Leskow, Nikolaj Semënovič Leskov, Journalist und Schriftsteller

Leskov, Gemälde von SerovLeskov, Gemälde von Serov
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Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)
Mehr als die seiner Zeitgenossen muss man die Werke Nikolaj Semënovič Leskovs im Zusammenhang mit dem politischen Zeitgeschehen sehen, denn aufgrund seiner Herkunft aus dem Journalismus fühlte er sich der Aktualität verpflichtet. Aber er ist kein politischer Schriftsteller im strengen Sinn, denn sein journalistischer Ansatz forderte, über vielerlei zu schreiben, von dem er meinte, dass es seine Leser wissen sollten; und er schrieb für den Leser, es musste also spannend sein – er wollte, im weitesten Sinne des Wortes, unterhalten.

Dass er anders als seine Schriftstellerkollegen jahrelang durch ganz Russland gereist war und die verschiedensten Völker und ihre Gebräuche und ihren Glauben kennengelernt sowie mehrmals im Ausland gelebt hatte, bescherte ihm eine Vielzahl von Themen. Man kann seine Werke demnach nicht nur zeitlich, sondern auch thematisch ordnen, was auch Leskov selbst gemacht hat, als er sie für die Herausgabe in seinen Gesammelten Werken in Zyklen zusammenfasste.
Die journalistische Herangehensweise an das Schreiben bedingte außerdem, dass Leskov Erzählungen weit mehr lagen als Romane; hier erbrachte er teilweise wahre Meisterleistungen.

Das Leben Nikolaj Semënovič Leskovs wurde in Teil 1  ausführlich dargestellt. In diesem zweiten Teil geht es um seine schriftstellerische Tätigkeit.

Seine Romane,
Romanchroniken, kleineren Chroniken und romanhaften Memoiren sind alle in der ersten Zeit seines Schaffens entstanden und haben alle politischen Charakter: Ohne Ausweg (1864, auch: In der Sackgasse) – unter dem Pseudonym M. Stebnickij veröffentlicht –, Die Übergangenen (1865), Die Inselbewohner (1866), Bis aufs Messer (1870/71, auch: Mit blanken Messern), Ein rätselhafter Mensch (1870) – eine Lebenschronik des Garibaldi-Anhängers Arthur Benni –, Ein absterbendes Geschlecht (1874, auch: Ein degeneriertes Geschlecht) – Leskovs eigenes Lieblingswerk, das zu den besten russischen Familienromanen zählt – und Irrlichter (1875, auch: Kinderjahre) – Kindheitserinnerungen des Autors.

Da Leskov, wie er selbst sagte, zu wenig Fantasie hatte, um Personen zu erfinden, nahm er sich lebende Personen als Vorbilder, die er dann ausspann; gewollt oder ungewollt (häufig gewollt!) erkannten sich die realen Personen jedoch (und auch die anderen erkannten sie) und waren erbost über die ihnen zugedichteten Eigenschaften oder Handlungen. Das brachte ihm heftige, langjährige Feindschaften ein und seine Werke wurden als Pamphlete (aus der Sicht der Angegriffenen nicht ganz unverständlicherweise) zerrissen; dass er außerdem heiße Eisen in diesen Romanen anfasste, wog zusätzlich schwer.

Die genannten Romane sind – mit Ausnahme der Irrlichter – in deutscher Sprache nicht erhältlich, daher soll hier nicht weiter auf sie eingegangen werden. (Vsevolod Setschkareff beschäftigt sich in N. S. Leskov – Sein Leben und sein Werk näher mit ihnen.)

Aus dem aufgezogenen Rahmen fällt ein bislang noch nicht erwähntes Werk: Leskovs satirische Romanchronik Soborjane (1872, dt. Titel Die Klerisei), die die wohl authentischste Beschreibung der orthodoxen Geistlichkeit in der russischen Literatur darstellt und ihm große Popularität verschaffte. Sie enthält einerseits amüsante Anekdoten, die in kirchlichen Kreisen mit Schmunzeln gelesen wurden, andererseits übt ihr Verfasser aber auch Kritik an den Schattenseiten der Kirche. Dafür kritisierte man ihn – ausgerechnet ihn, den ausgemachten Feind der Nihilisten – wegen nihilistischer Tendenzen. Die Klerisei berichtet von folgenden Gegebenheiten:

In der Provinzstadt Stargorod wird der Erzpriester Tuberozow von der Kirchenbehörde mit dem Auftrag eingesetzt, die Altgläubigen in den Schoß der offiziellen Staatskirche zurückzuführen. Gemeinsam mit seinem Diakon Achilla, einem bärenstarken, gutmütigen aber eigenwilligen Mann, soll er diese Aufgabe bewältigen. Nach vielen, vielen Ereignissen – Episoden und Skizzen, in deren Mittelpunkt vielfach der Diakon steht – muss er seinem Scheitern ins Auge sehen; das Hauptübel sind die starren Dogmen der Orthodoxie, die eine Erneuerung des christlichen Glaubens verhindern. Tuberozow beginnt einen Kampf gegen die kirchliche Administration und fordert in einer letzten großen Predigt die Trennung von Kirche und Staat. Er wird seines Amtes enthoben und stirbt als gescheiterter Idealist; er ist ein Held, „der an der kleinlichen russischen Bürokratie zugrunde geht und dessen Anlagen nicht zur Entwicklung kommen können und ebenfalls in Kleinigkeit und zuweilen Lächerlichkeit enden“, so Setschkareff.

In dieser Romanchronik rüttelt Leskov noch nicht an den Grundfesten der Amtskirche, der orthodoxen Staatskirche, die letztlich unter der Oberhoheit des Staates steht – obwohl ihm dies vielfach von seinen Zeitgenossen vorgeworfen wurde. Erst zwanzig Jahre später lehnt er die Kirche als befehlende Glaubensinstitution ab. 1893 schreibt er über Die Klerisei: „In jedem Fall würde ich sie jetzt nicht mehr schreiben. Stattdessen schrieb ich gern die ‚Aufzeichnungen eines Entweihten’“.

