Lev Nikolaevič Tolstoj Teil I – Der Mensch Tolstoj

Lev-Tolstoj 1887 Gemälde von Ilja Repin Ausschnitt
image_pdfimage_print

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Lev Nikolaevič Tolstoj – im Deutschen auch Leo Tolstoi genannt – war unbestritten einer der größten Schriftsteller der Welt und aller Zeiten und ist mit Goethe und Shakespeare in einem Atemzug zu nennen. Unbestritten wird er von allen, selbst seinen Gegnern, ein Genie genannt. Getreu dem Selbstverständnis aller russischer Schriftsteller war auch er ein moralisches Gewissen, ja man kann sagen eine moralische Instanz, sogar weit über sein Land und über seine Zeit hinaus.

Dass er mit den herrschenden sozialen und politischen Verhältnissen in Konflikt geriet, war daher zwangsläufig; in einem Land, in dem Kirche und Staat eine Einheit bildeten, musste er damit ebenso zwangsläufig Kritiker der Institution Kirche werden, zu dem ihn sein schon in frühester Jugend ausgeprägtes philosophisches Denken, das er mit seiner schriftstellerischen Begabung auch vermitteln konnte, werden ließ. Nicht zuletzt dank seiner überragenden sozialen Stellung wurde seine Sicht von Christentum quasi zu einer „Gegenreligion“ zu den praktizierten christlichen Religionen – nicht nur der russisch-orthodoxen, sondern aller christlichen Religionen. Er war also Schriftsteller und ein Philosoph, dessen Denken ihn zu einem Religionsstifter, ja Anarchisten machte.
Den Schriftsteller und den Religionsphilosophen kann man jedoch nur verstehen, wenn man den Menschen zu verstehen sucht – und das gilt ganz besonders für Lev Nikolaevič Tolstoj, von dem Maksim Gorkij sagt „er ist zu allererst ein Mensch, ein menschheitlicher Mensch“.

Ich habe viele und lange Gespräche mit ihm gehabt; als er in Gaspra auf der Krim lebte, ging ich oft zu ihm und er kam gerne zu mir; ich habe seine Bücher mit Liebe studiert; mir scheint, ich habe das Recht zu sagen, was ich von ihm denke, sogar wenn es kühn ist und stark von der allgemeinen Meinung abweicht. Ich weiß so gut wie andere, dass kein Mann den Namen des Genies besser verdient als er; komplizierter, widerspruchsvoller, größer in allem ist keiner – ja, ja, in allem und jedem. Groß im eigentümlichen, weiten, in Worten nicht zu fassenden Sinn – es ist etwas in ihm, das mir immer das Verlangen gab, laut zu rufen: „Seht doch, was für ein wundervoller Mensch da lebt.“ Denn er ist, sozusagen, ganz allgemein und zu allererst ein Mensch, ein menschheitlicher Mensch …
Ich will Tolstoj nicht zu einem Heiligen gemacht sehen: Lasst ihn doch einen Sünder bleiben, dicht am Herzen der sündigen Welt, dicht am Herzen eines jeden von uns. Puschkin und er – wir haben nichts, was erhabener oder uns teurer wäre.

(1)

Aber an Anton Čechov, der wie Gorkij mit Tolstoj befreundet war (soweit man das sein konnte), schrieb Gorkij im Jahr 1900:
Lev Tolstoj liebt die Menschen nicht, nein, er liebt sie nicht. Er beurteilt sie nur grausam und wirklich zu hart. Seine Gottesidee gefällt mir nicht. Ist das ein Gott? Es ist ein Teil des Grafen Lev Tolstoj und nicht Gott, jener Gott, ohne den die Menschen nicht leben können. Er sagt, er sei Anarchist. In gewissem Maß, ja. Aber sobald er Vorschriften zunichtemacht, erlässt er neue, die nicht weniger streng und nicht weniger schwer für die Menschen sind. Das ist kein Anarchismus, das ist die Autorität eines Provinzgouverneurs.
(2)

Anton Čechov schrieb in einem Brief am 28.1.1900:
Erstens: Ich habe keinen Menschen so geliebt wie ihn … Zweitens: Da es in der Literatur einen Tolstoj gibt, ist es leicht und angenehm, ein Literat zu sein; zu erkennen, dass man nichts geleistet hat und nichts leistet, ist auch gar nicht so schrecklich, weil Tolstoi für alle schafft …
(3)

Aber an seinen Verleger Aleksej Suvorin hatte Čechov am 8.9.1891 geschrieben:
Zum Teufel mit der Philosophie der Großen dieser Welt, alle großen Weisen dieser Welt sind so despotisch wie Generäle und ebenso wenig höflich, denn auch sie sind ihrer Straflosigkeit sicher. Diogenes spuckte den Leuten ins Gesicht, weil er wusste, dass er damit nichts riskierte. Tolstoj nennt die Ärzte Schurken und spottet über die großen Probleme, denn auch er ist ein Diogenes, den man weder aufs Polizeikommissariat bringen noch in den Zeitungen angreifen kann.
Und am 27.3.1894:
Die Philosophie Tolstojs […] hat mich ungefähr 17 Jahre lang in ihrem Bann gehalten … Aber nun bäumt sich etwas in mir auf; Vernunft und Gerechtigkeitsgefühl sagen mir, dass in der Elektrizität oder im Dampf mehr Liebe ist als in der Keuschheit und Weigerung, Fleisch zu essen …
(4)

Diese wenigen Aussagen seiner Zeitgenossen und Freunde sollen genügen, um die Widersprüchlichkeit in Tolstojs Wesen aufzuzeigen.
Diese Widersprüchlichkeit hatte seine Gründe.

