Leben in Lugansk

Hass auf Poroschenko - Vorwürfe an Putin - Ausgestorbene Straßen - Leben in Kellern

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Nur selten dringen direkte Informationen über die Bevölkerung der von den Separatisten beherrschten Gebiete in den deutschsprachigen Raum. Deutsche oder überhaupt westliche Journalisten sind Fehlanzeige und bei den russischen der Staatsmedien ist es immer die Frage, ob die Berichterstattung das umfasst, was passiert oder nur das, was der Auftraggeber gerne hören will und die Separatisten berichten natürlich nur von ihren begeisterten Kämpfern und den Opfern „der Faschisten“.

Umso dankbarer ist man, wenn ein Korrespondent einer ukrainisch-oppositionellen, aber eben nicht separatistischen Onlinezeitung in der Stadt ist, der aus erster Hand berichten kann, wie die Stimmung ist. Wie aktuell Alexej Bljuminow von der Kiewer Onlinezeitung „Politnavigator“, die weder dem Euromaidan noch Seperatisten oder der russischen Regierung übermäßige Sympathien entgegen bringt. Er hält sich gerade in Lugansk auf, einer der beiden von den Separatisten beherrschten Großstädte. Lugansk hat mit seinen Vororten knapp 500.000 Einwohner, von denen aktuell laut Bljuminow noch etwa 80 % in der Stadt ausharren, während der Rest geflohen ist.

Ausgestorbene Straßen – Leben in Kellern

Bljuminow schildert Lugansk trotz der vielen dort noch lebenden Menschen als weitgehend ausgestorben. Aus dem Haus gehe schon länger nur der, der muss und wenn die notwendigen Besorgungen getan seien, gehe es schnellstmöglich wieder nach Hause – häufig in den Keller, wo die Leute sich sicher fühlten. Auch tagsüber verbrächten die Leute 3-4 Stunden dort – ihre Keller gäben ihnen Sicherheit.

Das Geschäftsleben von Lugansk sei so gut wie tot. Die Gastronomie habe entweder ganz geschlossen oder sei nur wenige Stunden „Teilzeit“ geöffnet. Ab 20 Uhr sei niemand unterwegs, obwohl es keine formelle Ausgangssperre gäbe. Die Menschen wirkten nervös – ständig kann eine Luftattacke der ukrainischen Luftwaffe kommen. Kampfhandlungen am Stadtrand sind Normalität, wie auch andere Quellen schreiben. Die Nationalgarde versuchte bereits zahlreiche Male ins Stadtgebiet durchzubrechen, wurde bisher jedoch zurück geschlagen. Manchmal greift sie aus mehreren Richtungen gleichzeitig an. Es ist noch nicht die massive Offensive, wie in Slawjansk am Wochenende, aber die Situation kann jederzeit eskalieren.

Hass auf Kiew – Vorwürfe an Moskau

Der Regierung in Kiew begegne die Bevölkerung laut Bljuminow mit offenem Hass. Von Regierungsanhängern, die immer wieder von Anhängern des Euromaidan in den Donbass „transferiert“ werden, hat er bei seinem Aufenthalt offenbar nichts bemerkt. Auch gegenüber Moskau, insbesondere Putin, sei nach seinen Worten die Stimmung jedoch schlecht, aus einem im Westen ganz ungeahnten Grund – wegen des Vorwurfs der „Passivität“. Oft personifizieren sich Hass und Vorwürfe – auf Poroschenko als Oberhaupt des „Bösen“ und Putin als enttäuschte Hoffnung. Die Worthoheit auf der Straße hätten die offenen Anhänger der Separatisten und die fühlten sich von Russland nunmehr alleine gelassen. Bljumikow schildert eine Szene, wo ein russischer TV-Kameramann des Staatsfernsehens von Einheimischen offen angepöbelt wird: „Na, wo ist denn Dein Putin?“

Bljuminow schildert, dass die Einheimischen, sofern nicht geflohen, nun fest zusammenrückten, sich als Bewohner des gescholtenen „Neurussland“ solidarisierten, auch mit den militanten Separatisten. Ob diese Solidarisierung so weit geht, dass weite Teile der Bevölkerung bei einem Angriff zu den Waffen greifen, bezweifeln jedoch auch ostukrainische Experten. Die Menschen sind kriegsmüde und das wird sich noch verstärken, wenn die Versorgungslage der Stadt bei einer eventuellen Belagerung schlechter wird. Dass eine Blockade durch die Ukrainer geplant sei, sei in der Stadt allgemein bekannt. Gerüchte machten ständig die Runde, da der Medienempfang immer wieder teilweise gestört sei. Manchmal breche aufgrund von Gerüchten auch Panik aus.

Hoffen wir für die Menschen in Lugansk, dass die Waffen bald ruhen werden, auch wenn aktuell bedauerlicherweise nur wenig danach ausschaut. Mehr westlicher Druck auf die Angreifer der Ukraine von Europas Mächtigen könnte hier jedoch seinen Teil dazu beitragen.

Originalartikel auf Russisch von Bljuminow beim Politnavigator hier – Foto: Anna News, Creative Commons