In der Klerisei zeigt Leskov übrigens auch, dass er durchaus zu Schilderungen der Natur und Naturgewalten, die in seinen Werken aus weiter oben genannten Gründen selten sind, fähig ist. Laut Setschkareff zählt „die wahrhaft klassische Schilderung des Gewitters, das den ‚Umbruch‘ in der Seele Savelijs bewirkt, … wohl zu den schönsten Naturschilderungen der Weltliteratur überhaupt“.

Die Erzählungen
Wie jeder Journalist machte sich Leskov unentwegt Notizen, um daraus Artikel zu entwerfen, die sich mit einem bestimmten Ereignis oder Thema befassten; Aktualität und Spannung waren dabei das oberste Gebot. Später ging er dazu über, Ereignisse und Themen in sogenannten „Skizzen“ zusammenzufassen, in denen die Ereignisse und Anekdoten meist in einer Rahmenhandlung von einer Person in einer bestimmten Situation erzählt werden; beispielhaft für dieses literarische Genre sind Die Räuber und Im Reisewagen. Meist geht es in diesen Skizzen um die Sitten und Gebräuche einer bestimmten sozialen Klasse oder Provinz. Aus diesen Skizzen werden dadurch Erzählungen, dass sie unter ein Hauptthema gestellt und künstlerisch, belletristisch ausgestaltet werden. Im Gegensatz zu den meisten seiner zeitgenössischen Kollegen verwendet Leskov jedoch auch hier häufig – aber nicht nur – das Grundschema der Skizzen, d. h. auch hier werden Einzelereignisse verknüpft; man – und er selbst – hat seine Erzählungen daher auch häufig mit Mosaiken verglichen.

Zu Leskovs frühen Erzählungen gehört der im ersten Teil dieses Essays erwähnte Schafochs (1863). Auch Der Beleidiger (1863) hat die Dummheit der Bauern zum Inhalt. Hier ist es ein Engländer, der die Bauern mit seinem humanen Verhalten und ständigem Verzeihen zur Verzweiflung bringt. Öffentliches Auspeitschen als Strafe finden sie normal, seine pädagogischen Maßnahmen hingegen empfinden sie als Beleidigung, lieber gehen sie ins Zuchthaus. Schlussendlich zünden sie sein Gut an und prügeln ihn fast zu Tode.

In der Erzählung Liebe in Bastschuhen (1863, auch: Die Vita eines Bauernweibes) – schon fast ein kleiner Bauernroman – benutzt er zum ersten Mal den sogenannten skaz, der praktisch sein Markenzeichen werden sollte und in dem er unübertroffener Meister ist.

Viele von Leskovs Erzählungen sind Erzählungen in diesem skaz-Stil, d. h. er lässt die eigentliche Geschichte von einem Erzähler vortragen. Dieser spricht mit eigenen Worten in der ihm typischen Weise, es ist also im eigentlichen Sinn des Wortes eine Erzählung und nichts Geschriebenes (und dann vielleicht Vorgelesenes). Frei nach Luther könnte man sagen, er hat „dem Volk aufs Maul geschaut“ – es ist keine literarische Sprache, sondern eher eine volkstümliche und vor allem eine auf Situation und Thema bezogene Redeweise. Damit erzielt er eine große Farbigkeit und Direktheit der Sprache; gleichzeitig charakterisiert die sprechende Person sich – und auch das Milieu – durch Wortwahl und Ausdrucksweise selbst. Seine unnachahmliche Wirkung entfaltet der skaz natürlich vor allem bei Halbgebildeten, solchen, die von Haus aus nicht das normale Durchschnittsrussisch benutzen, Worte nachplappern und verdrehen, die sie eigentlich gar nicht richtig verstehen; das kann dann einerseits sehr lustig und andererseits, bei geschickter Wortwahl oder –konstruktion, auch sehr tiefsinnig und bedeutungsschwer sein.

Hier einige Beispiele: Der Erzähler sagt statt „mikroskop“ „melkoskop“ – „melko“ bedeutet „klein“ oder „gering“; statt „barometr“ wird „buremetr“ gesagt – „burja“ heißt „Sturm“; statt „kapital“ „kopital“ – „kopit“ heißt „sparen“; statt „Quasimodo“ sagt er „Quasimorda“ ‘ – „morda“ heißt „Fratze“ (Anspielung auf Der Glöckner von Notre Dame), usw. usf.

An dieser Stelle muss kurz etwas Grundsätzliches erwähnt werden.
Anfang des 19. Jahrhunderts, nachdem ja im 18. Jahrhundert durch und nach Peter dem Großen mit der Öffnung nach Westen unzählige Fremdwörter – besonders deutsche und französische – in die russische Sprache eingewandert waren (Deutsch war bis Mitte des 18. Jahrhunderts die Sprache an der Petersburger Akademie der Wissenschaften), entstand in der russischen Literatur ein Streit um die Sprache. Und hier schieden sich die Geister wieder einmal in „Westler“ und „Slawophile“.

Die Westler wollten die Fremdwörter unverändert russifizieren; Beispiel: deutsch „Strafe“ – russisch „schtraf“ oder deutsch „Gefreiter“ – russisch „jefreiter“, deutsch „Stuhl“ – russisch „schtul“, deutsch „Büstenhalter“ – russisch „bystgalter“ usw.; es gibt eine Unmenge von auf diese Weise russifizierten deutschen Wörtern.