Lev Tolstoj (*28. August jul. / 9. September greg. 1828 †7. jul. / 20. greg. November 1910) war von uraltem, höchstem Adel – ja, er war blaublütiger (und vor allem russischer!) als die Zaren aus dem Geschlecht der Romanows und die zu seinen Lebenszeiten regierenden Kaiser aus der Linie Romanow-Holstein-Gottorp (Nikolaus I., Alexander II., Alexander III., und Nikolaus II.). Und der russische Adel war „rein“, d. h. die unzähligen illegitimen Kinder der adeligen Herren (es gehörte schon zum guten Ton, dass die jungen Herren ihre sexuellen Erfahrungen bei ihren Leibeigenen machten) waren recht- und würdelos und lebten in Armut beim Gesinde. – Auch Lev Nikolaevič hatte einen solchen verlumpt und versoffenen „Halbbruder“ auf seinem Gut, der hin und wieder ins Herrenhaus kam, um zu betteln, was dem Prediger und Apostel der Nächstenliebe Lev Tolstoj interessanterweise nichts als nur peinlich war. Und auch er selbst hatte ebenso missachtete uneheliche Kinder. – Bestenfalls lebten solche illegitimen Sprösslinge, auf Zuwendungen und die Gnade ihres Vaters angewiesen als Monsieur XY im gesellschaftlichen Randbereich des Adels; erbberechtigt waren sie nicht und es bedurfte der Genehmigung des Zaren, um sie durch Adoption zu legitimieren.

Väterlicherseits führen die Tolstojs ihren Stammbaum (wie viele angesehene russische Adelsgeschlechter) auf den Edlen Indris zurück, der 1353 als Ritter aus dem Litauischen nach Černigov kam (gekommen sein soll). Dessen Großenkel soll im 15. Jh. nach Moskau gekommen sein und vom Großfürsten Vasilij Vasilevič dem Blinden den Beinamen „Tolstoj“, d. h. „der Dicke“, bekommen haben (so Lev Tolstoj). Gesichert ist, dass ein Andrej Vasilevič Tolstoj 1665 Woiwode (Statthalter – eines der höchsten Ämter unter dem Zaren) von Černigov war und dessen Söhne von Peter dem Großen in den Grafenstand erhoben wurden, nachdem sie auf sein Geheiß bei der Gefangennahme und Hinrichtung von Aleksej, seinem Sohn, eine unrühmliche Rolle gespielt haben. Einer von ihnen, Pëtr Andreevič, wurde von Peter dem Großen 1697 bis 1699 ins Ausland zur Ausbildung gesandt und schrieb ein bemerkenswertes Tagebuch über diese Zeit. Ein anderer, der 1817 geborene Graf Aleksej Konstantinovič Tolstoj – ein Cousin Lev Tolstojs –, war ein noch heute berühmter, aber leider im Schatten Lev Tolstojs stehender Verfasser großer Historienroman; sein Roman »Knjaz (Fürst) Serebrjanyi«, in der Zeit des Ivan Groznyj (Iwan des Schrecklichen) spielend, gehört zu den bedeutendsten russischen Historienromanen vor Lev Tolstojs »Krieg und Frieden«.

Noch blaublütiger ging es im Stammbaum der mütterlichen Linie zu. Die Fürsten Volkonskij stammen tatsächlich – wie teilweise heute noch lebende Fürstengeschlechter – vom Begründer des Russischen Reiches, dem Warägerführer Rjurik (*ca. 830 †879) ab, den die Bewohner Nowgorods geholt haben sollen, um über sie zu herrschen. Ihr Vorfahr war der Fürst von Černigov, der von Jaroslaw dem Weisen, dem Ururenkel von Rjurik abstammte. Alle Volkonskijs – im Rang direkt unter dem der regierenden Großfürsten, dem Zaren – waren höchste Würdenträger, beispielsweise Berater der Zaren, Gouverneure oder Heerführer. Ein Fürst Volkonskij fiel in der Schlacht von Kulikovo (1380) im Freiheitskampf gegen die Goldene Horde, ein anderer war General im Siebenjährigen Krieg (1756 – 1763). Dem Fürsten Nikolaj Sergeevič, Levs Großvater mütterlicherseits, wurde, als er sich 1800 auf sein Gut Jasnaja Poljana zurückzog, vom Zaren wegen der erwiesenen Dienste des Geschlechtes der Volkonskij eine Ehrenwache (zwei bewaffnete Posten) an der Gutseinfahrt zugestanden. Ein anderer, Fürst Sergej Grigorevič Volkonskij, erlangte als Dekabrist Berühmtheit, er wurde von Nikolaus I. 1826 für 20 Jahre nach Sibirien verschickt, seine Frau folgte ihm freiwillig in die Verbannung. (vgl. Die Dekabristen – Revolutionäre für Russland I und Die Dekabristen – Revolutionäre für Russland II.)

Das ist also der „Stall“, aus dem Lev Nikolaevič Tolstoj stammte – ein Spross zweier der berühmtesten und mächtigsten und sehr reichen Fürstengeschlechter Russlands. Mit solchen Sprossen galt es auch für autokratische Herrscher, vorsichtig umzugehen.

Selbstbewusstsein, Dominanzverhalten – aristokratische Mentalität hat der kleine Lev, wie alle seine Standesgenossen, nicht nur mit der Muttermilch aufgesogen, sie war ihm ins Blut gelegt, ja man kann sogar die Hypothese aufstellen, dass eine genetische Veränderung in dieser jahrhundertelang streng von der übrigen Bevölkerung abgeschotteten Schicht das aristokratische Verhalten mit seinen positiven und negativen Auswirkungen „in Fleisch und Blut“ hat übergehen lassen zumal man „heute aus der Verhaltensgenetik inzwischen sehr sicher weiß, dass Unterschiede zwischen Menschen in praktisch jeder Eigenschaft, einschl. Persönlichkeitszügen, Einstellungen, Präferenzen und Fähigkeiten eine genetische Komponente haben“, so Dr. Lars Penke, Persönlichkeitspsychologe, und er fährt weiter fort „Wenn sich also der russische Adel wirklich über mehrere Jahrhunderte getrennt von der restlichen Bevölkerung fortgepflanzt hat und dabei (unwissentlich) ein Selektionsdruck für bestimmte Eigenschaften geherrscht hat, die einzelnen Nachkommen bessere Überlebens- und Fortpflanzungschancen ermöglicht haben, ist eine genetische Veränderung dieser Schicht gegenüber der Restbevölkerung denkbar.

