Die Zahl der von Ausländern begangenen Straftaten ist in Russland im ersten Halbjahr 2026 um fast 40 Prozent zurückgegangen. Zugleich zeigt eine internationale Studie: Einwanderung füllt nicht nur Lücken auf dem Arbeitsmarkt, sondern kann langfristig auch Produktivität und Wirtschaftswachstum erhöhen.
Ausgerechnet in einer Zeit, in der Russland seine Migrationspolitik immer weiter verschärft, liefert der russische Sicherheitsrat Zahlen, die einem verbreiteten Argument gegen Zuwanderung widersprechen. Im ersten Halbjahr 2026 wurden Ausländern und Staatenlosen 14.400 Straftaten zugerechnet – 39,1 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.
Noch stärker ging die Zahl der schweren und besonders schweren Straftaten zurück: um 50,8 Prozent auf 5.900. Der Anteil ausländischer Tatverdächtiger an allen aufgeklärten Straftaten sank um 1,7 Prozentpunkte auf 3,4 Prozent. Auch die Zahl der an solchen Taten beteiligten Personen verringerte sich nach Angaben des Sicherheitsrates um 25,8 Prozent. Die Gerichte dürften damit tatsächlich weniger Arbeit mit kriminellen Ausländern haben – wenngleich die Statistik zunächst registrierte Straftaten und keine Gerichtsverfahren zählt.
Ein Teil des Rückgangs lässt sich dadurch erklären, dass weniger Ausländer nach Russland kommen und sich im Land aufhalten. Im ersten Halbjahr reisten 4,8 Millionen ausländische Staatsangehörige und Staatenlose ein, acht Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Am 1. Juli lebten noch 6,4 Millionen Ausländer in Russland; im Vorjahr waren es sieben Millionen gewesen. Der Rückgang der Straftaten fällt allerdings sehr viel stärker aus als der Rückgang der ausländischen Bevölkerung.
Gleichzeitig erhöht der Staat den administrativen Druck. Gegen Ausländer wurden im ersten Halbjahr 1,2 Millionen Protokolle wegen Ordnungswidrigkeiten ausgestellt. Das waren zwar knapp 25 Prozent weniger als im Vorjahr, die Zahl der angeordneten Ausweisungen stieg jedoch auf 99.400 und damit auf das 2,6-Fache. In 55.600 Fällen wurde die zulässige Aufenthaltsdauer verkürzt, ebenfalls 2,6-mal so häufig wie im Vorjahr. Fast 198.000 Menschen wurde die Einreise verweigert – ein Anstieg um 68 Prozent. Tatsächlich außer Landes gebracht wurden nach Angaben des Gerichtsvollzieherdienstes 43.700 Ausländer, 65,5 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2025. Die unterschiedlichen Zahlen erklären sich daraus, dass nicht jede angeordnete Ausweisung sofort vollstreckt wird. (Kommersant, Wedomosti)
Während Russland Zuwanderung vor allem unter dem Gesichtspunkt von Kontrolle und Sicherheit behandelt, verweist eine neue internationale Untersuchung auf ihren wirtschaftlichen Nutzen. Ökonomen der italienischen Zentralbank und der University of California untersuchten für das US-amerikanische National Bureau of Economic Research die Entwicklung in 38 OECD-Staaten zwischen 1990 und 2024.
Demnach führte ein Zuwachs der Migrantenbevölkerung, der einem Prozent der erwachsenen Bevölkerung des Aufnahmelandes entsprach, nach fünf Jahren zu einem zusätzlichen Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts je Beschäftigten um 1,18 Prozent. Nach zehn Jahren lag der Effekt bei 1,9 Prozent. Noch deutlicher war die Wirkung auf die Investitionen: Der Kapitalbestand je Arbeitnehmer war nach fünf Jahren um 1,57 Prozent und nach zehn Jahren um 2,87 Prozent höher, als es ohne die zusätzliche Einwanderung zu erwarten gewesen wäre.
Besonders stark fiel der Effekt bei gut ausgebildeten Migranten aus. Die Autoren erklären dies unter anderem mit ihrer unternehmerischen und innovativen Tätigkeit sowie mit der Besetzung von Stellen, für die auf dem heimischen Arbeitsmarkt Fachkräfte fehlen. Der positive Zusammenhang blieb auch bei großen Einwanderungswellen und in Ländern bestehen, in denen Migranten bereits einen erheblichen Teil der Bevölkerung stellten.
Die Ergebnisse der OECD-Untersuchung lassen sich nicht ohne Weiteres auf Russland übertragen. Sie zeigen jedoch, welche ökonomischen Kosten eine Politik haben kann, die Migration hauptsächlich als Sicherheitsrisiko betrachtet. Auch Russland leidet unter Arbeitskräftemangel und einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung. Gleichzeitig sank die Zahl der gültigen Arbeitspatente für visumfrei eingereiste Ausländer um 14,4 Prozent auf gut 1,7 Millionen.
Die aktuellen Zahlen ergeben damit ein anderes Bild als die politische Debatte: Ausländer begehen deutlich weniger Straftaten als noch vor einem Jahr, während der wirtschaftliche Wert von Zuwanderung international immer klarer messbar wird. Migranten entlasten also nicht nur die russische Kriminalstatistik. Richtig eingesetzt könnten sie auch dazu beitragen, Arbeitskräftemangel und Wachstumsschwäche zu lindern.

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