Mit Hamlet auf die Polizeiwache

Foto: TV-Screenshot
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Am vergangenen Freitag wurde ein 10-jähriger Junge in Moskau von der Polizei in Gewahrsam genommen. Er rezitierte neben der U-Bahn-Station „Arbatskaya“ im Moskauer Zentrum laut aus Shakespeares Drama „Hamlet“, als Polizisten kamen und ihn grob in ein Polizeiauto verfrachteten. Das Kind war in Begleitung einer Frau, die sagte, sie sei seine Nachbarin und könne ihn nach Hause bringen.

Die Polizei aber verweigerte dies, weil sie keine verwandtschaftlichen Beziehungen zu dem Jungen hatte. Die Frau begann zu schreien und sich aggressiv zu benehmen. Trotzdem wurde das Kind mit auf die Polizeiwache genommen. Der Vater holte ihn später am Abend ab.

So war die Situation – widersprüchlich und unklar. Das Video der Verhaftung wurde unmittelbar nach der von Passanten unüberhörbaren Aktion ins Internet gestellt und sofort begannen Massenmedien die Polizisten zu beschuldigen. Daraufhin teilten offizielle Vertreter des Innenministeriums mit, der Junge sei verhaftet worden, weil er gebettelt habe.

Bettelte der Junge oder nicht? Genau wissen wir das eigentlich nicht. Der Vater, Elijah S. äußerte zuerst, dass sein Sohn sich mit Theaterspiel befasse und für ihn dieses öffentliche Lesen ein Kampf gegen Komplexe sei. Später stellte sich auch heraus, dass die Frau, die sich als Nachbarin bezeichnet hatte, die Stiefmutter des Jungen ist. Warum sagte sie das den Polizisten nicht? Und warum war sie so aggressiv?

Auf diese Fragen gibt es noch keine Antworten. Am nächsten Tag schrieb Solomina T., die Rechtsanwältin des Vaters, auf Twitter, dass sich der stellvertretende Leiter der Abteilung zum Schutz der öffentlichen Ordnung im Innenministerium bei dem Vater entschuldigt habe und den Verwaltungsbericht über die Vernachlässigung der elterlichen Pflichten annulliert werde. Der Pressedienst des Ministeriums dementierte diese Information.

Außerdem fertigte die Polizei einen neuen Verwaltungsbericht an: „Ungehorsam gegenüber einer rechtmäßigen Anordnung eines Polizeibeamten.“ Jetzt droht der Stiefmutter eine 15-tägige Haftstrafe. Interessant sind die neuen Kommentare des Vaters: am Montag sagte er, das Kind habe auch früher Werke von Dichtern auf der Straße vorgetragen und dafür Geld gesammelt, aber die Polizisten „haben ihn das Köpfchen gestreichelt“. Nach solchen Äußerungen ist die väterliche Erklärung über ‚Theaterspiel und Komplexe‘ verdächtig.

Die Sache erregte viel Aufmerksamkeit und das Innenministerium wird den Vorfall sowie das Verhalten der Polizisten überprüfen. Die Kommissarin für Kinderrechte, Anna Kusnezowa, kündigte bei Facebook an, sie werde sich mit der Sache beschäftigen.

Aber noch ist die Situation ziemlich verworren. Es gibt viele Fragen und es lässt sich schwerlich sagen, wer Recht hat und wer schuldig ist. Klar ist nur Eines, man sollte die Rechte von Kindern in Russland besser schützen.

[Anastasia Petrowa/russland.NEWS]