Maxim Gorki – Revolutionär und Pragmatiker

Maxim Gorki 1935 - Stalin und Gorki 1931

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Bis zu Gorkis Rückkehr nach Russland (Ende 1913) kann man Gorki als revolutionär-romantischen Schriftsteller bezeichnen, auch wenn er sich zwangsläufig viel mit Politik beschäftigte.
Ab 1914 – mit Beginn des Ersten Weltkrieges, dessen Übergang in die Revolution und der Etablierung des russisch-sozialistischen Staates – wurden die Verhältnisse in Russland verworren, und auch die Haltung Gorkis, der ab jetzt aktiv am politischen Geschehen teilnimmt, wird undurchschaubarer und scheinbar widersprüchlich.

Diese Widersprüchlichkeit hat seinem Ansehen als Mensch und Schriftsteller in den westlich orientierten Ländern schweren Schaden zugefügt; in den sozialistischen Ländern – die sich allerdings nur das aus Gorkis Schaffen herauspickten, was ihnen genehm war – wurde er zu einer Ikone des Sozialismus und Kommunismus hochstilisiert.
Es gibt einige gute und objektive Biografien über Gorki wie »Keir Kjetsaa „Maxim Gorki. Eine Biographie„, 1994« oder »Henri Troyat „Gorki, Sturmvogel der Revolution“ 1987« und neue Erkenntnisse (zu lesen bei Armin Knigges), weshalb ich hier nur auf einige markante Daten eingehen werde, die die Person Gorki und sein Schaffen etwas durchschaubarer machen sollen. Völlig aufzuklären wird auch hier nicht möglich sein, schon allein weil viele Faktoren eine Rolle spielen: Die persönliche (emotional und wirtschaftliche) Situation Gorkis, menschliche Beziehungen (zu seiner Ex-Frau und seinem abgöttisch geliebten Sohn), die sich rasant verändernde politische Situation in Europa (z.B. Gegenrevolution durch die Weißen mit Hilfe des Auslands, Aufkommen des Faschismus), die sich täglich, ja stündlich ändernden Meldungen und Falschmeldungen in höchst emotionalen und explosiven Situationen und und und.
Ich will es dennoch versuchen.

Der Beginn des Ersten Weltkrieges bewirkte tiefgehende Veränderungen im russischen Volk: Einerseits schlug die vormals antizaristische Stimmung um. Jetzt hieß es: mit Väterchen Zar gegen den bösen Feind Deutschland. Andererseits stritten sich die Sozialrevolutionäre und Sozialdemokraten quer durch die Parteien heftig: Die einen waren kategorisch für eine erfolgreiche nationale Verteidigung gegen den deutschen Imperialismus, die anderen setzten auf einen Sieg Deutschlands, aus dem sich die Revolution in Russland ergeben würde. Letztere war die Gruppe um Lenin (der noch im Ausland lebte), zu der sich Gorki gesellte, allerdings in erster Linie, weil ihn die plötzliche patriotische Begeisterung des Volkes für den Zaren anwiderte; für einen Sieg Deutschlands trat er jedoch nie öffentlich ein. In seiner Zeitschrift „Die Annalen“ arbeitete er vorsichtig gegen den Zaren, für eine sozialistische Revolution, die zu demokratischen Zuständen führen sollte; eine bürgerliche Revolution lehnte er ab, da sich diese auf die Bauern stützen müsste, die er für widerliche (er spricht von tierisch) Kapitalisten hielt.

Die katastrophalen Niederlagen der russischen Armee ließ die Stimmung im Volk erneut umkippen, es gab Streiks, das Volk hungerte, die Unfähigkeit der Generalität und des Zaren wurde angeprangert, die Soldaten fuhren einfach nach Hause, alles endete in der Februar-Revolution 1917, der Zar dankte ab, eine bunt gemischte, bürgerliche Regierung entstand.

Gorki wünschte von ganzem Herzen, dass der Krieg beendet werden, Ruhe einkehren und ein blutiger Bürgerkrieg vermieden werden könne. Ebenso fast alle Sozialisten, denn nach Marx sollte, erst wenn die bürgerliche Revolution sich etabliert hat, auf quasi demokratischem Weg (die Sozialisten glaubten, in einem Parlament die Mehrheit zu erlangen), die sozialistische Revolution relativ unblutig erfolgen. Lenin (und Trotzki) war ein krasser Gegner dieser Thesen und setzte auf eine sofortige blutige Revolution und gewann mit Tricks (siehe hierzu Artikel 1 , Artikel 2 und Artikel 3 ). Der Marxismus-Leninismus wird geboren. Für Lenin sind zu diesem Zeitpunkt die russischen Ereignisse nur insofern wichtig, als sie zu einer sofortigen internationalen Revolution führen sollen – Gorki hat nur die russischen Ziele im Sinn, er ist im guten Sinn des Wortes ein russischer Nationalist (siehe hierzu »Golczewski/Pickhan „Russischer Nationalismus“ 1998«) und Sozialdemokrat (siehe hierzu die Dissertation von N. Katzer »Maxim Gorkijs Weg in die Sozialdemokratie«).

