fern. Sie zeigen für russische Beobachter nicht Putin die kalte Schulter, sondern dem gesamten russischen Volk, das sie mit offenen Armen begrüßt hätten. Sie transportieren nicht ihre von ihnen selbst so geschätzte Meinung, sondern einfach gar nichts, denn sie sind ja nicht da. Sie kommen auch mit niemandem aus dem „normalen“ russischen Volk ins Gespräch, schaffen kein gegenseitiges Verständnis und stoßen auch bei Russen, die ihrer eigenen Regierung nicht nahe stehen, mindestens auf Verständnislosigkeit. Sie ignorieren, dass sich der größte Teil der russischen Bevölkerung mit dem Event identifiziert. Sie sind ignorant. Warum?

Die Bravorufe, die Boykotteure hören werden, werden aus dem eigenen Land kommen, von selbst ernannten Experten und Aktivisten. Aber es ist offenbar dieser Applaus, auf den man aus ist. Die Botschaft der Boykotteure richtet sich an die eigenen Anhänger und Landsleute, denen man zeigen kann, dass man es auch dem bösen Putin zeigt. Denn sie wissen es durch die Ignoranz ihrer eigenen Medien nicht besser und glauben vielleicht sogar das Märchen von Putins Spielen. Auf das Suhlen in der Anerkennung der eigenen Fraktion, nicht auf die Auseinandersetzung mit Meinungen jenseits des eigenen Horizonts ist man aus – bis hin zum Bundespräsidenten. Die Mehrheit der Deutschen insgesamt hat ihm nach der demonstrativen Absage an einen Olympiabesuch Beifall geklatscht. Die Mehrheit der russischen, die den „bösen“ Putin als einzigen stürzen könnte, wird das nicht tun. Sie wird ihn nur in negativer Erinnerung behalten, da er das Sportfest in ihrem eigenen Land ignorierte. Deutschland – kein Sommermärchen, möchte man da sagen. Sondern eher ein verregneter Winter ohne Sport im Schnee.

Aktuell aus dem Olympia-Begeisterten Ural: Roland Bathon, russland.TV; Foto: Sotschi-Schriftzug am Neujahrsbaum einer russischen Kleinstadt im Südural © russland.TV 2013;Film von der Ankunft der olympischen Fackel in Kaluga:

 
 

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.

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