Lev Nikolaevič Tolstoj Teil II – Das Schriftstellergenie

Lev Tolstoj 1898 Ausschnit

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Das ist eine erstklassige Sache! Welch ein Künstler und welch ein Psycholog! Ich brach in Rufe der Begeisterung aus während der Lektüre… Ja, das ist stark, sehr stark… Der Meister aller Meister, ein allwissender Shakespeare …
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Lev Tolstoj (auch Lew oder Leo Tolstoi) war zeit seines Lebens davon besessen, das, was er als Wahrheit erkannt hatte, auch auszusprechen; sich selbst, anderen und vor allem auch seinen Lesern wollte er nichts als die (oder besser: seine) Wahrheit sagen. Das führte einerseits zu jener schonungslosen Selbstkritik, von der seine Tagebücher geradezu strotzen, andererseits zu einer völlig unduldsamen Haltung seinen Diskussionspartnern gegenüber, die durch Tolstojs aristokratisches Bewusstsein noch verstärkt wurde. Nun war er aber auch und schon von Kindheit an ein unentwegt reflektierender, ja philosophierender Mensch; seine Wahrheiten änderten sich zwangsläufig mit seinem jeweiligen Erkenntnisstand, wodurch sich manch Widersprüchliches in seinem Werk findet – beispielsweise wird aus der Bewunderung soldatischer Tugenden (Sevastopoler Erzählungen) am Ende seines Lebens ein anarchischer Pazifismus.

Eine weitere Folge seiner Wahrheitsobsession war, dass Tolstoj nichts erfinden konnte und wollte – rein Fiktives war seine Sache nicht, wie er selbst mehrfach betonte. Alles in seinem Werk hat ein zwar modifiziertes, aber doch reales Vorbild; das sind Ereignisse aus der Geschichte oder etwas, das er selbst erlebt oder das ihm zugetragen worden war. Das gilt ganz besonders für die Figuren, die seine Handlungen vorantreiben und immer wieder naturgetreue Kopien von Menschen aus seinem engsten Umkreis waren – seine Angehörigen haben sich manches Mal gewundert, wenn sie ihre eigenen Worte in Tolstojs Werken wiederfanden –, und noch viel mehr für die literarischen Abbilder seiner eigenen Person: Wohl kein anderer Schriftsteller hat so viel Autobiografisches verwendet wie Tolstoj. Er geht dabei sogar so weit, die in ihm kämpfenden widersprüchlichen Überzeugungen auf verschiedene Figuren im Werk zu übertragen und sie seinen eigenen inneren Kampf austragen zu lassen – zum Beispiel Pierre Besuchov und Fürst Andrej Bolkonskij in Krieg und Frieden.

Es gibt zwei wesentliche Wendepunkte im Leben Tolstojs, die auch sein Schaffen in drei sehr unterschiedliche Abschnitte teilen:

Nach seiner ersten Auslandsreise im Jahr 1858 kam es zum Bruch mit den radikaleren Kreisen um die Zeitschrift Sovremennik, an der er bis dahin wie Turgenev, Saltykov-Ščedrin, Pisemskij und Družinin mitgearbeitet hatte, denn er vertrat jetzt die damals als reaktionär angesehene Ansicht, der Schriftsteller solle den Kunstgeschmack der Leser entwickeln und die Menschen durch die Schönheit bereichern (Kunst um der Kunst willen); in der Folge zog er sich auch endgültig von den Hofkreisen zurück und ließ sich auf seinem Gut Jasnaja Poljana nieder. Dort erfuhr er die Natur als Mittlerin zu Gott und widmete sich wie schon einige Jahre zuvor der Erziehung seiner Bauern. Nach einer weiteren Auslandsreise heiratete er und es begann eine glückliche Phase seines Lebens.

Als Tolstoj 50 Jahre alt war (1878), begann die große Sinnkrise seines Lebens: Er war auf dem Gipfel seines schriftstellerischen Ruhmes und fragte sich: Wozu? Was habe ich bewirkt? Was jetzt? War nicht alles Lüge? Immer öfter musste er an das Ereignis einer Nacht im Jahr 1869 denken (in der Erzählung Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen, die als Fragment posthum veröffentlicht wurde, hat er es 1884 beschrieben), als er in panischem Entsetzen zu hören glaubte, wie ihn der Tod rief. Und immer wieder glaubte er nun, das zynische Gelächter des Todes erneut zu hören. Vor allem in der Nacht war er versucht, sich umzubringen – eine Schlinge … ein Stuhl … ein Balken in seinem Arbeitszimmer – das schien die Lösung zu sein. Aus dieser endzeitlichen Stimmung befreite ihn schließlich der Gedanke an die einfachen Bauern, die das schwerste Los gelassen, ja sogar heiter ertrugen – das konnte nur an ihrem bedingungslosen, einfachen, ja kindlichen Glauben an Gott liegen, davon war er überzeugt. Tolstoj, der in den letzten Jahren ein begeisterter Anhänger des Pessimisten Arthur Schopenhauer, der im „Jammertal“ des irdischen Lebens den Tod höher schätzte als das Leben, gewesen war – „Ich weiß nicht, ob ich meine Meinung einmal ändern werde, jetzt jedenfalls bin ich überzeugt, dass Schopenhauer der genialste aller Menschen ist“, so schrieb er im August 1869 an Afanasij Fet –, wurde zu einem tiefgläubigen Anhänger des orthodoxen Glaubens. Und wie immer war er radikal konsequent, verdammte in seinem Werk Meine Beichte (geschrieben 1879/80, veröffentlicht 1882) und in der Bekenntnisschrift Worin besteht mein Glaube? (1882–1884) sein ganzes bisheriges Leben und Schaffen und widmete sich der Religion und sozialen Aufgaben.

Die erste Phase von Tolstojs Schaffen beginnt mit den ersten Schreibversuchen 1845 und reicht bis etwa 1862, als er nach seiner Heirat anfing, Krieg und Frieden zu schreiben. Drei Themenkreise hat er in diesen Jahren hauptsächlich behandelt: Da ist einmal die quasi-autobiografische Linie mit der Trilogie, die Kindheit (1852), Knabenjahre (1854) und Jünglingsjahre (1857) umfasst, und den Erzählungen eines Markörs (1855), dann Erzählungen über den Kaukasus mit den drei Kriegsberichten aus Sevastopol und schließlich Geschichten vom Leben eines Gutsbesitzers.

