Lev Nikolaevič Tolstoj Teil III – Denker und Philosoph

Lev Tolstoj 1891, Gemälde von Ilja Repin Ausschnitt
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Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

So einhellig Lev Tolstoj weltweit als einer der größten Schriftsteller (wenn nicht gar: der größte) gefeiert wurde, so umstritten ist er als Denker und Philosoph – zu seinen Lebzeiten und heute.

Wie in Teil I dieser Essay-Trilogie dargestellt, war er von Kindheit an ein Mensch von messerscharfem analytischem Verstand bei gleichzeitiger höchster Unduldsamkeit gegenüber allen, die seiner Argumentation nicht folgen konnten oder wollten – heute würde man sagen, er war ein extrem dominanter Mann. Hinzu kam seine hervorragende Fähigkeit, sich auszudrücken – sei es mündlich oder schriftlich –, und sein perfektes logisches Denken. Er war sich dessen zwar bewusst, aber als dominanter Typ bediente er sich dessen auch unbewusst. Schon in seinem Auftreten drückte sich diese Dominanz, noch verstärkt durch seine hocharistokratische Mentalität, aus und er erdrückte fast seine Gesprächspartner mit seiner Erscheinung – wenn er es darauf anlegte, „vernichtete“ er sie gar. Er war kein schöngeistiger, westeuropäischer Philosoph, sondern ein sich kraftvoll und sehr direkt ausdrückender, gleich einem Bauern in der Erde verwurzelter Russe. Mit einem Bein stand er zudem – im übertragenen Sinn – am Thron des Zaren und mit dem anderen auf dem ärmlichsten Hof eines Bauern. Zur Folge hatte dies alles, dass er zwangsläufig polarisierte, wenn er seine Überlegungen und Erkenntnisse quasi »ex kathedra« „verkündete“.
Andererseits plagte er sich zeit seines Lebens mit Selbstvorwürfen, denn, sich selbst immer wieder – auch in echter Reue – als großen Sünder bezeichnend, wollte er der Beste und Vollkommenste sein. Wohl wissend, dass diese Vollkommenheit nicht erreichbar ist, ärgerte ihn dies in seinem Absolutheitsanspruch; die Kluft zwischen Wollen und Können war manchmal sehr groß.
Und mit derselben Unerbittlichkeit, mit der er für seine Erkenntnisse mit anderen kämpfte, mit derselben Unerbittlichkeit kämpfte er in sich um diese Erkenntnisse. Die Vertreter der These und Antithese waren in ihm personifiziert und fochten gnadenlos – nicht von Ungefähr hat er z. B. in Krieg und Frieden Pierre Besuchov und Fürst Andrej Bolkonskij als die zwei Seiten seines Selbst für ihre Überzeugungen streiten lassen.

Diesen Menschen Lev Tolstoj muss man sich immer vor Augen halten, wenn man vom Denker und Philosophen Tolstoj spricht – man kann Mensch und Philosoph nicht voneinander trennen.

Es ist nicht der Sinn dieses Essays, die Überzeugungen Tolstojs zu bewerten, oder zu diskutieren, weder aus moralphilosophischer, noch geschweige aus kirchlich-institutioneller Sicht; sie sollen hier nur in großen Zügen dargestellt werden.

Die erste, die grundlegendste Frage war für Tolstoj, worin für den Menschen die Verbundenheit zu Gott bestehe. Als er 19 Jahre alt war, schrieb er am 17. März 1847 in seinem ersten Tagebucheintrag:
„…Alles, was mit der primären Fähigkeit des Menschen, mit seiner Vernunft in Einklang steht, wird auch mit allem in Einklang stehen, was da existiert: die Vernunft des Einzelnen ist ein Teil des ganzen Seins,
Da Gott dem Menschen die Vernunft, die ihn vom Tier unterscheidet, gegeben hat, erkannte Tolstoj in ihr eine göttliche Kraft, ja einen Teil Gottes selbst, der ihn zum „Ebenbild“ Gottes macht; Gott ist damit im Menschen und der Mensch in Gott. – Auch für Goethe war übrigens die Vernunft „der Schein des Himmelslichts“ (Mephisto in Faust I, im »Prolog im Himmel«). – Daraus folgt, dass alles, was wider die Vernunft ist, nicht gottgewollt sein und damit auch nicht Wahrheit sein kann, sondern falsch, sprich Lüge, sein muss – und Lüge gebiert Lüge.

