Nina Berberova – Zeitzeugin der Emigration

Nina Berberova
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Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Nina Nikolajewna Berberowa (Berberova, Betonung auf der zweiten Silbe) entwickelte sich schon in ihrer Kindheit zu einer starken Persönlichkeit und war bürgerlich-liberal, antifeudal eingestellt.

In ihrer Belletristik ist sie eine typische Vertreterin der Emigranten-Schriftsteller. Ihre Einstellung zum Leben jedoch war keineswegs die eines typischen, vom Schicksal geschlagenen Emigranten. In ihrem 1978 verfassten Buch » Železnaja ženščina« (deutscher Titel: Baronin Budberg) beschreibt sie ihre einzige  Gemeinsamkeit mit Marija (von Gorki Mura genannt) Budberg, mit der sie drei Jahre (1922-1925) bei Gorki unter einem Dach gelebt hatte, so:

„Wir hatten beide, jede auf ihre Art, ein für allemal beschlossen, nicht mehr in unser Höhlendasein zurückzukehren, und wir kannten beide die Momente, in denen wir die Verantwortung übernehmen und eine Wahl treffen mussten. Und unsere Handlungsweise sahen wir nicht wie eine Kette weiblicher Launen an oder wie die allgemeinen Sünden der Epoche oder als Ergebnis unzulänglicher Lebensumstände, sondern als Teil unserer selbst, für den wir persönlich verantwortlich waren.“

An anderer Stelle sagte sie einmal, dass sie sich bis 1953 als Verbannte, mit Angst vor Stalin, gefürchtet, nach seinem Tod jedoch, als Gesandte der russischen Kultur gefühlt habe.

Zur Zeit des Hitler-Stalin-Paktes und nach dem Angriff Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion herrschte in den Emigrantenkreisen große Unruhe: Auf der einen Seite der verhasste Stalin, auf der anderen der Angreifer auf das eigene Volk, eine Wahl zwischen zwei rabenschwarzen Übeln. Die Emigrantengemeinde zersplitterte in Gegner und Befürworter, die sich gegenseitig mit Verdächtigungen und Vorwürfen überschütteten. Auch Berberowa geriet – zumindest im Nachhinein – zwischen diese gewaltigen Mühlsteine, worauf ich an dieser Stelle aus Platzmangel nicht weiter eingehen kann. Außerdem bedarf dieses Thema noch der exakten Aufarbeitung, bisher sind alles nur Mutmaßungen – eine Aufgabe für einen Historiker.

Als Journalistin recherchierte sie sehr genau, klar und nüchtern, blieb aber bei ihrer belletristischen Ausdrucksweise, was ihren Berichten eine große Farbigkeit verleiht, und diese dadurch spannend zu lesen sind.

In ihrer Zeit als Professorin in den USA schrieb sie nur noch literarische Sachbücher, insbesondere Biografien, die sie immer mit Zeitgeschichtlichem verband. Ihre messerscharfe Analytik und ihr sagenhaftes Gedächtnis machen ganz besonders heute ihre Werke zu wahren Fundgruben. Was für ihre journalistischen Arbeiten gilt, gilt auch für ihre Biografien. Sie ist eigentlich die „Erfinderin“ der belletristisch geschriebenen, sachlich aber auch exzellent recherchierten Biografien.

Dass sie mit zunehmendem Alter und unter dem Einfluss ihrer Professorentätigkeit in der Wahl ihrer Worte sehr dezidiert geworden ist, und sie sich nicht gescheut hat, auch (liebgewonnene) Fehlvorstellungen zu korrigieren – oder zumindest ihre eigene Sicht der Dinge darzustellen, hat ihr so mancher Übel genommen.

Geboren wurde sie 1901 in St. Petersburg am 26. Juli (nach dem damals in Russland gültigen julianischen Kalender) bzw. 8. August (nach heute gültigem gregorianischen). Ihr armenisch-stämmiger Vater war hoher Beamter im Schatzministerium und ihre Mutter stammte von russischen Gutsbesitzern ab, deren Linie sich bis zu Katharina der Großen zurückverfolgen lässt, von der ihr Vorfahr „dieses riesige Gebiet mit sechs Dörfern und fünftausend Desjatinen [ca. 5000 Hektar] Wald, Sumpf, Wiesen und Weideland erhalten hatte.“ Ihr Urgroßvater Dmitri Lwowitsch war das Vorbild für Gontscharows (1812-1891) »Oblomow« (1859), der zum Sinnbild für den handlungsunfähigen russischen Adel geworden ist.