Nach verschiedenen philosophischen Skizzen und ersten schriftstellerischen Versuchen, die aber allesamt Fragmente blieben, und ersten Tagebucheinträgen 1847 schrieb Tolstoj 1851 seine erste Erzählung: Die Geschichte des gestrigen Tages (1926 posthum veröffentlicht). Schon hier sind wesentliche Elemente seiner schriftstellerischen Arbeit vorhanden: Analyse, Selbstreflexion, Suche nach Wahrheit und genaue Beobachtungsgabe.

Eine vollständige Liste aller Erzählungen und Fragmente aus dieser Schaffensphase – die sogenannten Frühen Erzählungen – [ finden Sie hier ] .

In der Trilogie Kindheit – Knabenjahre – Jünglingsjahre, die als Tolstojs frühestes Werk ersten literarischen Ranges angesehen wird, beschreibt er die kindliche und pubertäre Entwicklung des Adeligen Nikolenka hin zum jungen Mann. Nikolenka ist zwar eindeutig ein literarisches Alter Ego, doch Tolstoj hält sich nicht streng an die Ereignisse seines Lebens. In der Erzählung Erzählungen eines Markörs, die vollständig autobiografisch ist, beschreibt er den inneren Kampf eines jungen Adeligen, der der Spielsucht verfallen ist.

Von Mai 1851 bis Dezember 1856 diente Tolstoj – zuerst als Zivilist, später als Junker und zuletzt als Offizier – bei der Kaukasus- und anschließend bei der Donau-Armee. Seine Erfahrungen aus dieser Zeit bilden den zweiten Themenkreis seiner ersten Schaffensphase. Da sind einmal die schonungslos realistischen Kriegsberichte Sevastopol im Monat Dezember (1855), Sevastopol im Monat Mai (1855) und Sevastopol im Monat August 1855 (1856), die ungeheures Aufsehen erregten – Nikolaus I. hat nach dem Lesen des ersten Berichtes angeordnet, Tolstoj aus der Kampfzone zu entfernen, damit ihm nichts geschieht. In diesem ersten Teil der Trilogie beschreibt Tolstoj den heldenhaften Mut, die Selbstaufopferung und die selbstlose Pflichterfüllung der einfachen Soldaten für ihr Vaterland. Im zweiten Teil schildert er den Seelenzustand der inneren Welt des Militärs, insbesondere der Offiziere: Dünkel, Kleingeistigkeit, Ruhmsucht, Eitelkeit, Snobismus und Feigheit herrschen hier vor – ein deutlicher Kontrast zur Tapferkeit der einfachen Soldaten im ersten Teil. Der dritte Teil zeigt die ganze Sinnlosigkeit des (und Tolstoj meint natürlich: eines jeden) Krieges; er erzählt, wie sich zwei Brüder zufällig zu einem Zeitpunkt, als es eigentlich schon gar keine Front mehr gibt und der Krieg, Verwüstung und Leere hinterlassend, praktisch schon verloren ist, auf dem Weg zur Front treffen und beide fallen.

Tolstoj war zwar schon mit Kindheit in die erste Garde der russischen Schriftsteller aufgestiegen, mit den sogenannten Sevastopoler Erzählungen aber hatte er endgültig einen ersten Ruhmesgipfel erreicht. Zu diesem Zeitpunkt hätte niemand geglaubt, dass es noch höher hinauf gehen könnte. In seiner Zeit beim Militär schrieb Tolstoj neben der erwähnten Trilogie auch seine schönsten Erzählungen, die vom Leben der Soldaten und von dem der Kosaken handeln und in denen die Einfachheit, Gradlinigkeit und Naturverbundenheit der Kosaken eindringlich und ans Herz gehend geschildert ist. Auch finden sich hier ergreifende Schilderungen der Natur, wie man sie später von Tolstoj nur noch selten lesen kann. Neben Der Überfall (1852), Wie russische Soldaten sterben. Der Alarm (1854) und Der Holzschlag (1855) ist besonders die Erzählung Die Kosaken (1852 begonnen, 1863 erschienen) zu erwähnen – sie ist eines der besten Werke Tolstojs und wäre beinahe nicht vollendet worden, die Geldnot zwang ihn schließlich zur Fertigstellung. Die Kosaken handelt von der Liebe zwischen dem russischen Adeligen und Offizier Olenin und dem Kosakenmädchen Marjana. Olenin ist niemand anderer als Tolstoj selbst, der hier sein Leben im Kaukasus und seine Liebe zu einer Kosakin schildert. Fasziniert vom naturverbundenen, ehrlichen Leben der Kosaken, das so ganz dem dekadenten Leben der russischen Aristokratie widerspricht, beschließt Olenin, selbst Kosak zu werden, im Kaukasus zu bleiben und Marjana zu heiraten. Am Ende muss er jedoch einsehen, dass das unmöglich ist und dass die Welten, die zwischen ihnen liegen, bestehen bleiben und sie trennen. Olenin muss von der von ihm geliebten Welt Abschied nehmen und Marjana schaut ihm beim Abschied nicht einmal nach.

Der dritte Themenkreis, mit dem sich Tolstoj in der ersten Schaffensphase literarisch befasst hat, sind die Erzählungen über das Leben der Gutsbesitzer. Auch hier hat Tolstoj eigene Erfahrungen verarbeitet; teilweise sind, wie im Fall von Der Morgen eines Gutsbesitzers (begonnen 1852, erschienen 1856), autobiografische Erzählungen entstanden. Nechljudov, der junge Gutsbesitzer, ist ein weiteres Alter Ego Tolstojs, das er noch in vielen Werken bis hin zum Roman Auferstehung benutzen würde.

