Nachwort zu Iwan Turgenjew

und eine kleine Geschichte der erotischen Literatur und der Sitten

Lucas Cranach d.Ä Drei Grazien 1530

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Um zu verstehen, warum die Rolle des Mannes in Turgenjews und in Werken anderer Schriftsteller seiner Zeit sehr häufig die eines Leidenden, der oft bis zum bitteren Ende entsagt – durch Selbstmord, durch Herausforderung einer Situation, die ihn ums Leben bringt, oder ganz einfach durch qualvolles und stumpfsinniges Dahinsiechen bis zur Erlösung im Tode ist, muss man einen Blick zurück in die Geschichte werfen und die allmähliche Veränderung der Beziehung zwischen Mann und Frau betrachten. Auch wenn es interessant wäre, damit im wahrsten Sinn des Wortes bei Adam und Eva zu beginnen, soll der Einstieg hier im endenden Mittelalter erfolgen, und was eigentlich Bände füllen würde, kann nur skizziert werden – es wird auch so schon eine lange „Geschichte“. Bei der Darstellung geht es um eine Grundlinie; Abweichungen in verschiedene Richtungen müssen vernachlässigt werden. Außerdem kann größtenteils nur die gesellschaftliche Oberschicht betrachtet werden, aber die hatte auch bei diesem Thema das alleinige Sagen und wirkte so oder so meinungsbildend auf die Unterschichten.

Hier also ein kleiner Ausflug in die Geschichte der Beziehung zwischen Mann und Frau – letztlich eine Geschichte der gesellschaftlichen (nur bedingt politischen) Emanzipation der Frau, die zu Turgenjews Zeiten im Vergleich zu früher ja schon eine recht dominierende Stellung innehatte – und gleichzeitig ein Ausflug in die Literaturgeschichte, in die Geschichte der erotischen, aber auch gesellschaftskritischen Literatur.

Das Mittelalter war zwar die Zeit, in der die Frauen verehrt, fast schon transzendiert wurden – siehe Minnegesänge und Ritterturniere, bei denen die Ritter im Namen ihrer Angebeteten antraten –, auf alltagspraktischer Ebene aber war es ein rein männliches Zeitalter. Alle Rechte lagen (auch juristisch) beim Mann; die Frau hatte nur jene, die ihr der Mann zugestand, und im Extremfall nahm er sich einfach, was er wollte. Kam es zu einem „Unfall“ und wurde nach einer Antwort auf die Frage nach der Schuld gesucht, dann lag diese fast immer bei der Frau – sie war im Bund mit der Schlange (wie auch schon in der Bibel nachzulesen ist) die Verführerin. Um es der Schlange so schwer wie möglich zu machen, war die Frau vollständig in Kleidung verpackt, ja eingemummt. Nacktheit war Sünde – selbst der Geschlechtsverkehr war eigentlich nur zum Zweck des Kinder-Erzeugens gestattet.

Mit dem Einsetzen der „Renaissance“ begann sich die Sittenstrenge zu mildern – damals entstand beispielsweise das berühmte Decamerone von Giovanni Boccaccio . Nicht zuletzt durch den Kenntnisdrang des Menschen, sprich die wissenschaftliche Forschung, und durch das Streben nach natürlicher Schönheit geriet der nackte menschliche Körper – und, wen wundert’s, wo doch die Künstler Männer waren, besonders der der Frau – immer mehr ins Visier von Malerei und Bildhauerei: Leonardo da Vinci , Sandro Botticelli , Luca Signorelli , Giorgione , Tizian , Domenico Tintoretto , Peter Paul Rubens , Lucas Cranach der Ältere und Michelangelo sind nur einige der Großen, die zu jener Zeit herrliche Akte schufen. Die Darstellung der Nacktheit war aber nicht nur eine akademisch-idealistische, sie hatte sehr häufig auch sexuelle Bezüge, die der heutige Betrachter aber kaum noch erkennt, da er „Gröberes“ gewohnt ist. Die Frau wurde zum Lustobjekt und erkannte das auch – was später dann Folgen haben sollte.

Auch in der Literatur ging es in der Renaissance freizügiger zu. Hier machte sich z. B. Pietro Aretino mit seinen Sonetti lussuriosi – dank derer er heute als Urvater der pornografischen Literatur gilt – einen Namen und wurde prompt auf den Index gesetzt. Auch seine Kurtisanengespräche (Vernünftiges Gespräch der Nanna und der Antonia, 1534, und Zwiesprache, in der Nanna die Pippa unterrichtet, 1536) sind zu erotischen Klassikern geworden.
Den Roman gab es bekanntlich noch nicht, die Komödie war das Genre der Renaissance. Von der Tragödie – ein prominentes Beispiel ist Shakespeares Romeo und Julia von 1597 – hielt man nicht viel – das Leben war mit seinen Seuchen (Pest) und Kriegen (Dreißigjähriger Krieg) schon tragisch genug. Die Handlung der Komödie kreiste im Prinzip stets darum, dass eine verheiratete Frau ihrem Mann Hörner aufsetzt – die Frauen sind pfiffig und wissen, sich ihre „Freiheiten“ zu nehmen – oder dass sich ein junges Mädchen entgegen dem Verbot seiner Eltern mit einem Liebhaber trifft und ihm „seine Jungfräulichkeit opfert“ – was man nicht mehr als so verwerflich ansieht wie im Mittelalter. Der Mann darf vor und in der Ehe alles, riskiert allerdings manchmal, von seiner resoluten Ehefrau verprügelt zu werden. Große Meister dieser Zeit waren Niccoló Machiavelli und Ludovico Ariosto . Ein sehr genaues Bild der (französischen) Renaissance-Gesellschaft gibt Pierre de Bourdeille, Seigneur de Brantôme in seinem Das Leben der galanten Damen wieder, das auf seinen Wunsch hin erst 1665, also fünfzig Jahre nach seinem Tode, erschienen ist – er wusste warum.
Das Zeitalter der Renaissance war im Prinzip noch immer ein Zeitalter des Mannes – zwar kämpfte er nicht mehr mit Lanze zu Pferd wie im Mittelalter, er kämpfte jetzt ohne Pferd – mit Lanze; und wenn er diese Kämpfe nicht bestand, machte er sich lächerlich.

