Leningrads Anne Frank

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Die Leningrad-Blockade war ein grausames Kapitel des deutschen Russlandfeldzugs im Zweiten Weltkrieg. Weitgehend umzingelt sollte die Bevölkerung des heutigen Sankt Petersburg durch Hunger, Kälte und wiederkehrende Angriffe ausgelöscht werden – denn an einer puren Eroberung hatte Hitler kein Interesse. In der schlimmsten Zeit der Blockade schrieb die 16-jährige Lena Muchina ihr bewegendes Tagebuch, das erst jetzt in einem Petersburger Archiv aufgefunden und veröffentlicht wurde.

Vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 war Lena Muchina das, was man heute einen normalen Teenager nennen würde. Schulalltag, der erste große Schwarm, all das hält sie zu Beginn ihres Tagebuchs fest. Dann liest man den Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges, anfangs noch als ferne Nachricht. Doch die Auswirkungen werden in Lenas Leben Schritt für Schritt immer deutlicher spürbar. Erst Luftangriffe, dann Artilleriebeschuss und eine sich immer weiter verschlechternde Versorgungslage. Schließlich Kämpfe in der unmittelbaren Umgebung.

Währenddessen wird es Winter und Hunger und Tod Dauergäste in der Stadt – und in Lenas Leben. Da ihre leibliche Mutter kurz vor dem Krieg gestorben ist, lebt Lena bei einer Tante und einer Freundin von dieser, die in Lenas Aufzeichnung „Mama Lena“ und „alte Akka“ genannt werden. In der Not wird erst die Hauskatze geschlachtet, dann sogar die Herstellung von Sülze aus Leim erlernt, zu dem Lenas Ziehmutter beruflich Zugang hat. Doch die Rationen sind viel zu gering zum Überleben. Zunächst stirbt die alte Akka, dann Lenas Ziehmutter am Hunger und lassen die 16-Jährige ganz alleine zurück.

Die Gedanken in deren Tagebuch kreisen auch in den folgenden Wochen ständig um das Essen und die Nahrungsbeschaffung – ein Indiz dafür, wie knapp auch sie selbst dem Hungertod entgeht. Sie überlebt durch die Hilfe einer Freundin der Mutter, die Beziehungen zu besseren Versorgungseinrichtungen hat. Diese hilft ihr auch im Frühjahr 1942, einen Platz zur Evakuierung aus der Stadt zu sichern. Kurz vor Lenas Evakuierungstermin brechen ihre Tagebuchaufzeichnungen ab.

Das Tagebuch ist ein bewegendes, wenn nicht erschütterndes Stück Zeitgeschichte. Es besticht durch seine spürbare Authentizität, man ist hautnah dabei, wie Lena knapp dem Tod von der Schippe springt. Man bemerkt an kleinen Anmerkungen ihre Schwäche durch die dauernde Mangelernährung, ihre Angst vor einem zwischenzeitlich drohenden Fronteinsatz, als sie sich kaum noch auf den Beinen halten kann, den inneren Kampf zwischen dem Überlebenswillen und der apathischen Selbstaufgabe.

„Lenas Tagebuch“ enthält nicht nur den eigentlichen Text von Muchinas Aufzeichnungen, sondern alle notwendigen Rundum-Infos. Die Wege von Lena und ihrem Buch trennten sich bei ihrer tatsächlich durchgeführten Evakuierung aus der Stadt. Das Tagebuch gelangte auf unbekannten Wegen in den 60er Jahren in ein Petersburger Archiv und wurde dort erst vor wenigen Jahren entdeckt.

Seine literarische und historische Qualität wird sogleich erkannt und eine fieberhafte Suche nach der Autorin beginnt. Lena Muchina hatte den Zweiten Weltkrieg überlebt und war 1991 kurz vor dem Ende der Sowjetunion in Moskau verstorben. Nie mehr hatte sie in ihrem Leben derart wichtige Bezugspersonen gefunden wie ihre Mutter und Ziehmutter. Sie blieb alleine und kinderlos, was angesichts ihrer im Tagebuch spürbaren Sehnsucht nach einer Liebesbeziehung und Familie eine eigene kleine Tragik beinhaltet.

Neben Muchinas Biographie enthält das Buch ein Vorwort der bekannten deutschsprachigen Petersburger Autorin Lena Gorelik und Erläuterungen zur historischen Einordnung des Textes. Für Interessierte am Zweiten Weltkrieg oder eines bewegenden Einzelschicksals ist das Buch eigentlich ein Muss, da es ein damaliges Geschehen auf einem völlig anderen und direkteren Weg erschließt, als jedes Geschichtsbuch. Diese Rolle erfüllt „Lenas Tagebuch“ ähnlich beeindruckend wie das bekanntere Gegenstück von Anne Frank. Ist das eine ein authentisches Zeugnis des Holocaust, schildert das andere nicht weniger beeindruckend den Versuch der systematischen Auslöschung einer Millionenmetropole durch Hunger, Kälte und Kampf. Das Buch zeigt beeindruckend, wie Hitlers Wehrmacht den russischen Winter nicht nur als „Opfer“ erlebte, sondern aktiv zur Vernichtung von Menschenleben einzusetzen wusste.

Daten zum Buch: Lena Muchina, Lenas Tagebuch – Leningrad 1941-1942; Graf-Verlag München, 2013, ISBN 978-386220368

Roland Bathon, russland.TV – Russland hören und sehen