Die Slawophilen wollten in der russischen Sprache nach Wurzeln suchen, die dem ausländischen Wort entsprechen oder ihm nahe kommen könnten, und daraus neue Wörter bilden. Wie üblich artete dieser Streit sehr bald ins Politische aus, es wurde mit harten Bandagen gekämpft und die Westler haben gesiegt (sonst gäbe es oben aufgeführte Wörter nicht). Leskov saß wie immer zwischen beiden Stühlen, denn er mochte den Absolutheitsanspruch beider Parteien nicht. Die Slawophilen hatten diese Schlacht zwar verloren, hatten jedoch erreicht, dass man sich der Ästhetik der russischen Volkssprache, ihrer urslawischen Wurzeln und ihrer grammatikalischen Möglichkeiten wieder bewusst wurde.

Und an der Spitze dieser „Bewegung“ stand Leskov.
Er spielt mit dem Wort auf fast artistische Weise, benutzt die ganze Breite des russischen Satzbaus und des Wortschatzes, er sammelte ungebräuchliche und veraltete Wörter und ungebräuchliche Redewendungen und legt sie seinen Akteuren in den Mund. Allein auf diese Weise charakterisierte er, wie schon oben erwähnt, seine Personen und das Milieu. Während alle seine Schriftstellerkollegen Emotionen und Naturbilder als Hintergrund „malen“ oder die Personen laut denken lassen, um ihre Charaktere lebendig werden zu lassen, benutzt er allein fast ausschließlich das Wort, die Sprache.

Zur Sprechweise Marja Martynovnas aus den Mitternachtsgesprächen sagt er:
Ich habe sie viele Jahre lang zusammengestellt: aus Worten, aus Sprichwörtern und einzelnen Redensarten, die ich entweder in der Volksmenge aufschnappte oder auf den Barken, in den Musterungslokalen und in Klöstern.
Im Zusammenhang mit dem Gaukler Pamphalon sagt er:
Ich habe viel, sehr viel daran gearbeitet. Diese Sprache sowie auch die Sprache des ‚Stählernen Flohs’ lässt sich nicht leicht fügen, im Gegenteil — es geht sehr schwer und nur die Liebe zur Sache kann einen dazu veranlassen, eine solche Mosaikarbeit zu unternehmen.

Das ist es, warum ihn Alexander Eliasberg zum russischsten aller russischen Erzähler erklärt hat (siehe Teil 1  dieses Essays).

Daraus ergibt sich jedoch für Nichtrussen ein großes Problem: So wie Puschkins (bei ihm ist es die romantische Lautmalerei) sind auch viele von Leskovs Werken schwer zu übersetzen, ja vielleicht noch schwerer, weil seine Wortschöpfungen, die durch die Verballhornung im Russischen einen Sinn ergeben, in gleicher Weise sinnhaft häufig unübersetzbar sind. Hinzu kommt die außergewöhnliche – wie schon erwähnt charakterisierende – Sprache, deren „Gestalt“ eben nur im Original wirken kann.

Um viele seiner Werke ins Deutsche zu übertragen, bedarf es eines Dichters, der nicht übersetzt, sondern nachdichtet (und auch das wird nicht immer möglich sein). Wo das nicht geschieht, wirken Leskovs Werke flach und verlieren ihren eigentlichen Sinn. Es gibt nicht viele Übersetzer, die eine derartige Übertragung anzufertigen vermögen – oder die diese schwere Arbeit auf sich nehmen. Einer von ihnen war Johannes von Guenther (*1886 †1973), der Leskovs Zeit noch sehr nahe und Anna Achmatova, Aleksandr Blok, Belyj, Brjusov und Vjačeslav Ivanov freundschaftlich verbunden war; seine Übersetzungen werden Leskov noch am ehesten gerecht.

Zu Leskovs kleineren Erzählungen gehört Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk (1865), eine hervorragende, packende Kriminalgeschichte über eine blutrünstige Mordserie, die zusammen mit anderen Erzählungen des gleichen Genres (von Čechov, Lermontov und anderen berühmten russischen Schriftstellern) auch heute noch immer wieder in Sammlungen mit Titeln wie Russische Kriminalgeschichten herausgegeben wird. Man sagt, die Geschichte sei realen Ursprungs, er habe sie den Gerichtsakten entnommen:

Nach Jahren einer tristen und vor allem unfruchtbaren Ehe mit einem 30 Jahre älteren Kaufmann verliebt sich eine Frau in den jungen, schönen und charmanten Hausknecht. Um zusammenleben zu können, vergiften diese beiden zuerst den Schwiegervater; bald danach wird der von einer Reise zurückgekehrte Ehemann bestialisch ermordet und die Leiche im Keller vergraben. Schließlich wird noch ein plötzlich aufgetauchter Junge, der einen Teil des Vermögens erben soll, erstickt. Dieser Mord wird jedoch beobachtet, das blutrünstige Liebespaar verhaftet und nach Sibirien verschickt. Auf der „Reise“ dorthin verstößt der einstige Hausknecht seine jetzt nicht mehr reiche und daher uninteressante Geliebte und begibt sich in die Arme einer Jüngeren, Reizvolleren. Rasend vor Eifersucht stürzt sich bei der Überfahrt über einen Fluss die ehemalige Geliebte auf ihre Nebenbuhlerin und reißt sie mit sich in den Fluss, wo sie ihre Rivalin ersäuft und selbst ertrinkt.
(Dmitri Schostakowitsch vertonte Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk zwischen 1930 und 1932; die gleichnamige Oper wurde auf Geheiß Stalins verboten und kam erst 1963 in überarbeiteter Fassung wieder auf die Bühne.)