Im Zeitalter des Barock und, daran anschließend, des Rokoko , das nicht umsonst „das galante Zeitalter“ genannt wird, änderten sich die Verhältnisse grundsätzlich: Es begann ein Zeitalter der Frau. Denn diese hatte peu à peu ihre Macht im sexuellen Geschlechterkampf erkannt. Noch zeitigte das natürlich keine juristischen Konsequenzen, aber in der (besseren) Gesellschaft gaben die Frauen bald den Ton an, die Männer mussten sich jetzt erbitten (und erflehen), was sie sich früher im Kampfe nahmen. Es ist das Zeitalter der höchst einflussreichen, ja (auch im politischen Sinne) regierenden Maitressen der Könige wie Madame de Pompadour, Madame du Barry, Herzogin Louise de la Vallière, Marquise de Montespan, Louise de Kérouaille. Aber nicht nur die Könige, alle hochgestellten, einflussreichen Adligen hatten Maitressen – und nicht nur in Frankreich. Zwar konnten diese rechtlich keine Ansprüche stellen, in der Praxis jedoch wurden sie und ihre Nachkommen und Verwandten mit Adelstiteln und Besitz überhäuft, so dass man schon von einem „Bettadel“ sprechen konnte. Es war aber auch die Zeit der Königinnen und Kaiserinnen: Maria Theresia von Österreich, in England Anne Stuart und in Russland die vier Kaiserinnen des 18. Jahrhunderts, Katharina I., Anna Ivanovna, Elisabeth Petrovna und Katharina die Große.
Auch auf der Theaterbühne eroberten sich die Frauen endlich ihre Rollen, die bis dahin von Männern gespielt worden waren – die schönen Schauspielerinnen wurden in der Aristokratie sehr schnell zu begehrten Liebhaberinnen (und sorgten tatkräftig für die Ausbreitung der Syphilis und der Gonorrhoe – dem volksmündlichen „Tripper“, den man damals für eine Stufe der Syphilis hielt).

Mitte des 18. Jahrhunderts begann aber auch die Zeit der Aufklärung im Bürgertum – nun wurden auch Rechte gefordert. Die, die sie forderten, waren zunächst schöngeistige Männer und noch keine Revolutionäre. Eine überfällige Sozial- und Sexualrechtsreform wurde gefordert, denn de jure war bisher alles beim Alten geblieben. Das heißt für die Geschlechterrollen: Alle Rechte waren beim Mann, alle Pflichten bei der Frau. Nur war die Frau dem Mann nicht mehr hörig; selbst wenn sie sich ihm aus materiellem Interesse hingab – sei es durch eine vorteilhafte Heirat, sei es als Prostituierte für Geld –, hatte sie nur einen Genuss für einen anderen eingetauscht, sie wurde nicht mehr zum Eigentum des Mannes, wie es im Mittelalter der Fall gewesen war.

In der Literatur kam der sogenannte Sittenroman in Mode. Darin hatte sich der Wind für den Mann gedreht, wofür wohl vor allem das zügellose Leben der Oberschicht verantwortlich war, und sicherlich spielte – in der Entrüstung mitschwingend – auch der Neid der Unterschicht auf dieses Leben eine Rolle. Der Liebhaber stammt in dieser Romanform stets aus einer höheren Klasse als die Geliebte; er ist der Verführer und die Geliebte geht im Elend zugrunde. Nicht die Schlange Eva ist – wie einst im Mittelalter – die Schuldige, sondern der Mann, ein Mephisto.
Der Priester Antoine- François Prévost, genannt L‘Abbé Prévost , ist mit seinem Roman Geschichte des Chevalier des Grieux und der Manon Lescaut der „Erfinder“ des Sittenromans. Samuel Richardson folgte 1740 mit dem Briefroman Pamela oder die belohnte Tugend, in dem er (im Gegensatz zum Abbé Prévost) den glücklichen Ausgang darstellt, der möglich ist, wenn das Mädchen tugendhaft bleibt.

Die unterhaltenden Liebesromane dieser Zeit, geschrieben von Schriftstellern wie Claude Prosper Jolyot de Crébillon oder Nicolas Edme Restif de la Bretonne , entbehren zwar nicht einer gewissen zarten Poetik, sind aber gleichzeitig von größter Offenheit und Anschaulichkeit, was der Rokokoliteratur den Ruf der Schlüpfrigkeit eingetragen hat – ein Ruf, der eigentlich nur den damaligen Lebensumständen gerecht wurde, denn das Liebesleben in der galanten Zeit war nicht nur in der Oberschicht ungenierter als in jedem anderen Zeitalter bis zum 19. Jahrhundert.