Ihrer Abstammung gemäß gehörte sie der Klasse der Bourgeoisie (im Feudalstaat etablierte Gesellschaftsgruppe) an, fühlte sich dieser jedoch nie angehörig.

„Ich wuchs in den Jahren in Russland auf, als es keinen Zweifel daran gab, dass die alte Welt so oder so dem Untergang geweiht war und keiner mehr ernsthaft an den alten Prinzipien festhielt – zumindest in den Kreisen, in denen ich aufwuchs. Im Russland der Jahre 1912 bis 1916 geriet alles ins Schwanken, alles begann unter unseren Augen so durchsichtig zu werden wie durchgescheuerte Lumpen. Protest lag in der Luft, Protest war mein erstes wirkliches Gefühl.“

Immer schon fühlte sie sich der Klasse der »Intelligenzija« zugehörig, ein in Russland bis heute Herkunft übergreifendes Standesbewusstsein.

Schon in ihrer Kindheit war es für sie ein Muss, ihre Empfindungen in Versen auszudrücken. Zuerst kindliche; aber immer schneller wurden ihre Gedichte besser und besser; die Lyrik war ihr angeboren, was man auch in all ihrer späteren Prosa spürt und weshalb diese auch so besonders ausdrucksvoll ist – ausdrucksvoll manchmal bis über die Grenzen des Romantischen.

Durch Zufall stieß sie 1921 in Petersburg auf die „Dichtergilde“, der sie beitreten wollte. Sie gab ihre Gedichte ab, wurde von Gumiljow, dem Führer der Dichtergilde und erstem Mann von Anna Achmatowa, in sein Dichterstudio, in dem junge Nachwuchsdichter ausgebildet wurden, aufgenommen. Von da ab gehörte sie in den erlauchten Kreis der anerkannten Dichter und lernte viele Größen der Zeit kennen.

Am 3. August 1921 wurde Gumiljow verhaftet und am 7. August starb Alexander Blok, ein Schock nicht nur für die Dichter und die Intelligenzija. Am 24. August erfuhren sie, dass Gumiljow und 61 weitere erschossen worden waren. Über seine Beerdigung schreibt sie:

„Einige hundert Menschen schoben sich durch die sommerlich heißen, sonnendurchfluteten Straßen. …. und ichglaube, dass es in der ganzen Menge nicht einen Menschen gab, der nicht daran gedacht hätte – wenn auch nur für einen Moment –, dass nicht nur Blok, sondern die ganze Stadt mit ihm gestorben war, … dass der Kreis der russischen Schicksale sich geschlossen hatte. …. Dann kam der 24. August. Früh am Morgen, als ich noch im Bett lag, kam Ida Nappelbaum zu mir, um mir zu sagen, dass an den Straßenecken Mitteilungen hingen, in denen stand, dass alle erschossen worden seien. Sowohl Uchtomski als auch Gumiljow und Lasarewski und natürlich auch Tagenzew – insgesamt zweiundsechzig Menschen. Dieser August war nicht nur »wie eine gelbe Flamme, wie Rauch« (Verszeile von Achmatowa), er markierte eine Grenze. Es hatte 1739 mit Lomonossows »Ode auf die Eroberung von Chotin« begonnen und mit dem August 1921 geendet. Alles, was danach kam, war nur die Fortsetzung davon: die Abreise von Bely und Remisow ins Ausland, die Abreise Gorkis, die Massenausweisung der Intelligenzija im Sommer 1922, der Beginn planmäßiger Repressionen, die Vernichtung zweier Generationen.“

1922 folgte sie mit ihrem Mann, dem Dichter und Literaturkritiker Chodassewitsch, Maxim Gorki nach Berlin und dann nach Sorrent. 1925 ließen sie sich endgültig in Paris nieder, wo sie alle Höhen und Tiefen eines Emigrantenschicksals durchlebte.