Weitere Erzählungen sind Die Kampfnatur (1866, auch: Ein kämpferisches Weib) , Kotin der Ernährer und Platonida (1867), das Theaterstück Der Verschwender (1867) und Der versiegelte Engel (1872) – diese letzte Erzählung wurde wichtig für sein berufliches und finanzielles Vorwärtskommen (siehe Teil 1  dieses Essays):

Erpresserische Beamte beschlagnahmen eine wundertätige Ikone der Altgläubigen (abgespaltene Sekte der offiziellen Orthodoxie), die als gute Arbeiter an einer Brücke bauen, und entstellen das Bild auch noch durch in das Gesicht des Engels gedrückte Siegel. Sie schaffen es weg und verwahren es in der Stadtkirche der Rechtgläubigen (offizielle Orthodoxie). Die Arbeiter fertigen, unterstützt von einem sympathischen Engländer, eine Kopie an und wollen die Ikonen vertauschen. Der Tausch gelingt nicht, weil er bei der Ausführung entdeckt wird. Auf „wundertätige“ Weise verschwinden die auch auf der Fälschung angebrachten Siegel (natürliche Aufklärung später) und die Altgläubigen treten überzeugt von einem Wunder der rechtgläubigen Staatskirche bei.

Die Geschichte ist packend erzählt und enthält viele Details über die Altgläubigen und die Ikonenmalerei. Leskov war in Petersburg eng mit einem altgläubigen Ikonenmaler befreundet, den er häufig besuchte und ihm still bei der Arbeit zuschaute. Er sagt selbst, die Erzählung sei „ganz in der heißen und stickigen Werkstatt“ des Ikonenmalers Nikita S. Ratschejskow entstanden.

Einer der Vorgänge, der im Zentrum der Erzählung steht, hatte in der Realität laut Leskovs eigenem Zeugnis aber nichts mit einem Heiligenbild, sondern mit Schnaps zu tun.
„Ein solcher Vorgang”, schreibt Leskov, „wie in der Erzählung wiedergegeben, hat sich in Kiew nie ereignet, d. h., ein Altgläubiger hat nie eine Ikone gestohlen und sie nicht auf Ketten über den Dnjepr gebracht. Wirklich ereignet hatte sich nur Folgendes: Einst, als die Ketten bereits gespannt waren, begab sich ein Steinmetz aus Kaluga im Auftrag seiner Genossen während der Ostermesse auf diesen Ketten von dem Kiewer Ufer auf das Tschernigower, doch nicht um ein Heiligenbild, sondern um Wodka zu holen, der zu jener Zeit auf der anderen Dnjeprseite viel billiger verkauft wurde. Mit einem vollen Wodkafässchen um den Hals und einer Balancierstange in der Hand kehrte der Wagemutige auf das Kiewer Ufer mit seinem Wirtshausprodukt zurück, das hier zu Ehren des hl. Osterfestes konsumiert wurde. Der mutige Übergang auf Ketten diente mir tatsächlich als Thema zur Darstellung des tollen russischen Wagemuts, doch der Zweck dieser Handlung wie überhaupt die ganze Fabel des ‚Versiegelten Engels’ sind natürlich anders und von mir einfach ausgedacht.“

Der verzauberte Pilger (1873) – eine vortreffliche skaz-Erzählung –, Pawlin (1874) – hätte eigentlich in den späteren von Leskov gebildeten Zyklus Die Gerechten eingeordnet werden müssen –, Am Ende der Welt (1875) – es geht um die Missionierung sibirischer Volksstämme –, Das Bischofsgericht – Missionierung und Taufe von Juden (rational tritt Leskov für die Gleichstellung ein, emotional ist er jedoch „ein bisschen“ Antisemit – wie im Übrigen auch antideutsch –, was in seinen „Witzchen“ über die Juden zum Ausdruck kommt. Ein Thema, das in der Literaturkritik auch bearbeitet wurde.) Der eiserne Wille (1876) – eine Satire gegen die Deutschen: Wer ist stärker, der Deutsche oder der Russe, deutscher Wille und Härte (u. a. dem eisernen Kanzler Bismarck zugeschrieben) wird durch russische Weichheit besiegt: Bei einem Wettessen mit dem Popen, der ungeheure Mengen in sich hineinfrisst, erstickt der deutsche Ingenieur schon nach wenigen Pfannenkuchen. Die Schamlose (1877) – ein Lob auf die Russen –, Der ungetaufte Pope (1877) – eine lustige Geschichte, die jedoch für den Übergang von der noch positiven Beurteilung der orthodoxen Kirche hin zur absoluten Ablehnung steht –, Kleinigkeiten aus dem Bischofsleben (1879) – die Erzählung, die ihm so viel Schwierigkeiten einbrachte, dass er letztlich daran starb (siehe Teil 1 dieses Essays )–, Die Teufelsaustreibung (1879) – eine Geschichte über die Moskauer Kaufmannschaft: Ein echter Moskauer Kaufmann von echtem Schrot und Korn veranstaltet ein nächtliches Sauf- und Fressgelage mit üblen Folgen und landet zur unmittelbaren Läuterung in einer Klosterkirche.
Der Toupetkünstler. Erzählung auf dem Grabe (1883) – eines von Leskovs Meisterwerken. Der Erzählung liegt eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1830 zugrunde: Die Liebe zwischen einem leibeigenen Friseur und einer Schauspielerin. Als das Verhältnis entdeckt wird, wird der Friseur zu den Soldaten gesteckt; dort wird er Offizier, kommt zurück, wird aber kurz vor dem glücklichen Ende von Verbrechern ermordet.
Der Raubüberfall (1887) – zählt ebenfalls zu seinen besten Erzählungen –, Antuka (1888), Der Kolyvaner Ehegatte (1888, Kolyvan ist der altrussische Name für Reval) – eine noch scherzhafte Satire gegen die Baltendeutschen.