Lenin hatte es also geschafft, das Chaos der Oktober-Revolution brach aus, Gorki sah seine schlimmsten Befürchtungen übertroffen, die Menschen wurden wahllos abgeschlachtet. Er protestierte heftig, forderte Demokratie und Menschenrechte ein, verfluchte die Mörder und Banditen, legte sich mit den Revolutionären an, geißelte die Zustände und verurteilte Lenin und seine Genossen aufs Schärfste.

»Unzeitgemäße Gedanken über Kultur und Revolution« veröffentlichte er von April 1917 bis Juni 1918 in seiner Zeitung „Novaja Žizn“ (Neues Leben), die dann von Lenin verboten wurde. Hier spricht er als engagierter Humanist und Sozialist, ohne Rücksicht, nur nach seinem Gewissen. In der schlimmsten Zeit des Hungers, grausamer Kälte und der wahllosen Liquidierungen durch die Tscheka (1918) engagierte er sich ohn Ansehen der Person für seine Mitmenschen, denn er war auch finanziell ein privilegierter Schriftsteller und trotz aller wütenden Differenzen der Lieblingsschriftsteller Lenins. Dieses Wohlgesonnensein Lenins nutzte er rigoros aus, um Menschen vor Verhaftungen oder Erschießen durch die Tscheka zu retten.

Das Verhältnis zwischen Gorki und Lenin ist eines der Rätsel um Gorki, zu dessen Lösung es vieler Arbeit von Psychoanalytikern bedarf.
Lenin schreibt z.B. über Gorki und seine Beschäftigung mit Politik (1916):
In der Politik hat Gorki immer einen völligen Mangel an Charakter bewiesen; er lässt sich vom Gefühl und der Stimmung treiben.
Gorki geißelt die Brutalität Lenins, weint jedoch als er vom Tode Lenins erfährt und schreibt in seinen »Erinnerungen an Zeitgenossen« so über Lenin, dass man nicht glauben kann, den Autor der »Unzeitgemäßen Gedanken« vor sich zu haben.
Als im Januar 1924 Lenin starb, schrieb er: „… Ich habe meine Erinnerungen an ihn aufgeschrieben… Während ich schrieb habe ich heiße Tränen vergossen. Nicht einmal nach Tolstois Tod bin ich so unglücklich gewesen…“

Mitte 1918 begann Gorki einzusehen, dass er gegen die Macht der Realität erfolglos sein muss, auch wenn er sie noch so wütend attackiert. Seine Ex-Frau, zu der er nach wie vor ein gutes Verhältnis hat, und sein heißgeliebter Sohn sind beide überzeugte Bolschewiki; sie tun alles, um ihn von der Sache der Bolschewiki zu überzeugen und marginalisieren die Auswüchse der Revolution als notwendige Übel. Lenin verpflichtete gar den Sohn, seinem Vater zu helfen. Gorkis Geliebte, Mara Budberg, die er durch Fürsprache bei Lenin vor der Tscheka retten konnte, überredete ihn, zu Lenins fünfzigsten Geburtstag (1920) keine politische Rede zu halten (er ist nach wie vor wütend über die Situation im Land), sondern über die „strahlende Zukunft der Nation, die ihr der geniale und unermüdliche Führer bereitet“, zu sprechen. Hier beginnt er sich entgegen seiner Überzeugung zu verbiegen, er wird nach und nach zum Pragmatiker, manchmal resignierend, dann wieder voller Hoffnung, doch noch etwas für die Zukunft seines Landes tun zu können.

1921 „überredete“ ihn Lenin seiner Gesundheit wegen (er spuckte tatsächlich wieder Blut), zur Kur das Land zu verlassen. Die Aufenthalts- und Behandlungskosten im Schwarzwald wurden von der Partei übernommen.