Erwähnt werden müssen die ergreifende Erzählung Polikuška (1861/62), in der ein Bauer sich erhängt, weil er den Briefumschlag mit Geld, den man ihm für seine Herrin anvertraut hatte, verloren hat – kurz darauf wird der Brief gefunden, die Herrin aber will das Unglück bringende Geld nicht mehr und überlässt es dem Finder, der seinen Neffen damit vom Militär freikauft; dann die Erzählung Der Schneesturm (1856), in der Tolstoj ein schreckliches Ereignis beschreibt, das er auf der Rückreise vom Kaukasus hatte, Tichon und Malanja (1862 geschrieben, nach der Handschrift Tolstojs 1931 veröffentlicht) und schließlich die meisterliche, zu Herzen gehende Pferdegeschichte Leinwandmesser (1856 konzipiert, aber erst 1886 beendet und veröffentlicht, weshalb man darüber streiten kann, ob sie den Frühen Erzählungen zuzurechnen ist), in der ein ehemals rassiger, schneller Traberhengst, jetzt kastriert und als Versorgungsgaul auf einem Gestüt eingesetzt, sich Gedanken über sich selbst und die Menschen macht – ein tragisches Schicksal, eine „psychologisierende Tierbiografie“, wie Geir Kjetsaa festgestellt hat. Auch hier gibt es einen realen Bezug: Tolstoj hatte 1875 ein prächtiges Gestüt bei Samara (mit 400 englischen Vollblütern, Rostotschinern und Trabern) eingerichtet, das aber mangels notwendiger Aufsicht und zu geringer Kenntnis nach und nach einging; die letzten Rassepferde endeten um 1882 als traurige Ackergäule auf seinem Gut in Jasnaja Poljana.

In der sehr farbigen Erzählung Zwei Husaren (1856), in der Vater und Sohn, beide Husaren, im Abstand von 20 Jahren zufällig auf dem selben Gut zu Gast sind, zeigt Tolstoj die Veränderung von einer Generation zur nächsten auf: Der Vater, der die Gutsherrin im Jahr 1800 besucht, ist noch ein brillant beschriebener, romantischer Draufgänger – ein echter romantischer Held à la Lermontov (das lebende Vorbild ist allerdings ein Verwandter von Tolstoj: der legendäre Haudegen Fëdor Ivanovič Tolstoj, genannt „der Amerikaner“); der Sohn, der sie zwei Jahrzehnte später aufsucht, ist schon zum zynischen Pragmatiker geworden.

Einige weitere Erzählungen sind keinem der Themenkreise zuzuordnen, aber unbedingt erwähnenswert, so zum Beispiel Luzern (auch Aus dem Tagebuch des Fürsten D. Nechljudov, 1857), eine Episode, die Tolstoj bei seinem ersten Aufenthalt in der Schweiz erlebt hat und die so fast wortwörtlich auch in seinem Tagebuch steht. Darin äußert er seine Abscheu vor den reichen Müßiggängern, die, im Schweizer Hof lebend, zwar mit Genuss einem wunderbar spielenden Geiger, einem Straßenmusikanten, zuhörten, aber nicht bereit waren, dem armen Musikus einen kleinen Obulus zukommen zu lassen; Tolstoj lud den Mann daher ganz provokativ ins Hotel zum Essen ein und schlug Krach, als man sie nicht ebenso vornehm behandeln wollte wie alle anderen und ihn selbst zuvor auch.

Albert (1858) handelt ebenfalls von einem Musiker und geht auch auf eine wahre Begebenheit zurück: Tolstoj hatte aus St. Petersburg einen zwar sehr guten, aber halb verrückten und versoffenen deutschen Musiker mit auf sein Gut genommen, um ihn zu retten – was nicht gelang.

Mit Drei Tode (1858) beginnt Tolstojs immer wiederkehrende Beschäftigung mit dem Tod. Er zeigt hier, wie unterschiedlich sich eine Gutsherrin, ein einfacher Bauer und ein Baum beim Sterben verhalten. Das Ergebnis: Den leichtesten Tod hat der gefällte Baum, denn er ist ein Teil der Natur, er hat kein Ich-Bewusstsein, für ihn gehört das Sterben zum Leben und er gibt neuem Leben Raum.

In Familienglück (1859) greift er zum ersten Mal sein Problem mit den Frauen auf: hie Sexus, da Liebe. Hintergrund waren die Beziehung zu seiner leibeigenen Bäuerin Aksinja, von der er auch einen Sohn hatte, und der Wunsch, standesgemäß Valerja Arseneva zu heiraten; die Erzählung ist eine Andeutung dessen, was Tolstojs spätere Ehe unter anderem belasten sollte.

Tolstojs Frühe Erzählungen sind wesentlich lebendiger, ja, vielleicht kann man sagen: noch „naturalistisch-romantisch“ geprägt (Tolstoj selbst würde an dieser Stelle laut aufschreien, denn er wollte der Antiromantiker sein) und weniger „akademisch“ als seine späteren.

Nach seiner Hochzeit im Oktober 1862 begann für Tolstoj erst einmal eine glückliche Zeit auf seinem Landgut Jasnaja Poljana, wohin er sich mit seiner Frau zurückgezogen hatte. Er schrieb und führte ein glückliches Familienleben: Im Juli 1863 wurde der Sohn Sergej, im Oktober 1864 die Tochter Tatjana, im Mai 1866 der Sohn Ilja und im Juni 1869 der Sohn Lev geboren. (Im fünften und sechsten Teil von Anna Karenina wird er später diese glückliche Zeit für Lëvin und Kitty beschreiben.) Und die Zeit wurde nahezu idyllisch, als er begann, an der ersten Fassung von Krieg und Frieden zu arbeiten, denn seine Frau Sonja schrieb die Korrekturfassungen (immer wieder) ins Reine. Sie war glücklich, ihrem Mann auf diese Weise nahe sein und ihn bei seiner Arbeit unterstützen zu können, was wiederum auch auf Tolstoj abfärbte.