Leskovs letzte Erzählungen, die er nicht in einen Zyklus eingeordnet hat, sind alle schon stark satirisch gefärbt. Er schrieb sie Anfang der Neunzigerjahre, als er schon sehr unter seiner Herzkrankheit litt und als die politische Situation unter Alexander III. unerträglich geworden war.
Das Tal der Tränen. Eine Rhapsodie 1892, auch: Das Tränental), in dem er aus Anlass der damals herrschenden Hungersnot über die große Hungersnot im Jahre 1840 berichtet; Die Qual des Geistes (aus Jugenderinnerungen) (1892), Improvisatoren (1892), eine Erzählung,in der er die Dummheit des Volkes während der damals herrschenden Choleraepidemie geißelt, und Naturprodukt (1892), in dem er diese Kritik zum Äußersten treibt, schlichtweg beleidigend wird.

Einen seiner Zyklen hat Leskov Die Gerechten genannt. Darin will er zum Ausgleich für die vielen Satiren, die er schrieb, zeigen, dass das russische Volk doch nicht so verbiestert ist, wie es den Anschein hat, und dass Gerechte, also gute Menschen, durchaus zu finden sind – man muss sie nur suchen, denn sie handeln im Verborgenen. Im Vorwort zu diesem Zyklus schreibt er,
der bedeutende Romanschriftsteller A. Pisemskij, dessen Werke tatsächlich fast nur die negativen Seiten des russischen Lebens schildern, habe ihm einst eröffnet, er könne nichts anderes schreiben, weil er nur wiedergäbe, was er um sich sähe und er sähe nur Schweinereien. Seine Erwiderung, dies sei bei ihm nur eine Erkrankung des Gesichtssinns, ließ er nicht gelten und Leskov habe daraufhin beschlossen, auf die Suche nach den Gerechten zu gehen, um derentwillen Gott Russland nicht zugrunde gehen lassen werde. (1)

In Der Eindenker ist der Gerechte ein Wachtmeister, der grundsätzlich keine Schmiergelder annimmt, was für die damalige Zeit (und nicht nur die damalige, wie wir heute aus gegebenen Anlässen wissen) unvorstellbar war. Der Stadthauptmann und der Erzpriester unterhalten sich über diesen „Idioten“:

„Und dass er keine ‚Gaben’ annimmt”, sagt der Erzpriester, „das geschieht aufgrund einer schädlichen Phantasie.”
„Also hat er doch eine schädliche Phantasie! Und worin besteht sie?”
„Er hat die Bibel gelesen.”
„Ist das möglich! Der Esel!”
„Ja, er hat sie aus Langeweile gelesen und kann es nicht wieder vergessen.”
„So ein Esel! Was soll man nun mit ihm tun?”
„Gar nichts kann man tun: Er hat sie schon zu weit gelesen.”
„Ist er etwa schon bis ‚Christus’ gekommen?”
„Ganz, ganz hat er sie gelesen.”
„Na, dann ist’s aus.”

Was die Vertreter des staatlichen und kirchlichen Rechts von Gerechtigkeit halten, muss nicht mehr weiter hinterfragt werden.

Auch in Der unsterbliche Golovan (1880, auch: „Der unsterbliche Großkopf“) zeigt Leskov einen Gerechten von „natürlicher Heiligkeit“, der zu Zeiten einer Pestepidemie wirkt; und auch hier bekommt die Geistlichkeit ganz fürchterliche Prügel. Haarsträubend kontrastiert das Verhalten des Bischofs mit den erschütternden Berichten über den Alltag des Volkes.
In Kadettenkloster (1880) zeigt Leskov gleich vier Gerechte. 1879 erschien Cheramour. In Der Pygmäe (1879) führt er vor, wie jeder segensreich wirken kann, wenn er statt aus Egoismus aus Nächstenliebe handelt. Ein russischer Demokrat in Polen (1880) erzählt von einem klugen Beamten, der einen Plan zur Befriedung Polens hat, der natürlich nicht angenommen wird. Das Schreckgespenst erschien 1885, es gibt Einblick in seine glückliche Kindheit. 1887 folgt Der ehrliche Ingenieur, 1889 Figura:

Der Offizier Figura wird in der Osternacht von einem total betrunkenen Kosaken geohrfeigt. Der Ehrenkodex verlangt, dass er ihn daraufhin tötet, er aber vergibt, wie es die Botschaft der Osternacht verlangt. Alle, die den Vorfall gesehen haben, verpflichtet er zu schweigen, und sie schweigen auch. Der Kosake aber beichtet seine Sünde dem Popen und der hält nicht dicht, wie es eigentlich seine Pflicht gewesen wäre. Der Offizier gilt nun als ehrlos und muss seinen Abschied nehmen. Er wird Bauer mit einer kleinen Rente und zieht aus Mitleid mit einer Frau und deren unehelichem Kind Katja zusammen:

Arme kleine Katja! Ich habe sie mit ihrer Mutter unter den Pappeln des Podolinski-Parks gefunden … Ihre Mutter wollte sie dort aussetzen und selbst zu einer feinen Dame als Amme gehn. Da geriet ich in Wut und sagte zu ihr: ‚Bist du denn von Geburt an so schlecht, oder hast du den Verstand verloren? Wie kannst du das eigene Kind verlassen und Herrenkinder mit deiner Milch aufziehn? Wenn sie die Herrin geboren hat, soll sie sie auch selber aufziehn, so hat es Gott gewollt – du aber komm einfach mit mir und nähre dein Kindchen.’
Sie stand auf, wickelte Katja in Lumpen, kam und sagte: ,Ich geh, wohin das Schicksal mich führt.’
Und so leben wir nun, pflügen den Acker und säen, und wenn wir etwas nicht haben, dann beklagen wir uns nicht, denn wir sind schlichte Leute: die Mutter eine Waise, das Töchterchen klein und ich ein geohrfeigter Offizier, der dazu noch keinen Adelsstolz besitzt. Pfui, was für eine verkommene Figur!

Der Wachtposten (1887, auch: Der Mann auf dem Posten) verlässt nach schwerem inneren Kampf seinen Posten, um einen Ertrinkenden zu retten, obwohl er weiß, dass er dafür grausam ausgepeitscht wird. Mit scheinbarer Zustimmung beschreibt Leskov beißend ironisch das Geschehen.

