Neues Werk auf der Krim – Fortsetzung: Wirtschaft muss Druck auf die Politik machen

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Zu Beginn der zweiten Diskussionsrunde erinnerte der frühere brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck daran, dass 2015 in doppelter Hinsicht ein besonderes Jahr ist – 70 Jahre Sieg über den Hitlerfaschismus und 25 Jahre deutsche Einheit. „Ich hatte mich schon auf zwei großartige Feste mit unseren russischen Freunden gefreut, aber bis dahin sind noch große Steine aus dem Weg zu räumen“, gestand der Vorsitzende des deutsch-russischen Forums ein. Aber es sei noch nicht zu spät, wenn jetzt alle Seiten innehielten und sich fragten, was sie tun könnten, um die äußerst kritische Lage zu entspannen. Der Westen sollte unbedingt den Dialog mit Russland weiterführen, forderte er und wies darauf hin, dass ohne die Zustimmung der damaligen Sowjetunion die deutsche Einheit wohl kaum so schnell zustande gekommen wäre. Gefragt, welche Erfahrungen er als ehemaliger Ministerpräsident eines Bundeslandes an russische Regionen vermitteln könnte, hob er hervor, dass es der Mut zur Dezentralisierung auf dem Gebiet der ehemaligen DDR war, der die dynamische Entwicklung Brandenburgs in den vergangen 25 Jahren möglich gemacht habe. Heute sei das Land in vielen Bereichen, wie Schulbildung, Landwirtschaft oder Umwelttechnologie beispielgebend in der Bundesrepublik.

Dass an der gegenwärtigen Krise Fehler aller Beteiligten Schuld sind, räumte auch der Direktor des Wirtschaftsinsitutes der Russischen Akademie der Wissenschaften und Co-Vorsitzende des MEF, Prof. Dr. Ruslan Grinberg, ein. Allerdings lägen diese vor allem in der Vergangenheit. Während der Westen die Auflösung des Ostblocks sowie der Sowjetunion als seinen Sieg gefeiert habe und im Folgenden entsprechend verfahren sei, habe Russland gegenüber den ehemaligen Sowjetrepubliken den „großen Bruder“ spielen wollen, was aber nicht funktioniert habe. Deshalb sollten nun beide Seiten ihre Positionen gründlich überdenken.

Gewinne wiegen derzeitige Verluste wieder auf

Bereits 1867 habe Siemens seine erste Niederlassung in Russland eröffnet und vor allem nach dem zweiten Weltkrieg seine Positionen hier kontinuierlich ausgebaut. Der Konzern verfüge derzeit über elf Produktionsstandorte im Land, erzählte Carsten Hasbach, Leiter Strategie und Marktentwicklung von Siemens Russsland und Zentralasien. Erst in der vergangen Woche habe man in Brjansk mit dem russischen Unternehmen Termotron einen Vertrag über die gemeinsame Produktion von Ausrüstungen für Hochgeschwindigkeitszüge geschlossen. Grundlage für unser erfolgreiches Arbeiten in Russland ist das in den vielen Jahren gewachsene gegenseitige Vertrauen“, erklärte er. Dieses Vertrauen dürfe nicht durch politische Einflussnahme untergraben werden, vielmehr solleves dafür genutzt werden, Lösungen zu finden. Zwar habe man im Zuge der Wirtschaftskrise in Russland und der Sanktionen im vergangen Jahr etwa 20 Prozent Verlust gemacht, aber da in den Jahren zuvor jeweils ebenso hohe Gewinne eingefahren wurden, müsse das relativiert werden. Sicher sei der schwache Rubel ein gutes Argument für die Lokalisierung von Produktionen, aber Russland sei kein Niedriglohnland, gab er zu bedenken. Deshalb sollte ein westliches Unternehmen vor einer solchen Entscheidung auch die Absatzmöglichkeiten auf dem Binnenmarkt genau prüfen, zum Beispiel Abnahmegarantien für die Einlaufphase vereinbaren.

Als eine der Ursachen für die Wirtschaftskrise machte der Vorstandsvorsitzende der St. Petersburger OAO Swesda, Dr. Pawel Plawnik, den Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften, vor allem Ingenieuren, aus. Demgegenüber sei in Deutschland die auf einer hohen Industriekultur fußende Ausbildung technischer Spezialisten das größte Kapital. Hier gebe es, ungeachtet aller Sanktionen, große Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

Ähnlich argumentierte auch der Filialleiter der SAO Commerzbank Eurasia in St. Petersburg, Torsten Erdmann: „Sicher gibt es die Sanktionen, aber sie lassen auch im Finanzsektor viele Ausnahmen zu, so dass wir unser Kerngeschäft, die Finanzierung von Handelsgeschäften und Investitionen, im Wesentlichen weiter betreiben können.“ Auch die Exportabsicherung über HERMES-Garantien werde nach wie vor gewährt. Allerdings habe durch die verschärften Regelungen und längeren Bearbeitungszeiten die Unsicherheit auf beiden Seiten zugenommen,was unter anderem dazu führe, das praktisch alle Banken, nicht nur die unter die Sanktionen fallenden, betroffen seien. Dennoch sei keine ausländische Bank vom russischen Markt gegangen und auch russische Banken, wie die Sberbank und die WTB, seien nach wie vor in Deutschland aktiv und bieten beispielsweise attraktive Zinsen für Kleinsparer. „Jetzt, in dieser schwierigen Situation zahlt sich aus, das Verlässlichkeit, gegenseitige Achtung und Vertrauen die Grundprinzipien unserer Tätigkeit auch in Russland sind“, sagte der Banker.