Ein unbedingt nennenswerter Nebeneffekt der Ungeniertheit war, dass im 18. Jahrhundert zahllose un- und außereheliche Kinder geboren wurden („bevölkerungspolitisch“ nicht unerwünscht, denn durch Kriege und Seuchen war das Volk ausgeblutet). In Frankreich förderte man die segensreiche Institution des Findelhauses, wo die Neugeborenen ohne jeglichen Bürokratismus einfach abgegeben werden konnten. In Deutschland hingegen war das nicht ganz so einfach, sodass, um Schmach und Elend von sich abzuwenden, viele Mütter hier ihre Neugeborenen heimlich umbrachten – Kindsmord war hier ein echtes Problem der damaligen Zeit. Goethe nahm sich dieses Themas in einem der berühmtesten Werke der Weltliteratur an: mit Gretchen in Faust I.

Einer, dessen Ruf wie Donnerhall bis in die heutige Zeit reicht – und das eigentlich zu Unrecht – ist Giacomo Casanova . Er war im wirklichen Leben ein recht armes Würstchen, ein Hochstapler, Dieb und Betrüger; seine „Heldentaten“ vollbrachte er auf ziemlich leicht zu eroberndem Terrain und wenn er tatsächlich einmal eine Jungfernschaft „geknackt“ hatte, war er stolz wie ein kleiner Junge, der seinem Freund alle Murmeln abgeluchst hat. Seine Memoiren, Geschichte meines Lebens, sind jedoch von literarischem und zeitgeschichtlichem Wert – wobei heute allerdings als gesichert gilt, dass sie literarisch zu einem späteren Zeitpunkt „nachbearbeitet“ worden sind.

Von anderem Kaliber ist da schon ein Schriftsteller, der eindeutig auf seine und auch die spätere Zeit eingewirkt hat: Jean-Jacques Rousseau , bekannt geworden mit dem Motto „Zurück zur Natur“. Rousseau, der auf Freuds Couch (wenn es die denn damals schon gegeben hätte) einige Traumata sexuellen Ursprungs offenbart hätte, stellte in seinen Schriften fest, dass die Besitzinteressen, auf denen die Gesellschaftsordnung aufgebaut ist, der natürlichen Liebe entgegenstehen und die Ehe korrumpieren; allein die freie und ungehemmte Vereinigung der Liebenden könne die natürliche Grundlage einer Ehe sein – die Betonung liegt auf „Ehe“.
Der Moralphilosoph gilt als ein Vorreiter der Französischen Revolution.

Kurz vor der Revolution machte noch einmal ein Spötter von sich Reden: Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais . Er kannte in seinem Leben viele Höhen und Tiefen und war ein typischer Spieler seiner Zeit. Seine – dank der Vertonung von Rossini und Mozart – bis heute überaus berühmten Komödien sind Die unnütze Vorsicht oder der Barbier von Sevilla und Der Tolle Tag oder Figaros Hochzeit. In beiden Stücken nimmt er mit spitzer Feder die unhaltbaren Sitten und Gebräuche der Aristokratie aufs Korn; in letzterem gar das damals durchaus noch praktizierte „jus primae noctis“ (das Recht des Gutsherrn, seine weiblichen Untergebenen in der Nacht vor ihrer Hochzeit in sein Bett zu ziehen und gegebenenfalls zu entjungfern). Beaumarchais machte seine bösen Anspielungen jedoch mit einer solchen „élégance“, dass sich die betroffenen Herren (und Damen) köstlich amüsierten. Wenige Jahre danach verging ihnen dann allerdings das Lachen.

Die Französische Revolution von 1789 lehnte sich gegen das gesellschaftliche System der „galanten Zeit“ auf. Alle aus der herrschenden Klasse, auch die Frauen, wurden hingerichtet, flohen, versteckten sich oder waren plötzlich schon immer auf der Seite der Revolutionäre gestanden – das Prinzip „Wendehals“ ist also keine neue Erfindung. Ihre Gebräuche, die den Frauen zumindest ein Minimum an Rechten und Freiheiten beschert hatten, wurden gleich mit beseitigt. Die Zeit der Revolution war wieder eine Zeit der Männer, und zwar in ihrer schlimmsten „Spielart“. Da ist es eigentlich ein Treppenwitz der Weltgeschichte, dass der Terror der Revolution schlussendlich ausgerechnet auf Betreiben einer Frau, einer Marquise und Maitresse, beendet wurde:

Thérésa Cabbarus, Marquise de Fontenay – jung, schön, spanischer Typ – begeistert sich auf ihre Weise für die Revolution: Sie zieht durch die Betten der Revolutionäre (natürlich nur der prominenten) und landet schließlich in Bordeaux bei einem der größten Schlächter der Revolution: bei Jean-Lambert Tallien. Er befreit sie aus dem Gefängnis und sie wird seine Maitresse – ganz wie es früher in der galanten Zeit üblich gewesen war. Nun aber sitzt zu dieser Zeit niemandes Kopf sicher. Tallien wird kurz darauf nach Paris gerufen und Thérésa auf Befehl von Robespierre verhaftet, was den nahezu sicheren Tod auf der Guillotine bedeutet. Sie schreibt an Tallien, der selbst um seinen Kopf bangt und seine Maitresse verleugnet, beschuldigt ihn der Feigheit, rüttelt ihn mit harschen Worten auf und macht ihm die Hölle heiß. Ganz überraschend klagt Tallien nun Robespierre im Konvent an und das Unbegreifliche geschieht: Robespierre, „der Unbestechliche“, wird verhaftet und selbst auf die Guillotine geschickt. Nach fünf Jahren ist der Terror der Revolution endlich beendet. Und da jedermann weiß, dass Thérésa die eigentliche Urheberin des Sturzes von Robespierre war, wird sie seitdem als Thérésa »Notre-Dame-de-Thermidor« (der Monat, in dem Robespierre gestürzt wurde, hieß im nachrevolutionären Sprachgebrauch offiziell »Thermidor« ) fast wie eine Heilige verehrt.