Danach lebte er bei Berlin, wo er versuchte, die emigrierten russischen Schriftsteller mit den sowjetischen zu versöhnen; sein Erfolg war mäßig, nur wenige zog es in das revolutionäre Russland, und wenn, meist aus persönlichen Gründen. Die meisten Emigranten lehnten ihn wie einen Vertreter der sowjetischen Macht ab. In der von ihm in Berlin gegründeten Zeitschrift »Besseda« (Die Plauderei) veröffentlichten große Schriftsteller der Emigration, wie Blok, Biely, Remizow, Sologub u.a.

Als 1923 die Bolschewiki einen „Index verbotener Bücher“ aufstellten, die aus den Bibliotheken zu entfernen waren (dazu gehörte Platon, Kant, Schopenhauer, Nietzsche, Solowiew, Tolstoi, Lesskow und andere), begehrte er auf und wollte auf seine sowjetische Staatsbürgerschaft verzichten; Mara Budberg hielt ihn von diesem Schritt ab.

In Marienbad, im Winter 1923/24, begann er endlich wieder zu schreiben, er nahm den Roman »Das Werk der Artamonows« in Angriff, in dem er das steigende Bewusstsein eines Arbeiters gegenüber einer bürgerlichen Industriefamilie und deren langsamen Zerfall während der Revolution zeigt.

Im Sommer 1924 erlaubte ihm Mussolini nach Sorrent überzusiedeln. Hier arbeitete er weiter an »Das Werk der Artamonows« und begann seinen letzten großen Roman »Das Leben des Klim Samgin«, in dem der Held, ein Gegner der Revolution, wie ein Chronist die Revolution seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts bis 1917 begleitet; der Roman blieb Fragment.

Trotz steigender Sehnsucht nach der Heimat, war diese Zeit im Kreis seiner Geliebten Mara Budberg, Nina Berberowa und Vladislav Chodassewitsch, seinem Sohn Maxim und seiner Frau und vielen vorübergehenden Gästen im Vergleich zur Zeit in Russland eine glückliche Zeit.
Es war seine Ex-Frau, die ihm die Nachricht überbrachte, dass er in Moskau gern gesehen sei, und ihn zur Rückkehr überredete. Aber nicht nur sie bewegte ihn, er erhielt von Schriftstellern wie Jessenin und vielen anderen und aus allen Schichten des Volkes Briefe, die ihn um Rückkehr baten; er war zu einem Idol der Massen geworden.

Mit wachsender zeitlicher Entfernung von den Gräueln der Revolution, an einem lieblichen Ort, verblassten die grausamen Erinnerungen, die Hoffnungen auf eine glückliche Zukunft „seines Volkes“ stieg, der immer lärmender werdende Faschismus in Italien tat ein Übriges, er entschloss sich zur Rückkehr. Im Frühjahr 1928 fuhr er zum ersten Mal wieder nach Russland, wo er begeistert empfangen und allseits hoch verehrt wurde. Bis Juli 1933 „pendelte“ er zwischen Sorrent und Russland, bis er sich entschloss endgültig in Russland zu bleiben.

Mit der ersten Rückkehr nach Russland begann Gorkis umstrittenste Lebensperiode. Stalin war zwar noch kein allmächtiger Diktator, jedoch ein sehr mächtiger Führer. Er hatte sehr schnell erkannt, dass ihm die Beliebtheit Gorkis im In- und Ausland von Nutzen sein könne. Gorki schwamm einerseits auf der Woge größter Beliebtheit, hatte sich andererseits aber einen kritischen Blick bewahrt. Ob er es hätte wagen dürfen, offen Missstände anzuprangern, ist zu bezweifeln. Tatsache ist jedoch, dass er sich zu offiziellen Propagandazwecken gebrauchen ließ – was auch immer seine persönlichen Gründe gewesen sein mögen (es lassen sich eine ganze Reihe anführen).

Ein Beispiel: Verständlicherweise sehr übel genommen wurde ihm der Bericht über seinen Besuch des Arbeitslagers Solowki, in dem er die Arbeitslager als gute Umerziehungseinrichtungen, in denen es den Menschen gut gehe und diese gern und fleißig arbeiteten, gelobt hat. Der damals dort inhaftierte Dmitri S. Lichatschow berichtet in seinem Buch »Hunger und Terror« jedoch, dass Gorki mit einem inhaftierten Jungen 40 Minuten allein gesprochen und danach geweint habe – dass heißt, er hat die grausamen Zustände erfahren (der Junge war danach von der Bildfläche verschwunden). Zuvor war eine europäische Kommission zur Überprüfung im Lager, sie durften sich frei bewegen und mit allen sprechen; kurz vor ihrer Abreise wurde ihnen aber das gesamte Fotomaterial und alle Aufzeichnungen „gestohlen“, so dass sie keine Beweise hatten.
Gorki wurde ganz klar benutzt und hat gegen besseres Wissen mitgespielt.