Ende der 40er Jahre musste sie feststellen, dass nach und nach alle ihre Landsleute aus Paris verschwunden waren – nicht zuletzt wegen der politischen Situation in Frankreich. So fasste sie den Entschluss, in die USA zu gehen. Darüber schreibt sie in ihren Erinnerungen:

„Aber die ganze Kette passiver Folgen von Begleitumständen und aktiver Schritte, die den Stoff des Lebens verändern, endete für mich mit der wichtigsten und schwersten Wahl, die ich jemals bewusst in meinem Leben getroffen habe: in die Vereinigten Staaten zu gehen.“

1950 emigrierte sie in die Vereinigten Staaten, wo sie – nach anfänglich vielen Schwierigkeiten – in Yale und Princeton Professorin für russische Literatur des 20. Jahrhunderts wurde.

Im September 1989 kam sie auf Einladung des »Verband der Schriftsteller der Sowjetunion Abteilung Leningrad« nach 67 Jahren mit 88 Jahren zum ersten Mal wieder in ihre Heimatstadt St. Petersburg, wo sie mit großer Aufmerksamkeit und Ehrerbietung aufgenommen wurde.

Zwei Artikel zu diesem Anlass habe ich im russischen Internet gefunden (leider nur russisch):
Der erste Artikel ist geschrieben zum Gedenken an den zehnjährigen Todestag von Nina Berberova und ist ein Bericht ihres „Dolmetschers“ über diesen Besuch.
Der zweite Artikel ist die Niederschrift einer Hörfunksendung aus Anlass ihres einhundertsten Geburtstages. In dieser Sendung wird ebenfalls über ihren Besuch berichtet; außerdem geht ein Moskauer Historiker auch auf die oben genannten Vorwürfe gegen Berberova ein. Wie ich schon sagte, ein Thema bei dem man unterschiedlicher Meinung sein kann, und das mit Sicherheit noch der genauen Aufarbeitung bedarf.

Nina Berberowa starb am 26. September 1993 in Philadelphia.

In den Pariser Emigrantenkreisen war sie als Schriftstellerin und Literaturkritikerin (auch wegen ihrer Nähe zu Gorki und Chodassewitsch) eine bekannte Persönlichkeit und hatte auch mit den politischen Emigranten Kontakt. Alle Größen aufzuzählen, würde hier zu weit führen, sie beschreibt es in ihrer sehr lesenswerten Autobiographie »Ich komme aus St. Petersburg« ausführlich.

Das Thema ihrer Romane sind immer die Menschen in der Emigration, wie sie leben, wie sie sich fühlen, was sie denken, nach was sie sich sehnen.
Heimatlos verlangen sie nach dem Ruhepunkt in ihrem Leben – nicht nur geografisch, sie wollen in sich den zentralen Punkt ihres Lebens, ihres Gefühls finden, dort wo sie auch innerlich ihre „Heimat“ haben. Herausgerissen aus ihrem Land und ihrer Kultur stoßen diese Suchenden aber Glück, das außerhalb Ihrer Heimat nicht das wirkliche Glück sein kann, unbewusst von sich.

»Die Begleiterin« ist eine Geschichte von Liebe und Leidenschaft um eine schöne Sopranistin und ihre Begleiterin vor dem Hintergrund der Revolution und des Exil in Paris.

In »Das Buch vom dreifachen Glück« geht es um die sich entwickelnden verschiedenen Stadien der Liebe im Leben einer Frau. Kindlich-jugendlich ist es der Wunsch einen Menschen für sich zu besitzen (wie ein kleines Vögelchen), weil sie einsam ist; später ist es der Wunsch, für einen Menschen sorgen zu können, in Wirklichkeit ist es jedoch nur Mitleid; irgendwann in dieser Entwicklung entsteht die bedingungslose, reine Liebe.

»Die Gebieterin«
Sascha und sein Bruder Iwan, Emigranten aus St. Petersburg, teilen sich eine kleine Wohnung in Paris; Sascha studiert mit der Unterstützung seines Bruders Jura; die Mutter hat in Paris einen Amerikaner geheiratet und lebt in Pittsburgh, der Vater ist schon in Russland gestorben. Die einzigen ihm auch innerlich nahe stehenden Personen sind sein Bruder Iwan, dessen Freundin Katja und sein Freund Andrej. In diesem kleinen Kreis spielt sich sein Leben in recht eingefahrenen Gleisen ab, wobei er jedoch immer auf der Suche nach dem Glück ist. Über seinen Freund lernt er eines Tages Lena kennen, sie bringt sein Gemütsleben durcheinander. Er fühlt sich stark zu ihr hingezogen, wagt es jedoch nicht, sie anzusprechen. Sie ergreift die Initiative, und er ist nun vollkommen irritiert.

