Nawalny lässt sich wieder einmal festnehmen

Foto: Wikipedia/Evgeny Feldman CC BY-SA 4.0

[Kommentar von Michael Barth] Eines muss man dem Kreml-Kritiker Alexej Nawalny lassen – er weiß genau wie man sich plakativ in Szene setzt. Publikumswirksame Festnahmen scheinen dabei sein Spezialgebiet zu sein. Zum heutigen „Tag Russlands“ war es wieder einmal soweit.

Tausende seien auf den Straßen im ganzen Land gewesen um zu demonstrieren, hieß es hinterher in den westlichen Medien. Hunderte seien daraufhin verhaftet worden. Was will man von Russland auch anderes erwarten, so denkt man. Gegen die Korruption, die demnach allgegenwärtig sein muss, wollte man demonstrieren. Recht so, das empfindet man. Zielgenau wurde einmal mehr suggeriert, dass Russland ein Schurkenstaat sondergleichen sein muss und der Kreml-Kritiker Nawalny gleich einer modernen Jean d‘ Arc gegen Korruption und für die Gerechtigkeit im Land ins Felde zieht. Für, meist jugendliche, Oppositionelle ist er mittlerweile eine Ikone.

Zunächst scheint es angebracht die Zahlen ein wenig zu relativieren. Tausende, Hunderte – das hört sich zunächst einmal nach fürchterlich viel an. Immens viel sogar, wenn man außer acht lässt, dass in Russland etwa 140 Millionen Menschen leben. Somit bleibt für jede Demonstration über das ganze Land verteilt gerade einmal eine maximale Teilnehmerzahl im unteren dreistelligen Bereich. Hand aufs Herz: So richtig viel ist das, bei allem Medienrummel, nun nicht gerade. Vor allem Jugendliche versucht Nawalny via sozialer Netzwerke für seine Protestmärsche zu rekrutieren.

Die älteren Teilnehmer die bisher, vor allem fernab der Großen Städte Moskau und St. Petersburg, mit auf die Straße gingen, zeigten sich hingegen weniger an irgendwelchen Missständen im fernen Kreml, sondern eher an Ungereimtheiten ihrer Lokalbehörden interessiert. Zudem ist es eine von vornherein zum Scheitern verurteilte Idee, eine Demonstration während eines nationalen Gedenktages veranstalten zu wollen, an dem die Innenstädte ohnehin von Menschenmengen überströmt sind. Selbst wenn derlei Protestveranstaltungen seitens der Behörden genehmigt werden, werden sie aus dem Zentrum verbannt.

Und, bei allem Respekt, auch anderorts ist es üblich, dass die Sicherheitskräfte bei Verstößen gegen die Demonstrationsordnung befugt sind, Teilnehmer kurzzeitig zur Aufnahme der Personalien festzusetzen. Nawaly hingegen scheint es regelmäßig darauf anzulegen, dass ausgerechnet er als Erster von der Polizei abgeführt wird. Dass ihm eine laufende Bewährungsfrist wegen Korruption anhängt, wird bei allem Trubel um seine Person stillschweigend unter den Tisch gekehrt. Seiner Imagepflege im Westen kann es allemal nur dienlich sein.

Alexej Nawalny macht kein Hehl daraus, dass er sich gerne in der Rolle des nächsten Präsidenten Russlands sähe. Unterstützung erfährt er gerade von denjenigen, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion unrechtmäßig ein Vermögen anhäuften. Öffentlich zu sehen sind sie nicht, sie bezahlen Nawalny nur mit ihrem schmutzigen Geld, das sie mittlerweile ins Ausland verbracht haben. Ihnen kann der künftige Präsidentschaftskandidat, der sich so gerne aus dem Fenster lehnt, als Handlanger nur recht sein. Es erinnert an den von langer, unsichtbarer Hand geplanten Staatsstreich in der Ukraine, der ab dem November 2013 im Euromaidan gipfelte.

Ob und wie viel Chancen der Kreml-Kritiker bei den Wahlen im kommenden Jahr 2018 hat der neue russische Präsident zu werden sei vorerst dahingestellt. Nicht umsonst sind die Russen mehrheitlich mit ihrem derzeitigen Staatsoberhaupt zufrieden. Dies ergaben regelmäßige Umfragen von als seriös einzustufenden Instituten zur Meinungsforschung, bei denen Wladimir Putin von einer breiten Mehrheit als Favorit genannt wurde. Und das scheint, entgegen aller westlichen Interessen, momentan auch ganz vernünftig zu sein.

[Michael Barth/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.