Letzter sowjetischer Präsident, Michail Gorbatschow, wird 80

Sein Name steht für den Fall des Eisernen Vorhangs und den friedlichen Umsturz im Ostblock: Am Mittwoch feiert der einstige Staatschef der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, seinen 80. Geburtstag. In der ganzen Welt wird der Friedensnobelpreisträger als derjenige gefeiert, der den Kalten Krieg beendete und damit auch den Weg für die deutsche Wiedervereinigung ebnete. Doch in seiner Heimat gilt er vielen als der unglückliche Totengräber der UdSSR.

Seit Gorbatschow 1991 den Kreml verlassen musste, sehen ihn viele Russen als jemanden, der von den Ereignissen überholt wurde: als einen schwachen Politiker, der es nicht geschafft hat, seine ehrgeizigen Reformansätze zu einem guten Ende zu bringen. Den ungezügelten Kapitalismus und das kaum beherrschbare Chaos, die nach dem Ende des Kommunismus über Russland hereinbrachen, haben sie ihm bis heute nicht verziehen.

So etwas wie Sympathie und Mitgefühl kam in Russland erst auf, als 1999 Gorbatschows Frau Raissa starb, die einzigartige First Lady, deren Eleganz viel dazu beitrug, in den 80er Jahren den Westen zu beeindrucken. Anders als seine Vorgänger in der Moskauer Staats- und Parteiführung hatte Gorbatschow offen gezeigt, wie sehr er seine Frau liebt – immer war Raissa an seiner Seite.

Aus seinen eigenen Fehlern macht Gorbatschow keinen Hehl. „Natürlich bedauere ich manches. Es wurden Fehler gemacht, und wir haben es nie Perestroika erfolgreich zu beenden“, sagt der Reformer über sein Kernprojekt, die Modernisierung von Politik und Wirtschaft in der damaligen Sowjetunion. Auch die sowjetischen Panzer in Litauen oder die Unterdrückung einer friedlichen Demonstration in Georgien warfen Schatten auf Gorbatschows Regierungszeit. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 wurde unter Gorbatschow tagelang vertuscht, sodass Hunderttausende Menschen mit radioaktiver Strahlung verseucht wurden.

Dennoch machte die Politik von Glasnost und Perestroika – Offenheit und Umbau – in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre Millionen Menschen Hoffnung auf ein besseres Leben. „Die wichtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts waren die Emanzipation der Frau und die Befreiung Russlands“ durch Gorbatschow, sagte der israelische Friedensnobelpreisträger Schimon Peres im Jahr 2000. Der Autor und Fotograf Juri Rost, der Gorbatschow gut kennt, beschreibt ihn als den „positivsten Führer“ Russlands, der versucht habe, ein „normales Land“ aus der Sowjetunion zu machen, das man „mit Liebe und Respekt statt mit Angst und Verachtung“ behandeln könne.

Das heutige Russland beschreibt Gorbatschow als korruptes Land, das von verdorbenen Eliten geführt werde. Er selbst begann seine Karriere als kommunistischer Apparatschik. Am 2. März 1931 in einer bäuerlichen Familie im südrussischen Stawropol geboren, klettert Gorbatschow von 1962 an die Leiter der Macht in seiner Heimatregion hinauf. Schließlich schafft er den Sprung nach Moskau, wo er 1978 ins Zentralkomitee der Kommunistischen Partei eintritt. Als Schützling von KGB-Chef Juri Andropow wird Gorbatschow 1985 zur neuen Nummer eins in der Sowjetunion. Im Vergleich zu den Hardlinern im Politbüro gilt er schnell als Reformer.

Bald zeigen sich Risse im kommunistischen Ostblock, viereinhalb Jahre nach Gorbatschows Amtsantritt fällt die Berliner Mauer. Eine Sowjetrepublik nach der anderen erklärt ihre Unabhängigkeit, doch nach Tiflis, Baku und Vilnius schickt Gorbatschow sowjetische Panzer. Nach der Wahl von Boris Jelzin zum russischen Präsidenten scheitert Gorbatschow 1991 mit seinem Versuch, die untergehende Sowjetunion als eine lockere Konföderation zu retten. Am 25. Dezember erklärte der sowjetische Präsident in einer Fernsehansprache seinen Rücktritt.