Für den »Der Lakai und die Hure« fand Nina Berberowa (wie zu dieser Zeit auch andere Emigrantenschriftsteller, 1948) keinen Verleger mehr. Sie musste einen Sammelband mit Novellen von einer „Organisation“ herausgeben lassen, dem CVJM (Christlicher Verein Junger Männer). Das Buch wurde gedruckt, dann stellte man jedoch fest, dass »Der Lakai und die Hure« „pornographische Szenen“ enthielte. Der Verkauf wurde gestoppt und das Buch blieb jahrelang im Keller des „Christlichen Vereins“ liegen.

In diesem Kurzroman folgt Tanja ihrem Vater, ein hoher russischer Beamter in Petersburg, nach der Revolution nach Japan. Sie heiratet Alexej, den Verlobten ihrer Schwester; beide versuchen ihr Glück in Paris, wo aber Alexej sehr bald stirbt.
Ratlos irrt Tania durch die Stadt der Verlockungen und des Überflusses, und doch gelingt es ihr nicht, den engen Kreis der armen russischen Immigranten zu verlassen.
Eine letzte Anstrengung führt sie in die Arme des Oberkellners Bologowskij, ehemaliger Leutnant in der Garde des Zaren. Und um doch noch an dem Überfluss der Stadt teilnehmen zu können, entwickelt sie einen teuflischen Plan.

»Das schwarze Übel«
Der russische Emigrant Jewgenij Petrowitsch hat in Paris seine heißgeliebte Frau verloren. Er versetzt die Diamantohrringe seiner Frau als Pfand für eine bessere Zukunft. Als er sie vor seiner geplanten Abreise nach Chicago abholt, haben sie plötzlich unerklärlicher Weise „das schwarze Übel“ und sind wertlos. Dabei wollte er mit ihnen seine Reise nach Amerika bezahlen.
Und dann kommt alles anders als geplant: Erst quartiert sich die schwarzäugige Revuetänzerin Alija mit ihrem riesigen lila Tüllrock in Jewgenijs Zimmer ein und möchte ihn zum Bleiben verführen. Dann – immerhin schon in New York angelangt – verliebt sich Ludmilla, die Tochter seines Chefs in ihn. Die Reise nach Chicago zu seinem Freund Drudschin wird ungewiss.
Das Paar Diamantohrringe ist eine Metapher für Jewgenij selbst. Der glänzende Diamant symbolisiert Jewgenijs Wissen um die Freude am Leben, um das Glück der Liebe. Der plötzlich schwarz gewordene Diamant, der früher eigentlich geglänzt hat und der eigentlich unmöglich plötzlich schwarz geworden sein kann, steht für Jewgenijs Einsamkeit, unter der er leidet und von der er sich aber nicht befreien kann, weil er es tief im Innersten nicht zulässt.

In »Die Damen aus St. Petersburg« kommt eine Mutter mit ihrer jugendlichen Tochter nach zwei Tagen mühevoller Bahnfahrt in einem Dorf in einer Pension an, in der schon andere geflüchtete Familien leben. Unglücklicherweise stirbt hier die Mutter und sie kann wegen der schwierigen Zeiten nur im Garten des Hauses beerdigt werden.
Viele Jahre später, schon nach der Revolution, kommt die Tochter aus St. Petersburg, jetzt selbst schon mit einer kleinen Tochter, wieder und findet nichts mehr.

»Soja Andrejewna«. Hier kommt eine junge Adlige aus Charkow mit einem Güterwagen in Rostow an; sie wurde evakuiert, hat sich hier ein Zimmer gemietet und hofft, hier auf ihren Geliebten warten zu können. Ihr gepflegtes Aussehen, an dem ihre Mitbewohner sofort ihre vornehme Herkunft erkennen, erweckt den Neid der anderen, die im Gegensatz zu ihr auf die revolutionären Truppen warten. Als sie krank wird, entlädt sich der gegen sie aufgestaute Hass.

Beide Erzählungen handeln von jungen Frauen, die vor der russischen Revolutionsarmee aus ihren Heimatstädten flüchten.

