Mitten drin in bewegten Zeiten – der Putsch 1991

Foto: commons.wikimedia/Иван Симочкин CC BY-SA 3.0Foto: commons.wikimedia/Иван Симочкин CC BY-SA 3.0
image_pdfimage_print

Heute jährt sich der Putsch in Moskau, der als „Augustputsch“ in die Geschichte eingehen sollte, zum 25. Mal. Dieser Umbruch legte vor einem Vierteljahrhundert den Grundstein für ein Russland nach der Ära Sowjetunion, wie wir es heute kennen. Unsere Redakteurin Susanne Brammerloh hat das historische Ereignis damals  in ihrem Tagebuch dokumentiert und lässt  unsere Leser zum Jahrestag daran teilhaben.

[Von Susanne Brammerloh] –  Am 19. August 1991 versuchten ein paar KP-Betonköpfe, Gorbatschow und seine Perestroika zu kippen. Ich war damals schon in Leningrad und erlebte die böse Geschichte mit gutem Ausgang unmittelbar mit. Meine Tagebuchaufzeichnungen von damals geben die subjektive Sichtweise von Ereignissen wieder, die wahrlich historische Dimensionen besaßen.

Am späten Abend des 20. Augusts geht es los mit der Putsch-Chronik: „Keine Worte mehr über die Katastrophe, die hereingebrochen ist: Am 19. 08. um 04.00 Uhr hat ein „Komitee für den Ausnahmezustand“ (Jasow, Pugo, Pawlow, Janajew…) Gorbi abgesetzt, verhaftet (im Urlaub auf der Krim – klassische Putschvariante!) und den Ausnahmezustand verhängt. Alles ist fast unglaublich, und es ist unmöglich, diese Worte aufs Papier zu bringen. Putsch, Barrikaden, Militärdiktatur – keine Seminarfloskeln zur Geschichte mehr, sondern plötzlich Realität.“

Sturm auf das Weiße Haus

Weiter geht’s auf Russisch – das entsprach zu der Zeit und unter den Umständen wohl mehr den eigenen Bedürfnissen: „Es tut weh, es ist furchtbar traurig. Hilflosigkeit, Machtlosigkeit. Unmöglich, zuhause zu sitzen, Verlangen nach Gemeinschaft. Den Menschen in die Augen blicken – auf der Suche nach was auch immer. Und weiter – zwei Tage des allersichersten Bewusstseins dessen, dass ich hier sein will, nur hier, in meiner armen, großen steinernen Stadt.“

„Mein Gott, wie kann es sein, dass sich die Geschichte erneut wiederholt. Ist es wirklich so, dass die pessimistischste Herangehensweise an die Geschichte einzig die Realität widerspiegelt? Ich liege, höre Radio „Otkryty Gorod“ und „Baltika“. Es läuft der Sturm auf das Weiße Haus, der Lensowjet ruft die Männer zur Verteidigung des Marienpalais zusammen. Die Brücken werden heute Nacht nicht hochgezogen, die Metro ist bis zwei Uhr offen. In Moskau gibt es Kämpfe am (Weißen) Haus, Panzer brennen.

Alles andere ist zweitrangig

„Alles wird absolut in den Hintergrund gedrängt. Ich laufe durch die Stadt. War bei Sascha und Natascha beim Radio, bei „Newskoje Wremja“, „Tschas Pik“ (zwei demokratische Petersburger Zeitungen). Das kann nicht das Ende sein! Tagsüber ein Anruf vom „Stern“, wegen Übersetzerarbeit. Aber jetzt kommt keine Verbindung zustande. Habe für zwei Uhr nachts ein Gespräch mit Mutti angemeldet.

Ein Gefühl der Solidarität mit vielen. Die Hoffnung kehrt zurück, dass der Mensch doch nicht verloren ist. Das Verlangen zu handeln, aber zum Lensowjet zu gehen, kann ich mich nicht entschließen. Es gibt anonyme Informationen, dass dort ein Überfall in Vorbereitung ist. Gott, wie waren wir alle doch überzeugt davon, dass die schwarzen Zeiten zu Ende sind. Und nun – es fehlen die Worte, man möchte weinen.“

Dass der Kelch an mir vorübergehen werde…“

Am 21. August heißt es: „Zwei Tage der Anspannung, heute gesellt sich dazu Traurigkeit und irgendein Gefühl der Resignation. Das ist subjektiv. Überhaupt: Es läuft eine Sitzung des Obersten Sowjets der RSFSR, er wurde nicht erstürmt. Piter steht fest, peterpaulsfest… Angeblich hat der Oberste Sowjet der RSFSR das Ausnahmekomitee für illegitim erklärt. Ich gucke LenTV. In Piter unterstützen Miliz und Armee… den Lensowjet.

