Krim von Deutschland plötzlich als Teil Russlands anerkannt?

Foto: Wikimedia commons/Podvalov GNU General Public LicenseFoto: Wikimedia commons/Podvalov GNU General Public License
image_pdfimage_print

Hannover/Simferopol – In einem offiziellen Schreiben der Visastelle aus der deutschen Botschaft in Hannover vom 20.05.2016 steht es Schwarz auf Weiß nachzulesen. Im Adressfeld ist eindeutig als Wohnort „Simferopol, Krim, Russland“ angegeben. Bei dem Dokument handelt es sich um ein Einladungsschreiben einer Familie auf der Krim.

Emine Dscheppar, eine ukrainische Journalistin, wurde auf diese bemerkenswerte Tatsache aufmerksam und bat daraufhin ihre Kollegen via Facebook, die Nachricht aufzugreifen und zu verbreiten. Laut Dscheppar wurde den deutschen Behörden ein ukrainischer Pass des Antragstellers als Grundlage für den Visumsantrag vorgelegt.

Das Visum wurde mittlerweile erteilt und ausgestellt, jedoch die Verwirrung bleibt. Von offizieller Seite wurde noch keine Stellungnahme zu dem Fall abgegeben. Weder deutsche noch ukrainische Behörden haben sich in irgendeiner Form dazu geäußert. Allerdings laufen die ukrainischen Blogger zu Höchstform auf und stürmen verbal die Barrikaden.

Von Bestechlichkeit und Betrug ist demnach in den sozialen Netzwerken die Rede. Tatsache jedoch ist, dass niemand etwas Genaueres zu wissen scheint. War es ein Fauxpass der deutschen Behörden, lediglich eine kleine Unachtsamkeit? Auf jeden Fall ist seitens der Ukrainer die Empörung groß – Deutschland erkennt für sie dadurch die Halbinsel Krim als Russisch an.

Für einen ähnlichen Eklat sorgte vor nicht allzu langer Zeit der Kolumnist und ehemalige Chefredakteur der „Zeit“, Theo Sommer, mit einem von ihm verfassten Beitrag. Sommer hatte in dem Text kurzerhand dazu aufgerufen, die Krim als Teil Russlands anzuerkennen. Kiew zeigte sich daraufhin, ob der versöhnlichen Töne Deutschlands gegenüber Russland in Bezug auf die Krim, not amused.

Andrej Melnyk, der ukrainische Botschafter in Deutschland, verwarf den Vorschlag des Journalisten seinerzeit aufs Schärfste als „unverantwortlich und zynisch“. Zudem warf er Sommer vor, in seinem Artikel „einen Vorwand für heutige Grenzverschiebungen“ zu suchen. Russland unterdessen feierte im März den zweiten Jahrestag der Wiedervereinigung der russischen Föderation mit der Halbinsel am Schwarzen Meer – der Krim.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.