Michail Jurjewitsch Lermontow – Offizier, Dichter und soziales Gewissen

Michail Lermontow (*1814 †1841)

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Der Tod des Dichters (Februar 1837)
Der Dichter fiel! …. Als Sklave der Ehre
ist er gefallen, verleumdet vom Gerücht,
mit Blei in der Brust und dem Durst nach Rache,
beugend sein stolzes Haupt! …
Die Seele des Dichters hatte
die Schmach kleinlicher Kränkungen nicht mehr ertragen,
er hatte sich erhoben gegen die Meinungen der Gesellschaft,
allein wie schon immer… und er wurde getötet!
Getötet … wozu jetzt das Weinen,
der unnütze Chor leerer Lobeshymnen
und das klägliche Gestammel der Rechtfertigung?
Das Urteil des Schicksals wurde vollstreckt!
Habt ihr nicht eben noch auf infame Weise
seine freie, kühne Begabung gejagt
und den kaum verborgenen Brand
zum Spaß angefacht?
Nun, so vergnügt euch denn … er vermochte die letzten
Peinigungen nicht zu ertragen:
Einer Fackel gleich erloschen ist der herrliche Genius,
verwelkt ist der triumphale Kranz.

Kaltblütig hat sein Mörder
den Schlag geführt … eine Rettung gab es nicht:
Gleichmäßig schlägt das leere Herz,
die Pistole zittert nicht in der Hand.
Und was ist daran auch so erstaunlich? … aus der Ferne,
Hunderten anderen Flüchtlingen gleich,
wurde er auf der Jagd nach Glück und Karriere
nach dem Willen des Schicksals zu uns verschlagen,
lächelnd verachtete er frech
Sprache und Sitte des fremden Landes,
konnte ihn, der unser Ruhm war, nicht verschonen;
vermochte in jenem blutigen Augenblick nicht zu begreifen,
wogegen er seine Hand erhob!

Und er wurde getötet –  und aufgenommen vom Grab,
wie jener unbekannte, doch liebenswürdige Sänger,
eine Beute gefühlloser Eifersucht,
besungen von ihm mit so wunderbarer Kraft,
von einer erbarmungslosen Hand gefällt, wie auch er.

Warum nur trat er aus den friedlichen Wonnen und der aufrichtigen Freundschaft
ein in diese neidische Welt, so bedrückend
für ein freies Herz und feurige Leidenschaften?
Warum reichte er nichtswürdigen Verleumdern die Hand,
warum schenkte er lügnerischen Worten und Schmeicheleien Glauben,
er, der doch von jungen Jahren an die Menschen durchschaut hatte?

Und sie nahmen ihm den einstigen Kranz – eine Dornenkrone,
mit Lorbeer umwunden, setzten sie ihm auf:
Doch verborgene Nadeln verletzten
roh seine ruhmreiche Stirn;
vergiftet wurden seine letzten Augenblicke
durch das hinterhältige Geflüster höhnischer Ignoranten,
und er starb mit dem vergeblichen Durst nach Rache,
mit dem geheimen Verdruss betrogener Hoffnungen.
Verstummt sind die Klänge seiner wunderbaren Lieder,
sie werden nie mehr erklingen: Düster und eng ist die Heimstatt des Sängers,
und auf seinen Lippen liegt ein Siegel.

Ihr aber, ihr hochmütigen Nachkommen
eurer für ihre notorische Schurkerei berühmten Väter,
die ihr mit sklavischem Fuß jene erledigt habt,
die von den durch die Laune des Schicksals gekränkten Geschlechtern übriggeblieben waren!
Ihr, die ihr am Thron steht als gierige Schar,
Henker von Freiheit, Genie und Ruhm!
Ihr verbergt euch hinter dem schützenden Gesetz,
vor euch müssen Gericht und Wahrheit, muss alles schweigen …
Doch gibt es ein göttliches Gericht, ihr Lieblinge des Lasters!
Es gibt ein furchteinflößendes Gericht: Es erwartet euch;
das wird nicht weich beim Klang des Goldes,
und die Gedanken und Taten kennt es im voraus.
Vergebens werdet ihr dann eure Zuflucht bei der Verleumdung suchen:
Noch einmal wird sie euch nicht helfen,
und mit all eurem schwarzen Blut werdet ihr nicht fortwaschen
das gerechte Blut des Dichters!