Gleichzeitig mit dem Gerechten-Zyklus plante Leskov einen Zyklus über Historische Charaktere in fabelhaften Legenden neuester Fügung. Er hat dafür aber nur zwei Erzählungen geschrieben: Leon der Haushofmeistersohn (1881) und Vom einäugigen Linkshänder und vom stählernen Floh (1881). In der zweiten Erzählung soll gezeigt werden, dass die russischen Handwerker mindestens genau so gute Handwerker sind wie die dafür berühmten Engländer. Diese hatten Alexander I. einen aus Stahl geschmiedeten, winzigen Floh geschenkt, der nur unter dem Mikroskop gut sichtbar war und der, wenn er aufgezogen wurde, auch noch tanzen konnte. Das ärgert Nikolaus I., der den Floh erbt, und er befiehlt, etwas noch Ausgefalleneres zu erfinden. Der Meister der Waffenschmiede aus Tula beschlägt den winzigen Floh mit Hufeisen, auf denen angeblich der Name des Meisters eingraviert ist – sehen kann man es bei aller Winzigkeit nicht. Allerdings kann der Floh nun nicht mehr tanzen, er ist zu schwer. Nikolaus I. schickt den Meister mit dem Floh nach England, um zu beweisen, dass seine Waffenschmiede besser ist als die englischen, und tatsächlich sind die Engländer höchst erstaunt. Der russische Meister aber kehrt zurück in seine Heimat, gerät in Vergessenheit und stirbt traurig und allein.
Ein tüchtiger Russe kann seine Fähigkeiten nicht entwickeln und stirbt allein, ein englischer Meister dagegen wird gepflegt und seinem Wert entsprechend behandelt.

In dieser Erzählung brilliert Leskov mit Wortspielen, Verballhornungen, komischen Wortentstellungen und Fremdwörtern, sodass eine auch nur einigermaßen der Wirkung des Originals nahekommende Übersetzung nicht möglich ist; das Gleiche gilt für Leon der Haushofmeistersohn.

Einen weiteren Zyklus hat Leskov Weihnachtserzählungen genannt. Irritierend wirkt auf den ersten Blick, dass sich unter den versammelten Erzählungen auch viele Gespenstergeschichten befinden. Zu dieser Zeit war der Spiritismus in Russland große Mode, und er wollte mit diesen Gespenstergeschichten, die die „Gespenster“ entweder lächerlich machten oder eine natürliche Aufklärung fanden, den Spiritismus selbst lächerlich machen.

Der weiße Adler (1880) – auch hier ist der übelste Schurke ein Erzpriester; Gespenst im Ingenieurspalast (1882) – ein Glanzstückchen Leskovs; Reise mit dem Nihilisten (1882) – ein Diakon wird verdächtigt, ein verkappter Nihilist zu sein; Der Stopfer (1882) – ein reicher Moskauer „Unternehmer“ verprügelt die Leute und entschädigt sie sofort mit Goldstücken; Ein altes Genie (1884), in dem die Mittel beschrieben werden, die ein altes Mütterchen anwenden muss, um von einem reichen Aristokraten ihr Geld zurückzubekommen; Das ausgesuchte Korn (1884) – ein ausgemachter Versicherungsschwindel; Ein kleiner Fehler (1883) – der Kampf gegen einen „Wundertäter“.

Die Erzählung Das Tier (1883, auch: Sganarell der Bär) ist eine sehr häufig gedruckte Weihnachtsgeschichte und auch als Hörbuch erhältlich. Diese Erzählung, wenngleich von einigen Literaturwissenschaftlern sehr bemängelt (um nicht zu sagen verrissen), erfreut sich großer Beliebtheit:
Der zahme Bär Sganarel, der sich gemäß seinem Naturell „unbotmäßig“ verhalten hat – er hat Hühner gerissen und ähnlichen „Unfug“ getrieben –, soll auf Befehl des grausamen Gutsherrn zur Strafe bei einer vorbereiteten Treibjagd, bei der er keine Chancen hat, getötet werden. Sein Pfleger und engster Freund Ferapont – die beiden gehen sogar Arm in Arm miteinander spazieren – kann sich dem Befehl nicht widersetzen, weil ihm sonst selbst eine schlimme Strafe droht; auch hat er schlichtweg nicht die Möglichkeit dazu, das Schicksal des Bären abzuwenden, denn es stehen noch viele andere bereit, den Bären zu töten. Ausführlich wird die „Jagd“ beschrieben. Ferapont muss seinen Freund aus der Grube locken, in der er bis zur Hinrichtung gefangen ist, und soll später sogar auf ihn schießen. Doch das Glück ist dem Bären hold und er entkommt. Ferapont wird durch einen Schuss verletzt und erwartet eine Strafe, weil er den Bären, als sich die Gelegenheit bot, nicht getötet hatte. Aber der Gutsherr wird geläutert, erlässt Ferapont eine Strafe und Ferapont bleibt bis zu seinem Lebensende sein treuer Diener.

Auf der einen Seite der vorbehaltslos vertrauende Bär, der sogar menschliche Züge hat – er weint und jammert in seiner Not und umarmt liebevoll seinen Freund! – und auf der anderen Seite der kalte, grausame Gutsherr. Eine sehr gefühlvolle, um nicht zu sagen rührselige Geschichte, aber so hervorragend zu Herzen gehend geschrieben, dass ihre große Beliebtheit verständlich ist. Bei der Geschichte können einem schon die Tränen in die Augen treten.

Weitere Weihnachtserzählungen: Heckrubel (1883), Betrug (1883), Jüdische Purzelbaumerei (1882) und – letzterer ähnlich, aber nicht im Weihnachtszyklus enthalten – Der Melammed von Rakousy (1878) und Eine glühende Patriotin (1881).