Diese Überzeugung hat wichtige moralische und religiöse Konsequenzen; zuerst die moralischen:
Die Vernunft führt den Menschen dahin, dass er alle Menschen, Freund oder Feind, um ihrer selbst willen liebt, nicht aus Eigennutz, weil er eine Belohnung im Dies- oder Jenseits erwarte, sondern weil auch im anderen Menschen Gott ist und er Gott liebt. Kriege sind damit ausgeschlossen, denn kein Mensch darf einen anderen töten; der Mensch muss den Kriegsdienst verweigern. Auch in Friedenszeiten hat der Staat kein Recht, einen Menschen töten zu lassen – auch wenn dieser vor den Gesetzen schuldig geworden ist. Weiter, der Mensch darf „dem Bösen nicht widerstehen“, wie es Tolstoj ausdrückt, das soll heißen, dass der Mensch sich, auch wenn ihm Gewalt angetan wird, nicht mit Gewalt verteidigen darf – das ist übrigens der einzige Punkt, in dem ihm der ihn glühend verehrende Mahatma Gandhi nicht folgte, er ließ Gewalt zur Selbstverteidigung zu. Kein Mensch darf über einen anderen Macht haben, denn Macht führt zu Gewalt und zu persönlicher Bereicherung der Machthabenden, die Regierung sei daher abzuschaffen. Tolstoj schwebte eine Gleichheit aller auf der Basis der Bauerngemeinschaften vor. Die zunehmende Kapitalisierung der Gesellschaft müsse verhindert bzw. abgeschafft werden, denn durch sie würden wieder nur einige wenige mithilfe des Geldes die anderen versklaven und ausbeuten. Tolstoj war Anarchist, als welchen er sich auch selbst bezeichnete; er stimmte mit den Zielen der Anarchisten Fürst Kropotkin (siehe hier, hier und hier) und Bakunin vollkommen überein, wobei er aber ihren Weg nicht gut hieß – allerdings meinte er hier in erster Linie den Weg Bakunins, der ein militaristischer Anarchist war; Kropotkin war pazifistischer Anarchist. Tolstoj war ein christlicher Anarchist, der glaubte, allein durch die Nächstenliebe, die ja in letzter Konsequenz Gottesliebe ist, werde sich das Miteinander der Menschen ohne Herrschende und Beherrschte regeln.
Tolstoj war am Ende seines Lebens auch für eine Revolution und diskutierte auch mit Maksim Gorkij (siehe hier und hier) darüber, aber seine Revolution sollte eine Revolution des Umdenkens werden, nicht eine durch Gewalt, wie sie die Revolutionäre wollten – deren Revolution werde nur zu einer Machtumverteilung führen. Wie Recht er hatte, erlebte er nicht mehr.

Die religiösen Konsequenzen aus seiner Überzeugung, dass die Vernunft ein gottgewollter Maßstab für den Menschen ist, waren mindest ebenso, wenn nicht noch umstürzlerischer – und führten 1901 schließlich auch zu seiner Exkommunikation, wobei der Oberprokurator des Hl. Synod, Pobedonoscev, den er in Auferstehung (1889) karikiert hatte, die treibende Kraft war – Zar Nikolaus II. war gegen die Exkommunikation, weil er keinen Märtyrer aus Tolstoj machen wollte (Tolstoj dagegen ist sehr gern Märtyrer geworden, er wollte schon lange für seine Überzeugung leiden, am liebsten in Sibirien).
In seinem Antwortschreiben an den Hl. Synod vom 4. April 1901 erklärte er, dass ihm die Dogmen der Dreieinigkeit und der Unbefleckten Empfängnis unverständlich, die Sakramente „hässliche und grobe Zauberkünste“ seien, und dass die Kirche das Wort Christi entstellt habe. Aber er sagte auch, woran er glaubt:

Ich glaube an Gott, in dem ich den Geist und die Liebe und das Prinzip von allem Seienden sehe.
Ich glaube, dass er in mir ist, wie ich in ihm bin.
Ich glaube, dass der Wille Gottes nie klarer ausgedrückt worden ist als in der Lehre vom Christus-Menschen; aber man kann nicht Christus als Gott betrachten und Gebete an ihn richten, ohne meiner Meinung nach das größte Sakrileg zu begehen …
Ich glaube, dass der Sinn des Lebens für jeden von uns darin besteht, die Liebe zu ihm stärker werden zu lassen.
Ich glaube, dass ein solches Stärkerwerden der Liebe uns in diesem Leben ein Glück bringt, das täglich größer wird und dass in der anderen Welt eine Glückseligkeit auf uns wartet, die um so vollkommener sein wird, je mehr wir gelernt haben, ihn zu lieben.
Ich glaube, dass, um in der Liebe Fortschritte zu machen, es nur ein Mittel gibt: das Gebet. Nicht das öffentliche Gebet in den Kirchen, das Christus verworfen hat (Matthäus VI, 5-13), sondern das Gebet, für das er uns selber das Beispiel gegeben hat, das einsame Gebet, das darin besteht, sich stärker des Sinns unseres Lebens bewusst zu werden und zu spüren, daß wir vom Willen Gottes abhängen sollen.

