Nach der Auslosung ist vor der WM

[von Nikolai Boll] Russland mit Losglück, heißt es in den deutschen Medien. Aber wie sehen die russischen Sportexperten das Ergebnis der Auslosung?

Neben den Spielen an sich gehört die Auslosung der WM-Gruppen sicherlich zu den spannendsten Ereignissen. Am 1. Dezember wurden im Moskauer Kreml feierlich die Gruppen der kommenden WM ausgelost. Auf den ersten Blick gibt es keine Hammer-Gruppe – aber auch keine klaren Favoriten.

Die Sbornaja mit Losglück

Eröffnet wird die WM mit der Partie Russland gegen Saudi-Arabien. Sicherlich kein fußballerischer Leckerbissen, aber für die russische Nationalmannschaft immens wichtig. Die Mannschaft steht dem gesamten Land und sich selbst gegenüber in der Pflicht und hat aufgrund der vergleichsweise schwachen Gegner keinerlei Ausreden mehr. Ein Ausscheiden aus der Vorrunde wäre eine Tragödie für die Russen und Russland.

Allerdings sind russische Fußballexperten optimistisch, was die Gruppenphase angeht. Bereits Monate vor der Auslosung versicherte mir Pavel Zanozin, Sportkommentator und Moderator beim russischen Sportsender MatchTV, dass die Chancen auf ein Erreichen der KO-Runde sehr gut stehen. Außerdem überzeugte die russische Nationalelf in den Vorbereitungsspielen gegen Argentinien und Spanien und präsentierte den Zuschauern nach langer Zeit endlich mal wieder schönen, mutigen und offensiven Kombinationsfußball. Somit sind die ersten Gegner Saudi-Arabien und Ägypten eine Pflichtaufgabe für Russland. Einzig und alleine Uruguay könnte die Sbornaja vor Probleme stellen.

Sollte die Sbornaja die Vorrunde überstehen, ist dann wahrscheinlich schon im Achtelfinale Endstation. In der Runde der letzten 16 warten entweder Portugal oder Spanien.

Auch wenn man im November ein 3:3 gegen Spanien erkämpft hat, ist die spanische Nationalmannschaft im Wettkampfmodus eigentlich unschlagbar. Hier müsste ein Fußballwunder her. Der Druck für die Russen ist riesig.

Wie sehen die Russen das Ergebnis der Auslosung?

Wie bereits erwähnt, ist die Mehrheit der Experten erfreut über die vergleichsweise sehr schwachen Gegner. Es gibt aber auch warnende Stimmen. In einem Artikel auf der russischen Sportseite Championat.com verdeutlicht der Autor: Saudi-Arbabien mag zwar nach einem Arbeitssieg klingen, ist es jedoch nicht. Die Saudis stellten das offensivstärkste Team der asiatischen WM-Qualifikation und erreichten problemlos die zweite Etappe der Qualifikation. Nur Japan konnte ihnen die Stirn bieten. Aber auch Ägypten könnte zu einem Problem werden. Das Team um Starspieler Mohamed Salah, der in der aktuellen Premier League in sechzehn Spielen zwölf Tore erzielt hat, zeichnet sich durch eine unfassbare Disziplin und Hingabe aus. Die Spieler haben alle ein Kämpferherz und würden für ihr Land durchs Feuer gehen – etwas, was man von den russischen Fußballspielern nicht unbedingt behaupten kann.

Dieser Meinung ist auch der russische Nationalspieler Fjodor Smolov. In einem Interview mit sport-express.ru sagte er: „Natürlich hätten wir auch schwierigere Gegner bekommen können (…) aber Ägypten ist das erste Mal seit 28 Jahren wieder bei einer WM dabei. Die Spieler werden alles geben!“

Der letzte Gegner, Uruguay, hat nach Brasilien sicherlich die stabilste Mannschaft aus Südamerika. Die Mannschaft wird von Luis Suarez und Edinson Cavani angeführt und spielt sehr aggressiven Offensivfußball. Schafft es die russische Hintermannschaft jedoch diese beiden Schlüsselspieler auszuschalten, hat die Sbornaja realistische Chancen auf einen Sieg.

Jetzt sind es nur noch wenige Monate. Das Warten hat bald ein Ende. Die WM kann kommen. Und die Russen müssen die Gruppenphase überstehen. Falls nicht, wäre das ein Fiasko. Oder wie der russische Sportjournalist Sergej Egorov einen seiner Artikel genannt hat: Wenn man mit so einer Gruppe das Achtelfinale nicht erreicht, warum spielt man dann überhaupt?

[Nikolai Boll/russland.NEWS]