In den Erzählungen à propos gibt ein Erzähler bei passender Gelegenheit kleine Anekdoten zum Besten.
Die Teilhaber (1884); Psychopathen aus alter Zeit (1885); Interessante Männer (1885) – eine sehr spannende Kriminalgeschichte, die an Edgar Allan Poe erinnert; Der Alexandrit (1885); Geheimnisvolle Vorzeichen (1885) – eine Geschichte, die angeblich auf den Ausbruch des Krimkriegs Bezug nehmen soll; Das rätselhafte Ereignis im Irrenhaus (1887) – ein tatsächlich geschehenes Ereignis, das ohne Aufklärung blieb; Die Stimme der Natur (1883); Der verstorbene Stand (1888) – eine Anekdotenfolge über den Fürsten Trubezkoi; Die Dame und das Weib (1894, auch: Die Dame und das Frauenzimmer) – eine hysterische, rücksichtslose Ehefrau richtet ihren Mann zugrunde; Der Pferch (1893), in dem ein wenig schmeichelhaftes Bild von Russland gezeichnet wird.

Die Legenden, die zu Leskovs besten Werken gehören, sind zum Teil sehr freie literarische Bearbeitungen alter christlicher Sagen, die vorwiegend durch Heiligenleben überliefert waren, welche sich zum Großteil im sogenannten „Prolog“ (Synaxarion) wiederfanden, eine Sammlung von kurz gefassten Heiligenlegenden, die beim Gottesdienst an den jeweiligen Tagen der Heiligen vorgelesen wurden. (Auch andere Schriftsteller haben diese „Vorlage“ benutzt).

Leskov wollte zeigen, dass die Lehre Christi von der Kirche entstellt worden ist. Er betonte immer wieder, dass er nur die Themen dem Prolog entnommen habe und sich das Recht vorbehalte, diese umzugestalten. Zu den Vorwürfen der Kritik, er habe das Original entstellt, schreibt er an Suvorin:
Ein Thema ist ein Thema und ich kann daraus machen, was ich für möglich halte. Wozu sollte man es sonst auch umarbeiten; es wäre genug, es einfach nachzudrucken. Und es klänge genauso einfach und dumm wie der Prolog selbst.
An anderer Stelle sagt er, er habe „poetisiert”, reale Angaben „gruppiert” – alles mit der Absicht, ein dankbares Thema literarisch lebendig, leicht lesbar und interessant zu machen.

Leskovs Legenden sind:
Legende von Theodor dem Christen und Abraham dem Juden (zum 31. Oktober, 1886 veröffentlicht); Der gottgefällige Holzhacker (zum 8. September); Legende vom gewissenhaften Daniel (zum 7. Juni); Der Löwe des Einsiedlers Gerassim (zum 4. März); Der Gaukler Pamphalon (1887 veröffentlicht) – Turgenjew schreibt über diese Legende: „Göttlich und pikant. Eine Vereinigung von Tugend, Frömmigkeit und Unzucht“; Die schöne Asa (zum 8. April und 14. Juni, 1888 veröffentlicht); Der Bösewicht von Askalon (zum 14. Juni); Der Berg (zum 7. Oktober, 1890 veröffentlicht); Der unschuldige Prudenzij (zum 14. August, 1891 veröffentlicht).

Legendäre Charaktere ist wahrscheinlich in den 1880er-Jahren erschienen. Im Vorwort schreibt Leskov:
Vor dreißig Jahren, zu einer Zeit, da bei uns viel über die Frauenfrage geschrieben wurde, konnte man häufig hören, der Ruf der Frau wäre in Russland durch die Überlieferungen, an die unsere Vorfahren glaubten, sehr geschädigt worden. Denn in diesen Überlieferungen, sagte man, würden die Frauen beständig als Verführerinnen dargestellt, die nichts weiter im Sinn hätten, als die Männer von ihren erhabenen Lebensaufgaben abzubringen und sie für ein Leben der Sinnenlust und des Unverstandes zu gewinnen. Einige mehr hitzige als gründliche Freunde der Frauenfrage hatten derartige Beispiele herausgegriffen, und diese Beispiele, die kritiklos hingenommen wurden, genossen seitdem die Bedeutung überzeugender Fakten. Trotzdem ist jene Behauptung nichts weiter als eine Lüge; davon kann sich ein jeder leicht überzeugen, der sich wirklich bemüht, die weiblichen Typen der Heiligenlegende kennenzulernen. Das soll hier versucht werden.
Beim Durchforschen des ,Prologs’, der mir als reiche Quelle für Erzählungen wichtig war, fand ich genau einhundert Themen oder ,Beispiele’, die mehr oder weniger taugliches Material für dichterische Wiedergabe boten, und in fünfunddreißig von diesen hundert Geschichten spielt die Frau eine Rolle.

Leskov schrieb auch Märchen. Das war jedoch nicht das Genre, in dem er sich wohl fühlte. Seine Satire tötete – anders als bei Saltykow-Schtschedrin – das Märchen. Die Zeit des erfüllten Willens Gottes (1890, auch Die Zeit nach Gottes Willen) – das Thema hatte ihm Tolstoi gegeben, der aber mit Leskovs Arbeit nicht zufrieden war. Noch in seinem Tagebuch von 1898 schreibt Tolstoi am 12. Juni:
Leskov benutzte mein Thema – und schlecht. Mein herrlicher Gedanke war: drei Fragen: Welche Zeit ist die wichtigste? Welcher Mensch? Und welche Tat? Die Zeit – jetzt, diese Minute; der Mensch: der, mit dem man jetzt zu tun hat, und die Tat: die, um seine Seele zu retten, d. h. die Taten der Liebe tun.