Dieser Aufschrei und zugleich wütende Anklage war des zweiundzwanzigjährigen Offiziers und Dichters Michail Lermontow Antwort auf Puschkins Tod in einem hinterhältigen Duell.
[Das Gedicht ist entnommen: Michael Lermontow, Gedichte, Russisch/Deutsch Übersetzt von Kay Borowsky und Rudolf Pollach. Reclams Universalbibliothek, 2000 Philipp Reclam jun., Stuttgart (mit kleinen Änderungen, hmw)]

Lermontow lag während der drei Tage, die Puschkin nach dem Duell mit dem Tode rang, krank zuhause und bekam von Freunden, seinem Arzt und Bekannten die Reaktionen einerseits der höfischen Gesellschaft und andererseits der progressiven Intellektuellen berichtet. Erstere sprachen voller Genugtuung, Hohn und Freude über Puschkins Tod, Letztere waren sprachlos vor Ohnmacht ob der Dreistigkeit dieses Mordes – denn die Falle und die Hinterhältigkeit dieses Duells kamen einem Mord gleich. Puschkin war die große literarische (und damit auch soziale) Hoffnung der Menschen gewesen.
Noch vor Puschkins Beerdigung wurde »Der Tod des Dichters« zu Zehntausenden – wie damals üblich – abgeschrieben und verbreitet.

Nachdem Lermontow in seinem Gedicht den Tod des Dichters beklagt und seinen Mörder verurteilt hat, macht er in den letzten sechzehn Zeilen des Gedichts etwas Ungeheuerliches: Er verurteilt die höfische Gesellschaft in nie da gewesenen scharfen Worten und klagt sie des Mordes, des Rechtsbruches, der Verleumdung und der Korruption an. Eine Ungeheuerlichkeit ohnegleichen.
Zar Nikolaus I. reagierte entsprechend: er schrieb auf den Bericht des allmächtigen Chefs der Geheimpolizei Graf Benckendorff (eben der, der Puschkins Tod betrieben hatte) über den verbrecherischen Freigeist Lermontow, man solle ihn auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen. (Wenige Monate zuvor war schon der Philosoph Pjotr Tschaadajew für geistesgestört erklärt worden – eine Methode, die von den Sowjetherrschern effektiviert wurde.)
Lermontow wurde „nur“ zur kämpfenden Truppe in den Kaukasus strafversetzt – ein Glücksfall für die Literatur, wie sich dann noch herausstellen sollte, denn er wurde zum ersten Dichter, dessen Sujet nicht die russische Weite und Unendlichkeit, sondern die malerische, fremde, raue und zugleich schöne Gebirgswelt war. Er war übrigens auch – leider zu wenig beachtet – Maler dieser Landschaft.

Michail Jurjewitsch Lermontow kam am 3. Oktoberjul. / 15. Oktobergreg. 1814 in Moskau zur Welt. Sein Vater war Hauptman i.R. des mittleren Adels, seine Mutter entstammte dem Hochadel. Nach dem frühen Tod seiner Mutter wuchs er bei seiner Großmutter mütterlicherseits, Jelisaweta Arsenjewa, auf, die für seine Ausbildung auf höchstem Niveau sorgte.
Schon mit vierzehn Jahren begann er Gedichte zu schreiben, die – obzwar jugendlich – schon von einer gewissen Reife zeugen. 1830 bis 1832 studierte er in Moskau; mit ihm studierte Belinski, der spätere Philosoph und Kritiker Stankewitsch, der Schriftsteller Gontscharow, Herzen und Orgajow.  Mit dem regelmäßigen Vorlesungsbetrieb konnte er sich nicht anfreunden und beendete seine Studienlaufbahn mit den „consilium abeundi“ (Rat, die Universität zu verlassen). Bis 1834 waren seine „schrecklichen Jahre“ (wie er sie nannte) in der Petersburger Gardeschule, die er als Kornett (Unterleutnant) verließ. Bis zu seiner Strafversetzung 1837 in den Kaukasus lebte er das sorglose Leben eines Offiziers der Garde in St. Petersburg und dichtete (auch weniger Gehaltvolles). 1838 durfte er nach St. Petersburg zurückkehren, aber schon 1840 wurde er erneut auf allerhöchsten Befehl Zar Nikolaus‘ in den Kaukasus strafversetzt. Er hatte sich durch das überhebliche Auftreten des Sohnes des französischen Botschafters provoziert gefühlt und duelliert, zwar folgenlos – der Franzose schoss daneben, er in die Luft –, es wurde jedoch entdeckt. Seine Abneigung gegen ausländische Karrieremacher und Diplomaten, die sich für etwas Besseres hielten, hat er schon in »Der Tod des Dichters« zum Ausdruck gebracht.
Im Juli 1841 kam es zu einem Streit mit N. Martynow. In diesem zweiten Duell am 27. Juli starb Michail Lermontow in Pjatigorsk.