Auf der anderen Seite war Lev Tolstoj schon seit seiner Kindheit ein höchst intellektueller Mensch mit einem schon fast ins Krankhafte gesteigerten analytischen Verstand – er wird nicht umsonst ein Genie genannt. Schon als Neunjähriger machte sich der im orthodoxen Glauben Erzogene im Zusammenhang mit einer als ungerecht empfundenen Bestrafung – zwar noch kindlich-nebulös – kritische Gedanken über Gott: Wie könne ein Gott gerecht sein, der zulasse, dass in der Welt Macht vor Recht gehe, fragte er sich. Hier tauchen zum ersten Mal drei Begriffe auf, die sein Leben bestimmen sollten: Gott … Macht … Recht. Als Zwölfjähriger ignorierte er die Schulfächer – sein Lehrer nannte ihn einen Faulpelz und ein missratenes Subjekt – und meditierte stattdessen über seinen Charakter, über die Unsterblichkeit der Seele, das Schicksal der Menschen und den Verfall der Materie. In den folgenden Jahren (bis 1848) las er Sterne, Rousseau, La Bruyére, Puškin, Schiller, Goethe, Turgenev, Gogol, Dickens, Lermontov, Prescot und Descartes – Letzteren kritisiert er später 1845 (noch keine 17 Jahre alt), es müsse heißen „Ich will, also bin ich“ und nicht „Ich denke, also bin ich“ (eine sehr bezeichnende Aussage für Lev Tolstoj).

Bei den schon sehr zeitig begonnenen, immer wiederkehrenden Analysen seiner Person hatte er erkannt, dass er, was Schönheit und Kontaktfähigkeit betrifft, von der Natur reichlich benachteiligt worden war (im Gegensatz zu seinem großen Bruder Nikolaj); also beschloss er 1843 (mit 15 Jahren) Regeln, die er sogar schriftlich niederlegte, wie er durch ein Leben „comme il fault“ diese Nachteile wettmachen könne. Das gelang ihm natürlich nicht, und mit 16 Jahren erkannte er, dass sein Ziel die moralische Vervollkommnung sein und er ein großer Gelehrter werden müsse. Um das zu erreichen, schrieb er sich drei »Lebensregeln« auf: die Pflicht gegen sich selbst, die Plicht gegen seinen Nächsten und die Pflicht gegen Gott, die er bis ins kleinste Detail aufgliederte. Ab 1847 (19 Jahre alt) begann auch das Aufschreiben zur Regel zu werden: Er begann sein Tagebuch, das er (mit Unterbrechungen) bis zu seinem Tode führte.

Das Tagebuch beginnt:
17. März, Kasan. Sechs Tage ist es nun her, dass ich mich in die Klinik begeben habe, und siehe da –schon sechs Tage bin ich fast zufrieden mit mir. […. ] Der Hauptvorteil aber besteht darin, dass ich klar erkannt habe, das liederliche Leben, welches ein großer Teil der höheren Gesellschaft als eine Folge der Jugend betrachtet, ist nichts anderes als eine Folge früher Verderbtheit der Seele. [….] Sobald sich der Mensch von der Gesellschaft absondert, sich ganz in sich selbst zurückzieht, reißt ihm der Verstand die Brille von den Augen, die ihm alles in verzerrter Gestalt zeigte, sieht er die Dinge mit klarem Blick und begreift selbst nicht mehr, warum er dies alles nicht schon früher erkannt hat. Lass die Vernunft walten, […. ] Alles, was mit der primären Fähigkeit des Menschen, mit seiner Vernunft in Einklang steht, wird auch mit allem in Einklang stehen, was da existiert: die Vernunft des Einzelnen ist ein Teil des ganzen Seins, ein Teil jedoch kann die Ordnung des Ganzen nicht zerstören. Wohl aber vermag das Ganze den Teil zu vernichten. Bilde also deine Vernunft so, dass sie mit dem Ganzen, mit dem Ursprung von allem in Einklang steht und nicht mit dem Teil, mit der Gesellschaft der Menschen; dann verschmilzt deine Vernunft mit diesem Ganzen, und dann kann die Gesellschaft, als Teil, keinen Einfluss auf dich haben. […. ] [Hervorhebungen hmw](5)

Mit 19 Jahren hat Tolstoj hier einen der drei Pfeiler seines lebenslangen Denkens formuliert: die Vernunft – die beiden anderen sind Wahrheit und Gottes- und Nächstenliebe.

Tolstoj analysierte und reflektierte unentwegt nicht nur sich selbst, auch sein Leben in der Gesellschaft und die Gesellschaft wurde andauernden Analysen unterzogen; das Ergebnis dieser Überlegungen war: Die Gesellschaft ist hohl und nichtig. Er „floh“ 1851 vor ihr zum Militär in den Kaukasus, wo er glaubte, echte Werte zu finden, Ruhm und Ehre zu erlangen und mit einem Orden zurückzukehren. Aber auch hier ging es ihm nicht besser, er stand bald vor dem gleichen Dilemma.

Am 4. März 1855 – kurz nach der Thronbesteigung Alexanders II., als Offizier im Krimkrieg, mit 27 Jahren – schreibt er in sein Tagebuch:
[…. ] Ein gestern geführtes Gespräch über das Göttliche und den Glauben brachte mich auf einen großen und erhabenen Gedanken, dem ich mein Leben zu weihen fähig wäre. Dieser Gedanke besteht in der Gründung einer neuen Religion, die dem Entwicklungsstand der Menschheit angemessen ist, einer Religion Christi, aber gereinigt von Glauben und Geheimnis, einer praktischen Religion, die kein künftiges Glück verheißt, sondern Glück auf dieser Erde gewährt. […. ] Bewusst daran zu arbeiten, Menschen und Religion zu vereinen, ist die Quintessenz dieses Gedankens, der mich hoffentlich nicht mehr loslässt.

Nicht dass er von da an diesen Gedanken unentwegt weiter verfolgt hätte, aber spätestens seit seiner „Umkehr“, die zu seinem aufsehenerregenden und heftig kontrovers diskutierten Werk Die Beichte (1881) führte – also 26 Jahre später –, vertrat er diese Gedanken energisch, was letztlich zu seiner Exkommunikation durch die russisch-orthodoxe Kirche im Jahr 1901 (22. Februar) führte.

