Lost in Translation: Ein Satz von Wladimir Putin sorgt für viele Diskussionen© russland.news

Lost in Translation: Ein Satz von Wladimir Putin sorgt für viele Diskussionen

Den berühmten Satz „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ von Michail Gorbatschow kennt jeder. Nur stammte der Satz gar nicht von Gorbatschow selbst, sondern von seinem Dolmetscher. Die Medien haben sich auf diesen Satz regelrecht gestürzt. Und die Russen rätseln bis heute, was kann Gorbatschow in Wirklichkeit gesagt haben.

Schon an diesem Beispiel wird deutlich, welch große Verantwortung Dolmetscher tragen. Das letzte anschauliche Beispiel war die Aussage von Wladimir Putin auf einer Pressekonferenz mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron, über die die halbe Welt heiß diskutiert. Mit Blick auf die Umsetzung des Minsker Abkommen sagte der russische Präsident: „Ob du es magst, oder nicht magst – halte es aus, meine Schöne.“

Der Präsidentensprecher Dmitri Peskow musste Journalisten erklären, was Wladimir Putin eigentlich genau meinte. Und zwar, dass „wenn der Staat eine Verpflichtung übernommen hat und wenn es eine Unterschrift des Staatsoberhauptes gibt, dann müssen diese Verpflichtungen erfüllt werden“.

Auch Putin persönlich musste seine Worte erklären: „Es hatte keine persönliche Dimension. Ich bin in meiner Arbeit seit vielen Jahren nie persönlich geworden“, sagte Putin. Er betonte, dass er Kommentare des ukrainischen Präsidenten zu den Vereinbarungen von Minsk gehört habe, dass ihm etwas gefallen und etwas nicht gefallen habe. Gleichzeitig sprechen wir laut Putin von „grundlegenden Abkommen, die sehr wichtige Beziehungen zwischen Ländern regeln“.

So weit so gut. Viele sahen jedoch sexistische Untertöne in diesem Satz.

Als Putin dies sagte, zitierte er lediglich einen umgangssprachlichen Ausdruck, der im Russischen sehr verbreitet ist. Journalisten sind dem Original schnell auf die Spur gekommen. Es stellt sich heraus, dass dies ein Zitat aus einem Song der Punkrockband „Red Mould“ ist, die für ihre obszönen Lieder sowie Couplets, Gedichte und Witze in den 80ern populär war. Es ist bekannt, dass Putin gerne eine Vielzahl von Zitaten aus sowjetischen Filmen oder Werken russischer Klassiker, Sprichwörter, Redewendungen, Zitate verschiedener Philosophen oder Gedichte verwendet. Für Dolmetscher ist das jedes Mal eine große Herausforderung.

„In einer Dolmetschsituation ist es eher schwierig, Folklore, Zitate und Ähnliches in der gleichen Form wiederzugeben. Man hat ja nur einige Sekunden Zeit, um eine Lösung zu finden, und wenn der Ausdruck in der anderen Sprache nicht feststeht, wie in diesem Fall, würde ich darauf verzichten, dies wörtlich zu übersetzen, sondern würde einfach den Sinn wiedergeben. Zum Beispiel so: „Ob es einem gefällt oder nicht, man muss es aushalten“, meint Simultandolmetscherin Erika Rubinstein. „Das mag zwar sein, dass konkret dieses Zitat von dieser Band stammt, nur weiß dies keiner in Russland und benutzt den Spruch inflationär, sicher ohne jeglichen sexuellen Kontext“. Sie erinnert an einen anderen Vorfall bei den Verhandlungen zwischen dem russischen Außenminister Sergej Lawrow und seiner Amtskollegin Annalena Baerbock. „Beim Dolmetschen im politischen Bereich muss man eher vorsichtig sein. Lawrow sagte, dass er sich die Verbesserung der russisch-amerikanischen Beziehungen wünscht. Die etwas nervöse Dolmetscherin, wohl meinend er habe sich versprochen, verwandelte „amerikanisch“ in „deutsch“. Baerbock bekam nichts mit. Uns bleibt es nun zu rätseln, was Lawrow tatsächlich sagen wollte, und ob die Dolmetscherin eigenmächtig handelte oder auf Anweisung des Assistenten von Lawrow“.

Im Bestseller von Javier Marìas „Mein Herz so weiß“ verändert ein Dolmetscher ein Gespräch zwischen einem spanischen „Würdenträger“ und einer englischen „Staatslenkerin“, indem er ihnen seine eigenen Gedanken in den Mund legt. In Wirklichkeit würde eine solche Tat dazu führen, dass der Dolmetscher seinen Beruf für immer aufgeben müsste. Aber wer weiß, vielleicht war seine Aktion gar nicht so verkehrt…

[Daria Boll-Palievskaya/russland.NEWS]

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