Militär-Chor stirbt bei Tupolew-Crash vor Sotschi

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Russland ist schockiert vom Absturz eines Passagierjets des Militärs: Das Musik-und-Tanzensemble der Armee sollte in Syrien ein Neujahrskonzert geben. Doch wenige Minuten nach dem Start stürzte die Maschine mit 92 Insassen ins Schwarze Meer.

Hoffnungen, jemand könnte den Flugzeugabsturz überlebt haben, gab es einige Stunden nach dem Unglück faktisch nicht mehr: Vor Sotschi wurden ein Ölfleck, Trümmerteile und Gepäckstücke gesichtet und auch bereits einige Leichen aus dem Meer geborgen. Das Wrack der Maschine liege in ca. 70 Meter Tiefe anderthalb Kilometer vor der Küste, teilte das Verteidigungsministerium mit. Zehn Schiffe und einige Hubschrauber beteiligen sich an der Suche nach den Opfern und bergen Fragmente des Flugzeugs. Jetzt sollen auch Taucher und ein U-Boot zur Unglücksstelle gebracht werden.

Die Tupolew-154 aus dem Flugzeugpark des russischen Verteidigungsministeriums war in der Nacht in Moskau gestartet. Ziel des Fluges war die russische Luftwaffenbasis Chmeimim bei Latakia in Syrien. Auf dem Flughafen Adler in Sotschi machte die Maschine eine Zwischenlandung zum Auftanken. Um 5.25 Uhr Ortszeit startete die Maschine von dort. Bereits zwei Minuten später (zunächst war von 20 Minuten die Rede gewesen) sei die Maschine von den Radarschirmen verschwunden, so ein Militärsprecher.

Absturzursache unklar

Die Ursache des Absturzes ist noch unklar, von offizieller Seite werden vorerst keine Spekulationen angestellt. Möglich ist ein kapitales technisches Versagen, Vogelschlag, ein grober Pilotenfehler, zu schwere oder falsch zentrierte Beladung ebenso wie ein Terrorakt. Nach Angaben der Webzeitung fontanka.ru werden auf dem Flughafen Adler Ermittlungen „wie nach einem Terrorakt“ vorgenommen: Sämtliche Personen, die mit der Maschine während ihres Tankstopps zu tun hatten, werden überprüft. Völlig normal ist nach einem solchen Absturz aber auch die Sicherstellung von Proben des ausgegebenen Treibstoffs.

Noch ist unklar, ob die Maschine in der Luft auseinanderbrach oder erst auf der Wasseroberfläche zerschellte. Berichten zufolge sind die Überreste auf ein relativ großes Seegebiet verteilt, was für eine Zerstörung des Flugzeugs noch im Flug (und damit potentiell für einen Terrorakt) sprechen würde. Allerdings kann es nach Expertenaussagen auch bei einem harten Aufprall auf die See zu einer weiten Streuung von Wrackteilen kommen. Hinzu kommen die Effekte von Wind und Strömung.

Gutes Wetter, altes Flugzeug

Für den Flug waren die Wetterverhältnisse zum Unglückszeitpunkt günstig. Sicher scheint bislang nur zu sein, dass die Maschine sehr unvermittelt verunglückte. Offenbar gab es im Funkverkehr keine Hinweise auf Probleme oder Notlagen – jedenfalls wurde bisher nichts über einen Notruf bekannt. Das Verteidigungsministerium teilte in einer Graphik des Flugverkaufs allerdings mit, dass die Maschine nach dem Start nicht an Höhe gewann und über dem Meer bereits eine 180-Grad-Kehre geflogen hatte, als sie abstürzte. Offenbar versuchte die Crew zum Flughafen zurück zu kommen.

Die verunglückte Maschine war mit Baujahr 1983 schon ziemlich alt, aber – wie Militärquellen versichern – in einem guten technischen Zustand. Die Tu-154 sei nur noch „schonend“ eingesetzt worden und hätte nicht mehr als 30 Flugstunden im Monat absolviert. Auch die Crew wird als überaus erfahren bezeichnet. Bei derartigen „Postflügen“ nach Chmeimim würden die militärischen Passagiermaschinen keine Waffen und Munition transportieren. Dies dürfte Voraussetzung dafür sein, dass die Flugroute wie in diesem Fall auf dem kürzesten Weg über die Türkei führen sollte.

Sollte der Militärchor in Aleppo singen?

An Bord befanden sich nach Angaben des Verteidigungsministeriums 65 Mitglieder des bekannten Alexandrow-Musik-und-Tanzensembles der russischen Streitkräfte, neun Journalisten der drei Fernsehsender NTW, Erster Kanal und Swesda, acht  Offiziere, zwei Zivilbeamte und die ebenfalls aus Militärangehörigen bestehende achtköpfige Besatzung – sowie die als „Doktor Lisa“ bekannte Kinderärztin und humanitäre Aktivistin Jelisaweta Glinka. Sie wollte für ihre Hilfsstiftung Medikamente an das Universitätskrankenhaus in Latakia überbringen.

Der Militärchor sollte in Syrien ein Neujahrskonzert geben, wozu sich etwa ein Drittel des großen Ensembles auf den Weg machte. Der Auftritt war nach Militärangaben auf dem russischen Stützpunkt bei Latakia geplant, wo der Chor vor den dort stationierten Soldaten auftreten sollte. Möglicherweise sollte das Programm aber auch in Aleppo aufgeführt werden, wo erst vor kurzem die jahrelangen Kämpfe zwischen den von Russland unterstützten regimetreuen Kräften und den Aufständischen im Ostteil der Stadt mit dem Sieg der Assad-Truppen zu Ende gegangen waren. Die „Nowaja Gazeta“ berichtet jedenfalls unter Berufung auf eigene Quellen, ein aus Tschetschenen gebildetes Militärpolizeibataillon sei vor drei Tagen nach Aleppo verlegt worden. Zu seinen Aufgaben hätte die Vorbereitung und Sicherung des Auftrittsorts gehört.

Nach der Rückeroberung der vom IS besetzten Ruinenstadt Palmyra im Frühjahr war dort zur Überraschung der Weltöffentlichkeit das Petersburger Mariinski-Orchester unter seinem Stardirigenten Waleri Gergijew im antiken Amphitheater aufgetreten. Mittlerweile hat der IS Palmyra allerdings wieder besetzt.
(Lothar Deeg/russland.news)

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.