Es gibt also Hoffnung, dass es vorübergeht – „dass der Kelch an mir vorübergehen werde…“. Wenn die Demokratie jetzt den Sieg davonträgt, dann wird es leichter sein weiter auf dem Weg, wird Russland sich aufrichten und nichts und niemanden mehr fürchten.

Es geht weiter – es ist nicht zu glauben – es ist Wahnsinn

Ein paar Stunden später (23 Uhr): Es scheint, das Unglaubliche ist passiert: die Clique hat aufgegeben, sich irgendwohin verzogen (Gerüchte vom Abflug in den Irak, zum „Bruder“ Hussein – Bruder im Geiste und im Verhalten). Selbst „Wremja“ (die sowjetische „Tagesschau“) schlägt wieder gemäßigte Töne an. Die Demokratie hat gesiegt! Es geht weiter. Es ist nicht zu glauben. Es ist Wahnsinn.

Der Stolz der Stadt ist zu fühlen. In der Nacht wurde auf dem Platz die Hymne an die große Stadt gespielt. Piter steht wieder da wie ein Held, unbezwungen von den bösen Kräften. „Die beste Stadt der Welt ist die Stadt Leningrad.“ Erleichterung und Hoffnung. Wir kehren zum normalen Leben zurück…

Wir rufen uns gegenseitig an und gratulieren uns. Gott sei Dank – alles wird gut. Nein, es wird nicht das passieren, was das Land um Jahrzehnte zurückwerfen würde. Kaum zu glauben, dass das Glück geschehen ist. Plötzlich ist alles leicht und ruhig, lebensfroh. Die Seele ist voller Zärtlichkeit und Liebe zu Russland.“

Die Solidarität dieser Tage

„Jetzt wurde im Radio gesagt, dass Gorbi wieder alle seine Pflichten übernommen hat, bald kommt er zurück. Newsorow (damals ein bekannter investigativer Journalist) hat gestern und heute wieder die Version verbreitet, der Putsch sei inszeniert gewesen. Angeblich haben Gorbatschow und die Demokraten alles gemacht, um sich an die Macht zu klammern. Das klingt alles allzu abenteuerlich, nicht glaubwürdig. Die Solidarität dieser Tage gibt Hoffnung und ein klein wenig Optimismus. „Der Faschismus ist nicht durchgekommen, die Junta ist zerbrochen.“

24. August: „In Lettland wurde die Kommunistische Partei verboten. In Piter wurde der Smolny (damals Sitz der KPdSU in der Stadt) versiegelt. Hier und überall werden die Archive versiegelt, damit die Dokumente nicht vernichtet werden können. Das ist äußerst wichtig!

Ich habe mich furchtbar erkältet nach der ganzen Anspannung. Donnerstag habe ich auf dem Schlossplatz die „Newskoje Wremja“ verteilt. Ich schleppte 500 Stück von der Redaktion in der Herzen-Straße dorthin. Das war wohl der letzte Anstoß zum Krankwerden.“

Mit dem Kommunismus ist es vorbei

„Am Abend war ich spazieren. In der Stadt ist es still und friedlich. Weniger Autos als sonst. Über Piter ein feiner Dunst. Warm, klar. Friede und Ruhe. Auf dem Schlossplatz junge Leute mit Gitarre, sie sangen. Ich sitze an der Säule und höre zu. Ich sitze genau in der Mitte des Platzes, vor mir das Haupttor des Winterpalastes. Isaak und Admiralität im Dunkeln. Bewegt leckt die Newa an den Stufen.

War bei Kathrin an der Moika. Im Fernsehen wurde gesagt, dass Gorbi die KPdSU aufgelöst hat, ausgetreten ist und dementsprechend den Posten als Generalsekretär hingeschmissen hat. So ist es – mit dem Kommunismus ist es vorbei.“

[Susanne Brammerloh/russland.NEWS]