Milde Sanktionen lassen Wirtschaft in USA, Europa und Russland aufatmen

Während der deutsche Außenminister gestern nicht müde wurde, zu erläutern, warum es aus Sicht der Regierungen der europäischen Union notwendig war, Sanktionen gegen Russland zu verhängen und auch US-Präsident Obama immerhin elf Russen und Ukrainer mit Einreiseverboten und Kontosperrungen belegte, herrrschte auf beiden Seiten in der Wirtschaft Erleichterung, dass diese Strafmaßnahmen eher symbolischen Charakter tragen. Der US-amerikanische Dow-Jones-Index machte einen Freudensprung um 1,13 Prozent, der DAX übertrumpfte ihn mit 1,4 Prozent, an der Moskauer Börse ging es gar um 3,7 Prozent nach oben. Zu den Gewinnern gehören Gazprom, Rosneft und die Sberbank.

Ebenfalls gestern wurde bekannt, dass der mit 30 Milliarden Euro in der Kreide stehende Energieversorger RWE seine Öl- und Gasfördertochter Dea an eine Investorengruppe unter der Führung des russischen Milliardärs Michail Fridman verkaufen will. Der in Luxemburg ansässige Investmentfonds LetterOne wolle inklusive Schulden 5,1 Milliarden hinblättern und sich dadurch einen erleichterten Zugang zum deutschen und europäischen Energiemarkt sichern. Die Unternehmensführung ist überzeugt, dass es keine Einwände seitens der deutschen Regierung geben wird. Durch diesen Deal stieg der RWE-Aktienwert gleich um 1,7 Prozent.

Ein anderes Beispiel vom gestrigen Tag: Der russische Erdölriese Rosneft beteiligt sich zu 13,1% am italienischen Reifenhersteller Pirelli und steigt damit zu dessen größtem Aktionär auf. Rosneft, das im vergangenen Sommer bereits eine Minderheitsbeteiligung von 21% am italienischen Raffineriekonzern Saras übernommen hatte, war bereits kommerziell mit Pirelli verbunden und verkauft seit 2013 dessen Reifen im eigenen Tankstellennetz. Rosneft zahlt für die Beteiligung rund 500 Mio. €, nebst Übernahme eines Teils der Schulden, was die Börse zunächst mit einem Verlust von 1,7 Prozent auf die Aktie des Reifenherstellers quittierte. Auf lange Sicht erhoffen sich die Mailänder von der russischen Beteiligung geringere Produktionskosten und einen deutlich erweiterten, stabilen Absatzmarkt.

Dass die Wirtschaft die Prioritäten nach anderen Kriterien als die Politik setzt, belegt auch die Äußerung von Bundesbankchef und Vorstandsmitglied der Eurpäischen Zentralbank Jens Weidmann am Montag gegenüber der Agentur Bloomberg: „Die Wirtschaftsbeziehungen der Eurozone mit der Ukraine sind begrenzt, was man von Russland nicht sagen kann. Russland ist zum Beispiel ein sehr wichtiges Ziel für Kreditströme. Unter diesem Aspekt sind die von der Krise um die Ukraine ausgelösten Turbulenzen auf den Finanzmärkten ein wichtigerer Faktor für unsere Risikonalyse als die Beziehungen mit der Ukraine“, erklärte Weidmann.

Die Großunternehmen nehmen die Sanktionen gegen Russland als symbolische Drohgebärde, viele mittelständische Betriebe, deren Tätigkeit in irgendeiner Weise mit Russland verbunden sind, hoffen, dass es bei diesen milden Sanktionen bleibt. Bei Lemken in Alpen warten 400 Landmaschinen auf ihren Export nach Russland. „Das Russland-Geschäft ist für uns existenziell wichtig“, betont das Mitglied der Geschäftsführung und Vertriebsleiter Anthony van der Ley. „Sollte der Export nach Russland gestoppt werden, hätte das unabsehbare Folgen für das Unternehmen und die Mitarbeiter.“

Aber auch für die russischen Wirtschaft hätten ökonomische Sanktionen durchaus ernst zu nehmende Auswirkungen.

Eine anhaltende Konfrontation mit dem Westen treibt die russische Wirtschaft in die Stagnation, sind die Ökonomen der HSBC überzeugt. Die Analysten der Bank sehen in diesem Fall für 2014 nur noch ein Wachstum von 0,6 Prozent statt 2,0 Prozent. Aber ohne Wachstum wird auch der Rubel immer schwächer und die Zentralbank muss die Zinsen hochhalten, meinen sie. Unter solchen Umständen werde niemand investieren. Erst für das kommende Jahr rechnen die Experten mit einer Beschleunigung des Wachstums auf 1,2 Prozent.

Allerdings wird es wohl kaum zu Wirtschaftssanktionen kommen, wenn sich Russland mit der Krim zufrieden gibt, sind die Analysten von Morgan Standley überzeugt. Und selbst die neue Regierung der Ukraine hält den Abbruch der Wirtschaftsbeziehungen mit Russland „gegenwärtig für nicht zielführend“, räumte der Erste Vizepremier, Witalij Jarema ein. „Das hängt damit zusammen, dass uns die Russische Föderation de jure nicht den Krieg erklärt hat, wenn auch faktisch ihre Expansion auf die Krim Krieg bedeutet“, sagte er am Montag auf einer Pressekonferenz in Kiew.

Er äußerte die Hoffnung, dass sich der Konflikt diplomatisch lösen lässt und auch die ukrainisch- russischen Beziehungen wieder in Ordnung kommen.