Dies waren nur einige wenige der fundamentalen Gedanken Tolstojs in seiner Kindheit, Jugend und im frühen Mannesalter bis zu seiner Heirat im Jahr 1862. Zeitgleich gab er sich mit anderen, profaneren, für sein Wesen und Wirken aber nicht minder bedeutsameren Dingen ab.

Im Jahr 1855 hatte er wieder einmal, diesmal aber anscheinend ernsthaft, beschlossen, Schriftsteller zu werden, denn er hatte bis dahin schon einige hochgelobte Werke vorzuweisen (die autobiografischen Romane Kindheit und Knabenjahre, die „Kriegsberichte“ Sevastopol im Dezember und Sevastopol im Mai, die Erzählung Der Holzschlag, u. a.).
Der entsprechende Tagebucheintrag vom 10. Oktober lautet:
[…. ]Meine Laufbahn ist die Literatur – schreiben und nochmals schreiben! Ab morgen arbeite ich mein ganzes Leben lang oder werfe alles hin, Regeln, Religion, Anstand – alles. […. ]

Sehr bezeichnend ist allerdings der Satz, der diesem vorangeht.
Befinde mich schon lange in einer ausweglosen träg-apathischen, unzufriedenen Stimmung. Habe weitere 130 Rubel beim Kartenspiel gewonnen. Für 150 ein Pferd und Zaumzeug gekauft. Was für ein Unsinn!

Auch der nächste Eintrag vom 21. November lautet schon wieder:
Bin in Petersburg bei Turgenev. Habe vor der Abreise 1.800 Rubel verspielt und meinen Gläubigern mit Ach und Krach 600 Rubel überwiesen. Musste mir von zu Hause 875 Rubel holen. […. ]

Und zu Beginn desselben Jahres (28. Januar 1855) hatte er das Haupthaus seines Gutes in Jasnaja Poljana verspielt – das vom Gewinner auch abgebaut und auf seinem Gut wieder aufgebaut wurde:
Habe wieder zwei Tage und Nächte Stoß gespielt. Das Ergebnis wundert nicht: Ich habe das Letzte verloren – das Haus in Jasnaja Poljana. Es lohnt wahrscheinlich nicht, darüber zu schreiben – ich bin mir selbst so zuwider, dass ich am liebsten meine eigene Existenz vergäße. […. ]
Spielen gehörte, wie so vieles, das er eigentlich als falsch erkannt hatte, zum guten Ton in seinen Kreisen und davon konnte sich auch der, der schon als 17Jähriger vollmundig postuliert hatte „Ich will, also bin ich“ vorläufig nicht befreien.

Nachdem er wieder einmal trotz bester Vorsätze, Wertvolles zu leisten, eine Woche lang nichts als gespielt hatte, analysierte er sich – sicher etwas überspitzt – am 7. Juli 1854 in seinem Tagebuch:

 

Lev Tolstoj als Fähnrich 1854

Lev Tolstoj als Fähnrich 1854

Bescheidenheit fehlt mir! Das ist mein großer Mangel.
Wer bin ich? Einer von vier Söhnen eines Oberstleutnants a. D., seit dem 7. Lebensjahr verwaist und unter der Vormundschaft von Frauen und Fremden, weder für die Welt noch für die Wissenschaft vorgebildet und seit dem 17. Lebensjahr mein eigener Herr, ohne großes Vermögen, ohne jegliche gesellschaftliche Stellung und vor allem ohne Prinzipien; ein Mensch, der sich wirtschaftlich bis zum Äußersten ruiniert, die besten Jahre seines Lebens ohne Ziel und Genuss verbracht und sich schließlich selbst nach dem Kaukasus verbannt hat, um seinen Schulden und vor allem seinen Gewohnheiten zu entfliehen, der dann unter Ausnutzung gewisser Verbindungen, die zwischen seinem Vater und dem Armeekommandeur bestanden, mit 26 Jahren in die Donau-Armee eintrat, als Fähnrich, fast ohne Mittel außer seinem Gehalt (weil er die Mittel, die er besitzt, zur Bezahlung der verbliebenen Schulden verwenden muss), ohne Fürsprecher, unfähig, in der Gesellschaft zu leben, ohne Kenntnis des Militärdienstes, ohne praktische Fähigkeiten; aber – mit gewaltigem Eigendünkel! Ja, das ist meine gesellschaftliche Stellung. Sehen wir uns nun einmal meine Person näher an.

Lev Tolstoj als Student 1849

Lev Tolstoj als Student 1849

Ich bin hässlich, ungeschickt, unsauber und ohne weltmännische Bildung. Ich bin reizbar, für andere langweilig, unbescheiden, unduldsam (intolérant) und schamhaft wie ein Kind. Ich bin fast unwissend. Was ich weiß, habe ich mir irgendwie selbst beigebracht, sporadisch, ohne Zusammenhang, ohne Verstand, und auch davon sehr wenig. Ich bin unbeherrscht, unentschlossen, unbeständig, albern eitel und leicht entflammbar wie alle charakterlosen Menschen.
Ich bin nicht tapfer. Ich bin unzuverlässig und so faul, dass Müßiggang mir fast zur alles beherrschenden Gewohnheit geworden ist. Ich bin gescheit, aber mein Verstand ist noch nie und nirgends gründlich auf die Probe gestellt worden. Es fehlt mir an praktischem, an weltmännischem und geschäftlichem Sinn. Ich bin anständig, das heißt, ich liebe das Gute, habe mir zur Gewohnheit gemacht, es zu lieben; und wenn ich von ihm abweiche, bin ich unzufrieden mit mir und kehre freudig zu ihm zurück; aber es gibt Dinge, die ich mehr liebe als das Gute – den Ruhm. Ich bin so ehrgeizig, und dieses Gefühl ist so wenig befriedigt worden, dass ich fürchte, stünde ich vor der Wahl zwischen Ruhm und Tugend, ich würde häufig den Ruhm wählen.
Ja, ich bin unbescheiden; und ebendeswegen bin ich in meinem Inneren stolz, in der Gesellschaft aber schamhaft und schüchtern.
[…. ]

Als Tolstoj 1847 mit seinem Tagebuch begann und seine Gedanken über die Vernunft niederschrieb (s. o.), lag er in der Klinik zur Behandlung einer Gonorrhoe (Tripper), die er sich bei einem seiner zahlreichen Bordellbesuche zugezogen hatte.
Tolstojs Verhältnis zu Frauen und seine Vorstellungen von Liebe und Ehe sind ein weiterer wichtiger –wenn nicht der wichtigste – Punkt zum Verständnis seines Wesens.