Später botet Thérésa ihre Freundin Joséphine de Beauharnais beim Vicomte de Barras – erst skrupelloser Aristokrat, dann Ultralinker der Revolution und schließlich einer der reichsten und mächtigsten Männer in der Regierung (ein doppelter Wendehals) – aus und wird seine „maitresse en titre“. Zur Entschädigung verkuppeln die beiden Joséphine mit einem kleinen, armen Artilleriegeneral, der sich unter dem Kommando von de Barras ausgezeichnet hat: mit Napoleon Buonaparte (der damals das korsische „u“ in seinem Namen noch nicht abgelegt hatte). Joséphine wird Kaiserin von Frankreich, Thérésa lebt in Glanz und Freuden und die Französische Revolution ist endgültig zu Ende.

Literarisch ist für die Zeit der Revolution vor allem ein großer Name zu nennen, ein Autor, der auf spektakuläre Art und Weise Sittengeschichte schrieb, wobei seine Werke literarisch nicht immer von höchster Qualität waren: Donatien-Alphonse-François Marquis de Sade , Namensgeber des Sadismus. In seiner Fantasie schwirrte es von Sex, Gewalt und Perversität. Eigentlich sind seine Romane nichts anderes als die üblichen Sittenromane der Zeit, nur mit dem Unterschied, dass in seinen Werken Tugend erniedrigt und geschunden wird und Laster sich bezahlt macht. Sein erster und berühmtester Roman ist Justine oder die Missgeschicke der Tugend . Der Roman, dessentwegen er schließlich auf Geheiß von Napoleon 1801 „aus dem Verkehr gezogen“ wurde (er starb im Irrenhaus), trug den Titel Zoloé et ses deux acolytes (übersetzt: Zoloé und ihre beiden Komplizinnen), ein Schlüsselroman über Thérésa und Joséphine, den er die Frechheit hatte, auch noch Napoleon zu schicken.

Obwohl die Revolutionäre keine großen Frauenfreunde waren – die freiheitliche Forderungen der Frauen erinnerten doch sehr an die Zustände im alten Regime –, wurden die Frauen – wenn auch mit Misstrauen – nach der Revolution erst einmal juristisch aufgewertet. Die Gesetzgebung unter Napoleon war relativ frauenfreundlich und umfasste auch ein liberaleres Scheidungsrecht (das allerdings bald danach wieder zu Ungunsten der Frauen verwässert wurde). Denn Napoleon war zwar ein Despot, der die Völker mit Kriegen überzog, gewährte den Menschen im privaten Bereich aber größtmögliche Freiheiten – es interessierte ihn einfach nicht, was seine Untertanen machten, solange sie nicht gegen den Staat opponierten.

Auf Napoleons Sturz im Jahr 1814 folgte die Restauration; hier sollten in der „Heiligen Allianz“ (Deutschland, Österreich, Russland) die alten christlichen Werte wiederbelebt werden; treibende Kraft war der deutsche Fürst Metternich . Für die Frauen kam die Rückbesinnung auf die alten Ideale einem Schlag ins Gesicht gleich: Sie wurden z. B. durch die Änderung des Ehescheidungsrechtes wieder weit vor die Französische Revolution zurückgeworfen. Politische Freiheiten wurden durch die Karlsbader Beschlüsse wieder stark eingeschränkt, ein Polizei- und Spitzelstaat entstand.

In diesem Zusammenhang hatte Metternich eine ganz perfide Idee. Im öffentlichen Leben ging es nun wieder sehr sittenstreng und wohlgesittet zu – wobei die Aristokratie unter dem Deckmantel des Schweigens machte, was sie wollte; es durfte nur nichts an die Öffentlichkeit dringen. Es gab aber neben der aristokratischen Oberschicht seit der Aufklärung ein immer selbstbewusster werdendes Bürgertum, dem der wohlwollende Deckmantel nicht gegönnt war, unter dem der Adel sein sexuelles Unwesen trieb. Die Bürger konnten nur ganz im Geheimen „über die Stränge schlagen“, so dass ein Huren- und Prostituiertenwesen von bis dahin nicht gekanntem Ausmaß entstand. (Man – und diesmal nicht nur die Oberschicht – war de facto wieder in den lockeren, aber rechtlosen Zeiten der Madame Pompadour angekommen.) Das machte sich Metternich zunutze, denn wo und wann würde ein Mann – sei er Diplomat, Bürger oder Handwerker – seine heimlichsten Gedanken offenbaren? Natürlich wenn er zufrieden und „gesättigt“ bei seiner Hure lag. Also nahm Metternich die Prostituierten als Spitzel in seine Dienste.

Nach der Julirevolution von 1830, mit der in Frankreich die Geschichte des Absolutismus besiegelt wurde, begann die Zeit des Bürgertums, es war die Zeit des Bürgerkönigs Louis-Philipp I. , der letzte „König der Franzosen“, denn sein Versuch einer restaurativen Politik führte zur Revolution von 1848. Das Bürgertum, eine Schicht zwischen der breiten Unterschicht und der kleinen Adelsklasse, war nun tonangebend. Mit Adelstiteln konnte man nicht mehr viel Staat machen, Geld und Besitz waren ausschlaggebend und bestimmten den sozialen Rang. Danach wurde auch geheiratet. Zwar wurden die Kinder im Normalfall nicht mehr ungefragt vermählt, aber Geld und Besitz waren das entscheidende Kriterium. Um beidem – den Wünschen der Kinder und denen der Eltern – gerecht zu werden, traf man sich in mondänen Kurorten, wo unter den Argusaugen der Eltern die ersten Bande geknüpft werden konnten. Einer der beliebtesten dieser Orte war Baden-Baden, wo sich im 19. Jahrhundert ganz Europa traf. Auch viele berühmte russische Schriftsteller und Künstler waren zu Gast oder lebten gar ständig in der Stadt, so zum Beispiel Alexander Borodin , Fjodor Dostoevskij , Nikolai Gogol , Ivan Gončarov , Anton Rubinstein , Lev Tolstoj , Iwan Turgenjew , Vasilij Žukovskij – um nur einige zu nennen.