»Astaschew in Paris«. Ein junger Emigrant hat sich im Westen gut eingerichtet, er verkauft reichen Russen Lebensversicherungen. Er ist ein skrupelloser, selbstgerechter Erfolgsmensch, der sogar eine Frau, die ihn liebt, in den Selbstmord treibt. Bei seiner lasterhaften Schwiegermutter fühlt er sich wohl. Er ist ein aalglatter, geistloser Karrieremensch, dessen einziger Wunsch ist, über andere Macht auszuüben. Er ist dort, wo es sich für ihn lohnt, angepasst und gehört zu den Menschen, die Diktaturen erst möglich machen. Er verehrt den „Mann mit den wunderbaren Militärstiefeln, der Tausende von Männer mit gleichen Militärstiefeln grüßt“ (eine Metapher auf Stalin). Entstanden ist der Roman in den 30er Jahren, der Hochzeit (interessante Doppeldeutigkeit des Wortes!) des Stalinismus und Faschismus.

In ihrem letzten Jahr in Frankreich vor der Abreise in die USA berichtet Nina Berberowa für die russische Wochenzeitung »Russkaja Mysl« (Russischer Gedanke) als Beobachterin über den Prozess, den Wiktor Krawtschenko, ein ehemaliger hoher sowjetischer Funktionar (1944 geflohen), gegen die französische Zeitung »Lettres française« wegen Verleumdung führte. Die französische Zeitung behauptete, Krawtschenko habe sein Buch »Ich wählte die Freiheit« gar nicht selbst geschrieben, sondern der CIA; außerdem sei das Buch voller Lügen über die herrschenden Zustände in der Sowjetunion.

In »Die Affäre Krawtschenko« hat sie die Prozessberichte zusammengefasst.
Das gar nicht trockene, im Gegenteil sehr ausdrucksstark geschriebene Buch zeigt – was heute niemand mehr weiß – wie kommunistenfreundlich, ja sowjethörig zumindest die französische Presse damals gewesen ist, was auch der Grund war, dass viele russische Emigranten in die USA weitergezogen sind. Krawtschenko konnte alle seine Berichte über die sowjetischen Zustände belegen und gewann den Prozess.

Farbig und ausdrucksstark geschrieben, drückt Nina Berberowa ihre Verehrung für Tschaikowsky in der Biographie »Tschaikowsky. Geschichte eines einsamen Mannes« aus.
Nicht voyeurhaft, aber zutiefst menschlich spürt sie der Person nach und bringt außerdem Fakten über den großen Komponisten, die heute meist übergangen werden. Ihre journalistischen Fähigkeiten zeigen sich in der Art und Weise, wie sie – ich meine spannend – gleichzeitig das zeitgeschichtliche Umfeld beschreibt.

»Baronin Budberg – Abenteurerin, Doppelagentin, Femme fatale« ist die Biografie der „Sekretärin“ Gorkis während seiner gesamten westeuropäischen Zeit und darüber hinaus eine hervorragende Beschreibung der politischen Situation zur Zeit der Revolution und zusätzlich eine biografische Fundgrube über Gorki.
In »Ich komme aus St. Petersburg. Autobiographie« schreibt sie:

„Dies ist kein Buch der Erinnerungen. Es ist die Geschichte meines Lebens, ein Versuch, dieses Leben in chronologischer Ordnung zu erzählen und seinen Sinn zu enthüllen. Ich liebte und liebe das Leben, aber nicht mehr und nicht weniger liebe ich den Sinn des Lebens. Ich schreibe über mich, über die, die ich war und die ich bin, und wenn ich über die Vergangenheit spreche, tue ich dies mit meiner heutigen Sprache.“
Sie öffnet sich dem Leser und zeigt eine faszinierende Person und eine ebenso faszinierende, aber auch erschütternde Zeit.

Aber aus dieser Autobiografie wurde weit mehr:
Mit ihrer ausdrucksstarken Sprache und ihren schriftstellerischen Fähigkeiten zeichnet sie ein Bild der russischen Emigrantenzeit und ihrer Hintergründe, wie man es sonst nicht findet. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass ihre Autobiografie eine Kulturgeschichte dieser Zeit ist – und viele Autoren unserer Zeit greifen auch auf ihre Arbeit zurück. In ihr finden sich fast alle Akteure und Fakten des kulturellen Lebens – auch viele des politischen – bekannte und schon (auch zu Unrecht) vergessene.
Das angefügte »Personen- und Sachregister« ist eine Fundgrube par excellence. Von Bakunin über Blok, Diaghilew, Gorki, Prokofieff, Martow, Nabokov bis Pasternak, es finden sich alle – auch solche, die erst heute langsam wieder aus dem Nebel der Vergessenheit aufsteigen.