Er erinnert sich am Ende seines Lebens kopfschüttelnd:
Während meiner ganzen Jugend war ich wie ein überfüttertes, mutwilliges Füllen. [….] Alle Darstellungen meines Lebens werden unwahr und einseitig sein, solange die Biografen nicht auf das Wichtigste eingehen, auf das, was den allergrößten Einfluss auf mein Leben hatte. Ich meine meine Beziehung zu Frauen. Aber das wird meinen Biografen wohl unbekannt bleiben, und vielleicht ist es auch nicht schicklich, die volle Wahrheit zu erzählen.
(6)

Und in seinem »Geheimen« Tagebuch, das er – anders als seine übrigen privaten Aufzeichnungen – auch seiner Frau nicht zu lesen gab (s. u.), notiert er am 9. Juli 1908:
Alle Welt schreibt meine Biografie – aber das gilt ja für alle Biografien: Von meinem Verhalten gegenüber dem siebten Gebot wird nichts darin stehen. Nichts wird enthalten sein von dem schrecklichen Schmutz der Selbstbefleckung und Ärgerem, mit 13, 14 Jahren und bis zum 15. und 16. Lebensjahr (kann mich nicht entsinnen, wann die Laster in den Freudenhäusern anfing). Und so weiter bis zu dem Verhältnis mit dem Bauernmädchen Aksinja – sie lebt noch. Dann die Ehe, in der ich meiner Frau zwar nicht ein einziges Mal untreu war, aber wieder von gemeiner, verbrecherischer Gier nun auf mein Weib beherrscht wurde. Davon wird, wie üblich, nichts in den Biografien stehen. Doch dies ist sehr wichtig, und zwar deswegen, weil es das zumindest von mir am meisten erkannte Laster darstellt, das mehr als andere zur Besinnung zwingt.
Nun, hier irrte Tolstoj, es ist seinen Biografen nicht unbekannt geblieben, vor allem dank seiner eigenen Tagebuchaufzeichnungen.

Von wenig schönem Aussehen (er selbst bezeichnet sich als hässlich) und ungelenker Manier – nicht umsonst lauteten seine Comme-il-faut-Regeln (s. o.): vollkommene Beherrschung der französischen Sprache, ferner die Eleganz der äußeren Erscheinung, die Sicherheit im Auftreten, die Gewandtheit im Gespräch, die Leichtigkeit im Tanz und nicht zuletzt die Bekundung gelangweilter Gleichgültigkeit und herablassender Lässigkeit – hatte er keinen Erfolg bei den Frauen (eine schmerzliche Erfahrung für einen jungen Mann, besonders dieser Klasse). Seine erste sexuelle Erfahrung war dann auch traumatisch: Seine Brüder schleiften ihn mit in ein Bordell, und als alles vorbei war, blieb er neben dem Bett stehen und weinte bitterlich – vor Scham und weil er sich nicht hatte beherrschen können. Danach wurde Sex für ihn zur Droge, als ob er sich beweisen müsse, dass es auch anders sein könne. Sein Tagebuch wimmelt von Einträgen wie „brauche eine Frau“, „habe eine Frau gehabt“, aber fast ebenso oft heißt es „habe mich danach geekelt“ und er machte sich Vorwürfe, dass er sich nicht hatte beherrschen können. Seine Sexualität machte ihm auch in der Ehe noch bis ins hohe Alter „zu schaffen“; er verfluchte sich später – wenn seine Gier gestillt war – und fand aber sehr schnell einen Schuldigen: Seine Frau war die Böse, weil sie ihn allein durch ihr Vorhandensein gereizt hatte. Diese, die seit der Heirat allein zur Befriedigung dieser Bedürfnisse herhalten musste, beklagte sich dagegen häufig, dass er sie nicht „in Ruhe lasse“ – sein letztes, das dreizehntes Kind, den Sohn Ivan, zeugte er im Alter von sechzig Jahren während er in seiner Novelle Kreutzersonate zu dieser Zeit Keuschheit sogar in der Ehe predigte, was ihm einigen Spott einbrachte und Sonja zur Verzweiflung trieb, denn die Schilderungen in der Novelle waren eine Beschreibung seiner Ehe – was jedermann leicht durchschauen konnte. Dennoch stand sie hinter ihrem Mann und bat den Kaiser persönlich, die Veröffentlichung zu genehmigen – was die Zensur untersagt hatte.

Die Kehrseite der Medaille war die Liebe, die für ihn nur wenig mit der Sexualität zu tun hatte.
Und hier beherrschte ihn ein anderes Trauma, das er als solches nie erkannt hatte:
Seine Mutter war gestorben, bevor er zwei Jahre alt war. Er hatte keine Erinnerung an sie, aber alle erzählten, was für eine liebevolle, gütige, kluge, stolze, sanfte Frau sie gewesen war; alle positiven Superlative wurden auf sie vereint. Hinzukam, dass es kein Bild von ihr gab, nur einen kleinen Scherenschnitt, der sie im Alter von zwölf Jahren zeigte – das war das Bild, das er zeit seines Lebens von ihr in sich trug. Lev Nikolaevič war ein sehr emotionales Kind, das sich nach Zärtlichkeit sehnte, die er so von seinem Vater nicht bekommen konnte – ein patriarchalischer Mann zeigt seine Gefühle nicht.
Noch am 10. Juni 1908, also zwei Jahre vor seinem Tod, notiert er in seinem Tagebuch:
[…] Heute Vormittag gehe ich durch den Park und denke wie immer an meine Mutter, meine »Mamenka«, an die ich mich überhaupt nicht erinnern kann, die jedoch für mich ein heiliges Ideal geblieben ist. Nie habe ich etwas Schlechtes über sie gehört. Und als ich mich der Nussbaumallee näherte, erblickte ich im Schlamm die Spur eines Frauenfußes und musste an sie, an ihren Körper denken. Und mir ihren Körper vorzustellen ging über mein Vermögen. Alles Körperliche hätte sie besudelt. [….] (zitiert nach »Tagebücher«) und weiter (zitiert nach Henri Troyat, »Tolstoi«): Den ganzen Tag stumpfe Trauer. Gegen Abend wird daraus ein Verlangen nach Liebkosungen und Zärtlichkeit … Wieder ganz klein werden und bei Mutter sein, die ich nie gekannt habe, der Mutter, nach der ich nie rufen konnte, da ich bei ihrem Tod noch nicht einmal zu sprechen vermochte. Sie ist für mich der Inbegriff reiner Liebe [Hervorhebung hmw], keiner kalten göttlichen Liebe, sondern einer warmen, irdischen, mütterlichen Liebe … Mama nimm du mich in deine Arme und hab mich lieb! … Das ist alles Wahnsinn und doch so wahr.
(7)