Tolstoj wollte ursprünglich einen Roman über die Dekabristen schreiben (vgl. zum Thema die Essays über die Dekabristen und ihr Erbe hier, hier, hier und hier). Das Thema lag ihm eigentlich sehr nahe, denn er war einerseits mit mehreren verwandt – der Dekabrist General Fürst Sergej Grigorevič Volkonskij (*1788, †1865), den Nikolaus I. nach dem Dekabristenaufstand 1825 nach Sibirien verbannt hatte (wohin ihm seine Frau gefolgt war), war z. B. ein naher Verwandter seiner Mutter – andererseits sah er die Bedeutsamkeit des Dekabristenaufstands für die Geschichte Russlands. Er sammelte eifrig Material und schrieb auch ein paar Kapitel (1884 als Fragment Die Dekabristen veröffentlicht); aber je mehr er sich mit dem Thema beschäftigte, um so mehr erkannte er, dass er in der Geschichte weiter zurückgehen musste: bis zum Vaterländischen Krieg gegen Napoleon 1812 und noch weiter bis zum Jahr 1805, in dem Napoleon zum ersten Mal in die russische Geschichte eintrat, denn hier lagen die Wurzeln der Bewegung. Außerdem konnte sich der Aristokrat in ihm mit den Dekabristen innerlich nicht so richtig anfreunden, waren sie zwar adelig, aber doch Revolutionäre. Er begann also Ende 1863 einen Roman unter dem Titel Das Jahr 1805; später änderte er den Titel in Война и мiръ (»Vojna i mir«).

Hier ein kleiner etymologischer Ausflug: мiръ (»mir«) so geschrieben – mit diesem i-Laut, den es im heutigen russischen Alphabet nicht mehr gibt, und mit dem Härtezeichen ъ am Ende – bedeutete »die Welt« oder »die Gemeinde«, im erweiterten Sinne »die Gesellschaft«; der Titel lautete also ursprünglich Der Krieg und die Gesellschaft – was eigentlich auch viel besser zum Roman passt. Im Jahr 1868 aber verwendete Tolstoj die Schreibweise миръ – »mir« so geschrieben bedeutete jedoch »Frieden«. Heute entfällt im Russischen das Härtzeichen ъ am Ende eines Wortes und es heißt nur noch мир, was sowohl »Gesellschaft« oder »Welt« als auch »Frieden« heißen kann. Ob Tolstoj sich ursprünglich nur von der sich anbahnenden Veränderung der Schreibweise hat beeinflussen lassen oder – wie böse Zungen behaupten – bei der zweiten Version den Titel von Pierre-Joseph Proudhons 1861 erschienenem Werk La Guerre et la Paix (dt. Krieg und Frieden) „abgekupfert“ hat (er war ein Verehrer Proudhons), darüber lässt sich nur spekulieren – auf jeden Fall hat er bei der Übersetzung in andere Sprachen den Titel Krieg und Frieden akzeptiert.

Und hier noch ein weiterer Exkurs, diesmal in die überaus interessante Entstehungsgeschichte des Romans, die auch ein sehr bezeichnendes Licht auf Tolstoj selbst wirft:

Wie erwähnt sollte Tolstojs Roman zunächst Das Jahr 1805 heißen und die ersten Kapitel wurden – noch bevor er den Roman fertig geschrieben hatte – auch unter diesem Titel in der Zeitschrift Russkij vestnik (dt. Der Russische Bote) veröffentlicht; 1866 brach die Publikation ab. 1867 schrieb Tolstoj mit großen Buchstaben ENDE unter das Manuskript, gab ihm den oben erläuterten Titel Война и мiръ und schickte seinem Verleger Katkov einen Vertragsentwurf für die Buchveröffentlichung. Man könnte meinen, das sei es nun gewesen, aber mitnichten: Das Manuskript wurde nie veröffentlicht, nicht weil Katkov es abgelehnt hätte, nein, weil Tolstoj sich umgehend daran machte, den Roman umzuarbeiten. 1868/69 erschien dann die „Endfassung“ – eine absolut irreführende Bezeichnung, denn Tolstoj selbst arbeitete auch diese Endfassung bis 1886 noch mehrere Male um. Und selbst die kanonisierte Ausgabe der Russischen Akademie von 1936 ist eine Mischung aus mehreren Umarbeitungen, wie die Akademie selbst einräumt. Bis dahin gab es übrigens 15 veröffentlichte Varianten!

Für den Leser und selbstverständlich für den Literaturwissenschaftler ist es natürlich interessant zu wissen, wie der Roman am Anfang aussah, bevor die zeit- und entwicklungsbedingten Einflüsse Stil und Inhalt des Romans veränderten – wie sozusagen die „Urfassung“ aussah und was aus ihr geworden ist. Dem stand lange Zeit Tolstojs „Liederlichkeit“ beim Schreiben entgegen – nur seine Frau Sonja vermochte zunächst, sich mit seinen Manuskripten mit Erfolg abzuquälen. Und Tolstoj benutzte das Manuskript der Urfassung für seine Umarbeitungen; seine winzige Handschrift in Verbindung mit wahllosem Darüber- und Danebenschreiben sorgte für teils chaotische Seiten… die Urfassung war quasi verloren. Ab 1918 machte sich Evelina Zaidenšnur, eine Mitarbeiterin des Moskauer Tolstoj-Museums, daran, in jahrzehntelanger Arbeit die Urfassung aus den Originalmanuskripten zu rekonstruieren, 1983 erschien neben einem Buch über die Entstehung des Romans die vollständig rekonstruierte Urfassung in einer renommierten wissenschaftlichen Reihe der Akademie der Wissenschaften (dt. Leo Tolstoi: Krieg und Frieden – Die Urfassung). Womit der Kreis wieder geschlossen war.

Der Stil der Urfassung ist noch wesentlich frischer, spritziger, ja, deftiger, teilweise satirisch-komisch bis grotesk – alles Merkmale, die seiner späteren „correctness“ zum Opfer gefallen sind. Sie ist mit ihren etwa tausend Seiten nur halb so lang (die vielen „Gedanken“ und „Erläuterungen“ fehlen noch) und hat im Gegensatz zur „Endfassung“ noch ein Happy End. Es lohnt sich (vielleicht zuerst) die Urfassung zu lesen.

Nun zum Werk selbst. Es sind viele, viele dickleibige Bücher über Krieg und Frieden geschrieben worden, die alle Aspekte bis ins Kleinste ausgeleuchtet haben (siehe dazu auch die Literaturangaben, die mit Teil III dieser Tolstoj-Kolumne veröffentlicht werden). Hier kann nur in wenigen Worten beschrieben werden, wovon das vierbändige, zweitausend Seiten umfassende Werk handelt.