Wie schon bei Puschkins Duelltod gibt es auch hier einige Ungereimtheiten: Es war weder – wie üblich – ein Arzt, auch keine Kutsche vorhanden und Graf Benckendorff verfolgte Lermontow heftiger als der Zar selbst; andere sprechen von Lermontows aufbrausenden Temperament. Nachfahren von Martynow – die ihn verehren und auch bei der Feier des 190. Geburtstages Lermontows anwesend waren – sagen bis heute, Lermontow habe einen Brief, den er Martynow überbringen sollte, geöffnet und in der vornehmen Gesellschaft ausgeplaudert; das Duell sei eine Frage der Ehre gewesen.
Nun, wie auch immer, der »dritte russische Dichter«, der »Nachfolger Puschkins« war tot.

Hier sind zwei wichtige Stichworte zu Lermontow (und Puschkin) gefallen.
»Nachfolger Puschkins«:

Lermontows rhetorischer und aufrüttelnder Stil war ohne Zweifel an Puschkins Sprache und seinen Bildern geschult; er war wie Puschkin der Auffassung, dass es die Aufgabe des Dichters sei, historische Wahrheiten auszusprechen auch gegen die »Meinungen der Welt« und deren Herrscher – heute nennen wir es »entgegen dem Mainstream« –, selbst wenn sie ihn »böse jagen«. Die Freiheit des Wortes und die »Welt« waren für ihn unversöhnliche Gegner.
Sein Leben wies außerdem auffallende Parallelen zu Puschkins Leben auf, den er jedoch nie getroffen hat.

Der »dritte russische Dichter«:

Gemeint ist: nach Puschkin und Gogol. Auf den ersten Blick unverständlich, denn schon im 18. Jahrhundert gab es Schriftsteller und Dichter in Russland wie Antioch Dmitrjewitsch Kantemir, Wassilij Kirillowitsch Tredjakowskij, Michail Wassiljewitsch Lomonossow (Gründer der Moskauer Universität), Alexander Petrowitsch Sumarokow, um nur einige zu nennen. Vor Puschkin lehnte sich jedoch die Literatur in Russland ganz stark an die westeuropäische Literatur an – man kann sogar besser sagen: sie ahmte sie nach, meist war sie noch nicht einmal in Russisch geschrieben. Die Themen, die Handlung, die Problematik, das Genre und der Stil wurden von westeuropäischen Dichtern übernommen und ohne eigene Fortentwicklung auf Russland übertragen. Puschkin, Gogol und Lermontow waren natürlich auch von westlichen Schriftstellern beeinflusst (was in der ganzen Literatur in alle Richtungen normal ist), sie haben jedoch erstmals diese weiterentwickelt, etwas typisch Russisches mit russischen Charakteren und russischer Problematik daraus gemacht, sie haben die Literatur per se verändert und nun zum ersten Mal andere (westeuropäische) Schriftsteller beeinflusst.

Als Beispiel kann Lermontows bekanntestes Prosawerk »Ein Held unserer Zeit« gelten.
Fraglos ist Lermontow hier – wie in vielem – von dem englischen Spätromantiker George Gordon Byron, 6. Baron Byron of Rochdale, genannt Lord Byron, beeinflusst. Dieser schuf die archetypische Figur, den »Byronschen Helden«, einen Egoisten, dem es nur um die Befriedigung eigener Bedürfnisse ohne Rücksichtnahme auf ethische, moralische und gesellschaftliche Grundsätze oder Auswirkungen geht – ein negativer, ein schwarzer Held (schwarze Romantik).