Im Jahr 1837 bestieg in England die 18jährige Prinzessin Victoria als Queen Victoria , Königin des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Irland, den Thron. Im Gegensatz zu den „Thronkolleginnen“ dieser Zeit (Marie-Luise, Herzogin von Parma oder Maria Christina, Regentin von Spanien), die ein flottes Leben führten, war sie die Tugend selbst – und noch dazu eine hervorragende Politikerin. Bei Hofe auch nur über Scheidungen zu sprechen, war verpönt, geschiedene Männer oder Frauen waren gar nicht erst zugelassen und geschiedene Diplomaten aus dem Ausland wurden nicht akkreditiert. Die offizielle Prüderie war gewaltig (und die Sittenlosigkeit im Geheimen ebenso und Paris war nicht weit). Die Literatur wurde auf „unzüchtige“ Stellen überprüft und selbst Shakespeare musste Federn lassen: Auch von seinen Werken wurden „bereinigte“ Ausgaben hergestellt.

Nach und nach schwappte diese Haltung in der Folgezeit auf den Kontinent über. So musste z. B. Ludwig I. König von Bayern , wegen seiner Affaire mit der irischen Sängerin Lola Montez abdanken und in Frankreich veranlasste Kaiserin Eugénie, die Frau des wahl- und schamlosen Frauenjägers Napoleon III. , eine Art Bildersturm, indem sie Bilder, auf denen nackte Frauen dargestellt waren, verbieten ließ – Gustav Courbet und auch Édouard Manet waren unter den Leidtragenden. Aber es wurde noch schlimmer: Den Statuen wurden Feigenblätter und Kleider verpasst.
Eine „demi-monde“, eine Halbwelt, in der mehr oder weniger ehrbare Frauen unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit machten, was sie wollten, gab aber es natürlich weiterhin.

Europa war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konservativ-patriarchalisch und prüde geworden, die Ehefrau war von Staats wegen wieder auf Heim und Herd und Kinder reduziert. Und wenn es nach denen gegangen wäre, die das Sagen hatten, wäre die Frau wieder dort angekommen, wo sie schon einmal gewesen war – im Mittelalter, allerdings mit dem Unterschied, dass sie nun nicht mehr „verehrt, fast transzendiert“ wurde.
Aber es kam anders.

Denn in der Literatur war mit der Französischen Revolution die Romantik angebrochen, die erst mit der 1848er-Revolution, dem großen bürgerlichen Aufbegehren gegen die Unfreiheit der Restaurationszeit, enden sollte. Sie war geprägt von vergleichsweise starken Frauen, die sich einerseits ihrer Macht im Geschlechterkampf längst bewusst geworden waren und damit umzugehen wussten, andererseits von der Aufklärung (Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant , Voltaire , Gotthold Ephraim Lessing , Christoph Martin Wieland u.a.) und der Französischen Revolution profitierten, die trotz aller restaurativer, erzkonservativ-patriarchalischer Politik seit dem Sturz Napoleons 1814 nachwirkten. Sie hatten (in den gehobenen bürgerlichen Schichten) Wissen und Bildung für sich entdeckt – und damit ist nicht die gesellschaftliche Bildung (Klavier und Konversation) gemeint, sondern Wissen und Forschen, wie es bis dahin den Männern vorbehalten war.

Mit zu den ersten, die sich ihrer Rolle als Frau sehr bewusst und gleichzeitig der Wissenschaft und besonders der Literatur sehr zugetan waren, gehören die Töchter zweier bedeutender Gelehrter, Caroline Schelling, geb. Michaelis, verw. Böhmer, gesch. Schlegel, verh. Schelling und Dorothea Friederike Schlegel, geborene Mendelssohn, gesch. Veit , sowie Madame de Staël, Baronin Anne Louise Germaine de Staël-Holstein , Schon der Lebenslauf dieser Frauen zeugt von neuer Selbstständigkeit:

Caroline Michaelis gerät nach dem Tod ihres Mannes Böhmer in den Kreis der Clubisten, die die Französischen Revolution befürworten, bekommt ein uneheliches Kind, wird von den Preußen als politisch und moralisch suspekt erachtet, gefangen genommen, von Ort zu Ort gejagt, landet beim Dichter August Wilhelm Schlegel , heiratet ihn, lässt sich scheiden und heiratet den Philosophen Friedrich Schelling . Sie gilt als Genius des Jenaer Kreises der Romantiker. Bezeichnend für die damalige Zeit ist, dass sie „ihre“ Laufbahn erst nach dem Tod ihres Mannes begann.

Dorothea Mendelssohn heiratet den reichen Frankfurter Bankier Veith, hat zwei Kinder von ihm, verlässt aber die Familie, um mit dem Philosophen und Schriftsteller Friedrich Schlegel , dem Bruder des oben genannten Dichters August Wilhelm, zusammenzuleben; später heiratet sie ihn. Sie schreibt selbst einen unbedeutenden Roman, übersetzt aber den Roman Corinne von Madame de Staël, die wiederum mit dem von Caroline Michaelis verlassenen August Wilhelm Schlegel durch Europa reist. Madame de Staël steht in gutem Kontakt zu Chateaubriand , zu Lord Byron , in Weimar trifft sie Wieland, Schiller und Goethe, sie gilt als Wegbereiterin der Romantik und ist außerdem eine erbitterte Gegnerin Kaiser Napoleons I., mit dem sie sich persönlich heftig angelegt hat.