(1)

Tolstoj hatte sich die Bibel vorgenommen. Getreu der einzigen Richtschnur „Vernunft“ hatte er sortiert und verworfen.
Alles, was historisch war, war zwar interessant, aber unwichtig; alles, was unerklärbar war und nach Wunder roch, verwarf er; den Glauben an Wunder und alles Metaphysische bezeichnete er gar als eine Beleidigung Gottes, denn Gott ist ja die unendliche Vernunft und Wahrheit und müsse sich nicht durch solche „Zaubereien“ bestätigen; aus diesem Grund konnte es auch keinen personalen Gott geben, das wäre eine Herabsetzung Gottes auf Menschenniveau – Gott aber ist allumfassend und, wie gesagt, unendlich. Da Gott nicht Person ist, kann Jesus Christus – wobei er Jesus Christus in den historischen Jesus und in Christus den Verkünder Gottes trennt – auch nicht der Sohn Gottes sein, höchstens in dem Sinn, dass Christus der vollkommenste Mensch sei, der je gelebt habe, und er damit gottgleich sei. Folgerichtig lehnt er auch die „jungfräuliche“ Geburt ab. Am Kreuz ist somit auch nicht der Gottessohn Christus gestorben und hat die Sünden der Menschheit auf sich genommen, sondern der Mensch Jesus, der seine Vollkommenheit durch absolute Gewaltlosigkeit als Märtyrer erreicht hat; somit habe es auch keine Auferstehung und Himmelfahrt Christi gegeben; und eine Auferstehung aller Toten im Fleisch beim Weltuntergang, dem Letzten Gericht, sei Blödsinn. Eine Hölle, wie sie die Kirche beschreibe, gibt es nicht und ihr angebliches Vorhandensein diene nur dazu, die Menschen unter der Institution Kirche zu disziplinieren.

Insbesondere gegen alle Dogmen der Kirche richtet sich seine Wut. Die Kirche mache einfach alles, was widervernünftig sei, zu Dogmen und verlange, dass es dann von den Menschen geglaubt und für wahr gehalten werde. Die Rituale der Kirche seien allesamt Betrug und lenken nur vom Wichtigsten ab, nämlich vom in Taten gelebten Christentum.

In seiner ersten polemischen Abhandlung Untersuchungen der dogmatischen Theologie (1879 – 1880, 1884) nimmt er sich die maßgebliche Darstellung des orthodoxen Glaubens Orthodoxe dogmatische Theologie des Metropoliten Makarij (1849 – 1853) gnadenlos vor. Aussagen wie, Gott habe die Welt in sechs Tagen erschaffen, oder ein Kind werde von Sünden gereinigt, wenn es vom Priester bei der Taufe gebadet werde, oder der Heilige Geist gehe in den Menschen ein, wenn er mit Öl gesalbt wird, oder der Mensch esse Gottes Leib und trinke Gottes Blut, wenn er in der Kirche Brot isst und Wein trinkt und die Dreieinigkeit Gottes, das alles sei dummes Zeug und eine Beleidigung der Vernunft. Ganz provokativ lehnt er den Anspruch der orthodoxen (und aller christlichen) Kirche ab, den allein selig machenden Glauben zu besitzen, – andere Religionen, Morallehren und die östlichen Philosophien besäßen den gleichen Wert. Nicht vom Menschen geschaffene Rituale würden den Menschen erlösen, sondern allein die Tatsache, bewusst im Willen Gottes gelebt zu haben.
Die Abhandlung gipfelt in einer polemischen Strafpredigt ohnegleichen:

Die orthodoxe Kirche?
Jetzt kann ich mit diesem Worte keine andere Vorstellung mehr verbinden, als die von einer Anzahl ungeschorener, sehr selbstbewusster, verirrter und wenig gebildeter Leute, die in Samt und Seide, mit brillantenverzierten Brustbildern von Heiligen einhergehen und Erzbischöfe oder Metropoliten genannt werden, und von tausend anderen ungeschorenen Menschen, die sich in einer schrecklichen, sklavischen Abhängigkeit von diesem Dutzend befinden […]. Die Farbe meiner Hosen darf ich frei wählen, eine Frau darf ich mir nach meinem Geschmack aussuchen, aber bei allem anderen, wodurch ich mich als Mensch fühle, habe ich sie um Erlaubnis zu bitten – um die Erlaubnis dieser müßigen Betrüger, dieser unwissenden Menschen. […] Wenn diese Menschen befehlen, ich solle meine Brüder für verflucht halten, so soll auch ich den Fluch über sie aussprechen. Wenn sie mir befehlen, hinzugehen und aus einem Löffel Wein zu trinken und dabei zu schwören, dass das nicht Wein, sondern Fleisch und Blut sei, so muss ich das tun.