Diese Spannung zwischen der reinen, ja fast transzendentalen Liebe und der sexuellen Gier bestimmte sein Eheleben stark und hatte somit auch Folgen für sein und das Leben seiner Familie. Zudem war sein Verständnis von der Ehe ein sehr konservativ-patriarchalisches; er war – im Gegensatz zu Ivan Turgenev und vielen anderen seiner Zeitgenossen – vollständig der Meinung von Pierre-Joseph Proudhon (*1809 †1865), der auf naturwissenschaftliche und sozialhistorische Argumente gestützt, die ursprüngliche Ungleichheit von Mann und Frau als vernünftige wie auch sittliche Wesen glaubte, beweisen zu können. «Der Mann muss herrschen, die Frau muss folgen», ihre Größe liege in der Anmut, ihre Freiheit im Gehorsam. Eine emanzipierte Frau sei der Krebsschaden der Gesellschaft. Von den Frauen forderte Tolstoj, in erster Linie Mutter zu sein – inkonsequent, wie er in vielem war, wollte er aber auch eine intellektuelle Partnerin haben, ja mehr noch, er wälzte alle Pflichten und Sorgen für das Leben der Familie und des Gutes auf seine Frau ab, denn er verkündete, dass Besitzlosigkeit die Voraussetzung für ein gerechtes Zusammenleben der Menschen sei. Besitz bedeute auch immer gleichzeitig Macht, und Macht über andere Menschen sei abzulehnen. Seinen eigenen Besitz hätte er eigentlich seiner Lehre gemäß an seine Bauern verteilen müssen; er zog sich aus der Schlinge, indem er ihn einfach an seine zukünftigen Erben übergab. Damit war er zwar besitzlos, genoss jedoch gleichzeitig die Vorzüge des Lebens eines Gutsbesitzers – wenn er auch versuchte das Leben eines Bauern zu führen, indem er auf dem Feld mithalf (was seine Bauern als gutsherrliche Marotte ansahen).

Tragisch für seine Ehe war sein Entschluss, seiner Frau noch vor der Hochzeit seine Tagebücher zum Lesen zu geben. In ihnen war ja auch sein ganzes „Lotterleben“ aufgezeichnet, seine zahlreichen sexuellen Beziehungen zu Prostituierten und anderen Frauen, seine Gier, seine vernichtenden Urteile über die Frauen und selbst seine Zweifel über die Ehe, die er gerade dabei war, einzugehen.
Noch unter dem 8. September – in der Nacht, in der er Sonja in einem nie abgeschickten Brief unter anderem schrieb Ich verlange von der Ehe etwas Furchtbares, Unmögliches … Ich verlange, dass man mich liebt, wie ich liebe – steht in seinem Tagebuch [….] War mit Sascha im Dorf – fing Feuer für ein Bauernmädchen, ein kokettes Ding, schlimm [….]. Eine Woche später gab er Sonja seinen schriftlichen Heiratsantrag, der mit den Worten endete Um der Liebe Gottes Willen, prüfen Sie sich genau! Wenn Sie nein antworten, wird das furchtbar für mich sein, aber ich werde in mir die Kraft finden, damit fertig zu werden. Wenn ich als ihr Mann nicht ebenso geliebt würde, wie ich liebe, wäre das viel schlimmer [Hervorhebung hmw].
Sehr bezeichnend ist eine Kleinigkeit: Er sagt nicht „wie ich Sie liebe“ sondern nur „wie ich liebe“; nur das Maß seiner eigenen Liebe steht im Vordergrund, nicht der Empfänger der Liebe. Auch aus vielen anderen Liebesschwüren und Tagebuchnotizen (mit ganz wenig Ausnahmen) geht hervor, dass es Lev Tolstoj fast nur um die Befriedigung seiner sinnlichen Liebe ging.

Diese Tagebücher gab Tolstoj also seiner 18jährigen Frau mit dem Gedanken, dass sie, wenn sie ihn nach dem Lesen dieser Bücher noch wolle, die Richtige für ihn sei, übersehend, dass die Hochzeit schon wenige Tage danach (am 23. September) stattfinden sollte und eine Absage der Hochzeit praktisch nicht möglich war – zumindest nur mit großen Nachteilen für Sonja.
Sonja war entsetzt und am Boden zerstört; nach einer Nacht voller Tränen hatte sie sich jedoch wieder gefasst und die letzten Vorbereitungen konnten stattfinden. Tolstoj hatte damit – sich vor sich selbst als den heren Wahrheitsbekenner ausgebend – die Grundlagen seiner Ehe zerstört.
Aber er ging in seiner „Wahrheitsfanatik“ noch weiter: Sonja solle in Zukunft jederzeit seine Tagebücher, in denen er schonungslos alle Gedanken niederlegte, lesen können und er ihre; das war ein Quell ständiger Zweifel und Ängste für Sonja.

