Litauens Kriegsvorbereitungen am Rande des NATO-Gipfels

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[Von Michael Barth] – Die Spannung zwischen Russland und der NATO ist so brisant wie seit Ende der 70-er Jahre nicht mehr. Da wird gegenseitig hochgeschaukelt, Waffensysteme und Einheiten installiert und die Rhetorik der westlichen Kriegsherren dominiert wieder die Nachrichten. Diesmal sind es die baltischen Staaten und Polen, die darauf drängen, Russland an seiner Westgrenze einzukesseln.

Mit der nackten Angst vor einem russischen Überfall wird argumentiert. Schließlich geistert immer noch das Gespenst der Rückführung der Krim nach Russland, die von den Bewohnern der Halbinsel gewollt und unterschrieben wurde, jedoch vom Westen immer noch gebetsmühlenartig als feindliche Landnahme verkauft wird, in den Köpfen herum. Deshalb sähen die nordosteuropäischen Verantwortlichen das transatlantische Militärbündnis scheinbar lieber heute als morgen auf dem „Schlachtfeld Russland“, um den geschassten Nachbarn ein für alle Mal in seine Grenzen zu weisen, ihn ideologisch niederzuringen.

Gerade die Situation der baltischen Staaten als ehemalige Sowjetrepubliken gestaltet sich prekär. Seit 1991 wieder eigenständig und von Moskau abgewandt, blieben in Estland und Lettland dennoch ein Viertel ethnischer Russen in der Gesamtbevölkerung und offenbar wird befürchtet, dass sich, ähnlich der Ostukraine, diese Minderheit mit Unterstützung Russlands zu potentiellen Milizen formiert. Litauen hingegen hat ein anderes, ein geopolitisches Problem und das nennt sich die „Suwalki-Lücke“. So wird der gerade einmal rund 100 Kilometer Breite Landstreifen bezeichnet, der die russische Exklave Kaliningrad und die weißrussische Grenze voneinander trennt.

Vorbereitet sein

Litauen, in etwa so groß wie Bayern, hat knapp drei Millionen Einwohner, von denen 16.400 bei den Streitkräften dienen. Deshalb würde sich der litauische Außenminister Linas Linkevičius eine noch größere NATO-Präsenz im Land wünschen. „Tausend Soldaten sind natürlich nicht genug“, verwies er auf den NATO-Gipfel in Warschau. Zum Teil kann der Außenminister auf seine Bevölkerung bauen, die gerade dabei ist, sich selbst aufzurüsten. „Wer als Litauer in Frieden leben will, muss für einen Krieg vorbereitet sein“, meint zum Beispiel der 32-jährige Firmenbesitzer Kristijonas Vizbaras. Das Motto des Warschauer Treffens lautet „Abschreckung und Verteidigung“ – die Litauer nehmen das wörtlich, der Stachel der einstiegen Besatzer sitzt noch tief.

„Verteidigung beginnt bei jedem Einzelnen“, argumentiert Vizbaras, der wie 10.000 seiner Landsleute der Lietuvos Šaulių Sąjunga beigetreten ist, der Litauischen Schützenunion. Eine Bürgerwehr, die ihre Mitglieder paramilitärisch ausbildet, die von pensionierten Soldaten taktische Anweisungen erhält und patriotisch geschult wird. Falls Russland angreifen sollte, wäre es ihre Aufgabe, den Kampf hinter den feindlichen Linien zu führen. Die Guerilla-Praxis üben die Männer und Frauen in kleinen Grüppchen an ihren Wochenenden in den umliegenden Wäldern.

Auch die litauische Armee nimmt die Schützenunion ernst und hält gemeinsame Übungen mit ihr ab. Dalius Polekauskas, der Stabschef der Landstreitkräfte, zeigt sich dementsprechend angetan von der zivilen Unterstützung der Truppe: „Für ein kleines Land wie Litauen zählen jeder Mann und jede Frau, die helfen, unsere Nation zu verteidigen“. Die benötigte Ausrüstung bezahlen die Freiwilligen bei allem operativen Entgegenkommen des Staates sogar noch selber.

Warum gerade Deutschland?

Die Tatsache, dass nun ausgerechnet Deutschland die leitende Rolle der NATO-Truppen in ihrem Land übernimmt, scheint die Litauer indes nicht weiter zu stören. Generationsbedingt wissen wohl sowieso nicht mehr viele von den Ereignissen vor 75 Jahren. Man schrieb das Jahr 1941, als Litauen schon einmal zwischen die Fronten Deutschlands und Russlands gedrängt wurde. Im Zuge des Deutsch-Sowjetischen Krieges wurde das Land entlang der Memel von den deutschen Truppen besetzt und „ethnisch gesäubert“. 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung des Landes erlebten damals das Kriegsende nicht.

Historisch begründete Vorbehalte den Deutschen gegenüber wischt Dalia Grybauskaite, die amtierende Präsidentin Litauens, unterdessen umgehend vom Tisch. Nur ein so hoch entwickeltes Land wie Deutschland sei in der Lage, die zusätzliche politische und militärische Verantwortung zu übernehmen, die in ihrem Land und seinen europäischen Nachbarn jetzt notwendig ist. An die Adresse Berlins gerichtet sagte die Präsidentin ferner: „Ich denke, für Deutschland ist es an der Zeit, mehr Vertrauen in sich selbst zu haben und nicht dauernd zurückzublicken und nach historischen Empfindlichkeiten zu suchen“.

Deutschland bliebe auch kaum eine andere Wahl, als eine Führungsrolle einzunehmen, betont Grybauskaite, da es eine neue Ära sei. „Eine neue Epoche mit neuen Aufgaben für Europa, sich selbst zu verteidigen“, wie sie sagte. Warum diese Rolle jetzt gerade Deutschland zugedacht ist, ließ sie allerdings offen. Auch für Angela Merkel bedürfe es „der eindeutigen Rücksicherung durch die Allianz“, jedoch blieb auch sie eine Antwort schuldig, warum es ausgerechnet die Bundeswehr sein müsse, die diesen heiklen Part in Litauen übernehmen soll.

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.