(2)

Am weitesten treibt Tolstoj seinen christlichen Anarchismus in seiner Schrift Das Reich Gottes ist in euch (1890 – 1893). In ihr stellt er fest, dass man das Christentum nicht als mystische Religion, sondern als neue Lebensanschauung auffassen müsse, und aus der Seele eines Menschen entfalte sich das Christentum; nicht durch Regeln, die von Außenstehenden gemacht werden, werde es bestimmt. Die Vorstellung von den Sakramenten, der kirchlichen Hierarchie und vor allem der Unfehlbarkeit der Kirche würden durch keinerlei Aussagen Christi belegt. Man dürfe kein Vertrauen in die Gesetze haben, denn die seien aus Lüge und Profitgier geschaffen und könnten keine Grundlage für eine Gesellschaft sein. Die Machthaber der verschiedenen Nationen werden allesamt attackiert, denn sie würden mit dem Argument, den Frieden sichern zu wollen, nur aufrüsten und Krieg vorbereiten und die Arbeiter, die nichts als leben wollen, werden immer dem Militarismus als Erstes zum Opfer fallen. Ein Christ müsse alle Gesetze ablehnen, und indem er danach strebt, immer besser und vollkommener zu werden, in sich selbst das Reich Gottes schaffen. Gott lebt nicht im Himmel, sondern im Herzen und ist dem Streben des Menschen zum Guten hin gleich zu setzen.

Letztlich akzeptierte er nur die vier Evangelien – und auch die „reinigt“ er – und, woran er glaubt, erklärt er in seiner Zusammenfassung und Übersetzung der vier Evangelien (1880/81, gedruckt in Genf 1892 – 1894), außerdem in Kurze Auslegung des Evangeliums (1881, 1883), in Worin mein Glaube besteht (1882 – 1884), die „Bibel“ der Tolstojaner, und in Über das Leben (1887).

Gott sei das Unendliche und der Mensch erkenne durch die Vernunft, dass er ein Teil von ihm sei.
Die Vernunft ist die höchste geistige Kraft im Menschen, ein kleiner Teil von Gott in uns, und folglich ist jeglicher Versuch, die Vernunft zu unterdrücken, eine entsetzliche Sünde, die immer Folgen haben wird.
Der Mensch ist mit dem Bewusstsein des Willen Gottes geboren.
Ich glaube, dass ich nicht nur in Gott bin, sondern dass ich eine Offenbarung Gottes bin und dass ich folglich nicht untergehen werde.
Gott ist ein Gott der Lebenden und nicht der Toten; es könne also nicht darum gehen, was nach dem Tode ist, sondern dass der Mensch dazu beiträgt, das Leben im Diesseits für die Menschen zu verbessern.
Christus ist der größte Lehrer der Menschheit, größer als alle anderen, und zeige den Menschen den Weg zu Gott, daher sei ihm nachzuahmen.

Kern der Tolstojschen Überzeugung – das Wort »Lehre« hat er heftig abgelehnt und sich sogar über seine Anhänger, die Tolstojaner, die von seiner »Lehre« sprachen, lustig gemacht – ist das Gebot der umfassenden Nächstenliebe und der absoluten Gewaltfreiheit. Und hier – wie auch bei seiner Ablehnung des Eides und des Grundbesitzes – konnte er sich auf den noch heute in der Orthodoxie hoch verehrten heiligen Hierarchen und Prediger der Urkirche Johannes Chrysostomos (*349 †407) beziehen (die Festtagsliturgie in der orthodoxen Kirche ist noch heute von Chrysostomos). Zu leben wie die Menschen in der christlichen Urkirche, war sein Ideal. Die Urkirche sei aber zugrunde gegangen, weil sie sich immer mehr mit den weltlichen Autoritäten verbunden habe, bis sie sogar zur Staatsreligion wurde und nicht mehr die Interessen des gläubigen Menschen, sondern die der Herrschenden vertrat.

