Michail Gorbatschows Chance

[von Andrej Kolesnikow] Er versuchte, ein System umzubilden, das absolut starr war und nur zusammenbrechen konnte. Eine tragische Figur, setzt sich Gorbatschow mit der Geschichte immer noch auseinander.

Er ist gealtert, etwas gereizt, unterbricht seinen erfahrenen Rundfunk-Interviewer, dutzt ihn. Er glaubt nicht daran, dass es die unerbittliche Logik der Geschichte war, die die Sowjetunion auseinanderfallen ließ, und es nicht die Mitglieder des Staatlichen Komitees für den Ausnahmezustand (GKTschP) waren, die sich im August 1991 die Absetzung des Präsidenten der UdSSR vornahmen. Ihm missfallen die Menschen, die nach ihm kamen. Er mag Boris Jelzin nicht, und die bloße Erwähnung des Namens von Jegor Gaidar, der Ende der 80er Jahre für ihn in den Gruppen von Speechwriters und Experten arbeitete, bringt ihn in Wut. Dafür erläutert er streitsüchtig, warum ihm Wladimir Putin gefällt.

Michail Gorbatschow hat noch ein Buch geschrieben. Es hat den Titel „Die Perestroika verstehen. Warum das jetzt wichtig ist“. Ich glaube nicht, dass sich das Buch zu einem Bestseller entwickelt. In einer der großen Moskauer Buchhandlungen habe ich unbeabsichtigt das Gespräch von zwei alten Männern mitgehört. Nicht weniger gereizt als Gorbatschow selbst besprachen sie das Buch. Dann warfen sie es nicht ohne Ekel ins Regal zurück und sagten wie aus einem Munde: „Wer braucht ihn jetzt noch!“ Sie sind der Meinung, dass gerade er die UdSSR zum Zerfall brachte. Ich aber denke, dass sie ihm da schmeicheln. Michail Gorbatschow ist das Symbol des Endes der sowjetischen Geschichte. Aber der erste und letzte Präsident der UdSSR war nicht imstande, persönlich, durch eine Willensanstrengung, das Imperium zerfallen zu lassen. Er war bei seinem Zerfall einfach dabei. Es handelte sich nur um die Geschwindigkeit und Schmerzhaftigkeit der Katastrophe.

In dem Buch „Die Perestroika verstehen“ sucht Gorbatschow, das Gegenteil zu beweisen. (Möglicherweise war das der Zweck der Übung.) „Alles schien im Juli 1991 zusammenzutreffen“, schreibt er. „Man stand gleichsam am Ende des Weges, der seit April 1985 zurückgelegt worden war. Es entstanden Voraussetzungen dafür, das Land aus der Krise zu retten und demokratische Umgestaltungen zu fördern. Deshalb fuhr ich am 4. August auf Urlaub, ohne zu zweifeln, dass zwei Wochen später in Moskau der Unionsvertrag unterzeichnet sein wird.“

Aber zwei Wochen später kam es zu einem Putsch. Der Form nach war er operettenhaft, dem Inhalt nach eher tragisch und beschleunigte den Zerfall des Imperiums. Dem GKTschP gehörten alle Spitzen der UdSSR an, und sie hatten keine ernsten Meinungsdifferenzen mit Michail Gorbatschow – die Ausnahme bildete nur der Umstand, dass er an der Macht war und die Unterzeichnung des Vertrages „Über die Union souveräner Staaten“ plante. Die einen glaubten, dass der Vertrag die Existenz der Sowjetunion annulliere. Im Grunde stimmte das auch: Dieses Dokument konnte die Agonie höchstens verlängern. Als die Verschwörer die Macht an sich gebracht hatten, entdeckten sie, dass sie nichts damit anzufangen wussten: Es gab nichts mehr, was sie hätten verwalten können. Keine Wirtschaft, keine Finanzen, das Land, in dem sie unter Ausnutzung des Regimes des Ausnahmezustands die Macht ausüben wollten, löste sich vor ihren Augen auf. Der Innenminister erschoss sich, der Ministerpräsident war schwer betrunken, der Verteidigungsminister nahm nicht das Risiko auf sich, auf die Menschen in den Straßen von Moskau schießen zu lassen, der KGB-Vorsitzende legte die Sinnlosigkeit seiner einstigen Allmacht bloß. Die tönernen Füße des Kolosses, dessen Untergang Ende der 80er Jahre noch kein einziger westlicher Nachrichtendienst hätte vorhersagen können, brachen schon bei einem nicht einmal sehr starken Stoß.