Der Held Lermontows, Petschorin, ist im Grunde ein solcher Byronscher Held; dieser jedoch geht einen Schritt weiter, er reflektiert, er erkennt sein egoistisches Handeln, er ist eigentlich zwei Personen in einer: eine, die handelt, und eine, die sich dabei betrachtet; moralische Skrupel kennt er nicht, aber er stellt sich – ohne sie zu beantworten – die Grundfrage menschlichen Seins „wozu habe ich gelebt“.

Auch im Aufbau des Romans geht Lermontow weiter: Er zeigt seinen Helden aus der Sicht verschiedener Personen, indem er verschiedene – eigentlich selbständige – Episoden zu einem Ganzen verwebt und darin zusätzlich den Helden selbst in seinem Tagebuch zu Wort kommen lässt.
Letztlich ist der Roman der Übergang zu dem später entstandenen Genre „Psychologischer Roman“.

Über die wichtigen literarischen Betrachtungen hinaus ist »Der Held unserer Zeit« ein spannend zu lesender Roman, frisch und aktuell wie bei seinem Erscheinen 1840.

Gedichte:

Sahst Wandrer du am Wasser nah der Berge Hang (Die Schalmei)
Ich bitt dich, lieber Peterson (An P…)
Mit seinem Leben unzufrieden (Romanze)
Es ist ein Glück, ein Nichts zu sein auf Erden! (Ein Monolog)
Ich war noch ein Kind, als ich von euch schied (Mein Kaukasus)
Weil meine Worte dumpf und traurig klingen (An ***)
Vor einer Klosterpforte stand (Der Bettler)
Wir trinken aus dem Kelch des Seins (Der Kelch des Lebens)
Klarer, nächtlicher Himmel (Der Himmel und die Sterne)
Um Mitternacht flog, flog am Himmel entlang (Der Engel)
Ein klagendes Glöckchen (Lied)
Den Dichter mögen schuldig sprechen
Komm zu mir, schöner Knabe, ach, du mußt
Einst zählt ich an Küssen die Zeit
Ich möchte leben! Möchte leiden
Öffnet mir die Kerkermauern (Verlangen)
Wo Meer und Himmel sich vereinen (Das Segel)
Und Russalka schwamm durch den blauen Fluss (Russalka)
Himmlischer Zar! (Gebet eines Junkers)
Der Dichter fiel! – Von Schurken wähnte (Der Tod des Dichters)
Könnt ich fliehn aus dieser Zelle (Der Gefangene)
Wenn das Getreide reifend wogt am Waldessaume
O Muttergottes, als Betender stehe ich (Gebet)
Wir trennten uns, doch dein Porträt
Ich will nicht, dass die Welt ihn liest
Ich liebe dich, mein Dolch – mein Damaszener (Der Dolch)
Hör deine Stimme ich
Es strahlt der Blick in deinem Auge
Sie singt – die Laute, sie zergehen
Dem neugebornen Sohn entgegen
Wenn mir das Herz voll Trauer ist (Ein Gebet)
Schlafe, schlaf mein schönes Kindchen (Kosakisches Wiegenlied)
Und einsam und traurig, und niemand steht helfend bereit
Worte, die nichtig
Ich bin traurig, weil ich dich liebe (Warum)
Durch Jugendträume, die in der Erinnrung leben (Einem Kinde)
Wolken, ihr schweifenden, niemals verweilenden (Wolken)
Ich liebe dieses Land, doch mit besondrer Liebe! (Das Vaterland)
Der kalten Erde schwere Schollen (Des Toten Liebe)
Schlief ein goldnes Wölkchen unter Sternen (Der Felsen)
In Daghestan, im Brand der Mittagsstunde (Ein Traum)
Wo der Terek mit Brausen und Toben (Tamara)
Es ward einst ein Blatt (Das Blatt)
Badet der Königssohn sein Ross im Meer (Des Meerkönigs Tochter)
Seit der Allmächtige in mich (Der Prophet)

Prosa:

Wadim
Das Panorama Moskaus
Die Fürstin Ligowskaja
Kerib der Spielmann
Ein Held unserer Zeit
Der Kaukasier

Dramatik:
Maskerade

Gesamtausgaben:
Michail Lermontow, Gedichte und Poeme, Rütten & Loening Berlin 1987
Michail Lermontow, Prosa und Dramatik, Rütten & Loening Berlin 1987

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.