Sofja Andreevna Tolstaja (Sonja) schreibt in ihrem Tagebuch unter dem 8. Oktober 1862 (14 Tage nach der Hochzeit):
[….] Seit meiner Kindheit hatte ich mir vorgestellt, dass der Mensch, den ich einmal später lieben würde, völlig ungebrochen und rein sein sollte. Das waren natürlich Kinderträume, [….] Die Vergangenheit meines Mannes ist so schrecklich für mich – werde ich mich wohl jemals damit abfinden können? [….] Und plötzlich hatte ich heute die Vorahnung, dass wir uns immer stärker voneinander absondern und zunehmend in verschiedenen Welten leben werden; meine Welt wird voller Traurigkeit, seine ohne Vertrauen, doch voller Aktivität sein. Unsere Beziehung kam mir tatsächlich gemein vor. Auch habe ich begonnen, an seiner Liebe zu zweifeln. Wenn er mich küsst, denke ich „Er ist ja nicht zum ersten Mal verliebt.“ Und dieser Gedanke verletzt dieses tiefe Gefühl, [….] Es ist eine schwierige, beinahe ausweglose Situation, wenn man einem Menschen, der aus der Überzeugung heiratete „ich konnte nicht anders, aber sie liebt mich nicht“, beweisen muss, dass man ihn liebt. [….]
Da kann man nur wie Faust zu Gretchen in Marthens Garten sagen „Du ahndungsvoller Engel du!

Und tatsächlich war das Leben Sonjas an Lev Tolstojs Seite ein Kampf mit den widrigen Umständen, die vor allem durch seine kompromisslose Haltung ausgelöst wurden; und dieser Zwiespalt und Kampf wurde größer und er spaltete die Familie, je älter Tolstoj wurde.
Die glücklichsten Zeiten für beide waren die Zeiten, in denen Tolstoj seine berühmten literarischen Werke schuf. Sie arbeiteten zusammen, indem Sonja die fast unleserlichen Manuskripte immer wieder ins Reine schrieb – eine Sisyphus- und Detektivarbeit, denn Tolstoj schrieb extrem klein und korrigierte sich selbst wild durcheinander. Sonja träumte später von diesen herrlichen Zeiten, in denen sie ihrem Mann ganz nahe war, denn sie liebte ihn trotz aller Differenzen von ganzem Herzen; sie verfluchte alle religiösen und philosophischen Schriften, die Tolstoj gegen Ende seines Lebens ausschließlich schrieb, an denen sie keinen Anteil hatte und die ihn von ihr entfremdeten.

Schon 1856 – wenige Monate, nachdem er beschlossen hatte, sich ganz der Schriftstellerei zu widmen, und dann doch wieder „rückfällig“ geworden war – fasste er, angeekelt von der Petersburger Gesellschaft und seinem Leben dort, den Entschluss, seine Maxime von Wahrheit und Gerechtigkeit in die Tat umzusetzen: Er wollte seine leibeigenen Bauern in Jasnaja Poljana in die Freiheit entlassen. Enthusiastisch wie immer schritt er zur Tat und musste feststellen, dass seine Bauern ihm nicht trauten und von seinen Ideen gar nichts hielten – zumal gemunkelt wurde, der neue Zar würde sie ohne jede Bedingung „befreien“. Als dann, wie bei Tolstoj so häufig, eine „Frauengeschichte“ hinzukam, „flüchtete“ er ins westliche Ausland (u. a. Frankreich und Schweiz), wo er den Kapitalismus und die Geldgier dieser Menschen endgültig zu verabscheuen lernte.

In der zweiten Hälfte der 1870er-Jahre hatte Tolstoj begonnen, sich verstärkt mit sozialen und religiösen Fragen zu beschäftigen. Die Neuorientierung gipfelte in seiner Schrift Die Beichte (1881), in der er sein ganzes bisheriges Leben einschließlich seiner Schriftstellerarbeit verdammte. Was Tolstoj machte, machte er immer exzessiv und gründlich, und so gerieten seine Bekenntnisse zu einer Orgie der lustvollen Selbstentblößung; von christlicher Demut, die zu zeigen der eigentliche Sinn sein sollte, ist hier nicht viel zu spüren, eher von masochistischem Stolz.
Im Januar 1882 nahm er – als Folge seiner Neuorientierung – an der Volkszählung in Moskau teil; er suchte sich die ärmsten und berüchtigten Viertel aus, um das soziale Elend an der Wurzel studieren zu können.

Ab diesem Zeitpunkt engagierte sich Tolstoj energisch in Wort und vor allem auch Tat bei den Armen in der Stadt und auf dem Land. Im Herbst/Winter 1891/92 und im darauf folgenden Jahr brach in Mittel- und Südwestrussland eine verheerende Hungersnot aus. Tolstoj ging mit seinen Töchtern in die Dörfer, um Hilfsmöglichkeiten ausfindig zu machen und selbst vor Ort zu helfen. Seine Frau Sonja, die in Moskau geblieben war, veröffentlichte in den »Russischen Nachrichten« mit großem Erfolg einen flehentlichen Hilferuf für die Hungernden. Dieser offene Brief wurde in vielen Zeitungen Westeuropas, ja sogar in Amerika nachgedruckt und brachte nicht nur viele Spendengelder, sondern befestigte auch Tolstojs Ruf als „Apostel der Nächstenliebe“ in der ganzen Welt.
Diese Tatsache und die Offenheit seiner Kritik am Staat führten zu teils heftigen Reibereien mit den Obrigkeiten. Auch die Kirche griff er an, und das nicht nur ihrer Komplizenschaft mit dem Staat wegen, sondern auch aufgrund ihrer Lehre; er unterstellte ihr einen falschen Gottes- und Christusbegriff und lehnte ihre Riten als falsche Mystik ab, was, wie schon erwähnt, zu seiner Exkommunikation führte.

Er war, wie immer, konsequent in seinem Handeln und dem Verkünden seiner Überzeugung. Das galt allerdings nicht für seine eigene Person. Er genoss dank des Engagements seiner Frau weiter die Vorzüge eines aristokratischen Gutsbesitzers – allerdings mit heftigen Gewissensbissen, auch nachdem er seinen Besitz an seine Erben weitergegeben hatte, und er wusste nicht, wie er sich aus diesen nun einmal vorhandenen Realitäten lösen könnte, nicht zuletzt auch aus Rücksicht auf seine Familie, von der er aber wollte, dass sie seinen Überzeugungen folgen solle, jedoch ohne zu erkennen, dass er damit der Familie die Existenzgrundlagen entzogen hätte.
Das Sprichwort „Wasch‘ mich, aber mach‘ mich nicht nass“ dürfte die Situation wohl am treffendsten bezeichnen.

