Krim: Normalisierung in den Städten, Nervosität und Gerüchteküche [mit Video]

Keine offenen Kämpfe - Zwischenfall am Flugplatz mit Verletztem - Bevölkerung versorgt beide Seiten mit Nahrung - Positives Deutschlandbild

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Über die Vorgänge auf der Krim informiert sich russland.RU vorsorglich direkt von den zahlreichen dort erscheinenden Onlinezeitungen. Diese wiederum sind aber leider über Vorgänge in Deutschland nicht so gut informiert. Ein Überblick von Lage und Stimmung von der Krim.

  • Hinweis: Dieser Artikel beruht ausschließlich auf Recherchen in zahlreichen Onlinezeitungen auf der Krim selbst, die dort bereits vor Beginn der aktuellen Ereignisse aktiv waren

Die tatsächlichen Verhältnisse in den Städten auf der Krim sind von einer Normalisierung geprägt. Der öffentliche und private Verkehr fließt wieder ungehindert allerorten und die Behörden arbeiten – nun unter neuer, von der Ukraine im Prinzip unabhängiger Führung. Das gilt sowohl für Sewastopol, als auch für Simferopol und Kertsch, die drei größten Orte auf der Krim. Übergriffe russischer Soldaten auf die zivile Bevölkerung, auch auf die wenigen Euromaidan-Anhänger, werden nicht berichtet und die Soldaten haben, wie die Onlinezeitung allcrimea.net berichtet, als scherzhafte Bezeichnung den Namen „höfliche, bewaffnete Männer“ erhalten. Die Onlinezeitung Kerch.fm berichtet, dass die Einheimischen sowohl russische Soldaten als auch eingeschlossene ukrainische Militärs mit Nahrung versorgen. Öffentliche Events wie Partys und Konzerte finden weiter statt.

Nervosität herrscht trotzdem. So gab es am Morgen eine Auseinandersetzung zwischen ukrainischen und russischen Soldaten am Flugplatz Belbek, bei der ein Offizier der Ukrainer leicht verletzt wurde. Auch dort sind noch ukrainische Soldaten mit ihren Angehörigen geblieben, wie die Onlinezeitung allcrimea.net berichtet.  Blockiert wird weiterhin von vermutlich russischen Unbekannten seit heute Nacht die ukrainische Küstenwache in Kertsch. Es herrscht, wie der Grundton der Meldungen zeigt, angesichts solcher Vorfälle inmitten von sonst gespannter Ruhe auf der Krim noch immer Angst vor einem Ausbrechen offener Kämpfe, die keiner dort will. Unter diesem Gesichtspunkt gibt es auch auf der Krim weiter generelle Widerspruch gegen die russische Truppenpräsenz, die heute von einer Erklärung der Anwaltskammer der Krim kritisiert wurde. Begrüßt wird die Ankündigung der Regierung in Kiew, auf der Krim ein Referendum über die Unabhängigkeit zu ermöglichen. Es stellt sich allerdings die Frage, ob die dortige Regierung ein solches überhaupt verhindern könnte. Ein Einfallstor für russisches Kriegsgerät ist der Fährhafen in Kertsch, wo die dortige Onlinezeitung kerch.fm eine „Hafenrundfahrt“ filmte. Zwischen Kertsch und dem russischen Anapa gibt es eine regelmäßige Fährverbindung.

Weitere Gerüchte, die umlaufen und ihren Weg bis in örtliche Onlinezeitungen finden, sind solche über drohende Terroranschläge. Sie stammen aus sozialen Netzwerken. Angst machte der Krim-Bevölkerung hier wohl der Hilferuf westukrainischer Nationalisten an islamistische Terroristen aus dem Kaukasus. Auch die Minderheit der Krim-Tataren, die bei der Ukraine bleiben wollen, haben Angst vor Übergriffen, wie allcrimea.net berichtet. Interessanterweise gibt es jedoch keinen Exodus aus der Krim, sondern eher umgekehrt. So berichtet sevnews.info davon, dass die Züge vin Kiew in Richtung Krim nun auf Wochen ausgebucht seien, die in der Gegenrichtung jedoch nicht.

Die Kenntnis über die weltpolitische Bewertung der aktuellen Vorkommnisse ist auf der Krim zum Teil lückenhaft. So freut sich sevnews.info darüber, dass Deutschland die Position Russlands und der nach Unabhängigkeit strebenden Krim versteht – unter einem Foto eines Händeschüttelns von Merkel und Putin. Ein solches dürfte es real jedoch momentan kaum geben. Wie die Zeitung auf so etwas kommt, lässt sich aus dem Artikel jedoch schnell erschließen. Denn aus dem russischendeutschen Internet und den dortigen sozialen Netzwerken gibt es in der Tat zahlreiche Unterstützungsposts für die Unabhängigkeit der Krim und den russischen Einmarsch – häufig auf russisch. Solche zitiert sevnews.info denn auch, bemerkt jedoch nicht, dass die mehrheitliche Stimmungslage unter den einheimischen Deutschen und der offiziellen deutschen Politik und Mainstream-Presse eine andere ist. Solche Meldungen zeigen aber der sehr positive Bild der russischsprachigen Bevölkerung auf der Krim von Deutschland und zeigt, welche Vermittlerrolle das Land beim aktuellen Konflikt einnehmen könnte.