Ergänzend müssen noch zwei Dichterinnen erwähnt werden: Bettina von Arnim und Annette von Droste-Hülsoff . Bettina von Arnim ist die vielleicht bedeutendste Vertreterin der romantischen Dichtung. Sie führte zwar kein so ungebundenes Leben wie die vorgenannten Damen, stand aber – nach der Trennung von ihrem Mann – im Mittelpunkt des geistigen und sozialen Lebens. Bekannt oder befreundet war sie mit Ludwig Tieck, Ludwig van Beethoven, Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Schleiermacher, Hermann von Pückler-Muskau, Felix Mendelssohn Bartholdy, dem jungen Johannes Brahms, Joseph Joachim und Robert Schumann, den Brüdern Jakob und Wilhelm Grimm und vielen anderen Größen ihrer Zeit.

Annette von Droste-Hülsoff hingegen gehörte keinesfalls zum Kreis der oben genannten Lebensfreudigen – das verbat ihr schon ihre schwächliche Gesundheit. Sie war von Haus aus eine selbstbewusste „Emanzipierte“ und entstammte altem (in Westfalen selbstverständlich) katholischem Adel. Auch sie war mit vielen Großen ihrer Zeit befreundet oder hatte zumindest ständigen Kontakt zu ihnen: zu Johanna Schopenhauer, Adele Schopenhauer, Ottilie von Goethe, August Wilhelm Schlegel, den Brüdern Grimm u.a.

Diese Frauen (und andere, die hier nicht genannt werden konnten) beeinflussten ganz wesentlich das Selbstwertgefühl ihrer Zeitgenossinnen und indirekt auch das der Männer. Das schlug sich literarisch und auch in den Geschlechterrollen nieder. Ein großes Thema der Romantik war das Leiden: Man litt – tatsächlich und ganz besonders in Worten. Sein politisches Leiden öffentlich zu artikulieren, war gefährlich – Zensur und Polizei waren (wie man sich angesichts der oben geschilderten Zustände gut vorstellen kann) schnell zur Stelle. (Im Laufe der Zeit wurde man allerdings mutiger.) Das Leiden wurde so sehr zur Grundstimmung, dass man auch in der Liebe litt und emotionale Ausbrüche bis hin zu Tränen an der Tagesordnung waren. Manche gingen so weit, das Leiden für den eigentlichen Sinn der Liebe auszugeben, und behaupteten, erfüllte Liebe mache noch unglücklicher als unerfüllte.

In Heinrich Heines Buch der Lieder handeln über die Hälfte der Gedichte von unglücklicher Liebe und Leiden. Lord Byron ist der „Erfinder“ des Byronschen Helden, der (selbst verschuldet) immer einsam und unglücklich stirbt oder freiwillig aus dem Leben scheidet – eine Figur, auf die sich viele Schriftsteller nach ihm bezogen haben (z. B. Puschkin, Lermontow). Byron wird der sogenannten schwarzen Romantik zugerechnet und Heinrich Heine widmete ihm sein Gedicht Eine starke, schwarze Barke. Alfred de Musset , der mit George Sand ein kurzes Liebesverhältnis hatte, bekennt: „Das einzige Gut, das mir bleibt auf der Welt, / Ist, manchmal geweint zu haben.“ Alfred de Vigny , eigentlich ein begeisterter Offizier, der Napoleon bis zum bitteren endgültigen Ende die Treue hielt, bekannte „Ich liebe die Majestät der menschlichen Leiden.“ Und dann war da natürlich noch George Sand – ein Pseudonym, das in Wirklichkeit keines war, weil jeder sie so nannte –; von ihr wird noch ausführlicher die Rede sein.

Das andere große Thema der Romantik und besonders der Spätromantik war – literarisch wie im Leben – die Ehre, und besonders die Ehre der Frau. Sie wurde im Gegensatz zur galanten Rokokozeit, in der man alles recht locker sah, hoch geschätzt, und wenn sie verletzt wurde, gab es kein Pardon, wollte man sich nicht lächerlich und gesellschaftlich unmöglich machen. Nur ein Duell auf Leben und Tod – das allerdings gesetzlich verboten war – konnte die Ehre wieder herstellen. Und so starben auch zwei der berühmtesten russischen Dichter im Zweikampf: Alexander Puschkin duellierte sich um die Ehre seiner Frau und Michail Lermontow duellierte sich der eigenen Ehre wegen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Männer der Romantik dem Gefühl und den Frauen zugewandte, feminine Typen (wie man heute sagen würde) waren, auch, weil aus dem ehemals „schwachen Geschlecht“ ein starkes geworden war – und das blieb auch nach der Romantik so, obgleich sich die Entwicklung, die seit 1814 erkennbar ist, fortsetzte und es auch nach der 1848er-Revolution im offiziellen Leben prüder und prüder zuging.
Die Romantik war also – im doppelten Sinn – ein feminines Zeitalter, das Zeitalter der Frau.

Damit ist der kleine Ausflug in die Geschichte der Beziehung zwischen Mann und Frau abgeschlossen, denn nun beginnt die Zeit Turgenjews.