Neues Werk auf der Krim

Die Notwendigkeit und Möglichkeit von Investitionen in Russland sieht auch Jens Dallendörfer, Geschäftsführer der WILO GmbH, einer der weltweit führenden Hersteller von Pumpen und Pumpensystemen für die Heizungs-, Kälte- und Klimatechnik sowie für Wasserversorgung. „Wir haben in unser Werk in Noginsk 40 Millionen Euro investiert, allerdings ohne die Hilfe von Banken. Wir haben dafür einen Teil des Geldes, das wir hier verdient haben, verwendet.“ So entstand hier beispielsweise das größte Pumpen-Testbecken in Russland. Im Juli eröffnete das Unternehmen ein Werk auf der Krim. „Unsere Erfahrung ist: Wenn deutsche und russische Ingenieure gemeinsam an einem Projekt arbeiten, ist das Ergebnis von höchster Qualität“, betonte er. Einer seiner russischen Partner, der Generaldirektor des Noginsker Werkes für Wärmeanlagen, Alexej Barbalat, erläuterte, dass sich die allgemeine Unsicherheit im Zusammenhang mit den Sanktionen auch darin äußere, dass im Westen bestellte Ausrüstungen von russischer Seite zwar bezahlt worden seien, aber niemand sagen könne, ob und wann sie geliefert werden, auch wenn sei nicht auf der Embargo-Liste stehen.

Uwe Leuschner, Vice President of Business Development bei DB Schenker Logistics, Region Europe East & Central Asia, und Vorstandsmitglied des Wirtschaftsclubs Russland machte deutlich,  dass die ausländischen Unternehmen nach Russland gekommen seien, um erfolgreich Geschäfte zu machen. Deshalb lasse man sich auch jetzt nicht von der schwierige Situation abschrecken, wie schon 1998 oder 2008/09. „Wir bleiben!“, versicherte er, zumal die Logistik in Russland eine immer wichtigere Rolle spiele. Er teilte mit, dass sein Unternehmen kurz vor dem Abschluss der kompletten Logistik für die WM 2018 stehe. Allerdings wünsche man sich von seinen russischen Partnern eine Verbesserung der Rahmenbedingungen, wie mehr Steuergerechtigkeit, besser ausgebildete Kader und mehr unternehmerische Freiheit. Für diejenigen Unternehmen aus Deutschland, die sich für eine Tätigkeit in Russland interessieren, bot Leuschner die Unterstützung des WCR beim Finden von Partnern und ein Forum für den Meinungsaustausch an.

Gerade für die Entwicklung von Zukunftstechnologien sei Russland ein Erfolg versprechender Standort, meinte Jan Berger, Geschäftsführer von 2b AHEAD ThinkTank. Dafür müsse man sich im Westen aber von überkommenen Vorurteilen befreien. „Es mag zwar sein, dass die Straßen in Russland vielfach schlechter sind als in Deutschland, aber die Datenautobahnen sind deutlich schneller“.

Natürlich haben auch die in Russland tätigen bayerischen Unternehmen im vergangenen Jahr die Auswirkungen von Krise und Sanktionen zu spüren bekommen, räumte Fjodor Chodorchorkin, Leiter der Repräsentanz des Freistaates Bayern in der Russischen Föderation, ein. Er sei aber überzeugt, dass es ihnen mit bajuwarischer Hartnäckigkeit gelinge, diese nicht einfache Zeit zu überstehen.

In seinem Resümee stellte Falk Tischendorf, Rechtsanwalt und Managing Partner des Moskauer Büros von BEITEN BURKHARDT, fest, dass die Konferenz gezeigt habe, wie wichtig und nützlich der Dialog zwischen deutschen und russischen Unternehmen, aber auch zwischen Wirtschaft und Politik in beiden Ländern sei. Sein Co-Moderator Prof. Dr. Andrej Kobjakow meinte, der offene und konstruktive Meinungsaustausch habe Mut gemacht, dass es gemeinsam gelingen werde, diese schwierige Phase in den gemeinsamen Beziehungen zu überwinden.

Hartmut Hübner

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Über den Autor

Hartmut Hübner
Gelernter und sogar diplomierter Journalist. Nachdem ich im Ergebnis einer Fahrt auf einem Riesenrad von meinem ursprünglichen Wunsch, Pilot zu werden, endgültig Abschied genommen hatte, beschloss ich als, „rasender Reporter“ aus der ganzen Welt zu berichten. Als „Mittagspausen-Notenkoch“ im Schulfunk und Volontär bei der Berliner Zeitung „Junge Welt“ begann meine journalistische Karriere, die sich nach dem Studium als Verantwortlicher für eine Zeitung im sächsischen Gesundheitswesen, Pressesprecher an der Leipziger Sporthochschule DHfK und Redakteur an der Leipziger Volkszeitung fortsetzte, bis ich mir einen Kindheitstraum erfüllte und ein freies Korrespondentenbüro in Moskau übernahm. Das war 1995 – und seither lässt mich Russland nicht mehr los.