In seinem Artikel Ein paar Worte zu dem Buch »Krieg und Frieden« schreibt Tolstoj 1868: „Dies ist kein Roman, noch weniger ein Gedicht und keineswegs eine historische Chronik. »Krieg und Frieden« ist das, was der Verfasser in der Form, in der es ausgedrückt ist, zum Ausdruck bringen wollte und konnte.“ (Ein typischer Tolstoj-Satz.)

Tatsächlich ist das Buch ein in Hunderten von Farben gemaltes, genial komponiertes Nationalepos, in dem das Schicksal den Ablauf der Ereignisse bestimmt. Die geschichtlichen Ereignisse der Zeit zwischen 1805 und 1820 bilden die Grundlage des Werkes: Es ist die Zeit des politischen und militärischen Kampfes zwischen Napoleon und Russland. Fast minutiös werden die Schlachten – Höhepunkte sind die Schlacht von Borodino und die Dreikaiserschlacht von Austerlitz – nachgezeichnet (Tolstoj machte dazu ausführliche Studien und Befragungen vor Ort), es handelt sich allerdings, wie in solchen Fällen verbreitet, um Schilderungen aus russischer Sicht, die leicht von einer Freund-Feind-Propaganda eingefärbt sind, dabei aber nichts von Ihrer Authentizität verloren haben.

Drei Generationen lässt Tolstoj in seinem Werk auftreten und von den 70 „Hauptpersonen“ haben die meisten lebende oder nicht mehr lebende Vorbilder – bis auf zwei: Pierre Besuchov und Fürst Andrej Bolkonskij. Doch auch diese zwei sind letztlich nicht aus der Luft gegriffen, sondern verkörpern, wie schon oben erwähnt, die zwei unvereinbaren Charaktere in Tolstoj selbst. Und drei Familien des russischen Hochadels stehen im Zentrum des Geschehens: die Familie des verarmten Rostov, für die die väterliche Linie Tolstojs Pate steht und die das Künstlerische repräsentiert, die Familie des reichen Fürsten Bolkonskij, für die die mütterliche Linie Pate steht und die den intellektuellen Part übernimmt, sowie die Familie des Fürsten Kuragin. Die Söhne erleben den Krieg als Offiziere und die Töchter erfahren die Nöte des Krieges sozusagen in der Etappe. Tolstoj verwebt das militärisch-politische Geschehen mit dem familiären Leben in Adelskreisen, indem er die privaten Beziehungen zwischen den Töchtern und Söhnen – natürlich gemäß ihrem Charakter – aufzeigt und immer wieder zwischen dem Krieg an der Front und dem Frieden im Hinterland pendelt.

Quintessenz des Werkes ist eine scharfe Kritik am russischen Hofadel, der die Politik des Landes bestimmt, und ein Hervorheben der Tugenden der einfachen Menschen: Nicht der Zar und die adeligen Offiziere haben Napoleon besiegt, sondern die einfachen, leibeigenen, aus dem Bauerntum stammenden Soldaten – und der im russischen Boden verwurzelte Landadel.

Im Dezember 1869 erschien der im Original sechste und damit letzte Band von Krieg und Frieden. Als Tolstoj sein Werk (vorläufig) beendet hatte, ging es ihm erst einmal wie jedem, der eine Zeit größter Anspannung hinter sich hat: Er war ausgelaugt und leer, auch kränkelte er. Er machte in den Steppen bei Samara bei den nomadisierenden Baschkiren eine Kumys-Kur (Trinken gegorener Stutenmilch) und gewann bei diesem einfach lebenden Steppenvolk seine körperliche und seelische Kraft zurück. Dann entwarf er einen Roman über Peter den Großen, aber der (Peter der Große) war ihm reichlich unsympathisch, und so kam Tolstoj über die ersten Fragmente nicht hinaus. Auch machte er sich erneut an das Dekabristenthema – wobei er ebenfalls kläglich scheiterte (Fragmente veröffentlicht 1884).

Er widmete sich wieder der Erziehung seiner Dorfkinder und schrieb die Elementarfibel Das neue Alphabet (auch ABC-Buch, 1872). In vier Bänden mit ca. 750 Seiten insgesamt schrieb er 100 leicht zu verstehende Geschichten – volkstümliche Legenden und Erzählungen, nacherzählte chinesische Märchen, Übersetzungen von Äsops Fabeln und natürlich Berichte über eigene Erlebnisse wie die hervorragende Erzählung Der Gefangene im Kaukasus und Anekdoten von seinen Hunden und Verschiedenes mehr. (Eine Übersicht über die wichtigsten seiner Volkserzählungen, von denen er auch in seiner dritten Schaffensperiode noch einige schrieb, [ finden Sie hier ].)

Ab etwa 1870 geisterte die Idee in seinem Kopf herum, etwas über eine ehebrecherische Frau aus der besseren Gesellschaft zu schreiben. Im Januar 1872 ereignete sich im Nachbarort ein Unglück: Anna Stepanovna, die Geliebte und Lebensgefährtin seines Nachbarn und Freundes, warf sich vor einen Zug, als sie erfuhr, dass ihr langjähriger Lebenspartner eine andere Frau heiraten wollte. Tolstoj war am nächsten Tag bei der Obduktion der Leiche dabei und versuchte, sich in das Leben der Unglücklichen hineinzudenken. Ein Jahr noch gärte das Thema „ehebrecherische Frau, zwar schuldig, aber beklagenswert“ noch in seinem Kopf, bis Thema und Ereignis nach und nach zu verschmelzen begannen – aus Anna Stepanovna wurde Anna Karenina. Von da an ging es zügig voran; Anfang 1875 erschienen die ersten Kapitel als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Russkij vestnik und Anfang 1878 erschien der Roman in drei Bänden als Buchausgabe. Tolstoj war übrigens sehr überrascht, dass dieses Werk Begeisterungsstürme hervorrief, denn er hielt nicht allzu viel von ihm, begann er sich doch immer stärker der Religion zuzuwenden. Jedem, der es hören wollte, sagte er: „Ist es schwer zu beschreiben, wie sich ein Offizier in eine Dame verliebt? Es ist nicht schwer und vor allem nichts Gutes. Es ist schlecht und unnütz.“

