Ölpreis im Keller – der Rubel auf der Kellertreppe

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Auf dem Weltmarkt geht der Ölpreis einmal wieder auf Tauchstation: Öl ist so billig wie zuletzt in der Krise 2008/2009. Das zieht den russischen Rubel mit: Der Euro hat die 75-Rubel-Grenze überschritten, der Dollar kratzt an der 70-Rubel-Marge.

Als gäbe es nicht schon genug Schwierigkeiten mit Syrien, der Türkei, den Sanktionen und einer noch nicht ausgestandenen Wirtschaftskrise – jetzt läutet ein erneuter Preissturz für Russlands Hauptexportgut Öl eine neue Runde finanzieller und ökonomischer Erschütterungen ein.

Seitdem sich am Freitag die OPEC – wieder einmal – nicht auf eine Begrenzung ihrer Fördermengen einigen konnten, zieht es den Ölpreis in den Keller: Am Dienstag fiel der Wert des Barrels Brent unter die 40-Dollar-Grenze. Die ist als runde Zahl nicht nur einfach so „psychologisch wichtig“, wie Börsenkenner es gerne formulieren, sondern auch historisch: Damit kostet Rohöl jetzt wieder so wenig wie zuletzt zu Zeiten des dramatischen Preisverfalls in der Weltfinanzkrise im Winter 2008/2009.

Gründe für den Preissturz gibt es neben der OPEC noch viele – die wenigsten haben dabei etwas mit Russland zu tun: Das Preisdumping der Saudis, der Fracking-Boom in den USA, die erlahmte chinesische Wirtschaft, die in Kürze erwartete Rückkehr des Iran auf den Weltmarkt… Russland muss aber mit den Folgen leben, denn in den fetten Jahren hoher Ölpreise nach der Jahrtausendwende hat sich das Land und seine Führungsschicht komfortabel an der sprudelnden Geldquelle seines Öl- und Gasbusiness eingerichtet, anstatt die Wirtschaft signifikant zu diversifizieren und zu modifizieren.

Rubel gegenüber dem Öl etwas stabiler als letztes Jahr

Deshalb zieht der verfallende Ölpreis den Kurs des Rubel (wie auch die Währungen anderer Ölstaaten) jetzt mächtig herunter – wenngleich Analysten darauf hinweisen, dass die Bindung des Rubelkurses ans Schwarze Gold jetzt nicht mehr ganz so eisern ist wie in der vergleichbaren Krise vor fast genau einem Jahr, als sich der Ölpreis innerhalb eines halben Jahres halbierte. Dennoch kratzt der Dollar bereits an der 70-Rubel-Marke und steht damit wieder auf dem gleichen Niveau wie zum Höhepunkt des Rubel-Crashs im letzten Winter.

Sollte das Öl so billig bleiben wie jetzt oder noch mehr nachgeben – nüchterne Analysten halten selbst 20-Dollar-Horrorszenarios für nicht ausgeschlossen – bedeutet das für das russische Staatsbudget nichts Gutes: In diesem Fall müsse mit neuen Kürzungen bei den Sozialausgaben sowie bei den staatlichen Investitionen gerechnet werden, so die Zeitung „Kommersant“.

Erhofftes Wirtschaftswachstum für 2016 in Gefahr

Auch die Wirtschaftszeitung Wedomosti konnte in russischen Finanzkreisen keine Optimisten finden: Einerseits sei der Rubel gegenüber dem Dollar momentan noch überbewertet – der reale Kurs läge wohl eher im Bereich von 75 Rubel. Und ein Experte der MDM-Bank wird in der heutigen Ausgabe mit den Worten zitiert: „Wenn der Ölpreis morgen nicht auf 45 Dollar pro Barrel steigt, gibt es einen Schock für Russland – und das bedeutet einen Schlag für das wirtschaftliche Wachstum, besser gesagt, den Absturz“. Bislang stieg der Preis am Mittwoch nur leicht auf 41 Dollar.

Dieses Jahr wird Russland wohl mit einem Wirtschaftsrückgang von knapp unter 4 Prozent abschließen. Die Realeinkommen der Bevölkerung gehen dabei um mindestens 10 Prozent zurück. Verhalten optimistische Prognosen, die Russland für 2016 ein Ende der Krise und die Rückkehr eines leichten Wachstums prophezeiten, basierten allerdings auf Ölpreisen im Bereich von 50 Dollar für das russische Ölfass namens Urals (das auf dem Markt immer zwei bis drei Dollar billiger ist als Brent), schreibt fontanka.ru.

Wenn das Öl jedoch nur um die 40 Dollar bringt, so ein Szenario des Wirtschaftsministeriums, wird auch das russische BIP im nächsten Jahr um etwa 1 Prozent weiter schrumpfen, die Bevölkerung wird dann den Gürtel nochmals um 3,7 Prozent enger schnallen müssen. Und das in einem Jahr mit Duma-Wahlen.

[ld/russland.RU]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.