Laudatio von Matthias Platzeck

anlässlich der Verleihung des Friedrich Joseph Haass-Preises an Prof. Dr. h. c. Fritz Pleitgen

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 Meine sehr verehrten Damen und Herren,

das Deutsch-Russische Forum verleiht seit 1994 den mit 5.000 Euro dotierten Dr. Friedrich Joseph Haass-Preis an Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise um die deutsch-russischen Beziehungen verdient gemacht haben. Der Haass-Preis hält die Erinnerung an den deutschen Arzt in Russland wach, der sich selbstlos für Häftlinge, Verbannte und Obdachlose einsetzte und zu einer Symbolfigur der deutsch-russischen Verständigung geworden ist.

Ich freue mich ganz besonders, den Friedrich Joseph Haass-Preis in diesem Jahr an den ehemaligen WDR-Intendanten Prof. Dr. h.c. Fritz Pleitgen verleihen zu dürfen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

vielen von Ihnen wird Fritz Pleitgen noch in Erinnerung sein als Auslandsreporter, der für das Fernsehen von überall dort berichtete, wo in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Geschichte geschrieben wurde: aus Moskau, aus Ost-Berlin und aus Washington.

Gleich sein erster Korrespondentenauftrag führte ihn von 1970 bis 1977 für die ARD ins Machtzentrum der damaligen Sowjetunion, zu einer Zeit, als das Land und seine Menschen für Europäer und Deutsche noch unendlich weit weg hinter dem Eisernen Vorhang verborgen lagen.

Freunde und Kollegen hatten ihm davon abgeraten, sich in das „rote Imperium“ zu begeben. Pleitgen aber wagte das Abenteuer und machte sich mit seiner Familie mit dem Auto von Köln in die sowjetische Hauptstadt auf. Eine Reise ins Ungewisse, in ein fernes und fremdes Land.

In Moskau sind die Arbeitsbedingungen anfangs mehr als frustrierend. Behördenwillkür und geheimdienstliche Beobachtung behindern, um nicht zu sagen verhindern eine vernünftige journalistische Berichterstattung. Im Sender rät man ihm, die Nerven zu bewahren. Pleitgen soll Pionierarbeit leisten, in Moskau einen Korrespondentenplatz für die ARD aufbauen. Nicht einmal ein eigenes Kamerateam hat er – das muss er beim sowjetischen Außenministerium anfordern. Es wird ihm allenfalls sporadisch und dann auch nur für Berichte über genehme Themen zur Verfügung gestellt.

Doch Pleitgen ist Reporter mit Leib und Seele, und mit einer guten Portion Wagemut gelingt ihm ein echter Coup: Auf einem sowjetischen Inlandsflughafen steigt er über die Absperrungen, geht einfach auf den damaligen Generalsekretär Leonid Breschnew zu und führt spontan ein Interview – das erste Interview eines westlichen Journalisten mit dem Sowjetführer.

Diese spektakuläre Begegnung wird zum Türöffner. Allmählich bessern sich die Arbeitsbedingungen. Die Sowjets fassen Vertrauen zu dem jungen deutschen Korrespondenten. Damit sein Filmmaterial rechtzeitig ankommt, stellen sie ihm sogar ein Sonderflugzeug, als Breschnew 1973 Deutschland besucht.

Dabei unterhält der „Reporter des Kalten Krieges“ auch gute Kontakte zu den sowjetischen Dissidenten, zu Andrej Sacharow, Lew Kopelew, Jurij Orlow oder Andrej Amalrik. Auch sie bringt er, meist zum ersten Mal, auf die deutschen Bildschirme.

Pleitgen berichtet mit viel Verständnis aus der Sowjetunion. Fair Play ist ihm wichtig. Darauf bedacht, die UdSSR zu entdämonisieren, sieht er sich als Mittler zwischen Ost und West. Das Credo seiner journalistischen Arbeit bringt er auf die Formel: „Die Sowjet-Union nicht an der Elle unserer Vorurteile messen, das vorherrschende falsche Russland-Bild korrigieren und den Gesprächspartnern die Sicherheit geben, dass man sie nicht bei der erstbesten Gelegenheit in die Pfanne haut“ [Der Spiegel, 1981].

Es wird eine interessante und spannende Zeit in Moskau. Die Neue Ostpolitik Willy Brandts verändert die Welt des Kalten Krieges. Pleitgen ist ein Anhänger der Entspannung, die es den Machtblöcken leichter macht, aufeinander zuzugehen und das brisante Ost-West-Verhältnis zu entschärfen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Fritz Pleitgen kennt beide Seiten – Ost und West. Nach seiner Moskauer Zeit berichtete er zunächst aus der DDR und leitete dann ab 1982 das ARD-Studio in Washington und 1987/88 das ARD-Studio in New York. Im WDR wurde er Fernseh-Chefredakteur, Hörfunkdirektor und schließlich von 1995 bis 2007 Intendant.