So einfach, wie dieses typisch Tolstojsche Understatement suggeriert, ist es allerdings nicht:

Das Beziehungsgeflecht ist riesig, die Ereignisse sind schier zahllos und finden an allen für die Zeit und Gesellschaft typischen Örtlichkeiten statt – eine Inhaltsangabe, ohne selbst ein kleines Buch zu schreiben, ist praktisch unmöglich. Im Kern sind es wieder drei für den Adel ganz typische Familien, die die Handlung bestimmen: die des liebenswürdigen und verschwenderischen Fürsten Oblonskij (Beamter und „Unternehmensberater“); die des korrekten, steifen Staatsbeamten Karenin und seiner Frau Anna, Schwester des Fürsten Oblonskij, die sich in den Gardeoffizier Graf Vronskij verliebt und dadurch ihre Ehe zum Scheitern bringt; und die der Fürstentochter Kitty Ščerbatckaja und des nachdenklichen, in sich verschlossenen Gutsbesitzers Lëvin, der Kitty nach vielen Wirrungen für sich gewinnt und mit ihr auf seinem Landgut ein glückliches Familienleben führt. Typisch ist auch das gesellschaftliche Leben: Tolstoj beschreibt ausführlich die Bälle, die Soireen und Pferderennen und schwelgt in Bildern der Natur. Ebenso bezeichnend für die damalige Adelsgesellschaft sind die Orte der Handlungen: das deutsche Kurbad oder die italienische Kunststadt – Fluchtorte, die von vielen Russen wie Turgenev oder Dostoevskij und anderen aufgesucht wurden –, dann natürlich das „westeuropäische“ St. Petersburg mit seiner degenerierten Adels- und Beamtengesellschaft, dem das ur-russische Moskau mit seiner schon damals geschäftigen Hektik bei gleichzeitiger russischer Ungezwungenheit gegenübersteht, und natürlich das Landgut Pokrovskoe (was übersetzt »Schutzort« heißt) mit seinen in der russischen Erde verwurzelten, im Einklang mit der Natur lebenden Bauern.

Zwei Handlungsstränge werden immer wieder miteinander verwoben: die Beziehung zwischen Kitty und Lëvin, die ein glückliches Ende nimmt, und die von Vronskij und Anna, die – wie im Fall des realen Vorbildes Anna Stepanovna – mit Annas Selbstmord auf den Gleisen endet. Tolstoj gestattet weder sich (ihm ist während des Schreibens die Figur der Anna emotional immer näher gerückt) noch der Gesellschaft, die Anna letztlich in den Tod getrieben hat, eine Verurteilung Annas, und auch dem Leser erlaubt er nicht, über sie zu richten, weshalb er dem Roman folgendes Motto vorangestellt hat: „Mein ist die Rache, ich will vergelten“.

Tolstoj hat mit Anna Karenina ein episches und noch dazu authentisches Gemälde seiner Zeit geschaffen – nicht ohne Grund wird der Roman immer wieder verfilmt.

Und danach ging’s bergab mit Tolstojs schriftstellerischer Tätigkeit, ist man im ersten Moment versucht zu sagen – zumindest, was die Belletristik betrifft.

Wie oben beschrieben geriet Tolstoj 1878 in die große Sinnkrise seines Lebens und beschäftigte sich in der Folge fast ausschließlich mit der Religion: Noch im selben Jahr hörte er eine Vorlesung des Religionsphilosophen Vladimir Sergeevič Solovëv (*1853, †1900); 1879 besuchte er in Tula die Kirche der Altgläubigen, in Kiew die Kirchen des berühmten Höhlenklosters, er führte religiöse Dispute mit Makarius, dem Metropoliten von Moskau, und mit Alexius, dem Bischof von Možajsk, und er besuchte in Sergiev Posad (zu Sowjetzeiten Sagorsk) das berühmte Dreifaltigkeitskloster (Troica-Sergieva-Lavra) und führte Gespräche mit dem Archimandriten Leonid. Danach schrieb er seine ersten religiösen Traktate Staat und Kirche (1882 veröffentlicht) und Was darf ein Christ und was nicht?, er begann mit der Übersetzung der vier Evangelien (Vereinigung und Übersetzung der vier Evangelien, 1880/81) und vor allem mit seinen Selbstbekenntnissen Meine Beichte (1882) und Worin besteht mein Glaube? (1884 gedruckt und verboten). Verstärkt interessierte er sich nun für philosophische und ethische Probleme, er machte neue soziale Erfahrungen durch den Besuch von Gefängnissen, die Beobachtung von Prozessen und indem er das Rekrutierungssystem eingehend studierte. Er wanderte zu Fuß zur Einsiedelei Optina Pustyn – in der schon vor ihm Gogol und auch Dostoevskij zu Besuch gewesen waren – und diskutierte dort mit dem Abt Ambrosius und dem Archimandriten Juvenalius. Er kam mit der Sekte der Molokanen (Milchtrinker) in Kontakt und nahm 1882 im übelsten und heruntergekommensten Viertel von Moskau als Helfer an der Volkszählung teil, worüber er den Artikel Über die Volkszählung in Moskau (1882) veröffentlichte, mit dem er sich viele Feinde machte. Und immer schroffer wurde in dieser ganzen Zeit seine Ablehnung der kirchlichen Autorität und der zaristischen Staatsgewalt.

Tolstojs religionsphilosophische Schriften und geistliche Traktate, die manchmal fast schon in Pamphlete ausarten, aber auch seine späten Erzählungen, die – mit mehr oder weniger deutlich erhobenem Zeigefinger – stark moralisieren, werden Thema des dritten und letzten Teils über Tolstoj sein. (In guter Tolstojscher Manier ist auch dieser große Essay über ihn eine Trilogie.)

Vier Werke aus seiner letzten Schaffensphase sollen hier aber noch Erwähnung finden, wenngleich auch sie teilweise tendenziös und moralisierend sind, weil Tolstoj darin erneut sein geniales belletristisches Können unter Beweis stellt. Es sind dies Der Tod des Ivan Ilič (1886), dann das berühmte, extrem kontrovers diskutierte Skandalwerk Die Kreutzersonate (1891), das sein Eheleben endgültig zerstört haben dürfte, weiter sein dritter großer Roman Auferstehung (1899) und das 1912 posthum veröffentlichte Meisterwerk Chadži-Murat (dt. Hadschi-Murat), mit dem sich auch thematisch der Kreis seines Schaffens schließt.

