Neues russisches Kosmodrom Wostotschny ist startbereit

Foto: Wikipedia/Vitaly V. Kuzmin CC BY-SA 3.0Foto: Wikipedia/Vitaly V. Kuzmin CC BY-SA 3.0
image_pdfimage_print

[Von Lothar Deeg] – Seit Juri Gagarins Zeiten ist Russlands Raumfahrt-Basis in Baikonur. Doch der Weltraumbahnhof liegt in Kasachstan – und wird von Russland gemietet. Nach vielen Skandalen beim Bau geht nun eine neue Startrampe im eigenen Land in Betrieb.

Am Mittwoch um 5 Uhr morgens Moskauer Zeit wird es soweit sein – sofern der Start nicht wegen schlechtem Wetters oder technischer Probleme verschoben werden muss: Vom neu gebauten Kosmodrom Wostotschny („Das Östliche“) wird die erste Rakete starten. Die Trägerrakete vom Typ Sojus 2.1a soll drei Satelliten ins Weltall befördern. Vor Ort ist es dann aber schon 11 Uhr, denn Russlands neue Raumfahrtbasis liegt im Fernen Osten, 180 Kilometer nordöstlich von Blagoweschtschensk, der Hauptstadt des Amur-Gebiets.

Putin kommt gucken

Augenzeuge des Starts wird auch Präsident Wladimir Putin sein – denn für Russlands Raumfahrt bedeutet die Inbetriebnahme eines neuen Weltraumbahnhofs einen wichtigen Schritt. Ganz in der Nähe befand sich zwar bereits ein unter dem Namen Swobodny bekannt gewordener Raketenstartplatz des russischen Militärs. Doch von 1997 bis 2006 erfolgten hier nur fünf Starts von Trägerraketen mit Satelliten, dann wurde dieses Kosmodrom geschlossen. Russland hatte damit auf eigenem Territorium nur noch den Startplatz in Plesezk in Nordrussland zur Verfügung.

Ganz in der Nähe von Swobodny begann man 2007 auf Putins Geheiß jedoch mit dem Bau einer neuen Startrampe, die im Endausbau auch für die bemannte Raumfahrt einsetzbar sein soll. Im großen Stil fingen die Bauarbeiten aber erst 2012 an. Damit war auch die Existenz des dazugehörigen Raumfahrt-Städtchens Uglegorsk gesichert. Letztes Jahr wurde der 6000-Einwohner-Ort in Ziolkowski umbenannt – der Name des russischen Raketentechnik-Pioniers ist zweifellos klangvoller als das bisherige „Kohlenberg“.

Unbeugsame Dorfbewohner fürchten kein Herabfallen des Himmels

Die Gegend an diesem fernöstlichen Abschnitt der Transsib ist ziemlich dünn besiedelt. Für die Raumfahrt ist dies von Vorteil, denn ganz ungefährlich sind Raketenstarts schließlich nicht. Auch fällt die erste Antriebsstufe alsbald nach dem Start irgendwo zu Boden. Aufgrund des ersten Starts muss am Mittwoch nur das 30 Kilometer nördlich an der Seja gelegene Dorf Tschagojan vorübergehend evakuiert werden: 70 der 300 Bewohner haben aber angekündigt, auf eigene Gefahr in ihren Häusern bleiben zu wollen. Sie fürchten, Plünderer könnten sich über Haus und Hof und Vieh hermachen, während die Eigentümer aus sicherer Entfernung die Start-Premiere verfolgen werden.

Allzu oft werden die Dorfbewohner ihre Siedlung in Zukunft nicht verlassen müssen, denn mehr als acht bis zehn Starts pro Jahr wird es in Wostotschny auch dann nicht geben, wenn hier ab 2023 auch bemannte Raketen zur Raumstation ISS abheben sollen. Dauerhaft evakuiert wurde dieser Tage allerdings ein schwarzer Kater, der während der Bauzeit in nur 100 Meter Entfernung von der Startrampe unter einem Bauwagen heimisch geworden sei, berichtet RIA Nowosti.

Baikonur wird noch lange gebraucht

Bis Wostochny dem in Zentralkasachstan gelegenen alten sowjetischen Weltraumbahnhof Baikonur ernsthaft Konkurrenz machen kann, muss aber noch sehr viel Geld und Beton in die Amur-Taiga gepumpt werden. Momentan sind nur 11 von 20 Einzelobjekte des Kosmodroms fertig gestellt – das sogenannte „Startminimum“. Während der Bauzeit mussten die gigantischen Pläne aus Einsparungsgründen deutlich zusammengekürzt werden. Gleichzeitig warfen Pfusch, Streiks der auf ihre Löhne harrenden Arbeiter und immer neue Betrugs- und Korruptionsskandale das Großprojekt zurück. Die Inbetriebnahme war ursprünglich für 2015 vorgesehen gewesen.

Wie die Wirtschaftszeitschrift „Dengi“ berichtet, summieren sich die bisher bekannt gewordenen Affären und 20 Ermittlungsverfahren auf eine Schadenssumme von 7,5 Mrd. Rubel (ca. 100 Mio. Euro). Die bisher aufgelaufenen realen Gesamtkosten des Projekts werden dabei in dem umfangreichen Artikel nicht genannt. 2009 seien die Baukosten zunächst auf 250 Mrd. Rubel (damals ca. 6 Mrd. Euro) veranschlagt worden, heißt es.

Unter rein finanziellen Aspekten wird sich der Bau von Wostoschny deshalb wohl nie lohnen: Russland zahlt Kasachstan gegenwärtig jährlich 115 Mio. Dollar Miete für die Nutzung von Baikonur – und vor 2025 wird die russische Raumfahrt auf die Basis in der kasachischen Steppe unmöglich verzichten können. Eigentlich ist dies auch gar nicht geplant.

Aber für den Fall, dass der südliche Nachbar vielleicht eines Tages, irgendwann einmal „nach Nasarbajew“, Russland die kalte Schulter zeigen könnte und sein Mietangebot zurückziehen oder drastisch verteuern könnte, hat Russland nun mit Raumfahrt-Ressourcen im eigenen Land vorgesorgt. Es soll ja schon vorgekommen sein, dass sich „Brudernationen“ relativ plötzlich von Moskau abgewandt haben – und das mitten in Kasachstan gelegene Baikonur zu annektieren, das wäre nun ziemlich schwierig.

[Lothar Deeg – russland.RU]

 

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.