Die Faszination für Russland und seine Menschen ist Pleitgen auch in der Chefetage erhalten geblieben. Seine beeindruckenden Reportagen „Durch den wilden Kaukasus“ von 2000 oder später „Väterchen Don“ von 2008 mitsamt den ausführlichen Büchern zu diesen Filmen, zeigen die Handschrift des versierten Russlandkenners – in prächtigen Bildern und in ausdrucksvoller Prosa.

Fritz Pleitgen hat mehr als vier Jahrzehnte den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland mitgeprägt. Er ist ein Mann der Medien. Sein Blick aber reicht weit über den Tellerrand seines Metiers hinaus. Gesellschaftliches und zwischengesellschaftliches Engagement liegen ihm am Herzen.

Pleitgen ist Präsident der Deutschen Krebshilfe und Kuratoriumsmitglied der „Aktion Deutschland Hilft“. Als langjähriger Vorsitzender und heutiger Ehrenvorsitzender des Lew Kopelew Forums in Köln setzt er sich dafür ein, die Erinnerung an den Schriftsteller, Wissenschaftler und großen Freund der Menschen aufrecht zu erhalten und in seinem Sinn Deutsche und Russen einander näher zu bringen. Dazu gehört ein solides Wissen über den Anderen, über seine Kultur und Geschichte als das wirksamste Mittel gegen die destruktiven Stereotype und negativen Klischees, wie sie uns leider auch heute allzu oft begegnen. Kopelew hat dieses Wissen in seinem wissenschaftlichen Werk, besonders in den umfangreichen West-Östlichen Spiegelungen, vermittelt, Pleitgen in seiner journalistischen Arbeit.

Es war Lew Kopelew selbst, der den Moskau-Korrespondenten vor mehr als 50 Jahren auf das Leben und Wirken von Friedrich Joseph Haass aufmerksam gemacht hat. Gemeinsam besuchten sie Mitte der siebziger Jahre sein Grab auf dem Wwedenski-Friedhof in Moskau – und das deutsche Fernsehpublikum erfuhr erstmals in Bild und Ton von dem Wohltäter aus Bad Münstereifel und dessen auf seinem Grabstein verewigter Botschaft „Beeilt Euch Gutes zu tun“.

Den Namen Friedrich Joseph Haass trägt heute auch eine Kinderkrebsklinik im russischen Perm. 1991 berichtete Fritz Pleitgen aus der Stadt am Ural mit Bildern, die ans Herz gingen, über die Behandlung krebskranker Kinder. Das Krankenhaus glich eher einer Baracke, die hygienischen Bedingungen waren völlig unzureichend. Trotz aller Bemühungen der Ärzte starben drei von zehn erkrankten Kindern. Sie, sehr verehrter Herr Pleitgen, „beeilten sich, Gutes zu tun“: Sie riefen mit dem WDR die Hilfsaktion „Die Kinder von Perm“ ins Leben, an der sich die Universitäts-Kinderklinik Düsseldorf, die Rheinische Post und Care Deutschland beteiligten. Rund fünfeinhalb Millionen Euro an Spenden kamen zusammen. Mit diesem Geld entstand 1996 eine neue, hochmoderne Klinik mit 30 Betten, in der mittlerweile – so wie in den besten Krankenhäusern im Westen – acht von zehn Kindern geheilt werden können. Mehr als 1.500 junge Patienten sind bis heute dort behandelt worden.

Inzwischen ist „Die Kinder von Perm“ ein eingetragener Verein; Fritz Pleitgen steht ihm vor. Die Unterstützung für Perm geht weiter: Fortbildungen für Ärzte, internationale Videokonferenzen für bessere Diagnostik, der Aufbau eines Krebsregisters. Zum zwanzigsten Jahrestag der Kinderkrebsklinik „Friedrich Joseph Haass“ schrieb Frank-Walter Steinmeier, damals noch Bundesaußenminister, in seinem Grußwort: „Die Klinik zeigt, was Deutsche und Russen durch vertrauensvolle Zusammenarbeit erreichen können.“

Meine sehr verehrten Damen und Herren, Fritz Pleitgen und der Friedrich Joseph Haass-Preis – ich meine, da kommt etwas zusammen, das zusammengehört. Es ist mir eine ganz besondere Ehre, den langjährigen ARD-Korrespondenten in Moskau, den Ehrenvorsitzenden des Lew Kopelew Forums und den Initiator der Aktion „Die Kinder von Perm“ heute auszuzeichnen.

Ich überreiche den Friedrich Joseph Haass-Preis an Fritz Pleitgen. Er hat sich mit seiner journalistischen Arbeit und seinem bürgerlichen Engagement eingesetzt für die Verständigung zwischen Ost und West; er hat Gutes getan für die gemeinsame Zukunft von Russen und Deutschen; er hat Brücken gebaut „von Mensch zu Mensch“ und „von Volk zu Volk“ [Lew Kopelew].

Ich gratuliere!