In Der Tod des Ivan Ilič – Ivan Ilič ist ein hochrangiger, kalter und machtbesessener Richter – lernt der Leser Ivan Ilič Golova (das Wort »Golova« bedeutet im Deutschen »Kopf«) auf dem Totenbett kennen, um anschließend von seinem Lebensweg zu erfahren: Ein banaler Haushaltsunfall – er fällt von einer Trittleiter – hat schon vorhandene gesundheitliche Beschwerden „aktiviert“ und führt zu rasch fortschreitendem Magenkrebs, an dem Ivan Ilič dann auch stirbt. Dieser Machtmensch, der andere gnadenlos vernichtet hat, beginnt, je mehr ihm klar wird, dass er auf den Tod zugeht, die Einsamkeit und Oberflächlichkeit seines Lebens zu begreifen, und er leidet an den Erkenntnissen über sein vergangenes Leben. In den letzten Zügen seines Lebens erkennt er plötzlich, dass es den Tod, vor dem er sich während seiner ganzen Krankheit gefürchtet hat, gar nicht gibt; weil er die Wahrheit erkannt hat und nun von Liebe und der Bitte um Vergebung erfüllt ist, wird der Tod für ihn zum Licht und zum Beginn eines neuen „Lebens“.

Diese Erzählung gehört zu den aufrührendsten, die Tolstoj geschrieben hat, und es erübrigt sich fast zu erwähnen, dass er auch hier eine reale Begebenheit zum Anlass genommen hat: Im Jahr 1881 starb einer seiner Bekannten, der bekannte Jurist Ivan Ilič Mečnikov, in Tula an Krebs.

Im Sommer 1887 erzählte der Schauspieler Andreev Tolstoj von einem Mordfall: Ein Mann hatte aus Eifersucht seine Frau umgebracht. Lev Tolstoj nahm diesen Fall sofort auf und verarbeitete ihn in seiner Erzählung Die Kreutzersonate. Diese ohne Frage packende Erzählung von großer schriftstellerischer Brillanz kann man mit Fug und Recht als ein Skandalstück bezeichnen.

Tolstoj verarbeitet darin zahlreiche Details aus seinem Eheleben, die für jeden Leser leicht zuzuordnen waren, und beschämte damit seine Frau; die Sexualität wird in bis dahin nie geschilderter Offenheit dargeboten, die Ehe und die Frauen werden – man muss schon sagen – herabgewürdigt. Frauen, so stellt es die Erzählung dar, reizen die Sexualität des Mannes allein schon durch ihre Anwesenheit und halten ihn so von der Erfüllung seiner höheren Aufgaben ab. Besser sei es, auch in der Ehe keusch zu bleiben und wie Bruder und Schwester zusammenzuleben – ein besonders pikanter Entwurf, war Tolstoj doch als großer „Kinderproduzent“ bekannt und erst kürzlich Vater seines Sohnes Ivan geworden. Das Argument, dass dann die Menschen aussterben würden, konterte er mit der Ansicht, das sei dann eben in einem höheren Heilsplan so vorgesehen (und nicht schade drum). Das Werk war von der Zensur noch nicht genehmigt und schon ein Skandal; es war in Tausenden von abgeschriebenen Exemplaren illegal verbreitet worden. Die Zensur verbot die Erzählung, worauf Tolstojs Frau Sonja in einem Akt der Vorwärtsverteidigung (frei nach dem Motto: „Seht her, das bin nicht ich in dieser Erzählung, sonst würde ich nicht so handeln!“) persönlich bei Alexander III. die Erlaubnis zur Veröffentlichung erwirkte. Die Reaktionen in der Öffentlichkeit reichten von „Jetzt ist er endgültig verrückt geworden!“ (Zola schreibt: „ein wenig wirr im Kopf“) über Unverständnis bis zu Bewunderung; es kursierten viele Spekulationen über die Bedeutung und unterschiedlichste Interpretationen; die Kirche, die Verteidiger der freien Liebe, allein stehende Frauen und Mütter liefen Sturm.

Tolstoj formulierte es gegenüber dem amerikanischen Journalisten James Creelman so:

Mann und Frau haben zwei Naturen, die tierische und die geistige. Wenn ein Mann sich betrügt, indem er glaubt, körperliche Leidenschaft sei eine wesentliche Eigenschaft seiner höheren Natur, wird er ihr selbstverständlich weiterhin nachgeben und sie auch noch steigern, und zwar auf Kosten seines geistigen Wachstums. Deshalb protestiere ich gegen die geschlechtliche Liebe. Sie ist zu stark mit persönlicher Befriedigung verknüpft, zu uneingeengt und egoistisch, zu sehr auf tierischen Genuss ausgerichtet.
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Das sagte ausgerechnet Tolstoj mit seinem auf diesem Gebiet exzessiven Lebenswandel, man fragt sich: Sagt er es trotz oder wegen seines Lebenswandels?

Hier in wenigen Worten der Inhalt der Erzählung. Ein Mann erzählt während einer Zugfahrt seine Geschichte: Er hat aus Eifersucht seine Frau, von der er glaubte, dass sie ihn mit einem Geiger betrügen würde, umgebracht. Nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt wird er frei gesprochen, weil er verständlicherweise übererregt gewesen sei.

