»Nachtwölfe« haben Ziel erreicht

ein Nachtrag zum 9. Mai

Foto: TV-Screenshot

In Moskau fuhren Panzer auf, in Berlin Motorräder. Unter großem Beifall und in Begleitung der Polizei sind die russischen Biker der »Nachtwölfe« in Berlin angekommen. Am Treptower Ehrenmal gedachten sie des Kriegsendes und legten Kränze und Blumen nieder. Insgesamt verlief die Fahrt von Moskau nach Berlin ohne Zwischenfälle.

Am 27. April waren sie in Moskau aufgebrochen, um im Konvoi nach Berlin zu fahren. Anders als in den letzten Jahren scheint die Angst vor der reiselustigen russischen Motorradtruppe gelegt zu haben. Seit 2015 schwingen sich die Biker nun regelmäßig auf ihre schweren Maschinen, um am 9. Mai den gefallenen sowjetischen Soldaten zu gedenken. Die erste »Siegesfahrt 2017«, wie sie ihre Tour nennen, glich einem Politikum in ganz Ost- und Mitteleuropa, als wäre die leibhaftige Rote Armee wiederauferstanden, um Berlin und alles was auf dem Weg liegt in Schutt und Asche zu legen.

Als »Putins Rocker« wurden die Biker tituliert, als »Rocker-Gang des Kreml«, Putins fünfte Kolonne war das Netteste, was sie unterwegs zu hören bekamen. Je mehr sich die Politik jedoch echauffierte, umso größer wurden die Sympathien aus weiten Teilen der Bevölkerung. Inzwischen schließen sich immer mehr Motorradfahrer aus den verschiedensten europäischen Ländern den »Nachtwölfen« an, um mit ihnen im Pulk bis in die Bundeshauptstadt zu fahren. Rund einhundert Krafträder und viele Pkw waren auch diesmal mit von der Partie.

Vorgestern machte sich der Tross auf seine letzte Etappe, um rechtzeitig zum »Tag des Sieges« in Berlin zu sein. Auf dem Weg spielten die »Siegesfahrer« noch ein bisschen Katz und Maus mit der Polizei, die sie bereits von der tschechisch-deutschen Grenze nach Dresden eskortierte, als der Tross in Dessau an die dortigen Kollegen übergeben werden sollten. Die »Nachtwölfe« kamen einfach nicht. Die Beamten warteten geduldig, bis zum Abend gab es keine Spur des Pulks, die Polizei wartete vergebens. Wie hinterher bekannt wurde, seien die Biker kurzerhand von der Autobahn auf die Landstraße ausgewichen – ätsch.

Finale in Berlin

Der Torso, schließlich in Berlin angekommen, teilte die Gemüter der Hauptstädter. Während die einen Beifall spendend Spalier entlang der Route standen, monierten sich andere über Sinn und Zweck der Aktion. Ein Leserkommentar in einer Berliner Tageszeitung an dieser Stelle mag das verdeutlichen:

Verkehrschaos Kreuzung Bahnhof Adlershof. Ampeln abgeschaltet. Polizei überfordert, den Verkehr auf dieser komplizierten Ampel zu regulieren. Unter umfangreicher polizeilicher Begleitung rast ein Konvoi fröhlicher, laut hupender, lautstark knatternder Altrocker im Affenzahn über die Kreuzung Richtung Innenstadt. Polizei verlässt die Kreuzung, Ampeln abgeschaltet. Alles steckt im Verkehrschaos fest. Fußgänger kommen nicht über die Kreuzung, Bahn und Busse stecken fest. Kilometerlange Staus.“

Wie dem auch sei, zur feierlichen Kranzniederlegung haben sich einige hundert Menschen, darunter Botschafter der ehemaligen Sowjetrepubliken und der Ministerpräsident Brandenburgs, Dietmar Woidtke, im Treptower Park versammelt, um am Ehrenmal, dem größten außerhalb der ehemaligen Sowjetunion, den Opfern Hitlerdeutschlands zu gedenken. Im Anschluss daran hatten die »Nachtwölfe« ihren publikumsträchtigen Auftritt. Insgesamt haben sich am Ende etwa zweihundert Motorradfahrer aus ganz Europa um die russischen Biker geschart, denen zu dieser Stunde fast das Fluidum einer Rockband vorauseilte.

Die Altrocker, an anderer Stelle humorig »Offensivrentner« genannt, haben es also wieder einmal geschafft. Das Fazit der »Siegesfahrt 2017« fällt daher positiv aus: Alte und neue Freunde trafen sich entlang der Straße und obgleich das politische Spektakel diesmal nahezu ausfiel, wurde der Tour die angemessene und durchaus positive Beachtung gezollt, die sie verdient hat. Uns bleibt nur ein ehrliches „Auf Wiedersehen und herzlich willkommen zur »Siegesfahrt 2018«“.

[mb/russland.NEWS]

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.