Zu Turgenjews Lebzeiten machte eine Frau in Frankreich und fast ganz Europa Furore: George Sand. Diese Frau mit wenigen Worten zu schildern und dabei ihrer Persönlichkeit und auch ihrer Bedeutung gerecht zu werden, ist eine unmögliche Aufgabe; sie wäre einer eigenen Arbeit wert. Sand war ein zentraler Punkt ihrer Zeit, sie hatte auch zu vielen russischen Revolutionären und Schriftstellern (Michail Bakunin , Alexander Herzen , Fjodor Dostoevskij und Turgenjew, um nur einige zu nennen) einen guten und auch einflussreichen Kontakt.
Dostoevskij, den man nun wirklich nicht übermäßiger romantischer Gefühlsausbrüche in Liebesdingen verdächtigen kann, schrieb beispielsweise 1881 in seinem Tagesbuch eines Schriftstellers:
Ich war, wenn ich nicht irre, sechzehn Jahre alt, als ich zum ersten Mal ihre Novelle »L’Uscoque« las – eines ihrer schönsten ersten Werke. Ich weiß noch, ich fieberte nachher die ganze Nacht. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich sage, dass George Sand, wenigstens nach meinen Erinnerungen, bei uns alsbald fast den ersten Platz einnahm in der Reihe jener ganzen Plejade neuer Schriftsteller, die damals plötzlich berühmt wurden und deren Ruhm ganz Europa durchflog.

George Sand war der Inbegriff des neuen Frauentyps und polarisierte die Gesellschaft wie keine andere, man liebte und verehrte sie, aber man verachtete, ja verspottete sie auch; sie nahm sich das Recht (gleichberechtigt den Männern und nicht im Geheimen) leidenschaftlich zu lieben, wen sie wollte, und revoltierte gegen die Einengung durch die damals herrschenden Regeln der Ehe. Sie trug Männerkleidung, rauchte Zigarren und sprach von sich in der männlichen Form „er“, mit der sie auch von vielen anderen angesprochen wurde. Schon in ihrer Jugend las sie Aristoteles, Leibniz, Montesquieu, Shakespeare und Molière und war als Spätromantikerin geprägt von den neueren Schriftstellern wie Rousseau, Byron und Chateaubriand.
Sie war eine Schriftstellerin, der die Werke nur so aus der Feder flossen – ihr Werk umfasst 180 Bände (Romane mit gesellschafts-, zeit- und sozialkritischer Note sowie reine Unterhaltungsliteratur ohne die Zeitungsartikel und die geschätzten 40.000 Briefe) –, weswegen sie von manchen Zeitgenossen verspottet wurde. Charles Baudelaire bezeichnete sie (allerdings aus sehr persönlichen Gründen) als „Latrine“, Friedrich Nietzsche nannte sie ob ihrer Schreibwut eine „lactea ubertas“ (frei übersetzt: Milchkuh mit schönem Stil) und Lev Tolstoj sagte über die Heldinnen ihrer Romane, dass man sie, hätten sie wirklich existiert, an einen Schandkarren binden und durch St. Petersburg hätte schleifen müssen, um ein Exempel zu statuieren (worauf Turgenjew wütend wurde).

Sehr bezeichnend für ihre Überzeugung sind schon ihre ersten drei Romane: Der erste und der zweite, Indiana und Valentine, sind Hymnen an die Leidenschaft, der dritte, Lélia, ist eine Ode auf die Revolte gegen Gott und die Gesellschaft; und besonders in Letzterem ist u.a. die Liebe mit einer Freizügigkeit geschildert, die einen Skandal hervorrief, ja hervorrufen musste. Und George Sand lebte auch nach den Grundsätzen, die sie in ihren Romanen vertrat: Sie hatte Liebesverhältnisse von unterschiedlicher Dauer, zu denen sie auch öffentlich stand und die keineswegs oberflächlicher Natur waren, u.a. mit den Schriftstellern Jules Sandeau – von dem sie ihr Pseudonym „Sand“ ableitete – und Prosper Mérimée, mit dem Komponisten Frédéric Chopin und dem „Schriftsteller des Weltschmerzes“ Alfred de Musset, der stark von Goethes Werther und Byrons Manfred beeinflusst war und über den sie auch mit Victor Hugo zusammenkam. In der letzten Zeit ihres Lebens war sie eng mit dem Romancier Gustave Flaubert verbunden, der für seine Madame Bovary berühmt ist; er schrieb nach ihrem Tod an Turgenjew, der zusammen mit ihm erst drei Jahre zuvor George Sand auf ihrem Gut besucht hatte: „Der Tod der armen Mutter Sand hat mir unendlichen Kummer bereitet. Ich habe bei ihrem Begräbnis geweint wie ein Kind.“ Und an seine Brieffreundin, die Schriftstellerin Marie-Sophie Leroyer de Chantepie , schrieb er: „Arme, liebe große Frau!…. Man muss sie kennen, wie ich sie gekannt habe, um zu wissen, welch ungeheuer weibliches Gefühl in diesem bedeutenden Menschen war, und welche ungeheure Zärtlichkeit sich in diesem Genius befand …. Stets wird sie eine der Größen und eine einzigartige Zierde Frankreichs sein.“ (1)