Ab 1889 arbeitete Tolstoj unter anderem immer wieder auch an seinem dritten großen Roman Auferstehung – ein dreibändiges Werk, das auf einen authentischen Gerichtsfall zurückgeht, den ihm sein Freund, der Jurist A. F. Koni, erzählt hat:

Fürst Nechljudov (zum letzten Mal taucht hier Tolstojs Alter Ego auf) wird als Geschworener an ein Provinzialgericht gerufen; verhandelt wird die Sache einer Prostituierten, die wegen Diebstahls und Giftmordes angeklagt ist. Er erkennt in der Angeklagten das junge Mädchen, Mündel seiner Tanten, das er sieben Jahre zuvor verführt und sitzen gelassen hatte und das nach diesem Fehltritt von den Tanten verstoßen und dadurch in die Prostitution getrieben worden war. Obwohl an der Berechtigung der Anklage Zweifel bestehen, wird die junge Frau verurteilt und zur Zwangsarbeit nach Sibirien verschickt. Nechljudov erkennt seine Schuld und Verantwortung; er versucht die Verurteilung zu verhindern und begleitet sie, als das nicht gelingt, in die Verbannung – sie zieht im Zug der Verbannten und er reist mit seinem Diener in der Kutsche mit. Er will sie sogar heiraten, aber das lehnt sie, obwohl sie ihn zu lieben scheint, mit den Worten „Du willst Deine eigene Seele durch mich retten“ ab und heiratet einen anderen. Der Roman endet damit, dass Nechljudov die Bergpredigt studiert und fünf Gebote als Grundlage menschlichen Zusammenlebens ausmacht: Versöhnung, eheliche Treue, Ablehnung des Eides, Vergebung und Feindesliebe.

Tolstoj zeigt in Auferstehung mit überdeutlicher, ja fast brutaler Sprache und durch die grausam naturalistische Schilderung von Ereignissen die ungeheure soziale Diskrepanz zwischen den Herrschenden und den armen Unglücklichen auf. Mit schonungsloser Offenheit greift er die Lügen der Kirche an, karikiert den Oberprokurator des Synods der Kirche Pobedonoscev in der Gestalt Toporovs (»Topor« bedeutet im Deutschen »Axt«) – der sich bald darauf mit der Exkommunikation Tolstojs rächte –, zeigt die unmenschlichen Verhältnisse in den Gefängnissen, prangert die selbstgefälligen Bürokraten als rücksichtslose Parasiten an; er rechnet rücksichtslos mit der herrschenden Klasse ab. Der Roman könnte ein revolutionärer sein, wäre da nicht der übergroße moralische Zeigefinger und der teilweise pamphlethafte Stil der Kritik, wie er zum Beispiel in der blasphemischen Schilderung eines orthodoxen Gottesdienstes zum Tragen kommt. Dennoch, der Roman schlug in Russland ein wie ein Blitz – und es folgten tiefes Schweigen und Betroffenheit; niemand wagte, die Angriffe zu diskutieren.

Von 1896 bis 1904 arbeitete Tolstoj an seinem letzten, endlich wieder einmal rein belletristischen Werk (ohne moralischen Zeigefinger!), an Chadži-Murat. Er griff darin ein Thema seiner Jugend wieder auf: das Leben im Kaukasus. In Die Kosaken (1863) hatte er das Leben im Kaukasus aus der romantisierenden Sicht eines jungen, adeligen Russen geschildert, in Chadži-Murat ist ein Bergbewohner der gleichnamige Held. Er ist der Stellvertreter Šamils (Schamyl), des Anführers der tschetschenisch-moslemischen Widerstandskämpfer gegen die Russen, den er von ganzem Herzen hasst, weil er seinen Vater und seine Brüder getötet hat. Insgeheim ist er auf Blutrache aus und möchte selbst zum Anführer werden. Um das zu erreichen, läuft er zu den Russen über und hofft auf ihre Hilfe; er will im Namen des Zaren der Führer der Tschetschenen werden. Die Russen sind zwar hocherfreut, vertrösten ihn aber, weil sie ihm nicht trauen. Šamil nimmt indessen die Familie, die Chadži-Murat hatte zurücklassen müssen, in Geiselhaft. Nachdem Chadži-Murat erkannt hat, dass die Russen ihm nicht helfen werden, beschließt er, auf eigene Faust zu handeln und Šamil zu besiegen; jetzt aber betrachten ihn die Russen als Geisel. Auf der Flucht von den Russen tötet er mehrere Kosaken und wird am Ende selbst getötet.

Der freiheitsliebende Familien- und Naturmensch Chadži-Murat, der zwar an seiner Machtlust, aber doch todesmutig, zugrunde geht, steht zwischen zwei gegensätzlichen Polen, zwischen Nikolaus I., dem Vertreter der Kolonialmacht, und Šamil, dem Führer der Rebellen. Tolstoj beschreibt Nikolaus I. als einen Menschen bar jeder Moral und jeden ehrenwerten Charakters (womit er der Wahrheit sicher sehr nahe kommt), nur wenig besser kommt Šamil davon.
Tolstoj zeigt in dieser Erzählung noch einmal seine ganze belletristische Brillanz; und dass sich 160 Jahre nach den geschilderten Ereignissen in Tschetschenien nichts verändert haben würde, dass die Bewohner dieser Region noch immer zwischen zwei widerstreitenden Mächten zerrieben werden würden, hätte er sich sicher nicht träumen lassen.

Es versteht sich von selbst, dass hier nicht auf alle Werke Tolstojs eingegangen werden konnte; zumindest erwähnt werden aber muss, dass er auch ein großer Dramatiker war, dessen Stücke eine große Wirkung hatten. In ihnen kommt die – auch in seinen anderen Werken erkennbare – grandiose Fähigkeit, Personen schon allein durch wenige Sätze ihres Sprechens zu charakterisieren, ganz besonders zur Geltung. Dieses von Gogol zum ersten Mal verwendete und später von Nikolaj Semënovič Leskov zur Perfektion gebrachte Stilmittel nennt man im Russischen übrigens „skaz“.

Tolstojs Stücke sind:
Die verseuchte Familie (Komödie, 1864), Der Nihilist (Komödie, 1866), Die Legende vom stolzen Aggej (Volksstück, 1886), Der erste Branntweinbrenner (Volksstück, Komödie, 1886), Macht der Finsternis (Drama, 1886), Früchte der Bildung (Komödie, 1890), Bäcker Petrus (Volksstück, 1884-1894), Der lebende Leichnam (Drama, 1900), Und das Licht scheint in der Finsternis (Drama, unvollendet 1903).

Das Literaturverzeichnis für alle drei Teile des Essays wird am Ende des dritten Teils erscheinen.

(1) Gustave Flaubert in einem Brief an I. S. Turgenev aus dem Jahre 1880 nach der Lektüre von Krieg und Frieden
(2) zitiert nach Geir Kjetsaa: Lew Tolstoj – Dichter und Religionsphilosoph

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Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.