Ein weiteres, wenn nicht das größte Makel ist sein Referat auf dem Ersten Allunionskongress der sowjetischen Schriftsteller am 17 August 1934 »Die sowjetische Literatur« (in »Rußland lesen« Hrsg. Swetlana Geier, „Statt einer russischen Literaturgeschichte“, Fischer Verlag). Hier ist er praktisch reiner Propagandaredner des Systems, man erkennt den „Sturmvogel der Revolution“ nicht mehr wieder.

Andererseits sind jetzt Briefe von Gorki an Stalin http://www.der-unbekannte-gorki.de/index.php?e=16 zugänglich geworden, in denen Gorki Stalin in einem Ton auf Missstände anspricht, den sich zu diesem Zeitpunkt niemand hätte erlauben dürfen; es wären seine letzten Worte gewesen.

Am 11. Mai 1934 starb unerwartet Gorkis heißgeliebter Sohn Maxim im Alter von 37 Jahren. Im Prozess gegen Bucharin und andere erklärten Zeugen 1938 – unter anderem auch der Arzt –, der Tod Maxims sei auf Betreiben des NKWD-Chefs Jagoda durch falsche Behandlung einer Erkältung herbei geführt worden.
Möglich ist dies, denn Maxim war als Vertrauter seines Vaters den Bewachern – Gorki konnte keinen Schritt ohne heimliche Bewachung tun – im Wege gewesen.

Im Winter Anfang 1936 arbeitet Gorki auf der Krim an »Klim Samgin«, kommt im Mai nach Moskau zurück, erkrankt an Grippe und stirbt am 18. Juni, Todesursache Bronchopneumonie mit Komplikationen. Am 20. wird er in der Kremlmauer beigesetzt.
In der sowjetischen Version (»Maxim Gorki, A. Roskin«, 1944 dt. 1947) heißt es:
„Am 18. Juni in Gorki bei Moskau wurde durch gemeine Feinde des Volkes, Teilnehmer des konterrevolutionären trotzkistischen Blocks, das Leben Gorkis ausgelöscht. –  Am 20. Juni Gorkis Begräbnis auf dem Roten Platz in Moskau.“

1938, im dritten Schauprozess, bekannte sich der NKWD-Chef Jagoda schuldig, die Anweisung zur Ermordung Gorkis gegeben zu haben.
Alle Befunde sprechen jedoch für einen natürlichen Tod Gorkis, er war zeit seines Lebens krank.

Auf jeden Fall kam Stalin Gorkis Tod gelegen; besonders nach den beiden oben zitierten Briefen zu urteilen, wäre es nicht sicher gewesen, dass Gorki zu den Schauprozessen geschwiegen hätte, und ihn selbst in einem Schauprozess anzuklagen, wäre bei seiner Beliebtheit sicher unmöglich gewesen (bei Stalin war in dieser Hinsicht allerdings nichts unmöglich).

Gorki begeisterte mit seiner romantisch-revolutionären, direkten, frischen Sprache seine Zeitgenossen – auch heute faszinieren seine frühen Werke noch; je mehr er sein Schaffen jedoch in den Dienst der Politik und der Ideologie stellte, umso ermüdender, teilweise oberlehrerhaft, farbloser wurde er – und schwerer zu lesen. Seine späten Werke sind fast nur noch für Fachleute interessant.

In Gorki lebten nicht nur zwei Seelen, sie kämpften miteinander. Er hat diese Zerrissenheit niemals überwunden. Vielleicht konnte er eben wegen dieser Zerrissenheit sein letztes großes Abschiedswerk, den »Das Leben des Klim Samgin«, an dem er viele Jahre gearbeitet hat, auch gar nicht beenden.

Literaturauswahl:
Keir Kjetsaa „Maxim Gorki. Eine Biographie“, 1994
Henri Troyat „Gorki, Sturmvogel der Revolution“ 1987
Golczewski/Pickhan „Russischer Nationalismus“ 1998
N. Katzer, Maxim Gorkijs Weg in die Sozialdemokratie 1990
Gorki, Unzeitgemäße Gedanken über Kultur und Revolution
Gorki, Erinnerungen an Zeitgenossen
Gorki, Das Werk der Artamonows
Gorki, Das Leben des Klim Samgin
Lichatschow, Hunger und Terror
Geier, Rußland lesen
A. Roskin, Maxim Gorki 1947
Maxim Gorki, Gesamtausgabe

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.