Kraftwerksausbau in Russland verliert an Tempo

Investitionsverpflichtungen werden neu verhandelt / Zu hohe Kreditzinsen und stagnierender Stromverbrauch

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[Von Ullrich Umann Moskau-gtai] – Der Bau neuer Wärmekraftwerke in Russland vollzieht sich langsamer als geplant. Mehr als ein Dutzend Projekte sind auf den Weg gebracht. Doch die Stromnachfrage lässt durch die Wirtschaftskrise nach. Zudem schießen die Finanzierungskosten in die Höhe. Da das Energieministerium eine Reihe von Energieversorgern zum Kapazitätsausbau vertraglich verpflichtete, sind Abweichungen von der Bauplanung nur mit staatlicher Genehmigung möglich. Das Ministerium lässt in dieser Frage aber mit sich reden.

Eine Reihe von Kraftwerksprojekten wird später als geplant fertig. Vereinzelt werden Vorhaben sogar komplett abgesagt. Ursache ist die schlechte Konjunkturlage 2015. Statt des Defizits an elektrischem Strom, das in vergangenen Jahren ein grundsätzliches Problem für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung darstellte, stauten sich 2014 Überkapazitäten auf. Dies jedoch nicht überall.

Ursprünglich war das Energieministerium in Moskau noch vor Jahren von einem Anstieg der Stromnachfrage von 4 bis 5% p.a. ausgegangen. Aus diesem Grund hatte die Behörde Energieversorger vertraglich zur Modernisierung oder zum Ausbau von Kraftwerken verpflichtet. Im Gegenzug trifft das Ministerium Vorsorge, damit alle neuen Kapazitäten ans Netz gehen können und auch ausgelastet sind.

Stromnachfrage entwickelt sich unbefriedigend

Bei einer insgesamt stagnierenden oder gar nachlassenden Nachfrage nach Elektroenergie erweist sich das ursprüngliche Konzept als überambitioniert. Die geplanten Zusatzkapazitäten wären aktuell zum Teil überflüssig. Tatsächlich stieg der Verbrauch 2014 nur um 0,4% an; 2013 war er sogar um 0,6% gefallen. Im Krisenjahr 2015 dürfte der Stromverbrauch erneut sinken. Für Staat und Energieversorger käme es somit billiger, eine Vertragsänderung, das heißt einen gebremsten Kapazitätsausbau auszuhandeln. Ursprünglich sollten die meisten Ausbauprojekte 2015 und 2016, spätestens 2017 fertiggestellt werden. Inzwischen schlagen Energieexperten vor, das Gesamtprogramm zeitlich zu strecken bis zum Jahr 2020.

Neben der nachlassenden Gesamtnachfrage nach Elektroenergie kommt erschwerend hinzu, dass sich Kredite zum Kapazitätsausbau drastisch verteuert haben: Der Leitzins der Zentralbank liegt seit Februar 2015 bei 15,0%. In Folge dessen sind kommerzielle Kredite mit noch höheren Zinssätzen ausgestattet. An teuren Finanzierungen könnten Projekte sogar komplett scheitern. Eine Bauverzögerung zeichnet sich in Tatarstan ab. Wie die KES-Holding (kontrolliert die regionalen Stromversorger TGK-5, TGK-6, TGK Wolga, TGK-9 und KES Energobyt) mitteilte, würde die Rentabilität eines in Kazan zu bauenden Kraftwerks nach seiner Fertigstellung bei 5 bis 7% pro Jahr liegen. Die Aufnahme eines Kredits über 10 Mrd. Rubel, der zur Finanzierung benötigt wird, wäre aber mit einem Zins von mindestens 19% ausgestattet. Dies rechnet sich für den Investoren nicht, obwohl das Stromdefizit im Großraum Kazan 600 MW betragen soll.

Versorger wollen Ausbaupläne zeitlich strecken

Weitere Versorgungskonzerne wie die Gazprom Energoholding (kontrolliert die Regionalversorger Mosenergo, OGK-2, TGK-1 und MOEK) oder die OAO Quadra wollen dem Beispiel der KESHolding folgen und eine Vertragsänderung mit dem Energieministerium erwirken. Zwar laufen noch keine vollwertigen Revisionsverhandlungen, die diesen Namen verdienten, wie beteuert wurde. Dennoch haben die Gazprom Energoholding und OAO Quadra dem Vernehmen nach Vorgespräche mit dem Energieministerium aufgenommen.

