Krim-Black Out – Gebaren der Tataren?

Tuhaj_Bej
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Wissen tut niemand nichts, soweit ist sicher. Aber einen Schuldigen hat man bereits ausgemacht, so läuft das Spiel. Angeblich hätten die Krim-Tataren den Anschlag auf die Strommasten ausgeführt, so sagt man zumindest. Und wenn das dann alle sagen, dann waren sie das bestimmt. Auch das ist Teil dieses Spiels.

Sicherlich, einen triftigen Grund hätten sie, diese Tataren. Seitdem dieser Ableger der Goldenen Horden, also einer turksprachigen Ethnie, ab dem 13. Jahrhundert auf der Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer sesshaft wurde, begann ein regelrechter Aufschwung in der Geschichte des Volkes. Ihre Blütezeit erlebten die dort angesiedelten Tataren durch den blühenden Sklavenhandel mit russischer und sogar masurischer „Ware“, die an armenische und griechische Sklavenhändler verkauft wurde, um von da ab am Hof des türkischen Sultans ihre Knechtschaft zu verbringen.

„Ernte der Steppe“ nannten die Turken ihre Beute ganz philosophisch. Erst Zar Peter der Große ließ im frühen 18. Jahrhundert dem Treiben ein Ende setzen, indem er die Tataren auf ihren Lebensraum zurückdrängte und derlei „Expeditionen“ unterband. Danach war erst einmal eine geraume Zeitlang Ruhe auf der Krim. Zumindest bis Anfang des Jahres 2014. Denn da kamen sie wieder, diese Russen. Sie beanspruchten das Gebiet der Halbinsel, das 1952 von Chruschtschow großzügig aus einer Laune heraus der Ukraine zugestanden wurde, wieder für ihr neu erlangtes Nationalbewusstsein. Gewiss standen auch sicherheitspolitische Interessen nicht im Hintergrund.

Nicht immer macht der Letzte das Licht aus

Nun verhält es sich allerdings so, dass das die Tataren vor Ort nicht so nett fanden. Seit der erneuten Einverleibung der Krim in das russische Hoheitsgebiet fühlen sie sich wieder vom russischen Bären bevormundet. Genauer gesagt, ihr Einfluss war mit einem mal dahin. Im Mai 2014 stürmten deshalb rund 5.000 Krimtataren die Grenze zwischen dem ukrainischen Festland und der Krim-Halbinsel. Die russischen Sicherheitskräfte hatten alle Hände voll zu tun, um die vorläufige Ordnung wiederherzustellen.

Seit ungefähr zwei Monaten Zeit blockieren die Tataren Warenlieferungen auf die Krim. Große Unterstützung finden sie dabei in den Reihen ukrainischer Aktivisten. Zudem forderten sie schon lange von der ukrainischen Führung, die Stromversorgung zu kappen und die Halbinsel dadurch auszubluten. Unter anderem soll die Freilassung gefangener Ukrainer in Russland und ein Ende von Einreiseverboten gegen krimtatarische Politiker erreicht werden.

Deshalb geht man jetzt schwer davon aus, dass die Krim-Tataren diese Stromabschaltung selbst in die Hand genommen haben. Bereits in der Nacht von Donnerstag auf Freitag wurden zwei von insgesamt vier Hochspannungsleitungen von ukrainischem Gebiet aus lahmgelegt. Durch die Sprengung oder dem Beschuss der verbliebenen Zwei in der vergangenen Nacht, sei die Krim nun komplett vom ukrainischen Netz genommen worden, wie der ukrainische Energiekonzern „Ukrenergo“ mitteilte.

Den rund zwei Millionen Bewohnern der Krim dürfte das im Moment aber auch ziemlich egal sein, wer ihnen den Strom gekappt hat. Sie sitzen fürs Erste so oder so im Dunklen. Und warten sicherlich gespannt auf den Jahreswechsel, an dem es dann aus Russland heißt: Es werde Licht…

[mb/russland.RU]

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.