Mee Too in der DumaFoto: Kremlin.ru

Mee Too in der Duma

Einem Parlamentsabgeordneten wird vorgeworfen, mehrere Reporterinnen sexuell belästigt zu haben. Ein Gespräch zwischen dem Duma-Abgeordneten Leonid Sluzki und einer russischen Journalistin in Diensten der britischen BBC in Moskau sei vor kurzem unter die Gürtellinie geraten, meldet die Medienanstalt.

„Na los, Häschen, schau vorbei, wenn du Lust hast, ich habe Sehnsucht nach dir“, soll der Parlamentarier der Partei LDPR und Vorsitzende des Außenpolitischen Ausschusses der Staatsduma, Leonid Sluzki, zu Farida Rustamowa gesagt haben, bevor er ihr zwischen die Beine gegriffen habe. Das geht aus Audioaufzeichnungen hervor, die sie mit ihrem Diktiergerät gemacht habe, welche von der BBC nun öffentlich gemacht wurden.

Dies ist allerdings nicht der erste Fall, in dem der rechtspopulistische Politiker beschuldigt wird, handgreiflich gegenüber Frauen geworden zu sein. Schon seit mehreren Wochen sieht sich der Abgeordnete mit Vorwürfen zu Belästigungen konfrontiert, Reporterinnen auf die Pelle gerückt zu sein. Der Oppositionssender TV Doschd berichtete von drei Journalistinnen, die sich über Nötigungen Sluzkis beschwert haben. Eines der Opfer: die Doschd-Mitarbeiterin Darja Schuk.

Frauen als Freiwild für Politiker?

Schuk gab an, Sluzki habe ihr bei dem Versuch zu küssen unmissverständlich an den Hintern gelangt. Auch Jekaterina Kotrikadse, die Chefredakteurin des TV-Kanals RTVI, beschwerte sich über den Politiker, weil er sich im Jahr 2011 mit ihr in seinem Büro eingeschlossen habee, sie an die Wand gedrückt hättee und ebenfalls versuchte, sie zu küssen. Das war für Farida Rustamowa Impuls genug, nun den Weg nach vorne zu wählen und ihre Erlebnisse mit Sluzki publik zu machen.

„Nein, du läufst vor mir weg“, nahm demnach der Abgeordnete die Antwort auf seine Mutmaßung vorweg, ob er ihre Fragen nicht beantworten wolle, weil sie für die BBC arbeite. „Willst dich nicht küssen lassen, ich bin böse auf dich“, soll er laut ihrer Aufzeichnungen zu ihr gesagt haben. Auf die Bemerkung hin, dass sie einen Freund habe und ihn heiraten wolle, soll er ihr entgegnet haben: „Hervorragend, du wirst seine Frau und meine Geliebte sein“. Inzwischen richteten die Betroffenen ihre Beschwerde an den Duma-Ausschuss für Ethik.

Statt Unterstützung Ignoranz

„Sie, diese Sluzkis, die Amtsträger auf allen Ebenen, glauben, ihnen gehören nicht nur Sessel und Mandate, sondern auch die Körper ihrer Untertanen“, was bei dem liberalen Politiker Dmitri Gudkow im sozialen Netzwerk als Anklage formuliert ist, verhöhnt Duma-Sprecher Wjatscheslaw Wolodin pünktlich zum, in Russland heiligen, Frauentag: „Wenn es für sie gefährlich ist, im Parlament zu arbeiten, können sie ja den Job wechseln“. Die staatlichen Medien äußern sich zu dem Thema erst gar nicht.

Für Sluzki sei das ohnehin nur eine Auftragskampagne, die sich gegen das steigende Ansehen seines Ausschusses für Außenpolitik richte, äußert er sich auf seine Weise zu den Vorwürfen und schob die halbherzig gemeinte Floskel hinterher, dass er sich bei allen entschuldige, denen er mit oder ohne Absicht Kummer bereitet habe. Einsicht sieht auf alle Fälle anders aus. Die scheint Sluzki aber auch nicht nötig zu haben, solange ihm von anderen Duma-Mitgliedern der Rücken frei gehalten wird.

Gegenüber dem Radiosender Echo Moskwy schloss beispielsweise jüngst die kommunistische Abgeordnete Tamara Pletnjowa kategorisch aus, dass ihr rechtsorientierter Kollege im Parlament überhaupt eine Frau verletzen könnte. Statt dessen erteilte sie den Reporterinnen eine Retourkutsche. „Diese Mädels sollten sich gesitteter anziehen und nicht mit nacktem Bauchnabel herumlaufen“, so ihre knappe, aber vielsagende Meinung.

Schuld sei die russische Gesellschaft mit ihrem sexistischen Jugendkult, erklärt die Schriftstellerin Jelisaweta Aleksandrowa-Sorina. Deshalb richten sich vor allem alternde Frauen in Russland bei solchen Skandalen gegen ihre jüngeren Geschlechtsgenossinnen. Den betroffenen Journalistinnen wird das allerdings auch nicht weiter helfen.

[mb/russland.NEWS]

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