Ein ihr ganzes Leben charakterisierendes Kindheitserlebnis beschreibt sie in ihren Erinnerungen so:
„Es ist ein alter Brunnen, in den ich von da an jeden Sommer hineinschauen sollte: Er ist leer, trocken und schwarz, schon lange ist kein Wasser mehr darin. Und Jahr um Jahr habe ich da hinuntergeschaut. Immer tiefer und tiefer, bis ich schließlich mit 12 Jahren den Wunsch verspürte, mich hinunterzulassen. Aber man kann sich nicht einfach hinunterlassen, man kann nur sehen und hören, wie in der Tiefe, wo es schon lange trocken ist, manchmal irgendetwas knistert und raschelt. Und da kommt mir in den Sinn, dass mich ja irgendeiner dorthin befördern und vergessen könnte und ich verdursten müsste. Und sofort wünsche ich mir, dass dies so bald wie möglich geschehen möge, damit ich auf dem Grund des Brunnens eine Wasserstelle, eine Quelle, finden könnte, um meinen Durst zu stillen. Ja, ich würde sie finden und aus ihr trinken, und niemand würde wissen, dass ich noch lebe, dass ich nicht aufgehört habe zu denken, dass ich Verse über den Brunnen und die Quelle mache und dass diese Quelle für mich allein fließt.“

Sie wollte zeit ihres Lebens den Dingen auf den Grund gehen, sie wollte das Glück finden, das Lebens erhaltende Ur-Glück, sie wollte es für sich allein haben, wohl wissend, dass das nicht möglich ist, weil sie eben jenes Glück damit wieder zerstört – und sie wollte es in Versen beschreiben.

 

Ihre Gedichte, derentwegen sie ursprünglich berühmt wurde, veröffentlichte sie hauptsächlich in der Emigrantenzeitung »Poslednie novosti« (Letzte Nachrichten), deren Mitarbeiterin sie 15 Jahre lang war; gegen Ende ihres Lebens fasste sie ihr gesamtes lyrisches Schaffen in dem Gedichtband »Stichi« (Gedichte) zusammen.
Leider ist fast keines von ihnen bisher in deutscher Sprache erschienen (zumindest habe ich keines gefunden) – eine lohnenswerte Aufgabe für einen Lyriker und Übersetzer.

Ebenso sind ihre ersten Romane »Bilankurskie pradzniki« (Feiertage in Billiancourt), »Poslednie i Pervye« (Die Letzten und die Ersten, 1930), »Povelitelniza« (Ihre Majestät, 1932) und »Bes Zakata« (Ohne Sonnenuntergang, 1938) nie auf Deutsch erschienen – zumindest konnte ich auch sie nirgends finden.

In ihrer amerikanischen Zeit schrieb sie ausschließlich literarische Sachbücher:
»Alexander Blok und seine Zeit«, »Nabokov und seine Lolita«, »Menschen und Logen«, »Die Auferstehung Mozarts« – alle in deutscher Sprache nicht auffindbar.

Nun aber genug dessen, was wir nicht (auf Deutsch) lesen können.
In deutscher Sprache sind von ihr erschienen:
»Die Begleiterin« (deutsch 1987)
»Die Gebieterin« (Povelitel’nica, 1932, deutsch 1997)
»Das Buch vom dreifachen Glück« (Kniga stchastia, 1936, deutsch 1997)
»Astaschew in Paris« (Oblegtschenie utschasti, eigentlich „Erleichterung des Schicksals“, 1947, deutsch 1989)
»Das schwarze Übel« (französisch 1989, Manuskript ca. 1950?, deutsch 1993)
»Ich komme aus St. Petersburg. Autobiographie« (Kursif moi, 1966, deutsch 1990)
»Der Lakai und die Hure« (Lakei i dewka, 1949, deutsch 1988)
»Die Damen aus St. Petersburg« (deutsch 2000)
»Die Affäre Krawtschenko« (als Prozessbericht in der Zeitung „Russkaja Mysl“ 1949, deutsch 1991)
»Tschaikowsky, Geschichte eines einsamen Lebens« (deutsch 1938)
»Baronin Budberg« (Železnaja ženščina), die Biografie der geheimnisvollen russischen Baronin Marija Budberg

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.