Kreml zum ESC: Bitte kein Säbelrasseln

Foto: TV-Screenshot/Doğukan İçer CC via WikipediaFoto: TV-Screenshot/Doğukan İçer CC via Wikipedia
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[Von Lothar Deeg] – Nur zur Erinnerung: Es geht eigentlich um Musik, tendenziell sogar besonders seichte. Doch die singende Krimtatarin Jamala und die scharfe Konkurrenz zwischen Russland und der Ukraine beim Schlager-Grand-Prix hat – wieder einmal – die Gemüter über Gebühr erhitzt.

Schon allein die Tatsache, dass Kreml-Pressesprecher Dmitri Peskow am Montag zum Schlagerwettbewerb von Stockholm Stellung nehmen muss, spricht für den Politisierunggrad der ganzen Veranstaltung – die nächstes Jahr in Kiew (oder einer anderen ukrainischen Stadt) stattfinden wird.

Boykott-Aufrufe machen die Runde

Auf Säbelrasseln bitte er zu verzichten, erklärte Peskow zu der Idee, Russland könne ja einfach nächstes Jahr auf eine Teilnahme an dem Wettbewerb verzichten. Ähnliches war noch vor der Entscheidung am Samstag Abend aus der Ukraine zu hören gewesen – für den Fall, dass der hoch gehandelte russische Teilnehmer Sergej Lasarew den Wettbewerb gewonnen hätte.

Das passierte bekanntlich nicht – wenngleich der russische Beitrag europaweit die meisten Stimmen unter den Fernsehzuschauern einheimste. Doch da die gleich stark gewichteten Fachjuries der Teilnehmerländer ihn nur auf Rang 5 positioniert hatten, reichte das nicht für den Sieg. Stattdessen zog die Ukrainerin Jamala mit ihrem furiosen Klagelied über die Verbannung der Krim-Tataren „1944“ aufgrund des Zuschauerratings am nach dem Jury-Voting noch führenden Australien vorbei auf den ersten Platz.

In Russland nimmt man den dritten Platz nun also entweder erfreut hin – Hurra, Europas Bevölkerung liebt Russland! – oder verkrampft: Uns wurde der Sieg gestohlen durch politische Ränkespiele!

Kiews schwarze Sänger-Liste

Peskows Hinweis auf das Säbelrasseln ist aber auch als Zaunpfahlwink nach Kiew gedacht. Von dort erklärte der Rada-Abgeordnete Anton Geraschenko nämlich gleich einmal, dass nur russische Künstler, die anerkennen würden, dass „die Eroberung der Krim und die Besetzung von Teilen des Donbass ein Verbrechen“ sei, nächstes Jahr als Teilnehmer willkommen wären. Wobei er auch gleich noch eine schwächer formulierte Variante vorbrachte: Wer „die aggressive Politik Russlands nicht unterstützt und die nationale Würde der Ukraine nicht beleidigt“ habe, könne durchaus gerne teilnehmen.

Worauf Geraschenko hinauswill: In der Ukraine gibt es bereits eine schwarze Liste russischer Kulturschaffender, denen die Einreise verboten ist, weil sie die „nationale Sicherheit bedrohen“. Darauf stehen besonders eifrige Lobsänger des Krim-Anschlusses und Unterstützer der Donbass-Separatisten wie Michail Bojarski oder Oleg Gasmanow – aber auch der Neurusse und Putin-Freund Gerard Depardieu. Klar, dass man derartige Leute nicht im Land haben möchte.

Es könnte aber passieren, dass man es trotzdem muss: Peskow wies darauf hin, dass die Auswahlkriterien für die Teilnehmer schließlich für alle ESC-Staaten einheitlich seien. Die Eurovision ist ein internationaler Wettbewerb und das Ausrichterland muss sich an die Regeln der Eurovision halten“, sagte er. „Alles andere, das liegt in ihrer Kompentenz.“

Zuschauer-Voting zeigt die alte Brüderliebe

Bleibt zu wünschen, dass der Politisierungs- und Nervenkriegs-Grad dieser doch angeblich so unpolitischen Veranstaltung im nächsten Jahr nicht noch höher sein wird als jetzt schon.

Einige positive Ansätze dazu gibt es ja auch: Die Ukrainer kennen und schätzen den russischen Sänger Sergej Lasarew – der dort auch immer wieder im TV auftrat – genauso wie Jamala (zumindest früher) durch Russland tourte. Ihre Eltern leben übrigens noch immer auf der Krim und haben auch die russische Staatsbürgerschaft angenommen – teilt zumindest die „Bürgerinitiative für Frieden in der Ukraine“ mit.

Und die Zuschauervoten in beiden Ländern waren ja auch höchst versöhnlich: Die ukrainischen Fernsehzuschauer gaben dem russischen Beitrag 12 Punkte, die russischen dem ukrainischen 10 Punkte. Die Juries beider Länder hingegen – jeweils 0 Punkte.

Deshalb hier ein ambitionierter Vorschlag zur Güte: Austragungsort des ESC-2017 wird nicht Kiew, sondern Donezk. Der Show zuliebe wird dafür die Ostukraine befriedet – und der ESC auch noch gleich mit. Wobei letzteres … das ist zu unwahrscheinlich.

[Lothar Deeg/russland.RU]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.