Moskau macht die Platte platt

Foto: commons.wikimedia/Matthias Döll CC BY-SA 2.5
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Der Moskauer Bürgermeister plant eine radikale Modernisierung in seiner Stadt. Er will die Plattenbauten abreißen und stattdessen neue, moderne Wohnanlagen errichten lassen. Die Bewohner sehen das Vorhaben mit gemischten Gefühlen.

Schön sind sie wirklich nicht mit ihren typischen Einheitsfassaden. Einfache Nachkriegsbauten, zweckmäßig für viel Wohnraum auf engstem Raum konzipiert. Sie prägen das, meist außerhalb des Ortskerns gelegene, Bild der urbanen Siedlungsplanung des ehedem sozialistischen Ostens Europas genauso wie das Lenindenkmal. Nun wendet sich Sergei Sobjanin, der amtierende Moskauer Bürgermeister an die rund 1,6 Millionen Bewohner dieser Plattenbauten, »Chruschtschowki« genannt und mit einer Typenbezeichnung [Die erste Plattenbaureihe zum Beispiel war der »Typ K-2<«, Anm. d. Red.] versehen, um ihnen sein ehrgeiziges Projekt näher zu bringen.

Gebaut wurden in der Regel meist fünfstöckige Wohnblocks in der Chruschtschow-Ära der Sowjetunion. Bis in die Mitte der 1970-er Jahre schuf der Sowjetstaat insgesamt 1,3 Milliarden Quadratmeter sozialen Wohnraum für nahezu ein Viertel der damaligen Bevölkerung. Die Wohnungen in einer »Platte« maßen normgerechte 58 Quadratmeter. Das entsprach mehr als den 8 Quadratmetern Wohnraum pro Person als Norm. Heute jedoch sind 18 Quadratmeter der Standard. Etliche der Wohnungen gingen nach dem Zerfall der UdSSR in günstiges Eigentum über.

Der Grund und Boden auf dem die zur Disposition stehenden »Betonblöcke« in Moskau stehen erzielt mittlerweile einen durchschnittliche Quadratmeterpreis von rund 140.000 Rubel, das entspricht etwa 2.200 Euro. Damit liegt der bebaubare Grund immerhin 20 Prozent unter dem Durchschnittspreis, der üblicherweise in der russischen Hauptstadt erzielt wird. Deshalb möchte Sobjanin bis Ende nächsten Jahres bis zu 25 Millionen Quadratmeter Wohnfläche in nahezu 8.000 Häuser mit 600.000 Wohnungen dem Erdboden gleichmachen. Das entspricht etwa ein Zehntel der Gesamtwohnfläche Moskaus. Dafür verspricht er den Bewohnern größere und modernere Neubauwohnungen in Häusern, in denen im Flur auch ein Kinderwagen Platz findet.

Betonierte Versprechungen

Viele Mieter und Eigentümer der bisherigen Wohnungen stehen seinen ehrgeizigen Plänen mehr als skeptisch gegenüber. Sicher, alle wollen sie besser wohnen. Aber, sind die Mieten hinterher noch bezahlbar? Und vor allem, wo sollen sie in der Zwischenzeit bleiben? Die einen möchten ihre vertraute Umgebung nicht verlassen, haben sich mit ihrem Betonquader und dem kleinen Grünstreifen und vor allem dem eigenen Parkplatz davor im Lauf der Zeit arrangiert, die anderen haben die Befürchtung, am Ende in einem der neu errichteten 25-stöckigen Hochhäuser am äußersten Stadtrand Moskaus zu landen.

Die angedachten Neubauten werden ohnehin bereits mit mehr Stockwerken geplant. Zudem, so die Gedankenspiele der Stadt, werden aber nur etwa ein Drittel der ehemaligen Bewohner an ihren alten Lebensraum zurückkehren. Die restlichen Wohnungen sollen an neue Moskauer verkauft und vermietet werden. Das würde bedeuten, dass die Metropole, die inzwischen sowieso schon 15 Millionen Einwohner zu verkraften hat, wahrscheinlich um weitere fünf Millionen Menschen anwachsen würde. Die geplanten Veränderungen seien zwar radikal, aber auch zum Wohle der Stadt, sagt Sergei Kusnezow. Und der muss es schließlich wissen, denn er ist der Stadtarchitekt von Moskau.

Er will zu den neuen Wohnhäuser auch gleich eine neue Umgebung schaffen. Monotones werde man hier nicht zulassen, sagt er. Noch kann man sich nicht sicher sein, ob er das als Drohung oder wohlwollend verstanden haben will. Vorerst verspricht Kusnezow neue Fußgängerzonen und eine komplette Infrastruktur mit Geschäften sowie Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten. Auch die neuen Hochhäuser sollen individuell gestaltet werden. So erbost und verunsichert die Betroffenen auch sind, eines wissen sie: Vom Plan bis zur Ausführung, da liegen in Russland oft Welten.

[mb/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.