Um ihre Bedeutung für die Zeit zu zeigen, hier noch die Namen weiterer Größen, mit denen sie bekannt, befreundet und/oder in Briefkontakt war: Honoré de Balzac, zeit seines Lebens ein enger Freund; Heinrich Heine, der sie als „die größte Schriftstellerin“ bezeichnete; der polnische „Dichterfürst“ Adam Mickiewicz; der Komponist Franz Liszt; Alexandre Dumas d. J.; der Komponist Giacomo Meyerbeer; der Philosoph und Sozialist Pierre Leroux; der Maler Eugène Delacroix; der italienische Revolutionär Giuseppe Mazzini und nicht zuletzt Kaiser Napoleon III. – mit ihm stand sie in Briefverkehr, als er noch vor der 1848er-Revolution als Louis Napoleon recht fortschrittliche Ideen hatte – nach seiner Kaiserkrönung nutzte sie die Beziehung, um verhafteten Revolutionären zu helfen. Unter dem prüden Regiment seiner Frau, der Kaiserin Eugénie, schrieb George Sand dann allerdings keine sozialistischen und gesellschaftskritischen Romane mehr, denn sie wollte ja schreiben und gelesen werden, was ihr schließlich den Ruf einer „seichten“ Schriftstellerin einbrachte, der bis in die heutige Zeit nachhallt; andere (wie die Brüder Goncourt, Flaubert und Baudelaire) hielten sich nicht an die Vorgaben der Kaiserin und wurden prompt mit Prozessen überzogen.

Eine enge Freundin von George Sand war die Sängerin Pauline Viardot, das „Schicksal“ Turgenjews – sie wurde von George Sand sogar in einem ihrer Hauptwerke, in Consuelo, zumindest teilweise porträtiert. Pauline Viardot war eine ebenso „emanzipierte“ Frau wie George Sand; sie hatte jedoch zusätzlich zu den Problemen, die auch George Sand aufgrund ihres Lebenswandels in und mit der Gesellschaft hatte (und ignorierte), ein weiteres: Schauspieler waren zu dieser Zeit noch immer eher übel beleumundet – es war noch nicht lange her, dass sie nicht einmal ein christliches Begräbnis bekamen, sondern neben dem Friedhof, auf dem sogenannten Schindanger verscharrt wurden. Ein schlechter Ruf dieser Art hätte für Pauline durchaus berufsschädigend sein können. Wahrscheinlich ein Grund, weshalb sie nach Turgenjews Tod all seine Briefe, die ihre Beziehung betrafen, zensierte oder ganz zurückhielt (honi soit, qui mal y pense – aber auch in den veröffentlichten kann man glühende Liebesschwüre Turgenjews lesen, die sie wohl kaum so hingenommen hätte, wenn sie bei ihr keinen Widerhall gefunden hätten).

Über Pauline war Turgenjew ab 1843 in den Kreis von George Sand eingebunden und mit George Sands Geliebten Alfred de Musset und Frédéric Chopin sowie mit Prosper Mérimée und dem Komponisten Charles Gounod gar befreundet – das ging so weit, dass es zwischen Turgenjew und Lev Tolstoj, mit dem ihn an sich eine Art Hass-Liebe verband, beinahe zum Zerwürfnis kam, weil Tolstoj George Sand verächtlich gemacht hatte. Von Sands Hauptwerken Consuelo und Die Gräfin von Rudolstadt war Turgenjew begeistert.

Die Romantik und auch das darauf folgende Zeitalter waren, wie die kleine Geschichte der erotischen Literatur und der Sitten gezeigt hat, durch starke Frauen und (zumindest in der Romantik) im Gefühlsleben feminine Männer gekennzeichnet, und diese Rollenverteilung fand sich auch im Verhältnis zwischen Pauline Viardot und Turgenjew wieder – so berichten viele, auch George Sand. Außerdem hatte Turgenjew schon bevor er 1843 Pauline kennenlernte insgesamt mehrere Jahre in Deutschland und Frankreich gelebt und ist dort gewissermaßen mit dem romantischen Männerbild sozialisiert worden. Zwischen 1838 und 1840 studierte er in Berlin und war dort mit den romantischen Dichtern Karl August Varnhagen von Ense und Bettina von Arnim befreundet. Seine frühen Gedichte und Poeme sind ganz vom romantischen Geist durchdrungen – das dramatische Poem Steno z. B. erinnert stark an den „schwarzen“ Romantiker Byron – und auch in allen Erzählungen seines Lebens klingt, wenn es um die Liebe geht, immer die Lyrik und Poesie der Romantik durch, selbst in seinen späteren, im Stil des Realismus geschriebenen Werken.
Die Verzweiflung und Todessehnsucht in Turgenjews Werken waren demnach nur zu einem geringeren Teil seiner persönlichen Situation geschuldet, sie waren vor allem eines der Zeichen der Zeit.

(1) [zitiert nach Renate Wiggershaus: George Sand, 1982]

Weiterführende Literatur zu Turgenjew:
Willy Birkenmaier: Das russische Heidelberg (1995)
Peter Brang: I. S. Turgenev. Sein Leben und sein Werk (1977)
Edward Hallett Carr: Romantiker der Revolution (1933, aus dem Englischen von Reinhard Kaiser, Eichborn Verlag 2004)
Alexander Eliasberg: Russische Literaturgeschichte in Einzelporträts (1922)
Paul Frischauer: Knaurs Sittengeschichte der Welt (Band III)
Wolfgang Kasack: Hauptwerke der russischen Literatur (1997)
Pëtr Kropotkin: Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur (2003, herausgegeben und kommentiert von Peter Urban)
Reinhard Lauer: Geschichte der russischen Literatur – von 1700 bis zur Gegenwart (2000)
Morus: Eine Weltgeschichte der Sexualität (1956)
Propyläen Geschichte der Literatur (1988, 6 Bd., herausgegeben von Erika Wischer)
Rüdiger Safranski: Romantik – Eine deutsche Affaire (2007)
Juan Eduardo Zúñiga: Turgenjew. Eine Biographie (2001)

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.