Bei Quadra treten massive Finanzierungsprobleme zu Tage. Daher wünscht das Unternehmen, die Modernisierungen in den Wärmekraftwerken Djagilewsk, Aleksinsk, Kursk und Woronesch zeitlich nach hinten verschieben zu können. Im Fall von Djagilewsk musste Quadra wegen Bauverzögerungen sogar schon eine Vertragsstrafe zahlen, da für die Verzögerung kein grünes Licht des Ministeriums vorlag.

Wie bekannt wurde, lässt das Ministerium durchaus mit sich reden. Ende Januar 2015 wurde dem Versorger Inter RAO (kontrolliert die Regionalversorger TGK-1, Baschkirskaja Generirujuschaja Kompania und BaschRTS) die Genehmigung erteilt, für eine Reihe von Projekten die vereinbarte Fertigstellung zeitlich zu strecken. Zudem wurde Inter RAO autorisiert, anstelle neuer Blöcke im Kraftwerk Werchnetagilsk alternativ zwei Blöcke zu je 220 MW im Wärmekraftwerk Zaton in Ufa (Baschkortostan) zu errichten.

Die entsprechende Ausschreibung zum Bau des Kraftwerks Zaton in Ufa soll dem Vernehmen nach die Kaskad-Energo aus Kaluga für sich entschieden haben. Ausschlaggebend war der Bieterpreis von 8,92 Mrd. Rubel (etwa 123 Mio. Euro). Die OAO Technopromexport, die für 9,86 Mrd. Rubel angeboten hatte, blieb demnach außen vor.

Standortkorrekturen an der Tagungsordnung

Neben den Vertragsabweichungen zu Gunsten von Inter RAO hat das Energieministerium am 17.2.2015 eine weitere Standortänderung für zu bauende Kraftwerkskapazitäten genehmigt. Anstelle des Kraftwerks Sotschi-Kudepsta wird nun eine neue Anlage in der tschetschenischen Hauptstadt Grozny gebaut. Dies bedeutet automatisch, dass der Regionalversorger TGK-2 (gehört der Investitions-Holding Sintez) von seiner Bauverpflichtung in Sotschi befreit ist.

Dafür baut die Gazprom Energoholding in Grozny zwei Blöcke zu je 180 MW im Wärmekraftwerk Groznenskaja. Der erste Block geht 2018 ans Netz. Im Gegenzug könnte die zur Gazprom investments-and-newtechnologies.php Energoholding gehörende OGK-2 dem Vernehmen nach die Vorplanungen für den Ausbau des Gaskraftwerks Serow um 420 MW einstellen.

Baustopp keine Massenerscheinung

Zu einem massenhaften Baustopp wird es aber nicht kommen. Ein Grund dafür ist, dass viele Projekte laut Energieministerium 2015 und 2016 fertiggestellt werden. Daher sind die Lieferverträge mit den Herstellern von Kraftwerkstechnik längst unter Dach und Fach. Ein Ausstieg ist daher kaum noch möglich.

Dies betonte auch die Gazprombank. Lediglich Projekte, die sich im Stadium der Vorplanung befinden, kämen aus dieser Sicht für eine Streichung in Frage. Auch drohen Strafzahlungen an das Energieministerium, sollten Versorger von ihrer vereinbarten Bauzusage zurücktreten, ohne dafür eine Genehmigung zu erhalten.

Markt für Mergers&Aquisitions ist ausgetrocknet

Die Ausbau- und Absatzprobleme auf den Märkten für Strom und Fernwärme wirken sich negativ auf Fusionen und Übernahmen aus. So hatte die französische EdF ursprünglich Interesse an der Übernahme der OAO Quadra bekundet, die zur Gruppe Oneksim gehört. Eigens hat EdF im Winter 2013/14 eine Due Diligence bei Quadra durchgeführt.

Da Quadra ihr Geld vorrangig durch die Bereitstellung von Fernwärme verdient, erwies sich die Gellschaft in ihrem finanziellen Wachstum gehemmt. Schließlich hat der Staat die Wärmetarife auf unbestimmte Zeit gedeckelt. Aus diesem Grund scheint EdF das Interesse endgültig verloren zu haben. Daneben wird in Branchenkreisen vermutet, dass EdF von der französischen Regierung in seinen Russland-Aktivitäten ausgebremst wurde. Denn Paris beteiligt sich aktiv an den EUSanktionen.