Litauens Wegweiser wenn die Russen kommen

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„Hilfe, die Russen kommen!“ Litauens Verteidigungsministerium gab kürzlich eine 75-seitige Fibel für den Ernstfall heraus. Anders als andere Überlebensratgeber beschränkt sich das Büchlein nicht auf die häuslichen Maßnahmen, die zu treffen sind, sondern ruft unverhohlen zum Partisanenkrieg auf.

Litauen, das südlichste Land der drei Staaten des Baltikums leidet offenbar an einem Krim-Trauma. Seit sich die Bevölkerung der Krim im Jahr 2014 für die Zugehörigkeit zu Russland entschieden hat, geht im Baltikum das Gespenst einer Annexion umher. Für die Balten ist Russland einfach auf die Halbinsel im Schwarzen Meer spaziert und hat alles gewaltsam an sich gerissen. Da werden zwangsläufig leidige Erinnerungen wach, als die Sowjetunion diesen Teil Nordosteuropas in ihren sozialistischen „Eiseren Vorhang“ eingewebt hatte. Aber, und auch das unterscheidet die Litauer, so wie auch die beiden anderen Staaten, von den anderen ehemaligen Ostblock-Ländern, sie waren die ersten, die sich an die Adresse Amerikas und damit die NATO wandten.

Jetzt sitzen sie in der Zwickmühle, denn Amerika macht keinerlei Anstalten, so wie ursprünglich angedacht, etwas zum vermeintlichen Schutz des Baltikums zu unternehmen, sondern verfolgt in erster Linie seine eigenen Interessen. Als wäre dies nicht schon genug, sieht sich das allgegenwärtige Bündnis Litauen und Polen nicht einmal in der Lage, dem Russen auf eigenem Grund und Boden die Stirn zu bieten. Polen, der südliche Nachbar Litauens, kommt hierbei mit ins Spiel, weil beide Länder in dem Streifen des sogenannten „Suwalki-Korridors“ liegen. Würde Russland im Ernstfall diese nur rund 100 Kilometer breite Lücke zwischen seinem Kernland und der Exklave Kaliningrad schließen, wäre für die NATO die Tür weiter nach Norden auf lange Sicht verschlossen.

Das Nadelöhr bei Suwalki

Da man in westlichen Verteidigungskreisen für so einem Fall den Balten scheinbar sowieso nichts zutraut, beziehungsweise im Ernstfall bereits abgeschrieben hat, laufen die Vorbereitungen für einen Partisanenkrieg auf Hochtouren. Einer Studie des renommierten US-Thinktanks RAND zufolge wäre ein russischer Vorstoß nach nicht einmal drei Tagen in Vilnius oder Riga. Die Infanterie der NATO wäre nicht einmal imstande, sich zurückzuziehen. Viel mehr würde sie an Ort und Stelle zerstört werden. Selbst der Versuch einer Rückeroberung würde lediglich im Desaster enden, so die Studie. Außerdem erlaube die Schwäche der Streitkräfte in der Allianz Moskau, militärisch vollendete Tatsachen zu schaffen.

Estlands Ministerpräsident Taavi Rõivas glaubt zwar noch an das Gute im Menschen, wenn er sagt, dass „die Alliierten nicht nur auf dem Papier zusammenstehen, sondern auch in der Realität und nicht nur wir, sondern die ganze NATO vom ersten Moment des Konflikts an involviert ist“. General Ben Hodges, Chef der US-Streitkräfte in Europa, hingegen ist skeptischer und geht mit der Studie konform: „Wenn Russland den Suwalki-Korridor schließt, wird aus den baltischen Staaten eine militärische Insel wie einst West-Berlin.“ Sollte es soweit kommen, stünden die baltischen Staaten in der Tat mutterseelenallein ihrem weiteren Schicksal gegenüber. Deswegen wollen sich jetzt, vor allem die Litauer, selbst helfen. Den Leitfaden dazu gibt es, auch online, gleich von allerhöchster Stelle.

Ab dem Beginn des Krimkonflikts ist dieses kleine Regelwerk nun inzwischen schon zum dritten Mal erschienen. Waren in den Vorgängerexemplaren noch drollige Figuren zu Gange, die das Verhalten im Ernstfall erklären sollten, sind diese in der aktuellen Ausgabe detaillierten und realistischen Abbildungen von feindlichem Kriegsgerät gewichen. Im Appell des Verteidigungsministeriums an die Bevölkerung heißt dies im Wortlaut: „Bereiten Sie sich darauf vor, Notfälle und Krieg zu überleben!“ Im Klartext ist dies die Instruktion, welches die verwundbaren Stellen eines Panzers sind und wie man Minen effektiv einsetzen kann, sie aber danach auch wieder entschärft. Zudem lernen einfache Zivilisten, wie sich das gegnerische Militär ausspionieren lässt.

Das Handbuch für den Guerillakrieg schreibt: „Es ist wichtig, dass die Zivilisten vorbereitet sind und den Willen zum Widerstand haben. Wenn dieses Element stark ist, wird es ein Aggressor schwer haben, die Bedingungen für eine Militär-Invasion zu schaffen.“ Natürlich widmet sich das Büchlein auch der Versorgung von Verwundeten und verrät Tipps zum Überleben in der Wildnis. Seitens Moskau wischt man das Thema, das Baltikum überrennen zu wollen, schlichtweg als Blödsinn vom Tisch. 4.000 Mann stark soll die Abstellung der NATO in das Baltikum sein. „Die 4.000 Soldaten sind kein großer Schaden“, meinte dazu süffisant der ehemalige russische General Jewgeni Buschinski vom Moskauer Thinktank PIR Center.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.