Oktober 1993 in Moskau – ein Rückblick auf verrückte Tage

Foto: TV-Screenshot

[von Ulrich Heyden] Die ganze Welt schaute am 3. und 4. Oktober auf Moskau. In diesen Tagen endete die Auseinandersetzung zwischen den beiden Flügeln der russischen Elite, dem westlich orientierten Flügel, der die sowjetischen Wirtschaftsstrukturen mit eiserner Hand zerschlagen wollte, und dem Flügel, der nicht gegen die Marktwirtschaft, aber gegen eine Schocktherapie war. Boris Jelzin ging aus dieser Auseinandersetzung als Sieger hervor.

Fast alle deutschen Korrespondenten schrieben, dass Jelzin der Präsident ist und Aleksandr Ruzkoj, der Vize-Präsident, nur ein Aufständischer. Ich habe damals keinem von beiden vertraut. Ich war nicht gegen die Demokratisierung in Russland. Aber mich schockierte damals, wie stark diese Wende die Menschen in die Armut geworfen hatte. Und auf ein gewähltes Parlament zu schießen, war das ein Zeichen einer neuen Epoche, ein Zeichen von Demokratie? Das waren die Gründe, warum ich Zweifel hatte.

An einem Abend besuchte ich den Platz vor dem russischen Weißen Haus, wo das Parlament damals seinen Sitz hatte. Die gesamte Front des Gebäudes war mit Barrikaden versperrt. Die Menschen, die sich da im kalten Oktober versammelt hatten, standen um Lagerfeuer und sangen Lieder von einem großen Land und dem Sieg. Ich sah Männer mit düsteren Gesichtern und Fellmützen und Frauen, die Zeitungen mit den Emblemen eines aufgelösten Landes verkauften. Durch den Rauch der Lagerfeuer sah ich die gelb-weiß-schwarzen Fahnen der Monarchisten und rote Fahnen.

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