Als Kleine Märchen werden Malanja – der Schafskopf, Tod im Apfelbaum und Dummköpfchen bezeichnet. Seine erste Satire Scherz und Ernst schrieb Leskov bereits im Jahr 1871. Hier geht es ihm noch mehr darum, die Lächerlichkeit der Zustände zu zeigen, es fehlt noch die tragische Komponente, die Saltykow-Schtschedrins Satiren so „brutal“ macht; wirklich bissige, schon fast beleidigende Satiren schrieb er erst im Alter. Über seine Alterswerke äußerte sich Leskov einmal:

Meine letzten Werke über die russische Gesellschaft sind durchweg grausam: Der ‚Pferch’ (1893), ‚Ein Wintertag’ (1894), ‚Die Dame und das Weib’ (1894) … So etwas gefällt dem Publikum nicht wegen seines Zynismus und seiner Offenheit. Aber mir liegt gar nicht daran, dem Publikum zu gefallen. Mag es sich durch meine Erzählungen an der Kehle gepackt fühlen, wenn es sie nur liest. Ich weiß sehr wohl, wie man ihm gefällt, aber ich will nicht mehr gefallen. Ich will es geißeln und quälen. Der Roman wird zur Anklageschrift gegen das Leben.

Darüber hinaus ist „Scherz und Ernst“ noch eine Chronik, wie er zu dieser Zeit viele geschrieben hat, eine Chronik, in der viele einzelne Episoden aneinandergereiht sind.

Sein zweites rein satirisches Werk Aufzeichnungen einer Unbekannten schrieb Leskov erst 1884. Diese Aufzeichnungen sind scharfe, antiklerikale Humoresken, die ein Erzähler zum Besten gibt, weil es Ereignisse sind, die „seinerzeit … offenbar einen ehrenwerten, originellen und ernst gestimmten Kreis der Gesellschaft interessierte.“ Sie erschienen in einer Zeitung, wurden aber bald verboten.

1890 veröffentlichte Leskov das Romanfragment Die Teufelspuppen (gemeint sind Huren), in dem er zwei Porträts „nach der Natur malen“ wollte: eines von Nikolaus I. und eines des berühmten Malers Karl Brjullow; diesen Versuch, einen Roman zu schreiben, brach er jedoch ab und kehrte mit einer satirischen Erzählung wieder zurück: die Mitternachtsgespräche. Paysage und Genre (1894) prangern den Erzpriester der Andreaskathedrale von Kronstadt an, einen heilkräftigen „Wundertäter“ und „Propheten“, den Leskov von ganzem Herzen hasste. Zur Perfektion brachte er das Genre der satirischen Novelle in Ein Wintertag (1894), eine Satire auf die gesamte Gesellschaft, ja auf die Menschheit insgesamt. Der erzählten Handlung liegt ein damals real stattfindender Prozess zugrunde, in dem Testamentsfälschung verhandelt wurde; sie ist praktisch eine Kriminalchronik, die kein Verbrechen auslässt und zudem einen erotischen Hintergrund hat.

Das letzte Werk vor Leskovs Tod ist die Satire Die Hasenremise. Beobachtungen, Erfahrungen und Abenteuer des Onoprij Peregud aus Peregudy (auch: Das Hasenversteck oder Der Tolpatsch), die er 1894 schrieb. Sie erschien aber erst post mortem 1917. Der „Held“ der tragikomischen Erzählung, der schon als Kind etwas „unterbelichtet“ war, ist Insasse eines Irrenhauses und erzählt, wie er, nachdem er Dorfgendarm geworden war, verkappte Nihilisten aufspüren wollte. Er war der Meinung, dass er nur so den hohen Anforderungen seines Berufsstandes gerecht werden könne. Aber immer, wenn er glaubte, sie aufgespürt zu haben, waren sie verschwunden; letztendlich stellt sich heraus, dass sein eigener Kutscher derjenige welcher gewesen wäre. Da aber ist es schon zu spät und der Held lebt friedlich in der Anstalt und strickt für die Bewohner Strümpfe.

(1) (zitiert nach Vsevolod Setschkareff: N. S. Leskov – sein Leben und sein Werk)
Ein Großteil der Erzählungen sind in
Nikolai Leskov. Gesammelte Werke in Einzelbänden
(Hrsg. Eberhard Reißner, Rütten & Loening, Berlin (1975), auf Deutsch erschienen (die Titel der einzelnen Bände sind durch Fettung kenntlich gemacht):

1863 – 1871
Schafochs (1863)
Liebe in Bastschuhen (1863)
Die Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk (1865)
Die Kampfnatur (1866)
Kotin der Ernährer und Platonida
Scherz und Ernst (1871)

1872
Die Klerisei
1873 – 1878

Der versiegelte Engel (1873)
Pawlin (1884)
Der verzauberte Pilger (1873)
Der eiserne Wille (1876)
Am Ende der Welt (1875)
Der ungetaufte Pope (1877)
Kleinigkeiten aus dem Bischofsleben (1879)

1879 – 1888
Die Teufelsaustreibung (1879)
Das Kadettenkloster (1880)
Der unsterbliche Golowan (1880)
Der Linkshänder / Der stählerne Floh (1881)
Der Toupetkünstler (1883)
Das Tier (1883)
Das Schreckgespenst (1885)
Der Raubüberfall (1887)
Der Wachposten (1887)
Figura (1889)
Die Geschichte vom Christen Theodor und von seinem Freund dem Juden Abraham (1886)
Die uneigennützigen Ingenieure (1887)
Der Gaukler Pamphalon (1887)
Der Berg (1890)
Die schöne Asa (1890)
1890 – 1894
Die Zeit nach Gottes Willen (1890)
Mitternachtsgespräche (1893)
Das Tal der Tränen (1892)
Improvisatoren (1892)
Der Pferch (1893)
Ein Wintertag (1894)
Die Dame und das Weib (1894)
Der Tollpatsch (1894, erschienen p.m. 1917)

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.