Lev Tolstoj wurde mit zunehmendem Alter im In- und Ausland immer berühmter; er war einzigartig geworden. Seine ihm von Geburt an auf den Leib geschriebene Rolle als aristokratischer Patriarch trat immer mehr in den Vordergrund, was er durchaus genoss, denn es verstärkte seine Autorität und das Gewicht seiner Lehre und befriedigte seinen Stolz. Auch wenn ihm seine Vernunft und sein Verstand das Gegenteil signalisierten, galt doch immer noch der Satz, den er am 7. Juli 1854 in seinem Tagebuch notiert hatte (s. o.) […] dass ich fürchte, stünde ich vor der Wahl zwischen Ruhm und Tugend, ich würde häufig den Ruhm wählen.

Er war nun der „Große Weise von Poljana“, zu dem alle Welt pilgerte und dem alle Welt Briefe schrieb, um seinen Rat zu suchen – Schriftsteller, Philosophen und „einfache“ Menschen –, denn er predigte in einer Zeit der Gewalt radikale Gewaltlosigkeit und Nächstenliebe im urchristlichen Sinn. Andererseits widersprach dieser „Rummel“ jedoch auch seiner Lehre und Überzeugung, die besagte, dass es in der Gesellschaft kein Oben und Unten geben dürfe. Die Schuld, dass es ihm nicht gelang, nach seiner Überzeugung zu leben, schob er (wie immer ganz einfach) seiner Frau Sonja und Teilen seiner Familie zu.

Obendrein war ein Kampf zwischen ihm und seinem Vertrauten Čertkov auf der einen Seite und seiner Frau, stellvertretend für die Familie, auf der anderen Seite ausgebrochen: Tolstoj hatte auf seine Autorenrechte für alles nach 1881 Geschriebene verzichtet und Čertkov versuchte, auch die Rechte für Tolstojs Tagebücher an sich zu reißen. Für Sonja gehörten diese Rechte zur Existenzgrundlage der Familie.

Dieser Kampf mit sich selbst und mit seiner Frau endete erst als Tolstoj 82jährig von Jasnaja Poljana floh, um, seine Kräfte überschätzend, in der Einsamkeit zu leben – und noch auf dem Weg dahin starb.
Selbst zu ihrem sterbenden Mann verwehrte man Sonja den Zutritt – erst als er praktisch nicht mehr bei Bewusstsein war, ließ man sie zu ihm. Eine recht unrühmliche Rolle spielten dabei Jünger seiner Glaubensüberzeugung, sogenannte Tolstojaner, insbesondere sein „Lieblingsjünger“ Vladimir Grigorevič Čertkov. Nach den Aufzeichnungen Alexander Goldenweisers (8), einem ebenso glühenden Verehrer Tolstojs wie Gegner seiner Frau Sonja, soll Tolstoj selbst immer wieder darum gebeten haben, sie nicht zu ihm zu lassen, denn er habe Angst vor einer Begegnung gehabt, und die Ärzte befürchteten angeblich durch ein Zusammentreffen auch eine Verschlechterung seiner kritischen Situation. (Was wie weit richtig ist, wird man wohl nicht mehr erfahren.)
Abgesandte der russisch-orthodoxen Kirche versuchten, ihn noch auf dem Totenbett zum Widerruf seiner Lehre zu bewegen – was Tolstoj ablehnte. Einen angereisten Geistlichen ließen seine Jünger nicht zu ihm.
Die Regierung tat alles, um seinen Tod und sein „unchristliches“ Begräbnis soweit wie möglich im Dunklen zu lassen – auch das gelang nicht –, denn sie befürchtete eine riesige Demonstration, ja gar einen Aufstand.

Und die Welt hielt den Atem an und es ging ein gewaltiges Aufstöhnen durch die Welt:
„Der Große Weise von Poljana ist tot!“

„Denn er ist, sozusagen, ganz allgemein und zu allererst ein Mensch, ein menschheitlicher Mensch…
Ich will Tolstoj nicht zu einem Heiligen gemacht sehen: Lasst ihn doch einen Sünder bleiben, dicht am Herzen der sündigen Welt, dicht am Herzen eines jeden von uns. Puschkin und er – wir haben nichts, was erhabener oder uns teurer wäre.“

[ Mehr über Lev Nikolaevič Tolstoj im russland.RU Schwerpunkt … ]

(1) aus Maksim Gorkij: Erinnerungen an Tolstoj, 1920
(2) zitiert nach Henri Troyat: Tolstoi. Widerspruch eines Lebens, 1966
(3) zitiert nach Leo Tolstoj: Werke in zwei Bänden, 1959
(4) beide zitiert nach Henri Troyat: Tolstoi. Widerspruch eines Lebens, 1966
(5) Literaturangabe »Tagebücher« siehe unten
(6) zitiert nach: Kjetsaa, Geir: Lew Tolstoj – Dichter und Religionsphilosoph, Casimir Katz Verlag 2001
(7) zitiert nach Henri Troyat: Tolstoi. Widersprüche eines Lebens, 1966
(8) Goldenweiser, Alexander: Entlasse mich aus deinem Herzen – Tolstojs letztes Jahr, Aufbau Verlag 2010

Die Zitate aus Lev Tolstojs Tagebüchern sind »Leo N. Tolstoi: Tagebücher 1847 – 1910, Winkler Verlag 1979, übersetzt von Günter Dalitz« entnommen.
Die Zitate aus Sofia Andreevna Tolstajas Tagebüchern sind »Sofja Andrejewna Tolstaja: Tagebücher 1862 – 1897 und Tagebücher 1898 – 1910, übersetzt von Johanna Renate Döring-Smirnov und Rosemarie Tietze, Athenäum Verlag, 1982« entnommen.

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.