Das Wichtigste stand für Tolstoj in der Bergpredigt: Es war die erste Seligpreisung, die da bei Matthäus 5,3 lautet: „Selig sind, die da geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich.“ Bei Lukas 6,20 lautet die gleiche Stelle jedoch „Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer.“ Tolstoj zog die Fassung von Lukas vor, denn in ihr wird indirekt Eigentum und Reichtum verurteilt.
Aus dem fünften Kapitel Matthäus leitete er schließlich fünf Regeln ab, die zusammen mit oben genannter Seligpreisung den Kern der Lehre Christi bilden:
1. Du sollst nicht zornig sein auf deinen Nächsten.
2. Du sollst keine sinnlichen Begierden hegen.
3. Du sollst keinen Eid schwören.
4. Du sollst nicht Böses mit Bösem vergelten.
5. Du sollst deine Feinde und alle fremden Völker lieben.

Auf die einzelnen Schriften und, was sie im Detail behandeln, einzugehen würde hier zu weit führen; in den Literaturangaben sind Werke benannt, die sich ausführlich mit den Themen beschäftigen. Besonders hervorgehoben sei jedoch das im Insel-Verlag erschienene Buch von Martin Tamcke Tolstojs Religion – Eine spirituelle Biographie
In der Anlage Chronologische Übersicht zu Tolstois Leben und Werk  sind detailliert alle Lebensdaten und die Werke Tolstojs verzeichnet.
(Ich danke dem Winkler Verlag für die Genehmigung des Abdrucks.)

Tolstoj beließ es nicht beim Verkünden seiner Überzeugungen, die spätestens mit seinem Traktat Was sollen wir denn tun? und dem Aufsatz Über den Hunger (1892) in der ganzen Welt Beachtung und Zustimmung gefunden hatten (in ersterer sind seine Erfahrungen, die er bei der Volkszählung gemacht hat, verarbeitet), er setzte sie auch, wo er nur konnte, in die Tat um – nur wenn es um seine Person ging, blieb er immer wieder ein „großer Sünder“. Er half den Armen mit Rat und Tat; zu Zeiten der Hungersnöte sorgte er, dass die Hungernden zu essen bekamen und organisierte Suppenküchen; er scheute sich nicht, Spenden für die Armen einzusammeln; er tat alles, was in seinen Kräften stand (und mehr), um seinen Worten von der Nächstenliebe auch Taten folgen zu lassen.
Und bei alledem wurde er mit Argusaugen vom Staat beobachtet; es gefiel den Herrschenden von Staat und Kirche gar nicht, dass Tolstojs „Heiligenschein“ beim Volke immer weiter wuchs.

Es ist längst nicht alles zu Lev Tolstojs christlicher Überzeugung und den daraus folgenden moralischen Konsequenzen gesagt, eher nur ein Bruchteil, aber vielleicht doch das Wichtigste.
Der Neutestamentler Heinrich Weinel (*1874 †1936) schreibt in seinem Buch Jesus im 19. Jahrhundert (1914) – und das soll der Schlusspunkt dieses Essays über den großen Denker und Apostel der Nächstenliebe sein, der sich selbst immer als „großen Sünder“ bezeichnete, weil er seinen eigenen Ansprüchen an Vollkommenheit nicht gerecht werden konnte:

Die christliche Welt, die sich Kirche nennt, ist freilich nur antike Welt im christlichen Gewand; Tolstoj aber predigt die Welt der Liebe ohne Zwang, Gesetz, Recht und Staat, die auch Jesus geschaut hat. Sein Evangelium ist eine gewaltige Bußpredigt wider das gegenwärtige Christentum nicht bloß der griechischen [gemeint ist der griechisch- und russisch-orthodoxen, hmw] Kirche, eine Aufdeckung der erbärmlichen Mischmaschethik mit derselben unerbittlichen Schärfe, wie sie Nietzsche hat. Aber während aus diesem der Hass des Abgefallenen spricht, redet aus Tolstoj der Ingrimm dessen, der sein Köstlichstes von blinden Blindenführern entstellt sieht. Und diese Liebe, die wie Hass aussieht, wird uns allein zur Erneuerung helfen und zum endlichen Sieg.
(3)

Das ausführliche Literaturverzeichnis, in dem auch die in Sammelbänden zusammengefassten Werke aufgeführt sind, umfasst Primär- und Sekundärliteratur und liegt hier als pdf-Datei vor.

Ich danke dem Diogenes Verlag, dem Insel Verlag und dem Winkler Verlag für ihre großzügige Unterstützung.

(1) Zitiert nach Troyat, Henri: Tolstoi – Widerspruch eines Lebens
(2) Zitiert nach Kjetsaa, Geir: Lew Tolstoj, Dichter und Religionsphilosoph
(3) [Zitiert nach: Tamcke, Martin: Tolstojs Religion – Eine spirituelle Biographie, Insel Verlag 2010]

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.