Massenvergiftung in Irkutsk: Billigfusel kostet 50 Menschenleben

Foto: arcaion CC0 Public Domain via PixabayFoto: arcaion CC0 Public Domain via Pixabay
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In Irkutsk sind am Wochenende 50 Menschen gestorben, weil sie giftigen Pseudo-Alkohol getrunken haben. In der ostsibirischen Metropole wurde der Notstand ausgerufen, um weitere Opfer zu verhindern.

Am Wochenende wurden aus dem Irkutsker Stadtteil Nowo-Lenino massenweise Menschen mit Vergiftungserscheinungen in Krankenhäuser eingeliefert. 57 Fälle wurden gezählt – von denen 50 tödlich ausgingen. Alle Vergiftungsopfer hatten den gleichen Trunk zu sich genommen: eine auf dem Etikett als konzentrierter Badezusatz deklarierte hochprozentige Mixtur namens „Bojaryschnik“ – so heißt auf Russisch der als Heilpflanze bekannte Weißdorn.

Nach Angaben aus den Gesundheitsbehörden enthielten die Flaschen aber zu einem gewissen Teil auch hochgiftigen Methylalkohol bzw. Frostschutzmittel. Die Vergiftungsopfer starben daran innerhalb weniger Stunden.

Hauptsache billig – und es dröhnt

Angebliche Herzmedikamente, Reinigungs- und Desinfektionsmittel oder eben Kosmetikprodukte sind in Russland bei Alkoholikern beliebte, aber prinzipiell hochgefährliche Ersatzstoffe für legal verkaufte, aber eben auch mit Steuern und Abgaben belegte alkoholische Getränke wie Wodka oder Portwein. Den Käufern der Surrogate geht es aber nicht um die heilsame oder nützliche Wirkung der pflanzlichen Extrakte, sondern nur um den Alkohol, in dem diese gelöst sind. Er kommt einfach deutlich billiger. Der offizielle Mindestpreis für Wodka liegt bei 190 Rubel (ca. 2,90 Euro) für 0,5 Liter, in der Regel beginnt die Preisspanne im Handel aber erst bei 220 Rubel.

Zum Teil werden Billig-Mixturen wie Bojaryschnik in Russland tatsächlich von Pharmazieunternehmen produziert und über Apotheken verkauft – wobei allen Beteiligten dieses Business klar sein muss, aus welchen Gründen die Nachfrage nach diesen „Medikamenten“ mit ca. 80 Prozent Alkoholgehalt so hoch ist.

Pantscherküche in einer Gartenkoloinie

Hergestellt und vertrieben werden obskure Alko-Bomben aber auch auf illegalem Weg. Dies war jetzt wohl in Irkutsk der Fall: Nach Angaben der örtlichen Polizei wurde die Produktionsstätte der Giftcocktails bereits in einer Datscha-Siedlung ausfindig gemacht. Man habe dort auch gefälschte Marken-Alkoholika sicher gestellt.

Bei Razzien auf Irkutsker Märkten und in Geschäften wurden 2000 der Viertelliter-Flaschen mit dem tödlichen „Badezusatz“ sichergestellt. Der Bürgermeister rief den Notstand aus und verbot den Verkauf von technischen alkoholhaltigen Flüssigkeiten in der Stadt. Zugleich wurden Bedienstete von Behörden und Wohnungsverwaltungen abgestellt, um planmäßig die Wohnungen vor allem von sozial schwachen Bewohnern aufzusuchen und vor der akuten Vergiftungsgefahr zu warnen.

Die in Irkutsk verkauften Giftcocktails hatten angeblich laut Etikett 93 Prozent Alkoholgehalt. Als Hersteller war ein Unternehmen in St. Petersburg aufgeführt, das aber nach Angaben der dortigen Webzeitung fontanka.ru 2015 bereits geschlossen worden war. Ein Hinweis, die innerliche Anwendung sei gefährlich, war auf den Flaschen vorhanden. Nach anderen Berichten war der Giftmix als Produkt eines Herstellers aus Wladikawkas deklariert.

Apotheken-Alkoholika sollen steuerpflichtig werden

Erst vor vier Wochen hatte das russische Finanzministerium vorgeschlagen, alkoholhaltige Medizin-Produkte mit dem gleichen Steuer-System zu erfassen, dessen Kontrollmarken sich auf jeder in Russland legal verkauften Flasche mit hochprozentigen Getränken finden. Außerdem sollte der Verkauf von derartigen Mitteln über Verkaufsautomaten verboten werden, wo auch Minderjährige unkontrolliert an die kleinen Fläschchen gelangen können.

Derartige Maschinen waren in den letzten Jahren immer wieder einmal in verschiedenen Regionen Russlands aufgetaucht – wobei die öffentliche Empörung und die Behörden in der Regel schnell dafür sorgten, dass die Automaten wieder abgebaut wurden.

Fusel ist ein Massenkiller

Nach Angaben der „Nowaja Gazeta“ waren 2014 in Russland 45.000 Todesfälle auf Vergiftungen durch Alkohol-Surrogate zurückzuführen. Experten schätzen den Anteil des „Apotheken-Alkohols“ am russischen Gesamtkonsum auf etwa 10 Prozent. Angesichts sinkender Realeinkommen und wachsender Armut muss dabei von einer Ausweitung der Nachfrage nach Ersatzstoffen für legalen Wodka ausgegangen werden.

Die aktuelle Massenvergiftung ist allerdings nichts unbedingt ein Beweis für eine Verschlechterung der sozialen und gesundheitlichen Lage: Vor fast genau zehn Jahren gab es im Gebiet Irkutsk schon einmal einen derartigen Notstand: In 20 Gemeinden des Gebietes kamen fast 2200 Personen mit Vergiftungen durch Fusel in die Krankenhäuser, 72 Menschen starben damals.

[ld/russland.NEWS]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.