Aber Michail Gorbatschow kehrt immer wieder zu ein und demselben Gedanken zurück: Die Sowjetunion wäre zu retten gewesen, er habe dafür alles getan, was notwendig gewesen sei. „Der Putsch untergrub die Positionen des Präsidenten der UdSSR und die Autorität der Unionsmacht. Dabei waren wir in jenem Moment, wie ich schon schrieb, nahe dabei, ein neues Parteiprogramm anzunehmen, und näherten uns einer Etappe von tiefgreifenden Reformen.“ Ein neues Programm der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) interessierte damals überhaupt kaum jemanden, mit Ausnahme des sowjetischen Establishments. Was die Etappe der tiefgreifenden Reformen angeht…

Als sich Michail Gorbatschow im Herbst 1990 weigerte, das so genannte Schatalin-Jawlinski-Programm zu realisieren, sondern vielmehr die Weisung erteilte, es mit dem konservativeren Programm der Regierung von Nikolai Ryschkow zu kreuzen, wurde wohl die letzte Chance für den Beginn von realen Umgestaltungen versäumt. Die im Januar 1991 gebildete Regierung Valentin Pawlows, der sich später den Verschwörern anschließen sollte, konnte nichts mehr tun, sie versuchte nur, den finanziellen Brand zu löschen und – erfolglos – das immer größer werdende Loch im Haushalt zu stopfen. Von welchen Reformen konnte da noch die Rede sein, wenn von 1988 an Nikolai Ryschkow und Michail Gorbatschow die Notwendigkeit einer sofortigen Preisreform hin und her erwogen, aber sich selbst zwei Jahre später nicht dazu entschließen konnten.

„Die Tragödie bestand für mich persönlich darin, dass ich, nachdem ich am 18. August die ultimativen Forderungen der Putschisten abgelehnt und ihnen damit den entscheidenden Schlag versetzt hatte, auch selbst die Chance verlor, die Macht zu behalten und damit die eingeleiteten Reformen fortzusetzen“, stellt Michail Gorbatschow fest. Dass der Präsident die Macht verloren hatte, stimmte absolut. Im Grunde erlebte die Sowjetunion bis zum Ende, bis zum formellen Akt von Gorbatschows Rücktritt am 25. Dezember 1991, eine Krise der Machtlosigkeit, bei der das Land nur auf dem Papier existierte.

Michail Gorbatschow ist eine tragische Figur. Er wollte ein System reformieren, das keine Reformen ertrug, sondern dabei nur zusammenbrechen konnte. Eben das verstand er nicht, während er bemüht war, die „Perestroika“, seine eigene Schöpfung, zu verstehen. Auch wurde er vom Lande nicht verstanden. Bei einer Umfrage des Fonds „Gesellschaftliche Meinung“ verteilten sich die Antworten auf die Frage, unter wem es den einfachen Menschen am besten ging, wie folgt: unter Leonid Breschnew (46 Prozent), Juri Andropow (8 Prozent), Jossif Stalin (6 Prozent), Nikolaus II. (6 Prozent). Michail Gorbatschow schließt mit 2 Prozent diese Liste ab, wobei er schlechter dasteht als selbst Boris Jelzin oder Wladimir Lenin.

So ein Drama des gegenseitigen Nichtverstehens. „Ich klage nicht über das Schicksal. Aber so etwas würde ich anderen Menschen nicht wünschen“, schreibt Michail Gorbatschow. „Die Verluste und die Verantwortung für alles – ich habe das bis heute zu sühnen. Dennoch glaube ich, dass das Schicksal mir gegenüber großzügig war, indem es mir so eine Chance, eine seltene Chance gab.“

Vom Standpunkt der Ewigkeit hat Michail Gorbatschow seine Chance nicht versäumt.